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»Nynaeve, ich war unmittelbar hinter deinem Boot. Ich habe gesehen, was passiert ist. Du warst erst fünfzig Schritte vor mir und dann fünfzig Schritte hinter mir, und dann sank dein Boot. Es muß Baalsfeuer gewesen sein.« Er brauchte nicht mehr zu sagen.

»Moghedien«, hauchte sie. Oh, es hatte auch ein anderer der Verlorenen oder vielleicht jemand von den Schwarzen Ajah sein können, aber sie wußte es.

Nun, sie hatte Moghedien nicht nur einmal, sondern auch noch ein zweites Mal besiegt. Sie konnte es, wenn nötig, auch ein drittes Mal tun. Ihre Miene schien ihre Zuversicht nicht widerzuspiegeln.

»Hab keine Angst«, sagte Lan und berührte ihre Wange. »Hab niemals Angst, wenn ich in der Nähe bin. Wenn du Moghedien gegenübertreten mußt, werde ich dafür sorgen, daß du ausreichend zornig bist, um die Macht zu lenken. Ich scheine in dieser Richtung ein gewisses Talent zu besitzen.«

»Du wirst mich niemals wieder erzürnen«, begann sie, hielt dann inne und sah ihn mit geweiteten Augen an. »Ich bin nicht zornig«, sagte sie zögernd.

»Jetzt nicht, aber wenn es nötig ist...«

»Ich bin nicht zornig«, wiederholte sie lachend. Sie freute sich, schlug sich mit den Fäusten an die Brust und lachte. Saidar erfüllte sie, nicht nur mit Lebendigkeit und Freude, sondern dieses Mal auch mit Ehrfurcht. Sie streichelte mit federartigen Strängen Luft seine Wangen. »Ich bin nicht zornig, Lan«, flüsterte sie.

»Dein Widerstand ist gebrochen.« Er grinste und teilte ihre Freude, aber es war keine Wärme in seinem Blick.

Ich werde auf dich aufpassen, Lan Mandragoran, versprach sie im stillen. Ich werde dich nicht sterben lassen. Sie lehnte sich an seine Brust und erwog, ihn zu küssen, und sogar... Du bist nicht Calle Coplin, sagte sie sich fest.

Plötzlich kam ihr ein entsetzlicher Gedanke. Um so entsetzlicher, weil es ihr nicht früher eingefallen war. »Die Ruderer?« sagte sie leise. »Meine Wächter?« Er schüttelte schweigend den Kopf, und sie seufzte. Leibwächter. Licht, sie hatten ihren Schutz gebraucht und nicht umgekehrt Vier weitere Tode zu Lasten Moghediens. Vier zusätzlich zu Tausenden, aber diese betrafen sie persönlich. Nun, sie würde sich ein andermal mit Moghedien auseinandersetzen.

Sie erhob sich und überlegte, was sie mit ihrer Kleidung tun könnte. »Lan, läßt du die Ruderer umkehren? Sage ihnen, sie sollen alles geben.« Also würde sie den Palast erst bei Einbruch der Nacht Wiedersehen. »Und finde heraus, ob einer von ihnen einen Kamm besitzt.« So konnte sie Nesta nicht gegenübertreten.

Er nahm seine Jacke und sein Schwert und verbeugte sich vor ihr. »Wie Ihr befehlt, Aes Sedai.«

Sie schürzte die Lippen und beobachtete, wie sich die Tür hinter ihm schloß. Lachte er sie tatsächlich aus? Sie würde darauf wetten, daß jemand auf der Windläufer eine Eheschließung durchführen konnte. Und nach dem, was sie bisher vom Meervolk gesehen hatte, würde sie auch wetten, daß Lan Mandragoran feststellen würde, daß er zu tun versprach, was man ihm befahl. Sie würden sehen, wer dann lachte.

Das Boot schlingerte und rollte und drehte sich langsam, und ihr Magen schlingerte mit ihm.

»Oh, Licht!« stöhnte sie, während sie auf die Bank sank. Warum hatte sie das nicht zusammen mit ihrem Widerstand verlieren können? Saidar festzuhalten, sich jeden Luftzugs auf ihrer Haut bewußt, machte es nur schlimmer. Loszulassen half auch nicht. Ihr würde nicht wieder übel werden. Sie würde Lan ein für allemal besitzen. Dies würde noch ein wundervoller Tag werden. Wenn nur das Gefühl wiche, daß ein Sturm aufkam.

Die Sonne stand fahl unmittelbar über den Dachfirsten, als Elayne an die Tür klopfte. Feiernde tanzten und tollten auf der Straße hinter ihr und erfüllten die Luft mit ihrem Lachen und Singen und dem Duft von Parfüm. Sie wünschte sich beiläufig, sie hätte die Gelegenheit gehabt, das Fest wirklich zu genießen. Ein Kostüm wie Birgittes zu tragen hätte vielleicht Spaß gemacht. Oder auch eines wie das, welches sie heute morgen an Lady Riselle, einer von Tylins Begleiterinnen, gesehen hatte. Solange sie ihre Maske hätte aufbehalten können. Sie klopfte erneut und dieses Mal fester.

Eine grauhaarige Dienerin mit kantigem Kinn öffnete die Tür, und ihre Miene zeigte plötzlich Zorn, als Elayne ihre grüne Maske senkte. »Ihr! Was tut Ihr wieder...« Der Zorn wurde zu geisterhafter Blässe, als Merilille ihre Maske ebenfalls abnahm und Adeleas und die anderen es ihnen gleichtaten. Die Frau zuckte bei jedem enthüllten alterslosen Gesicht zusammen -sogar bei Sareithas. Zu dem Zeitpunkt erwartete sie diesen Anblick vielleicht bereits.

Die Dienerin versuchte mit einem plötzlichen Aufschrei, die Tür wieder zu schließen, aber Birgitte schoß an Elayne vorbei und stieß sie mit einer federbesetzten Schulter wieder auf. Die Dienerin taumelte einige Schritte und faßte sich dann, aber ob sie davonlaufen oder schreien wollte... Birgitte kam ihr zuvor, indem sie ihren Oberarm ergriff.

»Nur ruhig«, sagte Birgitte fest. »Wir wollen uns doch nicht aufregen oder schreien, nicht wahr?« Sie schien nur den Arm der Frau festzuhalten, sie fast zu stützen, aber die Dienerin stand tatsächlich sehr aufrecht und still. Sie starrte mit geweiteten Augen auf die Maske mit dem Federschopf der Frau, die sie gefangenhielt und schüttelte langsam den Kopf.

»Wie heißt Ihr?« fragte Elayne, während sich die anderen in der Eingangshalle hinter ihr versammelten. Die sich schließende Tür dämpfte den Lärm von draußen. Der Blick der Dienerin hastete von einem Gesicht zum anderen, als könnte sie es nicht ertragen, auch nur eines zu lange zu betrachten.

»C-c-cedora.«

»Ihr werdet uns zu Reanne bringen, Cedora.« Dieses Mal nickte Cedora. Sie wirkte, als wollte sie weinen.

Cedora führte sie steif die Treppe hinauf, während Birgitte noch immer ihren Arm umfaßte. Elayne erwog, ihr zu sagen, sie solle die Frau loslassen, aber das letzte, was sie wollte, war ein Warnruf, woraufhin jedermann im Hause in eine andere Richtung floh. Das war der Grund, warum Birgitte ihre Muskeln gebrauchte, anstatt daß Elayne selbst die Macht gelenkt hätte. Sie dachte, Cedora sei eher verängstigt als verletzt, und heute abend sollte jedermann zumindest auch ein wenig verängstigt sein.

»D-dort drinnen«, sagte Cedora und deutete mit dem Kopf auf eine rote Tür. Die Tür zu dem Raum, in dem Nynaeve und sie diese unglückliche Unterredung gehabt hatten. Elayne öffnete sie und trat ein.

Reanne war in dem Raum, saß mit dem Rücken zu den Reliefs mit den Dreizehn Sünden über dem Kamin, wie auch ein Dutzend weitere Frauen, die Elayne niemals zuvor gesehen hatte, die alle Stuhle vor den hellgrünen Wänden besetzten und bei geschlossenen Fenstern und zugezogenen Vorhängen schwitzten. Die meisten trugen Ebou-Dari-Kleidung, obwohl nur eine die olivfarbene Haut aufwies. Die meisten hatten Falten im Gesicht und zumindest eine Spur Grau im Haar, und jede der Frauen konnte in gewissem Umfang die Macht lenken. Sieben trugen den roten Gürtel. Elayne seufzte wider Willen.

Reanne sprang mit demselben zornroten Gesicht auf, das Cedora gezeigt hatte, und ihre ersten Worte waren auch fast die gleichen. »Ihr! Wie könnt Ihr es wagen, Euch blicken zu lassen...?« Worte und Zorn vergingen ebenfalls aus dem gleichen Grund, als Merilille und die anderen Elayne auf den Fersen folgten. Eine blonde Frau mit einem roten Gürtel und tiefem Ausschnitt stieß ein schwaches Keuchen aus, während sie die Augen verdrehte und leblos von ihrem roten Stuhl glitt. Niemand machte Anstalten, ihr zu helfen. Niemand sah Birgitte auch nur an, als sie Cedora in eine Ecke führte und dort hinstellte. Niemand schien zu atmen. Elayne verspürte das dringende Verlangen, »Buh« zu schreien, nur um zu sehen, was geschehen würde.