Covarla wurde bleich. Sie schwankte dermaßen, als sie ihren Hofknicks vollführte, daß Elaida glaubte, sie würde umfallen. Stümper! Sie war von Narren, Verrätern und Stümpern umgeben!
Sobald Elaida die Außentür zufallen hörte, schleuderte sie ihr Strickzeug von sich, sprang auf und fuhr zu Alviarin herum. »Warum habe ich hiervon nicht schon früher erfahren? Wenn al'Thor vor - was sagtet Ihr? Vor sieben Tagen? -, wenn er vor sieben Tagen entkommen ist, müssen irgend jemandes Augen-und-Ohren ihn gesehen haben. Warum wurde ich nicht informiert?«
»Ich kann an Euch nur weitergeben, was die Ajahs mir berichten, Mutter.« Alviarin richtete völlig gelassen ihre Stola. »Wollt Ihr wahrhaftig eine dritte Katastrophe riskieren, indem Ihr die Gefangenen zu befreien versucht?«
Elaida schnaubte verächtlich. »Glaubt Ihr tatsächlich, Wilde könnten Aes Sedai trotzen? Galina hat sich überrumpeln lassen. So muß es gewesen sein.« Sie runzelte die Stirn. »Was meint Ihr mit einer dritten Katastrophe?«
»Ihr hört nicht zu, Mutter.« Alviarin setzte sich unerhörterweise hin, ohne die Erlaubnis dazu erhalten zu haben, schlug die Beine übereinander und richtete unbekümmert ihre Röcke. »Covarla dachte, sie hatten sich vielleicht gegen die Wilden behaupten können -obwohl ich glaube, daß sie davon nicht annähernd so überzeugt ist, wie sie uns glauben machen will -, aber die Männer waren eine andere Sache. Mehrere hundert Männer in schwarzen Jacken, die alle die Macht lenkten. Sie war sich dessen sicher, und die anderen anscheinend ebenso. Lebende Waffen, nannte sie sie. Ich glaube, sie hätte sich noch bei der Erinnerung daran fast beschmutzt.«
Elaida stand da wie erschlagen. Mehrere hundert? »Unmöglich. Es können nicht mehr sein als...« Sie trat zu einem scheinbar vollkommen aus Elfenbein und Gold bestehenden Tisch und goß sich einen Becher gewürzten Wein ein. Der Rand des Kristallkruges schlug gegen den Kristallbecher, und fast ebensoviel Wein ergoß sich auf das Tablett wie in den Becher.
»Da al'Thor das Schnelle Reisen beherrscht«, sagte Alviarin plötzlich, »scheint es logisch, daß zumindest einige dieser Männer es auch beherrschen. Covarla ist der festen Überzeugung, daß sie auf diese Weise angekommen sind. Er ist über seine Behandlung vermutlich ziemlich aufgebracht. Covarla war deshalb anscheinend etwas beunruhigt und hat angedeutet, daß auch einige der Schwestern beunruhigt wären. Vielleicht hat er das Gefühl, Euch etwas zu schulden. Es wäre nicht erfreulich, wenn diese Männer plötzlich aus der Luft genau hier die Burg beträten, nicht wahr?«
Elaida stürzte den gewürzten Wein regelrecht ihre Kehle hinab. Galina hatte Anweisungen erhalten, damit zu beginnen, al'Thor gefügig zu machen. Wenn er kam, um Rache zu nehmen... Wenn es wirklich Hunderte von Männern gab, welche die Macht lenken konnten - selbst wenn es nur einhundert waren... Sie mußte nachdenken!
»Ich denke, wenn sie kommen wollten, wären sie jetzt bereits hier. Sie hätten sich den Überraschungsmoment nicht entgehen lassen. Vielleicht will selbst al'Thor nicht der versammelten Burg gegenübertreten. Sie sind vermutlich alle nach Caemlyn, in ihre Schwarze Burg, zurückgekehrt. Was, wie ich befürchte, bedeutet, daß Toveine ein höchst unerfreulicher Schock bevorsteht.«
»Schickt ihr den schriftlichen Befehl, sofort zurückzukommen«, sagte Elaida heiser. Der gewürzte Wein half anscheinend nicht. Sie wandte sich um und zuckte zusammen, als Alviarin unmittelbar vor ihr stand. Vielleicht waren es nicht einmal einhundert Männer - nicht einmal einhundert? Bei Sonnenuntergang wären zehn noch verrückt erschienen -, aber sie durfte das Risiko nicht eingehen. »Schreibt den Befehl selbst, Alviarin. Jetzt. Sofort.«
»Und wie soll ihr die Botschaft überbracht werden?« Alviarin neigte den Kopf in frostiger Neugier. Aus einem unbestimmten Grund lächelte sie schwach. »Von uns beherrscht niemand das Schnelle Reisen. Die Schiffe werden Toveine und ihre Gesellschaft jetzt jeden Tag in Andor an Land bringen, wenn es nicht bereits geschehen ist. Ihr habt ihr befohlen, ihre Leute in kleine Gruppen aufzuteilen und Dörfer zu meiden, damit niemand gewarnt wird. Nein, Elaida, ich fürchte, Toveine wird ihre Kräfte in der Nähe von Caemlyn wieder sammeln und die Schwarze Burg angreifen, ohne daß sie eine Nachricht von uns erhält.«
Elaida keuchte. Die Frau hatte sie gerade beim Namen genannt! Und bevor sie ihren Zorn äußern konnte, kam es noch schlimmer.
»Ich glaube, Ihr seid in erheblichen Schwierigkeiten, Elaida.« Kalte Augen blickten Elaida an, und kalte Worte lösten sich glatt von Alviarins lächelnden Lippen. »Früher oder später wird der Saal von der Katastrophe mit al'Thor erfahren. Galina konnte den Saal vielleicht zufriedenstellen, aber ich bezweifle, daß es auch Covarla gelingen wird. Sie werden wollen, daß jemand ... Höherstehendes ... bezahlt. Und früher oder später werden wir alle Toveines Schicksal erleiden. Dann wird es schwierig für Euch sein, diese Last auf Euren Schultern zu tragen.« Sie richtete beiläufig die Stola der Amyrlin um Elaidas Hals. »Tatsächlich wird es unmöglich sein, wenn sie es bald erfahren. Ihr werdet gedämpft und als abschreckendes Beispiel verdammt werden, so wie Ihr es mit Siuan Sanche tun wolltet. Aber vielleicht gewinnt Ihr genügend Zeit, es wiedergutzumachen, wenn Ihr auf Eure Behüterin der Chroniken hört. Ihr müßt einen guten Rat annehmen.«
Elaidas Zunge fühlte sich erstarrt an. Die Drohung hätte nicht deutlicher ausgesprochen werden können. »Was Ihr heute gehört habt, ist der Flamme versiegelt«, sagte sie mit belegter Stimme, aber sie wußte, noch bevor sie die Worte ausgesprochen hatte, daß sie nutzlos waren.
»Wenn Ihr meinen Rat zurückweisen wollt...« Alviarin hielt inne und wollte sich abwenden.
»Wartet!« Elaida zog die Hand zurück, die sie unbewußt ausgestreckt hatte. Der Stola beraubt. Gedämpft. Und selbst danach würde man sie noch zum Schreien bringen. »Was...?« Sie mußte abbrechen, um zu schlucken. »Was rät mir meine Behüterin der Chroniken?« Dies mußte irgendwie aufzuhalten sein.
Alviarin trat seufzend wieder näher. Tatsächlich noch näher. Viel zu nahe für jemanden, der bei der Amyrlin stand, da sich ihre Röcke fast berührten. »Ich fürchte, zunächst müßt Ihr Toveine ihrem Schicksal überlassen, zumindest im Moment. Und Galina und alle anderen Gefangenen ebenfalls, gleichgültig, ob sie von den Aiel oder den Asha'man gefangengenommen wurden. Jeder Rettungsversuch muß jetzt Entdeckung bedeuten.«
Elaida nickte zögernd. »Ja. Das sehe ich ein.« Sie konnte ihren entsetzten Blick nicht vom fordernden Blick der anderen Frau abwenden. Es mußte eine Möglichkeit geben! Dies durfte nicht geschehen!
»Ich bin der Ansicht, es ist an der Zeit, Eure Entscheidung über die Burgwache zu überdenken. Glaubt Ihr wirklich nicht, daß die Wache nach allem verstärkt werden sollte?«
»Ich ... ich denke, ich sollte es tun.« Licht, sie mußte nachdenken!
»Gut«, murmelte Alviarin, und Elaida errötete vor hilflosem Zorn. »Morgen werdet Ihr persönlich Josaines Räume durchsuchen, und Adelornas ebenfalls.«