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In den Quartieren der Roten war die Stimmung noch schlechter und die Luft noch dicker. Wie bei den anderen Ajahs gab es auch hier viel mehr Räume, als noch Schwestern da waren - so war es schon, seit die erste Aufständische geflohen war -, aber die Rote war die größte der Ajahs, und die noch bewohnten Stockwerke waren von Schwestern bevölkert. Rote trugen ihre Stolen häufig auch dann, wenn es nicht nötig war, und selbst hier trug jede Frau ihre roten Fransen wie ein Banner zur Schau. Unterhaltungen stockten, wenn Seaine sich näherte, und kalte Blicke folgten ihr in eisigem Schweigen. Sie fühlte sich wie ein Eindringling tief in Feindesland, während sie über diese eigenartigen Bodenfliesen - weiß mit der tränenförmigen Flamme von Tar Valon in Rot - schritt. Andererseits mochte jeder Teil der Burg Feindesland sein. Wenn man in eine andere Richtung blickte, konnte man jene scharlachroten Flammen für die Fänge eines roten Drachen halten. Sie hatte die unsinnigen Geschichten über die Roten und falsche Drachen niemals geglaubt, aber... Warum wollte niemand von ihnen sie leugnen?

Sie mußte nach dem Weg fragen. »Ich werde sie nicht stören, wenn sie beschäftigt ist«, sagte sie. »Wir waren einst enge Freundinnen, und ich würde diese Freundschaft gern auffrischen. Die Ajahs dürfen jetzt weniger denn je auseinandertreiben.« Das war alles nur zu wahr, obwohl die Ajahs eher zu zerfallen als auseinanderzutreiben schienen, aber die Domani hörte ihr mit einer wie in Kupfer gestochenen Miene zu. Es gab nicht viele Domani-Rote, und diese wenigen waren meist bösartiger als eingefangene Schlangen.

»Ich werde Euch den Weg zeigen, Sitzende«, sagte die Frau schließlich wenig respektvoll. Sie ging voran und beobachtete Seaine, als sie an die Tür klopfte, als könnte sie sie nicht allein hier zurücklassen. In die Tür war ebenfalls die Flamme geschnitzt, die in der Farbe frischen Blutes bemalt war.

»Herein!« rief eine energische Stimme von drinnen. Seaine öffnete die Tür und hoffte, daß sie den richtigen Raum betrat.

»Seaine!« rief Pevara freudig aus. »Was führt dich heute morgen zu mir? Komm herein! Schließ die Tür und setz dich!« Es schien, als wären die Jahre, seit sie Novizin und Aufgenommene gewesen waren, dahingeschmolzen. Etwas rundlich und nicht groß - sie war für eine Kandori tatsächlich klein -, war Pevara aber recht hübsch, hatte ein fröhliches Zwinkern in den Augen und ein bereitwilliges Lächeln. Es war traurig, daß sie die Rote Ajah erwählt hatte, ungeachtet ihrer Gründe, weil sie Männer noch immer mochte. Die Roten zogen Frauen an, die Männern gegenüber ein natürliches Mißtrauen an den Tag legten, aber andere erwählten sie wiederum, weil es eine wichtige Aufgabe war, Männer zu finden, welche die Macht lenken konnten. Ob sie anfangs Männer mochten oder verachteten, nicht viele Frauen konnten lange der Roten Ajah angehören, ohne eine voreingenommene Haltung gegenüber Männern zu entwickeln. Seaine hatte Grund zu der Annahme, daß Pevara, kurz nachdem sie die Stola erlangt hatte, eine Strafe verbüßt hatte, weil sie gesagt hatte, sie wünschte, sie hätte einen Behüter. Seit sie die sichereren Höhen des Saals erreicht hatte, äußerte sie offen, Behüter würden die Arbeit der Roten Ajah erleichtern.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dich zu sehen«, sagte Pevara, als sie es sich in Lehnstühlen bequem gemacht hatten, die mit den in Kandor vor hundert Jahren beliebten Spiralen verziert waren, und hübsche, mit Schmetterlingen bemalte Becher mit Blaubeertee in Händen hielten. »Ich habe oft gedacht, ich sollte zu dir gehen, aber ich gebe zu, daß ich fürchtete, was du sagen würdest, nachdem ich dich vor so vielen Jahren bewußt geschnitten habe. Der Klinge verschworen, Seaine. Ich hätte es nicht getan, wenn Tesien Jorhald mich nicht buchstäblich am Kragen gepackt hätte, und ich trug die Stola erst zu kurz, um schon ein starkes Rückgrat zu besitzen. Kannst du mir verzeihen?«

»Natürlich verzeihe ich dir«, erwiderte Seaine. »Ich habe es verstanden.« Die Rote Ajah mißbilligte Freundschaften außerhalb der eigenen Ajah zutiefst. Zutiefst und wirksam. »Wir können uns nicht gegen unsere Ajahs auflehnen, wenn wir jung sind, und später scheint es unmöglich umzukehren. Ich habe mich tausendmal daran erinnert, wie wir nach dem letzten Glockenschlag miteinander geflüstert haben -Oh, und die Streiche! Erinnerst du dich daran, wie wir Seranchas Nachtgewand mit Juckpulver bestreuten? -, aber ich schäme mich zuzugeben, daß ich erst überaus verängstigt sein mußte, um mich zu rühren. Ich möchte unsere Freundschaft gern wieder auffrischen, aber ich brauche auch deine Hilfe. Du bist die einzige, der ich wirklich vertrauen kann.«

»Serancha war damals ein Tugendbold, und sie ist es noch immer«, lachte Perava. »Die Graue Ajah ist ein guter Ort für sie. Aber ich kann nicht glauben, daß dich irgend etwas ängstigt. Du hattest niemals einen Grund, verängstigt zu sein, bis wir wieder in unseren Betten lagen. Aber unter der bedrohlichen Aussicht, bald vor den Saal zu treten, ohne zu wissen warum, werde ich dir alle mir mögliche Hilfe zukommen lassen, Seaine. Welche Hilfe brauchst du?«

Direkt angesprochen, zögerte Seaine und nippte an ihrem Tee. Nicht, daß sie an Pevara zweifelte, aber es war ... schwierig, die Worte auszusprechen. »Die Amyrlin hat mich heute morgen aufgesucht«, sagte sie schließlich. »Sie hat mich angewiesen, Nachforschungen anzustellen. Der Flamme versiegelte Nachforschungen.« Pevara runzelte leicht die Stirn, aber sie sagte nicht, daß Seaine in diesem Falle schweigen sollte. Seaine hatte vielleicht die meisten ihrer Streiche als Mädchen ausgeheckt, aber Pevara war diejenige mit der größten Unverfrorenheit gewesen und hatte die besten Nerven bei der Durchführung bewiesen. »Sie war sehr vorsichtig, aber als ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, erkannte ich, was sie von mir wollte. Ich soll...« Bei den letzten Worten versagte ihr der Mut. »...Schattenfreunde aus der Burg vertreiben.«

Pevaras Augen, die so dunkel wie ihre eigenen blau waren, versteinerten. Ihr Blick schwenkte zum Kaminsims, wo Miniaturen ihrer Familie in einer geraden Linie aufgereiht standen. Sie waren alle in ihrer Novizinnenzeit gestorben, Eltern, Brüder und Schwestern, Tanten, Onkel und alle anderen, bei einem rasch unterdrückten Aufstand von Schattenfreunden ermordet, die überzeugt worden waren, daß der Dunkle König bald aus seinem Gefängnis ausbrechen würde. Darum war Seaine sicher gewesen, daß sie ihr trauen konnte. Pevara hatte die Rote Ajah erwählt - obwohl Seaine noch immer glaubte, sie hätte in der Grünen Ajah genausoviel Erfolg gehabt und wäre dort glücklicher gewesen -, weil sie glaubte, daß eine Rote, die Männer jagte, welche die Macht lenken konnten, die besten Aussichten hatte, Schattenfreunde aufzuspüren. Sie war sehr gut darin. Ihr rundliches Äußeres verdeckte einen stählernen Kern. Und sie besaß den Mut, ruhig zu sagen, was auszusprechen Seaine nicht fertiggebracht hatte.

»Die Schwarze Ajah. Nun, kein Wunder, daß Elaida vorsichtig war.«

»Pevara, ich weiß, daß sie deren Existenz stets heftiger geleugnet hat als jegliche drei anderen Schwestern zusammengenommen, aber ich bin fest überzeugt, daß sie das gemeint hat, und wenn sie sicher ist...«

Ihre Freundin winkte ab. »Du brauchst mich nicht zu überzeugen, Seaine. Ich bin schon zu dem Schluß gekommen, daß die Schwarze Ajah existiert, seit...«