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Seaine spreizte die Hände. »Was konnte ich anderes tun, Mutter? Die Burg muß unversehrt sein.« Wer auch immer die Amyrlin ist, fügte sie im Geiste hinzu. Und was stimmt mit meinen Katzen nicht, wenn ich fragen darf? Nicht, daß sie diese Frage jemals laut gestellt hätte. Sereille Bagand war eine grimmige Herrin der Novizinnen gewesen, bevor sie im selben Jahr, in dem sie selbst die Stola erhielt, zum Amyrlin-Sitz erhoben wurde, und sie war eine noch grimmigere Amyrlin gewesen, als Elaida jemals sein könnte. Seaine waren die Eigenheiten mehrere Jahre lang zu nachhaltig und tief eingebleut worden, um jetzt noch etwas daran zu ändern. Oder an der Abneigung gegenüber der Frau, welche die Stola trug. Man mußte eine Amyrlin nicht mögen.

»Die Burg muß unversehrt sein«, stimmte Elaida ihr zu und rieb ihre Hände aneinander. »Sie muß unversehrt sein.« Warum war sie nervös? Sie kannte neunundneunzig verschiedene, unangenehme Stimmungen, aber nervös war die Frau niemals. »Was ich Euch jetzt sage, ist der Flamme versiegelt, Seaine.« Sie verzog den Mund, zuckte die Achseln und riß verärgert an ihrer Stola. »Wenn ich wüßte, wie ich es noch eindringlicher ausdrücken könnte, würde ich es tun«, sagte sie vollkommen trocken.

»Ich werde Eure Worte in meinem Herzen bewahren, Mutter.«

»Ich möchte - ich befehle Euch -, daß Ihr Nachforschungen anstellt. Ihr müßt dies wirklich in Eurem Herzen bewahren. Wenn die falsche Person davon erfährt könnte es Tod und Unheil für die ganze Burg bedeuten.«

Seaines Augenbrauen zuckten. Tod und Unheil für die ganze Burg? »In meinem Herzen«, wiederholte sie. »Möchtet Ihr Euch setzen, Mutter?« Das war in ihren eigenen Räumen angemessen. »Darf ich Euch etwas Minztee anbieten? Oder gewürzten Pflaumenwein?«

Elaida winkte ab und ließ sich auf dem bequemsten Stuhl nieder, den Seaines Vater als Geschenk geschnitzt hatte, als sie die Stola erhielt, obwohl die Polster seitdem natürlich mehrmals erneuert worden waren. Die Amyrlin verlieh dem Stuhl durch ihren starr aufgerichteten Rücken und die eiserne Haltung den Anstrich eines Throns. Höchst ungnädigerweise erteilte sie Seaine nicht die Erlaubnis, sich zu setzen, so daß Seaine die Hände faltete und stehen blieb.

»Ich habe, seit man meine Vorgängerin und ihre Behüterin der Chroniken entkommen ließ, lange und intensiv über Verrat nachgedacht, Seaine. Ihrer Flucht muß Verrat zugrunde gelegen haben, und ich fürchte, daß einige Schwestern ihnen geholfen haben könnten.«

»Das wäre gewiß eine Möglichkeit, Mutter.« Elaida runzelte angesichts der Unterbrechung die Stirn.

»Wir können niemals sicher sein, wer den Schatten des Verrats im Herzen trägt, Seaine. Nun, ich vermute, daß jemand Vorkehrungen getroffen hat, einen meiner Befehle zu widerrufen. Und ich habe Grund zu der Annahme, daß jemand persönlich mit Rand al'Thor Verbindung aufgenommen hat. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck, aber das ist sicherlich Verrat an mir und an der Burg.«

Seaine wartete auf weitere Äußerungen, aber die Amyrlin erwiderte nur ihren Blick und strich zögernd ihre mit roten Schlitzen versehenen Röcke glatt, als sei sie sich dieser Bewegung nicht bewußt. »Wonach genau soll ich forschen, Mutter?« fragte sie vorsichtig.

Elaida sprang auf. »Ich beauftrage Euch, den Gestank des Verrats zu verfolgen, egal, wohin oder wie hoch hinauf er führt - auch wenn er zu der Behüterin der Chroniken selbst führt. Was Ihr findet, werdet Ihr allein dem Amyrlin-Sitz berichten, Seaine. Niemand sonst darf davon wissen. Versteht Ihr mich?«

»Ich verstehe Eure Befehle, Mutter.«

Was, wie sie dachte, nachdem Elaida noch schneller verschwand, als sie gekommen war, ungefähr das einzige war, was sie verstand. Sie setzte sich nachdenklich auf den Stuhl, den die Amyrlin freigemacht hatte, die Fäuste unter das Kinn gepreßt - die Haltung, in der ihr Vater stets dagesessen hatte, wenn er nachgedacht hatte. Es mußte schließlich eine logische Erklärung geben.

Sie hätte sich nicht gegen Siuan Sanche gestellt -sie selbst hatte das Mädchen zuerst als Amyrlin vorgeschlagen! -, aber nachdem es geschehen war und alle Formen gewahrt waren, wie flüchtig auch immer, war es sicherlich Verrat gewesen, ihr zur Flucht zu verhelfen, und ebenso, einen Befehl der Amyrlin bewußt widerrufen zu haben. Und vielleicht war auch die Verbindung zu al'Thor Verrat. Das hing davon ab, worüber man sich austauschte und zu welchem Zweck. Es wäre schwierig herauszufinden, wer den Befehl widerrufen hatte, wenn man nicht wußte, um welchen Befehl es ging. Zu diesem späten Zeitpunkt war es genausowenig wahrscheinlich, daß herausgefunden würde, wer Siuan zur Flucht verholfen hatte, wie es wahrscheinlich war, daß man erfuhr, wer vielleicht an al'Thor geschrieben hatte. Jeden Tag flogen so viele Tauben in die Burg und wieder hinaus, daß der Himmel manchmal Federn zu regnen schien. Wenn Elaida mehr wußte, als sie sagte, hatte sie gewiß geschickt darum herum geredet. Das alles ergab sehr wenig Sinn. Verrat würde Elaida vor Zorn kochen lassen, aber sie war nicht wütend, sondern nervös gewesen. Und bestrebt fortzukommen. Und geheimnisvoll, als wollte sie nicht alles sagen, was sie wußte oder vermutete. Zudem schien sie auch besorgt gewesen. Welche Art Verrat würde Elaida nervös oder besorgt machen? Tod und Unheil für die ganze Burg.

Wie die Teile eines Puzzles fügte sich allmählich alles zusammen, und Seaine wölbte die Augenbrauen. Es paßte. Alles paßte zusammen. Sie spürte alles Blut aus ihrem Gesicht weichen, und ihre Hände und Füße fühlten sich plötzlich eiskalt an. Der Flamme versiegelt. Sie hatte gesagt, sie würde dies in ihrem Herzen bewahren, aber alles hatte sich geändert, seit sie jene Worte ausgesprochen hatte. Sie erlaubte sich nur dann Besorgnis, wenn Grund dazu bestand, und im Moment war sie überaus besorgt. Sie konnte sich dem nicht allein stellen. Aber wer könnte ihr unter den gegebenen Umständen helfen? Die Antwort war leicht. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefaßt hatte, aber dann eilte sie aus ihren Räumen und aus den Quartieren der Weißen hinaus, wobei sie erheblich schneller ging als gewöhnlich.

Diener huschten wie immer durch die Gänge, obwohl sie so schnell lief, daß sie meistens an ihnen vorbei war, bevor sie Zeit für eine Verbeugung oder einen Hofknicks fanden, aber es waren anscheinend weniger Schwestern in der Nähe, als man durch die frühe Stunde hätte erklären können. Weitaus weniger. Doch wenn die meisten auch aus einem unbestimmten Grund in ihren Räumen blieben, machten die wenigen dies in gewisser Weise auch wieder wett. Schwestern schwebten die mit Wandteppichen behangenen Gänge entlang, die Gesichter vollkommen gelassen, aber hinter ihren Blicken schien sich Zorn zu verbergen. Hier und da sprachen zwei oder drei Frauen miteinander, die sich wachsam umsahen, ob jemand sie belauschte. Es waren stets zwei oder drei Frauen derselben Ajah. Sie glaubte, selbst gestern noch Frauen verschiedener Ajahs freundschaftlich miteinander umgehen gesehen zu haben. Von Weißen wurde erwartet, daß sie ihre Empfindungen vollkommen verbargen, aber sie hatte niemals einen Grund dafür erkennen können, warum sie sich blind stellen sollte, wie es einige andere taten. Mißtrauen ließ die Luft in der Burg knistern. Das war leider nichts Neues - die Amyrlin hatte durch ihre harten Maßnahmen damit begonnen, und die Gerüchte über Logain hatten die Situation noch verschlimmert -, aber heute morgen schien es ärger denn je.

Talene Minly kam vor ihr um eine Ecke. Sie hatte ihre Stola aus einem unbestimmten Grund nicht nur über die Schultern, sondern auch über die Arme gebreitet, als wollte sie die grünen Fransen zeigen. Dabei fiel ihr auf, daß jede Grüne, die sie heute morgen gesehen hatte, ihre Stola trug. Talene, blond und statuenhaft und wunderschön, war bereit gewesen, Siuan abzusetzen, aber sie war schon in die Burg gekommen, als Seaine noch eine Aufgenommene war, und diese Entscheidung hatte ihrer langen Freundschaft nicht geschadet. Talene hatte Gründe angeführt, die Seaine akzeptieren konnte, wenn sie auch nicht mit ihr übereinstimmte. Heute blieb ihre Freundin stehen und betrachtete sie aufmerksam. So viele Schwestern schienen einander in letzter Zeit auf diese Weise zu betrachten. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre sie ebenfalls stehengeblieben, aber nicht jetzt, wo ihr Kopf vor Sorgen wie eine verdorbene Melone zu zerspringen drohte. Talene war eine Freundin, und sie dachte, sie könnte sich ihrer sicher sein, aber dies zu denken genügte nicht allein. Später würde sie an Talene herantreten. Sie hoffte, daß es möglich wäre, und eilte nur mit einem Nicken vorüber.