Sie ballte grimmig eine Hand zur Faust und boxte ihn mit aller Kraft in den Bauch. Er stöhnte leise.
»Wir werden dies ruhig und vernünftig besprechen«, sagte sie schließlich und trat von ihm zurück. »Wie Erwachsene.« Lan nickte nur, setzte sich hin und zog seine Stiefel zu sich heran. Sie strich sich mit der linken Hand Haarsträhnen aus dem Gesicht und streckte die rechte Hand hinter den Rücken, so daß sie ihre wunden Finger beugen konnte, ohne daß er es sah. Er hatte kein Recht, so hart zu sein, nicht, wenn sie ihn schlagen wollte. Es war wohl zuviel der Hoffnung, daß sie ihm eine Rippe gebrochen hätte.
»Du solltest ihr dankbar sein, Nynaeve.« Wie konnte der Mann so ruhig klingen? Er zog entschlossen einen Stiefel an und beugte sich herab, um den anderen aufzuheben, sah sie dabei aber nicht an. »Du würdest nicht wollen, daß ich mit dir verbunden wäre.«
Der Strang Luft ergriff eine Handvoll seines Haares und bog seinen Kopf schmerzhaft nach oben. »Wenn du es wagst - wenn du es auch nur wagst -, erneut solchen Unsinn von dir zu geben, daß du mich nicht als Witwe zurücklassen willst, Lan Mandragoran, dann werde ich ... werde ich...« Ihr fiel nichts ausreichend Bedrohliches ein. Ihn zu treten, genügte nicht annähernd. Myrelle. Myrelle und ihre Behüter. Verdammt sei er! Ihm die Haut in Streifen abzuziehen, würde auch nicht genügen!
Er hätte sich genausogut nicht mit verrenktem Hals vorbeugen können. Er legte einfach die Unterarme über die Knie, betrachtete sie mit jenem eigentümlichen Blick und sagte; »Ich dachte daran, es dir nicht zu erzählen, aber du hast ein Recht, es zu wissen.« Dennoch zögerte er. Lan zögerte niemals. »Als Moiraine starb - wenn der Bund eines Behüters mit seiner Aes Sedai gebrochen wird -, änderte sich manches...«
Als er fortfuhr, legte sie die Arme um sich und hielt sich, um nicht zu zittern. Ihr Kiefer schmerzte, weil sie fest die Zähne zusammenbiß. Sie ließ den Strang los, der ihn hielt, ließ Saidar los, aber er richtete sich nur auf und fuhr ohne mit der Wimper zu zucken damit fort, das Entsetzliche zu berichten, während er sie betrachtete. Plötzlich verstand sie seinen Blick, der kälter war als der tiefste Winter. Es war der Blick eines Mannes, der wußte, daß er tot war, und der sich nicht dazu bringen konnte, sich darum zu sorgen; ein Mann, der beinahe eifrig auf jenen langen Schlaf wartete. Ihre Augen brannten vor ungeweinten Tränen.
»Du siehst also«, sagte er mit einem Lächeln, das nur seine Lippen einschloß, ein ergebenes Lächeln, »wenn es vorbei ist, wird sie ein Jahr oder länger leiden, und ich werde dennoch tot sein. Das bleibt dir erspart. Das ist mein letztes Geschenk an dich, Mashiara.« Mashiara. Seine verlorene Liebe.
»Du wirst mein Behüter sein, bis ich selbst einen finde?« Sie war bestürzt über ihre ausgewogene Stimme. Sie durfte jetzt nicht in Tränen ausbrechen. Sie würde es nicht tun. Sie mußte jetzt mehr als jemals zuvor ihre Kraft sammeln.
»Ja«, sagte er vorsichtig, während er seinen anderen Stiefel anzog. Er hatte sie schon immer an einen halbwegs zahmen Wolf erinnert, aber jetzt ließ sein Blick ihn noch weitaus wilder erscheinen.
»Gut.« Sie richtete ihre Röcke und widerstand dem Drang, zu ihm zu treten. Sie durfte ihn ihre Angst nicht sehen lassen. »Weil ich ihn gefunden habe. Dich. Ich habe gewartet und bei Moiraine gehofft. Bei Myrelle werde ich das nicht tun. Sie wird mir deinen Bund übergeben.« Myrelle würde es tun, und wenn sie die Frau an den Haaren nach Tar Valon und zurück zerren mußte. Vielleicht würde sie Myrelle auch einfach nur aus Prinzip umherzerren. »Sag nichts«, wies sie ihn scharf an, als er den Mund öffnete. Ihre Finger streiften ihre Gürteltasche, in der sich sein in ein seidenes Taschentuch gewickelter, schwerer goldener Siegelring befand. Sie mäßigte ihre Stimme mühsam. Er war krank, und harte Worte halfen niemals gegen Krankheit. Aber es kostete sie Mühe. Sie wollte ihn heftig ausschelten, wollte sich den Zopf jedes Mal an den Wurzeln ausreißen, wenn sie an ihn und diese Frau dachte. Sie hielt ihre Stimme mühsam ruhig und fuhr fort.
»Wenn jemand in den Zwei Flüssen einem anderen einen Ring schenkt, sind sie verlobt, Lan.« Das war eine Lüge, und sie erwartete halbwegs, daß er zornig aufspringen würde, aber er blinzelte nur. Außerdem hatte sie in einer Geschichte von dieser Vorstellung gelesen. »Wir sind schon ausreichend lange verlobt. Wir werden heute heiraten.«
»Darum habe ich stets gebetet«, sagte er leise und schüttelte dann den Kopf. »Du weißt, warum es nicht sein kann, Nynaeve. Und selbst wenn es sein könnte, Myrelle...«
Trotz all ihrer Versprechen, Ruhe zu bewahren, umarmte sie Saidar und knebelte ihn mit Luft, bevor er bekennen konnte, was sie nicht hören wollte. Solange er es nicht tat, konnte sie so tun, als sei nichts geschehen. Aber wenn sie Myrelle erwischte! Die Opale drückten hart in ihre Handfläche, und sie nahm die Hand so ruckartig von ihrem Zopf fort, als hätte sie sich verbrannt. Statt dessen strich sie mit den Fingern erneut durch sein Haar, während er sie empört ansah. »Eine kleine Lektion für dich über den Unterschied zwischen Ehefrauen und anderen Frauen«, sagte sie gelassen. Ein solcher Kampf. »Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn du Myrelles Namen in meiner Gegenwart nicht mehr erwähntest. Hast du verstanden?«
Er nickte, und sie ließ den Strang fahren, aber sobald er seinen Kiefer einen Moment bewegt hatte, sagte er: »Auch wenn ich ihren Namen nicht nenne, Nynaeve, weißt du doch, daß sie sich durch den Bund aller meiner Empfindungen bewußt ist. Wären wir Mann und Frau...«
Sie hatte das Gefühl, als stünde ihr Gesicht in Flammen. Sie hatte niemals daran gedacht! Verdammte Myrelle! »Kann man irgend wie feststeilen, ob sie weiß, daß ich es bin?« fragte sie schließlich, während ihre Wangen wirklich beinahe brannten. Besonders, als er erstaunt lachend an die Kabinenwand sank.
»Licht, Nynaeve, du bist phantastisch! Licht! So habe ich nicht mehr gelacht seit...« Seine Heiterkeit verging, und die Kälte, die einen Moment fast aus seinem Blick gewichen war, kehrte zurück. »Ich wünschte, es könnte sein, Nynaeve, aber...«
»Es kann sein, und es wird sein«, unterbrach sie ihn. Männer gewannen anscheinend immer die Überhand, wenn man sie zu lange reden ließ. Sie setzte sich auf seine Knie. Gewiß, sie waren noch nicht verheiratet, aber er war weicher als die ungepolsterten Bänke auf diesem Boot. Sie regte sich ein wenig, um sich bequemer hinzusetzen. Nun, jedenfalls war er nicht härter als die Bänke. »Du könntest dich genausogut damit abfinden, Lan Mandragoran. Mein Herz gehört dir, und du hast zugegeben, daß deines auch mir gehört. Du gehörst mir, und ich werde dich nicht gehen lassen. Du wirst mein Behüter und mein Ehemann sein, und das für eine sehr lange Zeit. Ich werde dich nicht sterben lassen. Verstehst du das? Ich kann so eigensinnig sein, wie es nötig ist.«
»Das hatte ich noch nicht bemerkt«, sagte er, und sie verengte die Augen. Seine Stimme klang schrecklich ... nüchtern.
»Wenn du es nur jetzt bemerkst«, sagte sie fest. Sie drehte den Kopf und spähte durch die Gitter im Rumpf hinter ihm, drehte den Kopf dann erneut und sah durch die Gitter an der Vorderseite der Kabine. Lange Docks, die vom Kai aufragten, zogen vorüber. Voraus konnte sie nur weitere Docks und die Stadt sehen, die in der Nachmittagssonne weiß schimmerte. »Wohin fahren wir?« murrte sie.
»Ich habe ihnen gesagt, sie sollen uns an Land absetzen, sobald ich dich an Bord hätte«, sagte Lan. »Es schien mir das beste, sobald wie möglich vom Fluß fortzukommen.«
»Du...?« Sie biß die Zähne zusammen. Er hatte nicht gewußt, wohin sie wollte oder warum. Er hatte mit seinem Wissen sein Bestes getan. Und er hatte ihr das Leben gerettet. »Ich kann noch nicht in die Stadt zurückkehren, Lan.« Sie räusperte sich und änderte ihren Tonfall. Ich muß die Meervolkschiffe, die Windläufer, aufsuchen.« Viel besser. Munter, aber nicht zu munter, und entschieden.