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Etwas ergriff ihr Gewand, und sie wurde beim Gedanken an Haie, Löwenfische und nur das Licht wußte, was diese schwarzen Tiefen sonst noch bevölkern mochte, von Entsetzen gepackt. Ein Funke Bewußtsein sprach von der Macht, aber sie schlug verzweifelt mit Fäusten und Füßen um sich und spürte, wie ihre Knöchel auf etwas Festes auftrafen. Leider schrie sie auch - oder versuchte es zumindest. Sie schluckte viel Wasser, wodurch ihr Schrei, Saidar und beinahe auch ihr restliches Bewußtsein erstickt wurden.

Etwas ruckte an ihrem Zopf, dann erneut, und sie wurde gezogen ... irgendwohin. Sie war nicht mehr ausreichend bei Bewußtsein, um sich zu wehren oder auch große Angst zu haben, gefressen zu werden.

Plötzlich stieß ihr Kopf durch die Wasseroberfläche. Hände umfaßten sie von hinten - Hände, kein Hai - und drückten auf fast vertraute Art gegen ihre Rippen. Sie hustete - Wasser sprühte aus ihrer Nase -und hustete qualvoll erneut. Dann atmete sie zitternd ein. Sie hatte noch niemals in ihrem Leben etwas so Liebliches geschmeckt.

Eine Hand wölbte sich um ihr Kinn, und plötzlich wurde sie erneut gezogen. Mattigkeit vereinnahmte sie. Sie konnte nur auf dem Rücken treiben und atmen und in den Himmel hinaufblicken. So blau. So wunderschön. Ihre Augen brannten nicht nur vom Salzwasser.

Und dann wurde sie an der Seite eines Bootes hochgezogen, eine rauhe Hand unter ihrem Gesäß schob sie höher, bis zwei schlaksige Burschen mit Messingohrringen hinabgreifen und sie an Bord ziehen konnten. Sie halfen ihr, einen oder zwei Schritte zu gehen, aber sobald sie sie losließen, um ihrem Retter zu helfen, knickten ihre Beine ein.

Unsicher auf Händen und Knien kauernd, betrachtete sie ausdruckslos ein Schwert und Stiefel und einen grünen Mantel, die jemand auf das Deck geworfen hatte. Sie öffnete den Mund - und befreite sich vom Fluß Elbar. Es war anscheinend der ganze Fluß, einschließlich ihrer Mittagsmahlzeit und ihres Frühstücks. Es hätte sie überhaupt nicht überrascht, auch einige Fische oder ihre Schuhe zu erblicken. Sie wischte sich gerade mit dem Handrücken die Lippen ab, als sie Stimmen vernahm.

»Geht es meinem Lord gut? Mein Lord war sehr lange unten.«

»Vergeßt mich, Mann«, sagte eine tiefe Stimme. »Holt etwas, um sie einzuhüllen.« Lans Stimme, die sie jede Nacht zu hören träumte.

Nynaeve unterdrückte mit geweiteten Augen mühsam ein Wimmern. Das Entsetzen, das sie empfunden hatte, als sie geglaubt hatte, sie würde sterben, war nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt blitzartig durchströmte. Nichts! Dies war ein Alptraum. Nicht jetzt! Nicht so! Nicht, wenn sie wie eine halb ertrunkene Ratte aussah, die auf Knien kauerte, den Inhalt ihres Magens vor sich ausgebreitet!

Ohne nachzudenken, umarmte sie Saidar und lenkte die Macht. Alles Wasser wich rasch aus ihrer Kleidung und ihrem Haar, und alle Beweise ihres kleinen Mißgeschicks wurden über Bord geschwemmt. Sie rappelte sich hoch, zog hastig ihre Halskette zurecht und glättete so weit wie möglich ihr Gewand und ihr Haar, aber das Bad im Salzwasser und das schnelle Trocknen hatten mehrere Flecken und einige Falten auf der Seide hinterlassen, die einer kundigen Hand mit einem heißen Eisen bedurft hätten, um beseitigt zu werden. Haarsträhnen wollten entkommen, und die Opale in ihrem Zopf schienen den sich sträubenden Schwanz einer zornigen Katze zu zieren.

Es war unwichtig. Sie war die Ruhe selbst, kühl wie eine frühe Frühlingsbrise, selbstbeherrscht wie...

Sie fuhr herum, bevor er sich ihr von hinten nähern und sie soweit erschrecken konnte, daß sie sich völlig blamiert hätte.

Sie erkannte erst, wie schnell sie sich bewegt hatte, als sie sah, daß Lan gerade erst den zweiten Schritt von der Reling getan hatte. Er war der schönste Mann, den sie jemals gesehen hatte. Mit vollkommen durchweichtem Hemd, Hose und Strümpfen war er prachtvoll, mit dem tropfenden Haar, das an seinem Gesicht klebte, und... Eine purpurfarbene Prellung blühte auf seinem Gesicht. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, als sie sich an den Moment erinnerte, als ihre Faust auf etwas Festes traf.

»O nein! Oh, Lan, es tut mir leid! Das wollte ich nicht!« Sie war sich nicht wirklich bewußt, den Abstand zwischen ihnen überbrückt zu haben. Sie war einfach bei ihm, stellte sich auf Zehenspitzen und legte sanft die Finger auf seine Verletzung. Ein geschickt gestaltetes Gewebe aus allen Fünf Mächten, und seine verfärbte Wange war wieder makellos. Aber er konnte vielleicht noch woanders verletzt sein. Sie spann die Gewebe, mit deren Hilfe sie ihn untersuchen konnte. Neue Narben ließen sie innerlich zusammenzucken, und da war etwas Merkwürdiges, aber er schien gesund wie ein Bulle. Er war ebenfalls naß, weil er sie gerettet hatte. Sie trocknete ihn genauso wie sich selbst. Wasser spritzte um seine Füße.

Sie konnte nicht aufhören, ihn zu berühren. Sie zog mit beiden Händen seine starken Wangen nach, seine schönen blauen Augen, seine kräftige Nase, seine festen Lippen, seine Ohren. Sie kämmte dieses seidige schwarze Haar mit den Fingern zurecht, richtete das geflochtene Lederband, das es hielt. Ihre Zunge schien ebenfalls ein Eigenleben zu führen. »Oh, Lan«, murmelte sie. »Du bist wirklich hier.« Jemand kicherte. Nicht sie - Nynaeve al'Meara kicherte nicht -, aber jemand tat es. »Es ist kein Traum. Oh, Licht, du bist hier. Wie?«

»Ein Diener im Tarasin-Palast erzählte mir, du wärst zum Fluß gegangen, und ein Bursche am Anlegesteg sagte mir, welches Boot du genommen hattest. Eigentlich wollte ich schon gestern hier sein.«

»Das kümmert mich nicht. Du bist jetzt hier. Du bist hier.« Sie kicherte nicht.

»Vielleicht ist sie eine Aes Sedai«, murrte einer der Ruderer, »aber ich behaupte noch immer, daß sie ein Entchen ist, das von diesem Wolf gefressen werden will.«

Nynaeve errötete zutiefst, und sie senkte ruckartig die Hände. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie dem Burschen unmißverständlich die Meinung gesagt. Zu einem anderen Zeitpunkt, wenn sie klar denken konnte, woran Lan sie hinderte. Sie ergriff seinen Arm. »In der Kabine können wir uns ungestört unterhalten.« Hatte einer der Ruderer schon wieder gekichert?

»Mein Schwert und...«

»Ich nehme es«, sagte sie und hob seine Sachen mit Strängen Luft vom Deck auf. Einer dieser Rüpel hatte gekichert. Ein weiterer Strang Luft öffnete die Kabinentür, und sie drängte Lan und sein Schwert und alles andere hinein und schlug die Tür hinter ihnen zu.

Licht, sie bezweifelte, daß selbst Calle Coplin zu Hause jemals so kühn gewesen war - und es kannten genauso viele Wächter von Händlern Calles Muttermal genauso gut wie ihr Gesicht. Aber dies war nicht dasselbe. Überhaupt nicht! Dennoch schadete es nicht, ein bißchen weniger ... eifrig zu sein. Sie führte ihre Hände erneut zu seinem Gesicht - nur um sein Haar noch ein wenig glatter zu streichen -, und er ergriff mit seinen großen Händen sanft ihre Handgelenke.

»Myrelle ist jetzt mit mir verbunden«, sagte er ruhig. »Sie borgt mich dir aus, bis du einen eigenen Behüter findest.«

Sie befreite ruhig ihre rechte Hand und schlug ihm so fest sie konnte ins Gesicht. Er bewegte kaum den Kopf, so daß sie auch die andere Hand befreite und ihn abermals schlug. »Wie konntest du?« Vorsichtshalber unterstrich sie die Frage mit noch einem weiteren Schlag. »Du wußtest, daß ich gewartet habe!« Noch ein Schlag schien notwendig, nur um es ihm zu verdeutlichen. »Wie konntest du so etwas tun? Wie konntest du es ihr erlauben?« Noch ein Schlag. »Verdammt seist du, Lan Mandragoran! Verdammt seist du! In den Krater des Verderbens sollst du verbannt werden. Verdammt seist du!«

Der Mann - der verdammte Mann! - sagte kein Wort. Er hätte natürlich auch nichts erwidern können. Womit sollte er sich verteidigen? Er stand einfach nur da, während sie ihn mit Schlägen traktierte, regte sich nicht, und sein ungerührter Blick wirkte eigentümlich, so wie es auch war, wenn sie wegen ihm errötete. Auch wenn die Schläge wenig Eindruck auf ihn machten, begannen ihre Handflächen doch heftig zu brennen.