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»Warum, unter dem Licht, sollte ich...?«

Die Frau zog erneut an ihrer gestreiften Stola, dieses Mal fast so fest, als wollte sie sie ihr herunterreißen oder sie damit erwürgen. »Anscheinend hat Josaine vor einigen Jahren ein Angreal gefunden und niemals zurückgegeben. Und Adelorna hat, fürchte ich, noch Schlimmeres getan. Sie hat ohne Erlaubnis ein Angreal aus einem der Lagerräume entwendet. Wenn Ihr sie gefunden habt, werdet Ihr sofort ihre Bestrafung verkünden. Eine recht harte Strafe. Und gleichzeitig werdet Ihr Doraise, Kiyoshi und Farellien als Beispiele der Aufrechterhaltung des Gesetzes hinstellen. Ihr werdet jeder ein Geschenk machen. Ein gutes Pferd wird genügen.«

Elaida fragte sich, ob ihr wohl die Augen aus dem Gesicht fallen würden. »Warum?« Manchmal behielt eine Schwester dem Gesetz zum Trotz ein Angreal für sich, aber die Strafe betrug selten mehr als einen festen Schlag auf die Knöchel. Jede Schwester wußte um die Versuchung. Und um alles andere! Die Absicht war offensichtlich. Jedermann würde glauben, Doraise und Kiyoshi und Farellien hätten die anderen beiden entlarvt. Josaine und Adelorna waren Grüne, während die anderen der Braunen und Grauen beziehungsweise der Gelben Ajah angehörten. Die Grüne Ajah würde zornig sein. Sie könnten sogar versuchen, es den anderen heimzuzahlen, was wiederum jene Ajahs aufwiegeln würde und... »Warum wollt Ihr das tun, Alviarin?«

»Elaida, es sollte Euch genügen, daß ich Euch dies rate.« Spöttisches, honigsüßes Eis wurde zu kaltem Stahl. »Ich möchte Euch sagen hören, daß Ihr tun werdet, was man Euch befiehlt. Sonst hat es für mich keinen Zweck mehr zu versuchen, die Stola um Euren Hals zu retten. Sagt es!«

»Ich...« Elaida versuchte, den Blick abzuwenden. Oh, Licht, sie mußte nachdenken! Ihr Magen verkrampfte sich. »Ich werde ... tun ... was man ... mir sagt.«

Alviarin lächelte ihr frostiges Lächeln. »Seht Ihr, das war doch gar nicht so schwer.« Sie trat jäh zurück und breitete bei einem angemessenen Hofknicks ihre Röcke aus. »Ich werde mich, mit Eurer Erlaubnis, zurückziehen, damit Ihr den Rest der Nacht noch etwas Schlaf finden mögt. Ihr müßt morgen früh zeitig aufstehen, um Chubain Befehle zu erteilen und Räume zu durchsuchen. Außerdem müssen wir entscheiden, wann wir die Burg über die Asha'man in Kenntnis setzen.« Ihr Tonfall machte deutlich, daß sie diese Entscheidung treffen würde. »Und vielleicht sollten wir auch damit beginnen, unseren nächsten Zug gegen al'Thor zu planen. Die Burg muß sich bald offen bekennen und ihn gefügig machen, meint Ihr nicht? Denkt gut darüber nach. Ich wünsche Euch eine angenehme Nacht, Elaida.«

Elaida sah ihr benommen und mit einem Gefühl der Übelkeit nach. Offen bekennen? Das würde einen Angriff dieser - wie hatte die Frau sie genannt? -Asha'man nur herausfordern. Das durfte ihr nicht passieren. Nicht ihr! Bevor sie erkannte, was sie tat, schleuderte sie ihren Becher quer durch den Raum, so daß er an der Wand zerbarst. Dann ergriff sie mit beiden Händen den Krug, hob ihn mit einem Wutschrei über den Kopf und schleuderte ihn ebenfalls von sich, so daß der gewürzte Wein umher spritzte. Die Vorhersage war so eindeutig gewesen! Sie würde...!

Sie hielt jäh inne und betrachtete stirnrunzelnd die winzigen, an der Wand hängenden Kristallsplitter und die über den Boden verstreuten größeren Scherben.

Die Vorhersage. Sie hatte gewiß ihren Triumph prophezeit. Ihren Triumph! Alviarin hatte vielleicht einen geringfügigen Sieg errungen, aber die Zukunft gehörte Elaida. Solange sie Alviarin loswerden könnte. Aber es mußte still geschehen, auf eine Art, daß sogar der Saal es verheimlichen wollte. Auf eine Art, die erst auf Elaida hindeuten würde, wenn es zu spät wäre, falls Alviarin davon erfahren sollte. Und plötzlich kam ihr die Idee. Alviarin würde es nicht glauben, wenn man es ihr erzählte. Niemand würde es glauben.

Hätte Alviarin sie jetzt lächeln sehen, wären ihr die Knie weich geworden. Bevor sie mit ihr fertig war, würde Alviarin Galina beneiden, lebendig oder tot.

Alviarin blieb im Gang vor Elaidas Räumen stehen und betrachtete beim Licht der Stehlampen ihre Hände. Sie zitterten nicht, was sie überraschte. Sie hatte erwartet, daß die Frau stärker kämpfen, länger widerstehen würde. Aber der Anfang war gemacht, und sie hatte nichts zu befürchten. Es sei denn, Elaida erfuhr, daß ihr in den letzten Tagen nicht weniger als fünf Ajahs Nachrichten über al'Thor hatten zukommen lassen. Die Entlassung Colavaeres hatte die Agenten jeder Ajah in Cairhien eiligst zur Feder greifen lassen. Nein, wenn Elaida es erfuhr, war sie dennoch ausreichend sicher, da sie die Frau jetzt unter Kontrolle hatte. Und weil Mesaana ihre Gönnerin war. Elaida war jedoch am Ende, ob sie es erkannte oder nicht. Selbst wenn es den Asha'man nicht gelang, Toveines Feldzug vollkommen zu zerschlagen - und nach dem, was Mesaana ihr über die Ereignisse der Brunnen von Dumai erzählt hatte, schien es unzweifelhaft, daß es ihnen gelänge -, würden allen Augen-und-Ohren in Caemlyn dennoch wahrhaft Flügel verliehen, wenn sie es erfuhren. Ohne ein Wunder, wie an den Toren erscheinende Aufständische, würde Elaida innerhalb weniger Wochen Siuan Sanches Schicksal teilen. Der Anfang war in jedem Fall gemacht, und wenn sie wünschte, sie wüßte, was ›es‹ war, mußte sie wirklich nur gehorchen. Und aufpassen. Und lernen. Vielleicht würde sie die Stola mit den sieben Streifen selbst tragen, wenn alles vorbei war.

Seaine tauchte im frühen, durch ihre Fenster hereinströmenden Sonnenschein ihre Feder in das Tintenfaß, aber bevor sie das nächste Wort schreiben konnte, öffnete sich die Tür zum Gang, und die Amyrlin rauschte herein. Seaine wölbte die dichten schwarzen Augenbrauen. Sie hätte jedermann sonst eher erwartet als Elaida, vielleicht sogar al'Thor selbst. Dennoch legte sie die Feder hin, erhob sich anmutig und zog die silberweißen Ärmel herab, die sie hinauf geschoben hatte, damit keine Tinte daran käme. Sie vollführte einen dem Amyrlin-Sitz von einer Sitzenden in ihren eigenen Räumen angemessenen Hofknicks.

»Ich hoffe, Ihr habt keine Weißen Schwestern gefunden, die Angreale verbergen, Mutter.« Nach all diesen Jahren hörte man aus ihrer Sprache noch immer den lugardischen Akzent heraus. Sie hoffte es recht inbrünstig. Elaidas Abstieg zu den Grünen vor wenigen Stunden, während die meisten anderen schliefen, bewirkte vermutlich noch immer Jammern und Zähneknirschen. Solange man sich erinnern konnte, war keine Schwester dazu verurteilt worden, gezüchtigt zu werden, weil sie ein Angreal zurückgehalten hatte, und jetzt sollten es sogar zwei sein. Die Amyrlin mußte eine ihrer berühmten Phasen kalten Zorns durchlebt haben.

Aber wenn das zum gegebenen Zeitpunkt zutraf, gab sie jetzt keinen Hinweis mehr darauf. Sie betrachtete Seaine einen Moment schweigend, in ihrer mit roten Schlitzen versehenen Seide kühl wie ein Winterteich, und glitt dann zu der reich verzierten Anrichte, auf der die Elfenbeinminiaturen von Seaines Familie standen. Sie alle waren schon seit Jahren tot, aber sie liebte sie noch immer.

»Ihr habt Euch nicht erhoben, um mich zur Amyrlin zu wählen«, sagte Elaida und nahm das Bild von Seaines Vater auf. Sie stellte es hastig wieder hin und nahm statt dessen das Bild ihrer Mutter hoch.

Seaine hätte fast erneut die Augenbrauen gewölbt, aber sie versuchte, es sich zur Regel zu machen, sich nicht häufiger als einmal am Tag überraschen zu lassen. »Ich wurde erst hinterher darüber informiert, daß der Saal sich versammelt hatte, Mutter.«

»Ja, ja.« Elaida ließ von den Miniaturen ab und glitt zum Kamin. Seaine hatte schon immer eine Vorliebe für Katzen gehabt, und aus Holz geschnitzte Katzen aller Arten bevölkerten den Kaminsims, einige in komischen Posen. Die Amyrlin betrachtete sie stirnrunzelnd, schloß dann fest die Augen und schüttelte leicht den Kopf. »Aber ihr seid geblieben«, sagte sie und wandte sich rasch um. »Jede Sitzende, die nicht informiert wurde, entfloh der Burg und schloß sich den Aufständischen an. Warum seid Ihr als einzige geblieben?«