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»Das wird Old Cully nicht gefallen, Spar«, grollte der größere Mann, und Rattengesicht schoß vorwärts, während die rostige Klinge weiterhin blitzend von einer Hand in die andere wechselte.

Er rechnete nicht mit dem Dolch, den Mat plötzlich in der linken Hand hielt und mit dem er dem Mann ins Handgelenk stach. Sein Dolch fiel klappernd auf die Pflastersteine, aber der Bursche warf sich dennoch auf Mat. Als Mats andere Klinge in seine Brust eindrang, schrie er mit geweiteten Augen und schloß die Arme krampfartig um Mat. Das höhnische Grinsen des kahlköpfigen Burschen vertiefte sich, als er seinen Knüppel hob und hinzutrat.

Das Grinsen schwand jedoch, als sich zwei Bettler auf ihn stürzten und wütend auf ihn einstachen.

Mat beobachtete die Szene ungläubig, während er den leblosen Körper des Rattengesichts von sich schob. Die Straße war bis auf die Kämpfenden verlassen, in fünfzig Schritt Umkreis menschenleer, und überall wälzten sich Bettler auf dem Pflaster, von denen zwei oder drei und manchmal sogar vier auf einen einzelnen einstachen oder ihn mit Knüppeln oder Steinen schlugen.

Beslan ergriff Mats Arm. Er hatte Blut im Gesicht, aber er grinste. »Wir sollten gehen und die Gilde der Armen ihre Arbeit erledigen lassen. Es ist nicht ehrenvoll, Bettler zu bekämpfen, und außerdem wird die Gemeinschaft keinen dieser Burschen überleben lassen. Folgt mir.« Nalesean runzelte die Stirn - er hielt es zweifellos ebenfalls für wenig ehrenvoll, Bettler zu bekämpfen - und Beslans Freunde ebenso, deren Kostüme teilweise verrutscht waren und von denen einer seine Maske abgesetzt hatte, damit ein anderer einen Schnitt an seiner Stirn abtupfen konnte. Aber der Mann mit dem Schnitt grinste ebenfalls. Birgitte hatte keine sichtbare Verletzungen erlitten, und ihr Kostüm wirkte noch genauso ordentlich wie zuvor im Palast. Sie ließ ihren Dolch wieder verschwinden. Es war unmöglich, eine Klinge unter diesen Federn zu verbergen, aber sie tat es.

Mat hatte nichts dagegen einzuwenden, sich fortziehen zu lassen, aber er grollte: »Gehen Bettler in dieser ... dieser Stadt ständig herum und greifen Leute an?« Beslan hätte es vielleicht nicht gern gehört, wenn er sie eine verdammte Stadt genannt hätte.

Der Mann lachte. »Ihr seid ein Ta'veren, Mat. Um Ta'veren herrscht immer Aufregung.«

Mat erwiderte das Lächeln mit zusammengebissenen Zähnen. Verdammter Narr, verdammte Stadt und verdammtes Ta'veren. Nun, wenn ihm ein Bettler die Kehle aufschlitzte, brauchte er nicht zum Palast zurückzukehren und sich von Tylin wie eine reife Birne schälen zu lassen. Verdammt sei alles!

Die Straße zwischen der Färberei und der Rose von Elbar war ebenfalls von Feiernden bevölkert, wenn auch nicht von so vielen unzureichend Bekleideten. Anscheinend mußte man Geld besitzen, um fast nackt zu gehen. Obwohl die Akrobaten vor dem Haus des Kaufmanns dem nahekamen. Die Männer waren barfuß und mit unbedeckter Brust in farbenfrohen Hosen und die Frauen in noch engeren Hosen und dünnen Blusen. Sie trugen alle nur wenige Federn im Haar, wie auch die Schabernack treibenden Musikanten vor dem kleinen Palast an der nächsten Ecke - eine Frau mit einer Flöte, eine weitere mit einer großen schwarzen, mit Hebeln versehenen Tuba und ein Bursche, der nach Kräften eine große Trommel schlug. Das Haus, das zu beobachten sie hierher gekommen waren, wirkte fest verschlossen.

Der Tee in der Rose von Elbar war genauso schlecht wie immer, was immerhin bedeutete, daß er weitaus besser war als der Wein. Nalesean hielt sich an das herbe örtliche Bier. Birgitte bedankte sich, ohne zu sagen wofür, woraufhin Mat nur schweigend die Achseln zuckte. Sie lächelten sich an und prosteten einander zu. Die Sonne stieg auf, und Beslan saß da und balancierte zuerst einen Stiefel auf der Spitze des anderen und dann umgekehrt aber seine Begleiter wurden allmählich unruhig, egal wie oft er darauf hinwies, daß Mat ein Ta'veren sei. Ein Handgemenge mit Bettlern war wohl kaum die richtige Abwechslung, die Straße war zu schmal, als daß Bühnenbilder hätten vorüberziehen können, die Frauen waren nicht so hübsch wie anderswo und selbst Birgitte zu betrachten, schien an Reiz zu verlieren, als sie erst erkannten, daß sie nicht die Absicht hatte, auch nur einen von ihnen zu küssen. Mit der Beteuerung, daß sie es bedauerten, daß Beslan nicht mitkommen wollte, eilten sie auf der Suche nach etwas Unterhaltsamerem davon. Nalesean machte einen Spaziergang die Gasse neben der Färberei hinab, und Birgitte verschwand im düsteren Inneren der Rose, um, wie sie sagte, herauszufinden, ob es überhaupt etwas gab, was dem heimlichen Trinken in einer vergessenen Ecke gleichkam.

»Ich hätte niemals erwartet, eine Behüterin so bekleidet zu sehen«, sagte Beslan, der erneut die Stellung seiner Stiefel wechselte.

Mat blinzelte. Der Bursche hatte einen scharfen Blick. Sie hatte ihre Maske nicht einmal abgenommen. Nun, solange er nichts wußte von...

»Ich glaube, Ihr werdet meiner Mutter guttun, Mat.«

Mat versprühte hustend Tee über die Vorübergehenden. Mehrere sahen ihn wütend an, und eine schlanke Frau mit einem hübschen kleinen Busen lächelte ihn unter einer blauen Maske, die vermutlich einen Zaunkönig darstellen sollte, scheu an. Sie stampfte jedoch mit dem Fuß auf und stolzierte davon, als er ihr Lächeln nicht erwiderte. Glücklicherweise war niemand in ihrer Begleitung ausreichend verärgert, ihm mehr als düstere Blicke zuzuwerfen, bevor sie ebenfalls weitergingen. Oder vielleicht unglücklicherweise. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sechs oder acht Leute ihn genau jetzt herausgefordert hätten.

»Was meinst du?« fragte er heiser.

Beslan wandte mit erstaunt geweiteten Augen ruckartig den Kopf. »Nun, weil sie Euch als ihren Geliebten erwählt hat. Warum ist Euer Gesicht so rot? Seid Ihr böse? Warum...?« Plötzlich schlug er sich mit der Hand an die Stirn und lachte. »Ihr denkt, ich wäre böse. Verzeiht, aber ich vergesse stets, daß Ihr ein Fremder seid. Mat, sie ist meine Mutter, nicht meine Frau. Vater starb vor zehn Jahren, und sie hat immer behauptet, zu beschäftigt zu sein. Ich bin einfach froh, daß sie sich jemanden erwählt hat, den ich mag. Wohin geht Ihr?«

Mat hatte nicht bemerkt, daß er aufgestanden war, bis Beslan es erwähnte. »Ich wollte ... ich muß einfach einen klaren Kopf bekommen.«

»Aber Ihr trinkt doch Tee, Mat.«

Eine grüne Sänfte wurde vorbeigetragen, und er sah undeutlich, daß sich die Tür des Hauses öffnete und eine Frau mit einem mit blauen Federn besetzten Umhang über dem Kleid hinausschlüpfte. Ohne nachzudenken - sein Kopf war zu wirr, um klar denken zu können - folgte er ihr. Beslan wußte es! Er billigte es! Seine eigene Mutter, und er...

»Mat?« rief Nalesean hinter ihm. »Wohin geht Ihr?«

»Wenn ich bis morgen nicht zurück bin«, rief Mat wie abwesend über die Schulter, »dann sagt ihnen, sie müssen sie selbst finden!« Er ging wie benommen hinter der Frau her und hörte nicht, ob Nalesean oder Beslan noch etwas riefen. Der Bursche wußte es! Er erinnerte sich daran, daß er einmal geglaubt hatte, Beslan und seine Mutter wären beide verrückt. Es war weit schlimmer! Ganz Ebou Dar war verrückt! Er war sich kaum der Würfel bewußt, die in seinem Kopf noch immer umherrollten.

Reanne beobachtete von einem Fenster im Versammlungsraum aus, wie Solain die Straße hinab verschwand, die zum Fluß führte. Ein Bursche in einer bronzefarbenen Jacke folgte ihr auf dem Fuße, aber wenn er sie aufzuhalten versuchte, würde er bald herausfinden, daß Solain keine Zeit für Männer hatte.

Keanne war sich nicht sicher, warum der Drang heute so übermächtig geworden war. Seit Tagen begann er schon am Morgen und verging erst bei Sonnenuntergang, und sie hatte ihn tagelang bekämpft - infolge der strengen Regeln zögerten sie, sich auf das Recht zu berufen, daß der Befehl erst bei Halbmond ausgegeben würde, in sechs Nächten -, aber heute... Sie hatte den Befehl ausgesprochen, bevor sie nachgedacht hatte, und hatte sich nicht dazu bringen können, ihn bis zur gegebenen Zeit zurückzunehmen. Es würde gutgehen. Niemand hatte irgendwo in der Stadt ein Zeichen von den beiden jungen Närrinnen gesehen, die sich Elayne und Nynaeve nannten. Es hatte keine Notwendigkeit bestanden, unnötige Risiken einzugehen.