Reanne schwankte mit bleichem Gesicht und versuchte sichtlich, wenn auch nur mit geringem Erfolg, sich zusammenzunehmen. Sie brauchte nur einen Moment, um die fünf vor der Tür aufgereihten Aes Sedai mit den gelassenen Gesichtern prüfend zu betrachten und zu entscheiden, welche von ihnen das Sagen hatte. Sie wankte über die Bodenfliesen zu Merilille und sank mit gebeugtem Kopf auf die Knie. »Vergebt uns, Aes Sedai.« Ihre Stimme klang verehrungsvoll und nur unwesentlich fester, als ihre Knie es gewesen waren. Tatsächlich stammelte sie. »Wir sind nur wenige Freundinnen. Wir haben nichts getan, gewiß nichts, was die Aes Sedai in Mißkredit bringen könnte. Das schwöre ich, was auch immer dieses Mädchen Euch gesagt hat. Wir hätten Euch von ihr erzählt, aber wir hatten Angst. Wir kommen nur zusammen, um uns zu unterhalten. Sie hat eine Freundin, Aes Sedai. Habt Ihr sie ebenfalls gefangengenommen? Ich kann sie Euch beschreiben, Aes Sedai. Ich werde tun, was immer Ihr wünscht. Ich schwöre, daß wir...«
Merilille räusperte sich laut. »Euer Name ist Reanne Corly?« Reanne zuckte zusammen und flüsterte, dem sei so, während sie noch immer den Boden zu Füßen der Grauen Schwester betrachtete. »Ich fürchte, Ihr müßt Euch an Elayne Sedai wenden, Reanne.«
Reanne hob auf höchst zufriedenstellende Weise ruckartig den Kopf. Sie sah Merilille an, und dann weiteten sich ihre Augen in maßlosem Entsetzen. Sie leckte sich über die Lippen und atmete tief ein. Sie wandte sich auf Knien zu Elayne um und beugte erneut den Kopf. »Ich bitte Euch um Vergebung, Aes Sedai«, sagte sie bleiern. »Ich wußte nicht... Ich konnte nicht...« Ein weiteres tiefes, hoffnungsloses Einatmen. »Welche Bestrafung auch immer Ihr entscheidet, wir nehmen sie demütigst an, aber bitte glaubt mir, daß...«
»Oh, steht schon auf«, unterbrach Elayne sie ungeduldig. Sie hatte die Anerkennung dieser Frau genauso sehr gewollt wie die Merililles oder jeder der anderen, aber diese Kriecherei bereitete ihr Übelkeit. »So ist es gut. Steht auf.« Sie wartete, bis Reanne ihrer Aufforderung gefolgt war, trat dann fort und setzte sich auf den Stuhl der Frau. Es bestand keine Notwendigkeit zu katzbuckeln, aber sie wollte auch keinen Zweifel daran lassen, wer das Sagen hatte. »Wollt Ihr noch immer leugnen, von der Schale der Winde zu wissen, Reanne?«
Reanne spreizte die Hände. »Aes Sedai«, sagte sie arglos, »keine von uns würde jemals ein Ter'angreal und noch viel weniger ein Angreal oder ein Sa'angreal benutzen.« Arglos, und wachsam wie ein Fuchs in der Stadt. »Ich versichere Euch, daß wir keinen Anspruch darauf erheben, etwas den Aes Sedai auch nur Nahestehendes zu sein. Wir sind nur diese wenigen Freundinnen, die Ihr hier seht, die dadurch verbunden sind, daß sie einst die Erlaubnis erhielten, die Weiße Burg zu betreten. Das ist alles.«
»Nur diese wenigen Freundinnen«, wiederholte Elayne trocken über aneinandergelegte Finger hinweg. »Und natürlich Garenia. Und Berowin, und Derys, und Alise.«
»Ja«, bestätigte Reanne widerwillig. »Und sie.«
Elayne schüttelte überaus gemächlich den Kopf. »Reanne, die Weiße Burg weiß von Eurer Schwesternschaft. Die Burg hat schon immer davon gewußt.« Eine dunkle Frau mit tairenischem Aussehen -obwohl sie eine blauweiße Seidenweste mit dem Zeichen der Gilde der Goldschmiede trug - stieß einen unterdrückten Schrei aus und preßte dann beide Hände auf den Mund. Eine hagere, bereits ergrauende Saldaeanerin, die den roten Gürtel trug, sank mit einem Seufzen zusammen und folgte der blonden Frau auf den Boden, und zwei weitere schwankten, als wollten sie es ihnen gleichtun.
Reanne hingegen sah die Schwestern vor der Tür Bestätigung heischend an und erhielt sie, wie sie glaubte. Merililles Gesicht war eher frostig als gelassen, und Sareitha verzog das Gesicht, bevor sie es verhindern konnte. Vandene und Careane preßten beide die Lippen zusammen, und Adeleas wandte den Kopf hierhin und dorthin, um die Frauen an den Wänden zu betrachten, wie sie vielleicht ihr bisher unbekannte Insekten betrachtet hätte. Natürlich entsprach das, was Reanne sah, nicht dem, was tatsächlich war. Sie hatten Elaynes Entscheidung alle angenommen, aber auch noch so viel »Ja, Elayne...« konnte sie nicht dazu bringen, daß sie ihnen auch gefiel. Sie hätten schon vor zwei Stunden hier sein können, wenn nicht so viele »Aber, Elayne...« eingewandt worden wären. Manchmal bedeutete Führung eine Herde hüten.
Reanne fiel nicht in Ohnmacht, aber ihr Gesicht war angsterfüllt, und sie hob flehend die Hände. »Wollt Ihr die Schwesternschaft vernichten? Warum jetzt, nach so langer Zeit? Was haben wir getan, daß Ihr jetzt über uns herfallt?«
»Niemand wird Euch vernichten«, belehrte Elayne sie. »Careane, da niemand sonst den beiden helfen wird - würdet Ihr es bitte tun?« Überall im Rund sprang jemand auf, und einige erröteten, und bevor Careane reagieren konnte, kauerten bereits zwei Frauen über jeweils einer Ohnmächtigen, hoben sie auf und hielten ihnen Riechsalz unter die Nase. »Der Amyrlin-Sitz wünscht, daß sich jede Frau, welche die Macht lenken kann, mit der Burg verbindet«, fuhr Elayne fort. »Das Angebot gilt für jedes Mitglied der Schwesternschaft, das es annehmen will.«
Hätte sie Stränge Luft um jede einzelne dieser Frauen gewoben, hätte sie sie nicht starrer halten können. Hatte sie jene Stränge fest zusammengedrückt, wären ihre Augen nicht weiter hervorgetreten. Eine der Frauen, die ohnmächtig geworden waren, keuchte und hustete plötzlich und schob das Fläschchen Riechsalz fort, das ihr bereits zu lange unter die Nase gehalten wurde, woraufhin sich aller Erstarrung löste und eine Flut von Stimmen anschwoll.
»Wir können doch noch Aes Sedai werden?« fragte die Tairenerin in der Weste der Gilde der Goldschmiede aufgeregt, während eine Frau mit rundlichem Gesicht, die einen mindestens doppelt so langen roten Gürtel wie alle anderen trug, gleichzeitig herausplatzte: »Sie werden uns lernen lassen? Sie werden uns wieder lehren?« Eine Flut qualvoll eifriger Stimmen. »Wir können wirklich...?« und »Sie werden uns tatsächlich...?« von allen Seiten.
Reanne fuhr heftig zu ihnen herum. »Ivara, Sumeko, Ihr alle, Ihr vergeßt Euch! Ihr sprecht vor Aes Sedai! Ihr sprecht ... vor ... Aes Sedai.« Sie fuhr sich mit zitternder Hand über das Gesicht. Verlegenes Schweigen senkte sich herab. Augenlider wurden gesenkt, und Röte stieg in die Wangen. Trotz all dieser Falten aufweisenden Gesichter und des grauen und weißen Haars fühlte sich Elayne an eine Gruppe Novizinnen erinnert die nach dem letzten Läuten eine Kissenschlacht veranstalteten, als die Herrin der Novizinnen hereinkam.
Reanne blickte zögernd über ihre Fingerspitzen. »Wir werden wirklich in die Burg zurückkehren dürfen?« fragte sie kaum hörbar.
Elayne nickte. »Diejenigen, die lernen können, Aes Sedai zu werden, werden die Chance bekommen, aber es wird für alle Platz sein. Für jede Frau, welche die Macht lenken kann.«
Ungeweinte Tränen schimmerten in Reannes Augen. Elayne war sich nicht sicher, aber sie glaubte die Frau flüstern zu hören: »Ich kann eine Grüne werden.« Es fiel ihr sehr schwer, nicht zu ihr zu eilen und sie zu umarmen.
Keine der anderen Aes Sedai zeigte Gefühle, und Merilille war gewiß aus noch härterem Holz. »Wenn ich eine Frage stellen dürfte, Elayne? Reanne, wie viele ... von Euch werden wir aufnehmen?« Die kleine Pause sollte zweifellos die Formulierung »wie viele Wilde und Frauen, die es beim ersten Mal nicht geschafft haben« verhindern.
Wenn Reanne es bemerkte oder vermutete, kümmerte sie sich nicht darum. »Ich kann nicht glauben, daß jemand das Angebot ablehnen würde«, sagte sie atemlos. »Es wird vielleicht einige Zeit dauern, alle zu benachrichtigen. Wir bleiben verstreut, versteht Ihr, damit...« Sie lachte ein wenig nervös und noch immer den Tränen nahe. »...damit Aes Sedai uns nicht bemerken. Im Moment stehen eintausendsiebenhundertdreiundachtzig Namen auf der Liste.«