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Sie benetzte zitternd ihre Lippen. Moridins Anweisungen waren sehr genau gewesen und der Preis für Versagen qualvoll deutlich gemacht worden. Aber eine kleine Verzögerung würde nichts schaden. Jedenfalls dann nicht, wenn er niemals davon erfuhr.

Sie öffnete schwungvoll die Tür, stieg aus und sah sich hastig um. Dort, dieses Gasthaus, von dem aus man die Docks überblicken konnte. Und den Fluß. Sie hob ihre Röcke an und eilte davon, ohne die geringste Befürchtung zu hegen, daß jemand ihre Sänfte mieten könnte. Bis sie das sie umgebende Zwangsgewebe löste, würden die Träger jedermann, der fragte, sagen, sie seien besetzt, und dort stehenbleiben, bis sie Hungers starben. Ein Pfad eröffnete sich vor ihr, da Männer und Frauen in Federmasken beiseite sprangen, bevor sie sie erreichte, und sich schreiend die Körperstellen hielten, wo sie einen Stich gespürt zu haben glaubten. Was auch geschehen war, da keine Zeit war, so viele Geister mit komplizierten Geweben zu binden, aber ein aus Luft gewobener Nadelschauer tat hier denselben Dienst.

Die stämmige Wirtin des Ruderers Stolz sprang beim Anblick der ihren Schankraum in prächtiger scharlachroter, mit Goldfäden durchwirkter Seide und schwarzer Seide, die beinahe ebenso üppig glänzte wie das Gold, betretenden Moghedien fast ebenfalls beiseite. Moghediens Maske war ein gewaltiger Sprühregen pechschwarzer Federn mit einem scharfen, schwarzen Schnabeclass="underline" ein Rabe. Das war Moridins Scherz, auf seinen Befehl hin trug sie die Maske und tatsächlich auch das Gewand. Seine Farben seien Schwarz und Rot, hatte er gesagt, und sie würde sie tragen, solange sie ihm diente. Sie war in Livree, wie geschmackvoll auch immer diese gearbeitet war, und sie hätte jedermann töten mögen, der sie sah.

Statt dessen spann sie hastig ein Gewebe um die Wirtin, das diese sich starr aufrichten und ihre Augen hervortreten ließ. Keine Zeit für Feinheiten. Auf Moghediens Befehl hin, ihr das Dach zu zeigen, rannte die Frau die geländerlose Treppe an der Seite des Raums hinauf. Es war unwahrscheinlich, daß einer der federgeschmückten Trinker etwas Ungewöhnliches am Verhalten der Wirtin bemerkte, dachte Moghedien mit leisem Lachen. Das Ruderers Stolz hatte wahrscheinlich niemals zuvor einen Gast ihrer Güte erlebt.

Auf dem Flachdach wog sie rasch die Gefahren ab, die es bergen würde, wenn sie die Wirtin leben ließe beziehungsweise sie tötete. Leichen gaben letztendlich auch einen Hinweis. Wenn man still in den Schatten verborgen bleiben wollte, tötete man nicht, wenn es nicht unbedingt sein mußte. Hastig paßte sie das Zwangsgewebe an und befahl der Frau, in ihr Zimmer hinabzugehen, sich schlafen zu legen und zu vergessen, daß sie sie jemals gesehen hatte. Durch die Eile war es möglich, daß die Wirtin den ganzen Tag vergessen oder im Geiste schwerfälliger aufwachen würde, als sie es bisher gewesen war - so vieles in Moghediens Leben wäre um so vieles leichter gewesen, wenn ihr Talent, Zwang auszuüben, besser entwickelt gewesen wäre -, aber immerhin eilte die Frau davon, gehorchte bereitwillig und ließ sie allein.

Als die Dachluke zum schmutzigen, weiß gefliesten Dach zufiel, keuchte Moghedien bei dem plötzlichen Gefühl, daß Finger ihren Geist streiften und ihre Seele ertasteten. Moridin tat dies manchmal. Eine Mahnung, sagte er, als brauchte sie noch mehr Mahnungen. Sie hätte sich fast nach ihm umgesehen. Sie bekam eine Gänsehaut, als wäre plötzlich ein eisiger Wind aufgekommen. Die Berührung schwand, und sie erzitterte erneut. Sie kam und ging und mahnte sie. Moridin selbst konnte jederzeit überall auftauchen. Schnell.

Sie eilte zu der niedrigen Mauer, die das Dach umgab, und suchte den sich unter ihr ausbreitenden Fluß ab. Eine Menge Boote aller Größen wurden zwischen größeren vor Anker liegenden oder segelbespannten Schiffen entlang gerudert. Die meisten der Kabinen von der Art, wie sie sie suchte, bestanden aus einfachem Holz, aber da sah sie ein gelbes Dach und dort ein blaues und da, mitten auf dem Fluß und schnell südwärts gleitend... Rot. Es mußte das richtige sein. Sie durfte keine Zeit mehr verlieren.

Sie hob die Hände, aber als ihnen Baalsfeuer entsprang, blitzte etwas um sie herum auf, und sie zuckte zusammen. Moridin war gekommen. Er war da, und er würde... Sie sah den davonflatternden Tauben nach. Tauben! Sie hätte sich beinahe auf das Dach erbrochen. Ein Blick zum Fluß machte sie wütend.

Weil sie zusammengezuckt war, hatte das Baalsfeuer, das die Kabine und den Passagier hatte durchschneiden sollen, das Boot diagonal in der Mitte durchschnitten, ungefähr dort, wo die Ruderer und Leibwächter gestanden hatten. Weil die Ruderer aus dem Muster getilgt worden waren, bevor das Baalsfeuer auftraf, befanden sich die beiden Hälften des Bootes jetzt wieder gut hundert Schritt weiter hinten auf dem Fluß. Aber vielleicht war dies doch keine völlige Katastrophe. Weil das Stück aus der Mitte des Bootes im gleichen Moment verschwunden war, als die Ruderer starben, hatte das Boot minutenlang voll Wasser laufen können. Die beiden Teile des Bootes sanken in einem schäumenden Luftblasen-Wirbel schnell außer Sicht, noch während sie den Blick hinwandte, und rissen ihren Passagier mit in die Tiefe.

Plötzlich wurde ihr bewußt, was sie getan hatte. Sie hatte sich stets im Finstern bewegt, sich stets verborgen gehalten, hatte stets... Jede Frau in der Stadt, welche die Macht lenken konnte, würde jetzt wissen, daß jemand viel Saidar herangezogen hatte, wenn sie auch nicht wissen würden wofür, und jeder Beobachter hatte jenen Streifen flüssigen weißen Feuers durch den Nachmittag schneiden sehen. Angst verlieh ihr Flügel. Nicht Angst. Entsetzen.

Sie raffte ihre Röcke, hastete die Treppe hinab, eilte durch den Schankraum, wobei sie gegen Tische stieß und Menschen ins Taumeln brachte, die ihr aus dem Weg zu gelangen versuchten, rannte auf die Straße, zu erschrocken, um nachzudenken, und schlug sich mit den Händen einen Weg durch die Menge.

»Lauft!« schrie sie und warf sich in die Sänfte. Ihre Röcke verfingen sich in der Tür. Sie riß sie frei. »Lauft!«

Die Träger rannten sofort los, so daß sie geschüttelt wurde, aber es kümmerte sie nicht. Sie hielt sich mit in das geschnitzte Gitterwerk verschränkten Fingern fest und zitterte unkontrolliert. Er hatte dies nicht verboten. Er würde ihr vielleicht vergeben oder ihre selbständig ausgeführte Tat sogar vergessen, wenn sie seine Anweisungen schnell und wirkungsvoll ausführte. Das war ihre einzige Hoffnung. Sie würde Falion und Ispan kriechen lassen!

31

Mashiara

Als das Boot vom Landesteg ablegte, warf Nynaeve ihre Maske neben sich auf die gepolsterte Bank, sank mit verschränkten Armen und fest umfaßtem Zopf zurück und blickte stirnrunzelnd ins Leere. Als sie dem Wind lauschte, hörte sie noch immer heraus, daß ein heftiger Sturm aufkäme, die Art Sturm, der Dächer abriß und Scheunen umstürzte, und sie wünschte fast, der Fluß würde genau in diesem Augenblick in Wellen aufbrechen.

»Wenn nicht das Wetter der Grund ist, Nynaeve«, ahmte sie nach, »dann solltest du diejenige sein, die geht. Die Herrin der Schiffe könnte beleidigt sein, wenn wir nicht die Stärkste von uns schicken. Sie wissen, daß Aes Sedai das hoch schätzen. Bah!« Das waren Elaynes Worte gewesen. Ohne das »Bah«. Elayne glaubte eben, allen möglichen Unsinn mit Merilille auszuhecken, würde ihr Vorteile bringen, wenn sie Nesta wieder gegenübertreten müßte. Wenn man einen schlechten Anfang mit jemandem hatte, war es schwer, das Verhältnis zu verbessern - Mat Cauthon war ein hinreichender Beweis dafür! -, und wenn sie noch schlechter mit Nesta din Reas Zwei Monde zurechtkamen, würde sie sie alle fortschicken.