Выбрать главу

»Was sollten all diese Verrenkungen, während Beslan Euch die ganze Zeit betrachtete?« murrte er, als sie den Mol Hara überquerten. Er zog das Band fester, das seine Adlermaske hielt.

»Ich habe mich nur ein wenig bewegt.« Ihre Sprö-digkeit war so offenkundig vorgetäuscht, daß er zu einem anderen Zeitpunkt gelacht hätte. »Ein wenig.« Sie lächelte jäh wieder und senkte die Stimme, so daß nur er ihre nächsten Worte hören konnte. »Ich sagte Euch bereits, daß es manchmal Spaß macht, wenn man angeschaut wird. Nur weil sie alle zu gut aussehen, bedeutet das noch lange nicht, daß ich ihren Anblick nicht genieße. Oh, Ihr werdet sie Euch ansehen wollen«, fügte sie hinzu und deutete auf eine schlanke Frau, die mit einer blauen Eulenmaske und eher noch weniger Federn, als Riselle getragen hatte, vorübereilte.

Das war so bemerkenswert an Birgitte: Sie stieß ihn genauso bereitwillig in die Rippen und wies ihn auf ein hübsches Mädchen hin wie jeder ihm jemals bekannte Mann, und erwartete, daß er sie im Gegenzug ebenfalls auf alles hinwies, was sie gern betrachtete - im allgemeinen der häßlichste sichtbare Mann. Aber ob sie es sich nun erwählt hatte, heute halbnackt zu gehen oder nicht, war sie ... nun, eine Freundin. Die Welt erwies sich als immer seltsamer. Die eine Frau betrachtete er zunehmend als Zechkumpan, und eine andere verfolgte ihn genauso hartnäckig, wie er jemals - sowohl in jenen alten Erinnerungen als auch in seinen eigenen - einer hübschen Frau nachgestellt hatte. Hartnäckiger. Er hatte niemals eine Frau verfolgt, die ihn hatte wissen lassen, daß sie nichts von ihm wollte. Eine verkehrte Welt.

Die Sonne war noch nicht halbwegs aufgestiegen, aber Zelebranten bevölkerten bereits die Straßen, Plätze und Brücken. Akrobaten, Jongleure und Musikanten mit an ihre Kleidung genähten Federn führten an jeder Straßenecke etwas auf, wobei die Musik häufig im Lachen und Rufen verklang. Der ärmeren Bevölkerung genügten einige ins Haar gesteckte Federn, Taubenfedern, die sie zwischen umherspringenden Straßenkindern und Bettlern vom Straßenpflaster aufgelesen hatten, aber die Masken und Kostüme wurden kunstvoller, je schwerer die Geldbörsen wurden. Kunstvoller und oft auch schockierender. Männer und Frauen waren häufig mit Federn geschmückt, die mehr Haut enthüllten, als Riselle oder jene Frau auf dem Mol Hara gezeigt hatten. Heute fand auf den Straßen und Plätzen kein Handel statt, obwohl eine Anzahl Läden geöffnet zu sein schien - ebenso wie natürlich jede Taverne und jedes Gasthaus -, aber hier und da bahnte sich ein Wagen seinen Weg durch die Menge, oder ein Lastkahn wurde vorüber gestakt, worauf sich Plattformen befanden, auf denen junge Männer und Frauen posierten, die bunte, ihre ganzen Gesichter bedeckende Vogelmasken mit manchmal einen vollen Schritt aufragenden Schöpfen trugen und breite, farbenprächtige Schwingen so bewegten, daß ihre restlichen Kostüme jeweils nur kurz aufblitzten. Was genauso gut war, wenn man darüber nachdachte.

Beslans Worten zufolge wurden diese Bühnenbilder, wie sie genannt wurden, normalerweise in Gildensälen und in privaten Palästen und Häusern aufgeführt. Das ganze Fest fand normalerweise überwiegend in Gebäuden statt. In Ebou Dar schneite es niemals richtig, selbst wenn das Wetter normal wäre - Beslan sagte, er würde diesen Schnee gern eines Tages sehen -, aber offensichtlich war der normale Winter ausreichend kalt, um die Menschen davon abzuhalten, fast unbekleidet im Freien herumzulaufen. Bei dieser Hitze strömten jedoch alle auf die Straßen. Wartet, bis die Nacht hereinbricht, sagte Beslan. Dann würde Mat wirklich etwas zu sehen bekommen. Mit dem schwindenden Sonnenlicht schwanden auch die Hemmungen.

Während Mat eine große, schlanke Frau betrachtete, die in Maske und federbesetztem Umhang und darüber hinaus nur sechs oder sieben weiteren Federn durch die Menge glitt, fragte er sich, welche Hemmungen diese Menschen noch verlieren sollten. Er hätte sie beinahe angeschrien, sich mit diesem Umhang zu bedecken. Sie war hübsch, aber draußen auf der Straße, vor dem Licht und allen Leuten?

Die Wagen mit den Bühnenbildern zogen zahlreiche Zuschauer an, dichte Knäuel von Männern und Frauen, die riefen und lachten, während sie Münzen und manchmal zusammengefaltete Geldscheine auf die Wagen warfen und alle anderen auf der Straße beiseite drängten. Mat gewöhnte sich daran vorauszueilen, bis sie in eine Seitenstraße einbiegen konnten, oder zu warten, bis das Bühnenbild vorübergezogen war, um eine Querstraße oder Brücke zu erreichen. Birgitte und Nalesean warfen schmutzigen Straßenkindern und Bettlern Münzen zu, während sie warteten. Nun, Nalesean warf sie. Birgitte konzentrierte sich auf die Kinder und drückte jedem von ihnen eine Münze wie ein Geschenk in eine schmuddelige Hand.

Während einer dieser Pausen legte Beslan Nalesean plötzlich eine Hand auf den Arm und erhob seine Stimme über den Lärm der Menge und die Kakophonie der Musik aus mindestens sechs verschiedenen Richtungen. »Verzeiht mir, Tairener, aber gebt ihm nichts.« Ein zerlumpter Mann drängte argwöhnisch wieder in die Menge zurück. Von hagerer und knöcherner Statur schien er die wenigen Federn, die er vielleicht für sein Haar gefunden hatte, verloren zu haben.

»Warum nicht?« fragte Nalesean.

»Er trägt keinen Messingring am kleinen Finger«, erwiderte Beslan. »Er gehört nicht zur Gilde.«

»Licht«, sagte Mat. »Darf ein Mann in dieser Stadt nicht einmal betteln, ohne einer Gilde anzugehören?« Vielleicht lag es an seinem Tonfall, daß ihm der Bettler an die Kehle sprang, der plötzlich ein Messer in der schmutzigen Faust hielt.

Ohne nachzudenken ergriff Mat den Arm des Mannes, drehte ihn um und schleuderte ihn wieder in die Menge. Einige Leute fluchten über Mat und einige über den ausgestreckt daliegenden Bettler. Einige wenige warfen dem Burschen eine Münze zu.

Mat sah aus den Augenwinkeln einen zweiten hageren Mann in Lumpen, der versuchte, Birgitte aus dem Weg zu stoßen, um ihn mit einem langen Messer zu erreichen. Es war ein törichter Fehler, die Frau wegen ihres Kostüms zu unterschätzen. Sie zog von irgendwo zwischen den Federn einen Dolch hervor und stach ihn unter den Arm.

»Vorsicht!« schrie Mat ihr zu, aber es war keine Zeit mehr für Warnungen. Noch während er schrie, zog er einen Dolch aus seinem Jackenärmel und warf ihn seitlich. Die Klinge strich an Birgittes Gesicht vorbei und versank in der Kehle eines weiteren Bettlers, bevor er ihr Stahl zwischen die Rippen stechen konnte.

Plötzlich waren überall Bettler mit Dolchen und mit Eisenspitzen versehenen Knüppeln. Schreie und Rufe ertönten, während Menschen in Masken und Kostümen aus dem Weg zu gelangen versuchten. Nalesean schlitzte einem Mann in seinem Zorn das Gesicht auf, so daß er zurücktaumelte. Beslan traf einen anderen Mann in den Bauch, während seine kostümierten Freunde weitere Angreifer bekämpften.

Mat hatte keine Zeit, mehr wahrzunehmen. Er fand sich Rücken an Rücken mit Birgitte im Angesicht der Feinde wieder. Er konnte Birgitte sich bewegen spüren und hörte ihre unterdrückten Flüche, aber er war sich dessen kaum bewußt. Sie konnte auf sich selbst aufpassen, und als er die beiden Männer vor sich betrachtete, war er sich nicht sicher, ob dasselbe auch für ihn galt. Der ungeschlachte Bursche mit dem zahnlosen, höhnischen Grinsen besaß nur einen Arm und eine runzlige Höhlung, wo sein linkes Auge gewesen war, aber er hielt einen zwei Fuß langen Knüppel mit dornenbesetzten Eisenbändern in der Faust. Sein rattengesichtiger kleiner Begleiter hatte noch beide Augen und mehrere Zähne, und trotz eingesunkener Wangen und Arme, die nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen schienen, bewegte er sich wie eine Schlange, leckte sich die Lippen und wechselte einen rostigen Dolch ständig von einer Hand in die andere. Mat zielte mit dem kürzeren Dolch in seiner Hand, der noch immer ausreichend lang war, die lebenswichtigen Organe eines Menschen zu treffen, zuerst auf den einen und dann auf den anderen Mann. Sie bewegten sich unruhig und warteten beide darauf, daß der jeweils andere ihn zuerst angreifen würde.