An diesem Abend schob niemand einen Zettel unter seiner Tür hindurch. Und niemand rüttelte am Schloß. Mat begann zu glauben, daß vielleicht alles besser würde. Morgen war das Vogelfest. Nach dem zu urteilen, was er über die Kostüme gehört hatte, welche die Leute trugen - Männer und Frauen gleichermaßen -, würde sich Tylin vielleicht ein neues Entchen für die Jagd suchen. Und jemand würde vielleicht aus diesem verdammten Haus gegenüber der Rose von Elbar herauskommen und ihm die verdammte Schale der Winde aushändigen. Es mußte einfach alles besser werden.
Als er am dritten Morgen im Tarasin-Palast erwachte, rollten die Würfel in seinem Kopf umher.
29
Das Vogelfest
Mat wachte von den Würfeln auf und erwog weiterzuschlafen, bis sie zur Ruhe kämen, aber schließlich stand er doch mißmutig auf. Als hätte er nicht schon genug Sorgen. Er verscheuchte Nerim, zog sich an, aß währenddessen die letzten Stücke Brot und Käse vom Vorabend und sah dann nach Olver. Der Junge war hin- und hergerissen zwischen der Möglichkeit sich rasch anzukleiden, um hinauszugelangen, und der Möglichkeit stehenzubleiben - Stiefel und Hemd in der Hand haltend -, um Dutzende von Fragen loszuwerden, die Mat nur halbherzig beantwortete. Nein, sie würden heute nicht zu den Rennen gehen. Vielleicht könnten sie die Tierschau besuchen. Ja, Mat würde ihm eine Federmaske für das Fest kaufen. Wenn er sich jemals fertig ankleidete. Was prompt geschah.
In Wahrheit beschäftigten Mat die Würfel in seinem Kopf. Warum hatten sie erneut zu rollen begonnen? Er wußte immer noch nicht, warum sie auch früher schon zu rollen begonnen hatten!
Als Olver schließlich angezogen war, folgte er Mat plappernd ins Wohnzimmer - und stieß von hinten gegen ihn, als Mat jäh stehenblieb. Tylin legte das Buch, das Olver am Abend zuvor gelesen hatte, auf den Tisch zurück.
»Majestät!« Mat warf einen raschen Blick zur Tür, die er letzte Nacht abgeschlossen hatte und die jetzt weit offenstand. »Welche Überraschung.« Er zog Olver vor sich, zwischen sich und das spöttische Lächeln der Frau. Nun, vielleicht war es nicht wirklich spöttisch, aber gewiß schien es in dem Moment so. Sie war offensichtlich mit sich zufrieden. »Ich wollte Olver gerade mit in die Stadt nehmen. Wir wollen uns das Fest ansehen. Und eine Tierschau. Er wünscht sich eine Federmaske.« Er schloß jäh den Mund, um nicht weiteren Unsinn von sich zu geben, und ging langsam auf die Tür zu, wobei er den Jungen als Schild benutzte.
»Ja«, murmelte Tylin, die ihn durch gesenkte Wimpern beobachtete. Sie machte keinerlei Anstalten einzugreifen, aber ihr Lächeln vertiefte sich, als warte sie nur darauf, daß sein Fuß in einer Falle landete. »Es ist weitaus besser, wenn er in Begleitung ist, als wenn er mit den Straßenkindern umherrennt, wie ich gehört habe. Man hört eine Menge über Euren Jungen. Riselle?«
Eine Frau erschien im Eingang, und Mat zuckte zusammen. Eine phantasievolle Maske aus blauen und goldenen Federn verbarg weitgehend Riselles Gesicht, aber die Federn an ihrem übrigen Kostüm verbargen sonst nicht viel. Sie besaß den aufsehenerregendsten Busen, den er je gesehen hatte.
»Olver«, sagte sie und sank auf die Knie, »würdest du gern mit mir zum Fest gehen?« Sie hielt eine rotgrüne Falkenmaske hoch, die genau die richtige Größe für einen Jungen hatte.
Bevor Mat den Mund öffnen konnte, riß sich Olver von ihm los und lief zu ihr. »O ja, bitte. Vielen Dank.« Der undankbare kleine Flegel lachte, als sie ihm die Falkenmaske vors Gesicht band und ihn an ihren Busen drückte. Hand in Hand liefen sie hinaus und ließen Mat mit offenem Mund zurück.
Mat erholte sich ausreichend schnell, als Tylin sagte: »Gut für dich, daß ich keine eifersüchtige Frau bin, mein Süßer.« Sie zog den langen Eisenschlüssel zu seiner Tür hinter ihrem Gold- und Silbergürtel hervor, dann einen zweiten und winkte ihm damit. »Die Leute bewahren ihre Schlüssel immer in einem Kasten in der Nähe der Tür auf.« Dort hatte auch er seinen gelassen. »Und niemand denkt jemals daran, daß es noch einen weiteren Schlüssel geben könnte,« Ein Schlüssel wurde wieder hinter den Gürtel gesteckt, während der andere mit lautem Klicken im Schloß gedreht wurde, bevor er seinem Gegenstück folgte. »Nun, Schätzchen.« Sie lächelte.
Es war zuviel. Die Frau jagte ihn, versuchte, ihn auszuhungern, und jetzt sperrte sie ihn mit ihr ein wie ... er wußte nicht, was. Schätzchen! Diese verdammten Würfel sprangen in seinem Schädel umher. Außerdem mußte er sich um wichtige Angelegenheiten kümmern. Die Würfel hatten niemals etwas damit zu tun gehabt, etwas zu finden, aber... Er erreichte sie mit zwei langen Schritten, ergriff ihren Arm und suchte die Schlüssel. »Ich habe, verdammt noch mal, keine Zeit für...« Sein Atem gefror, als die scharfe Spitze ihres Dolches unter seinem Kinn ihm die Worte raubte und ihn sich auf Zehenspitzen aufrichten ließ.
»Nehmt Eure Hand fort«, sagte sie kalt. Er sah ihr ins Gesicht. Jetzt lächelte sie nicht mehr. Er ließ ihren Arm vorsichtig los. Sie lockerte den Druck der Klinge jedoch nicht. Sie schüttelte den Kopf. »Ts, ts, ts. Ich versuche zu bedenken, daß Ihr ein Fremder seid, Gänschen, aber da Ihr es auf die grobe Art wollt... Hände an die Seiten. Bewegt Euch.« Die Dolchspitze wies ihm die Richtung. Er schlich lieber auf Zehenspitzen rückwärts, als die Kehle durchschnitten zu bekommen.
»Was habt Ihr vor?« stieß er durch zusammengebissene Zähne hervor. Der gestreckte Hals ließ seine Stimme angestrengt klingen - unter anderem. »Nun?« Er konnte versuchen, ihr Handgelenk zu ergreifen. Er war schnell mit seinen Händen. »Was habt Ihr vor?« Schnell genug, wenn das Messer bereits an seiner Kehle anlag? Das war die Frage. Das und diejenige, die er ihr gestellt hatte. Wenn sie ihn zu töten beabsichtigte, würde ein Ruck ihres Handgelenks genau jetzt genügen, den Dolch bis in sein Gehirn zu stoßen. »Wollt Ihr mir antworten?« Es klang keine Panik in seiner Stimme mit. Er war nicht in Panik. »Majestät? Tylin?« Nun, vielleicht war er etwas in Panik, wenn er ihren Namen gebrauchte. Man könnte jede Frau in Ebou Dar den ganzen Tag ›Entchen‹ oder ›Süße‹ nennen, und sie würde lächeln, aber ihren Namen zu gebrauchen, bevor sie es erlaubte, bewirkte eine heftigere Reaktion, als wenn man eine fremde Frau irgendwo anders auf der Straße in den Po zwickte. Und einige ausgetauschte Küsse genügten keineswegs als Erlaubnis.
Tylin antwortete nicht, sondern ließ ihn einfach weiter auf Zehenspitzen zurückweichen, bis er mit den Schultern plötzlich gegen etwas prallte, das ihn aufhielt. Da dieser glühende Dolch keinen Moment gelockert wurde, konnte er den Kopf nicht bewegen, aber er versuchte sich dennoch umzublicken. Sie befanden sich im Schlafraum, und ein mit geschnitzten Blumen verzierter Bettpfosten drückte hart zwischen seine Schulterblätter. Warum sollte sie ihn hierher...? Er errötete jäh. Nein. Sie konnte doch nicht vorhaben... Es war nicht anständig! Es war nicht möglich!
»Das könnt Ihr mir nicht antun«, murmelte er, und wenn seine Stimme ein wenig atemlos und schrill klang, so bestand gewiß Grund dazu.
»Beobachtet und lernt, mein Kätzchen«, sagte Tylin und zog ihren Hochzeitsdolch.
Hinterher, erhebliche Zeit später, zog er das Laken verärgert über seine Brust. Ein Seidenlaken. Nalesean hatte recht gehabt. Die Königin von Altara summte glücklich neben dem Bett, die Arme auf dem Rücken, um die Knöpfe ihres Kleids zu schließen. Er trug nur sein Fuchskopf-Medaillon um den Hals und das schwarze Halstuch. Ein Band um ihr Geschenk, hatte die verdammte Frau es genannt. Er rollte sich herum und ergriff seine silberverzierte Pfeife und den Tabaksbeutel von dem kleinen Tisch auf der anderen Seite des Bettes. Eine goldene Zange und ein heißes Stück Kohle in einer goldenen, mit Sand gefüllten Schale dienten zum Anzünden der Pfeife. Er verschränkte die Arme und paffte heftig.