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Hier zögerte Perava seltsamerweise und spähte wie eine Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt in ihren Teebecher. »Was weißt du über die Ereignisse unmittelbar nach dem Aiel-Krieg?«

»Zwei Amyrlins starben plötzlich innerhalb von fünf Jahren«, sagte Seaine vorsichtig. Sie nahm an, daß die andere Frau die Ereignisse in der Burg meinte. Um die Wahrheit zu sagen, hatte sie, als sie vor fünfzehn Jahren und nur ein Jahr nach Perava zur Sitzenden erhoben wurde, auf kaum etwas außerhalb der Burg geachtet, und auch auf Ereignisse innerhalb der Burg nicht allzu sehr. »Viele Schwestern sind in jenen Jahren gestorben, soweit ich mich erinnere. Willst du also sagen, du glaubst, daß die ... Schwarze Ajah damit zu tun hatte?« Endlich. Sie hatte es ausgesprochen, und der Name hatte ihr nicht die Zunge verbrannt.

»Ich weiß es nicht«, sagte Perava leise und schüttelte den Kopf. »Du hast gut daran getan, intensiv nachzudenken. Damals wurden ... Dinge ... getan und der Flamme versiegelt.« Sie atmete zitternd ein.

Seaine drängte sie nicht. Sie hatte selbst etwas einem Verrat Ähnliches begangen, indem sie dasselbe Siegel gebrochen hatte, und Perava würde selbst entscheiden müssen. »Es wird sicherer sein, sich Berichte anzusehen als Fragen zu steilen, ohne eine Ahnung davon zu haben, wen wir tatsächlich befragen. Eine Schwarze Schwester muß logischerweise in der Lage sein, trotz der Eide zu lügen.« Sonst wäre die Schwarze Ajah schon längst entlarvt worden. Der Name schien ihr mit zunehmendem Gebrauch leichter über die Lippen zu kommen. »Wenn eine Schwester aufgeschrieben hat, sie hätte das eine getan, wir aber beweisen können, daß sie etwas anderes getan hat, dann haben wir eine Schattenfreundin gefunden.«

Perava nickte. »Ja, aber wir müssen vorsichtig sein. Vielleicht hat die Schwarze Ajah nichts mit dem Aufstand zu tun, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß sie diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen würden. Ich denke, wir müssen uns das letzte Jahr genauer ansehen.«

Seaine stimmte dem widerwillig zu. Sie würden bezüglich der letzten Monate weniger Berichte lesen können, sondern mehr Fragen stellen müssen. Noch schwerer war die Entscheidung, wen sie an ihren Nachforschungen teilhaben lassen wollten. Besonders nachdem Pevara sagte: »Es war mutig von dir, zu mir zu kommen, Seaine. Ich habe Schattenfreunde gekannt, die ihre Brüder, Schwestern und Eltern getötet haben, um zu verbergen, wer sie waren und was sie getan haben. Ich liebe dich dafür, aber du warst wirklich sehr mutig.«

Seaine zitterte wie unter einer Vorahnung. Hätte sie mutig sein wollen, hätte sie die Grüne Ajah erwählt. Sie wünschte fast, Elaida wäre zu jemand anderem gegangen. Aber jetzt war keine Umkehr mehr möglich.

33

Ein Bad

Die Tage erschienen Rand endlos, seit er Perrin fortgeschickt hatte, und die Nächte noch endloser. Er zog sich in seine Räume zurück und wies die Töchter des Speers an, niemanden zu ihm zu lassen. Nur Nandera durfte die Türen mit den vergoldeten Sonnen passieren, um ihm seine Mahlzeiten zu bringen. Die kräftige Tochter des Speers stellte dann ein abgedecktes Tablett ab, nannte jene, die ihn aufsuchen wollten, und sah ihn anklagend an, wenn er wiederholte, daß er niemanden empfangen wolle. Er hörte häufig mißbilligende Kommentare der Töchter des Speers im Gang, bevor Nandera die Tür hinter sich schloß. Er sollte sie hören, sonst hätten sie die Zeichensprache benutzt. Aber wenn sie ihn zermürben wollten, indem sie behaupteten, er schmolle... Die Töchter des Speers verstanden nicht und würden es vielleicht auch dann nicht verstehen, wenn er es ihnen erklärte. Sofern er sich dazu hätte überwinden können.

Er stocherte ohne Appetit in seinem Essen herum und versuchte dann zu lesen, aber selbst seine Lieblingsbücher konnten ihn nur einige Seiten lang ablenken. Mindestens einmal an jedem Tag hob er, obwohl er sich selbst versprochen hatte, es nicht zu tun, den schweren Kleiderschrank aus poliertem Schwarzholz und Elfenbein in seinem Schlafraum auf Stränge von Luft, ließ ihn beiseite gleiten und löste vorsichtig die Fallen, die er aufgestellt hatte, und die Spiegelmaske, welche eine glatte Wand vorgetäuscht hatte. Dort, in einer mit der Macht ausgehöhlten Nische, standen zwei kleine, ungefähr einen Fuß hohe Statuen aus weißem Stein, eine Frau und ein Mann, beide in fließenden Gewändern und mit einem über den Kopf gehaltenen Kristallspeer in der Hand. In jener Nacht, in der er das Heer nach Illian marschieren ließ, war er allein nach Rhuidean gegangen, um diese Ter'angreale zu holen: Wenn er sie brauchte, blieb ihm vielleicht nicht mehr viel Zeit, hatte er sich gesagt. Seine Hand würde sich nach dem bärtigen Mann ausstrecken - der einzigen Figur des Paars, die ein Mann benutzen konnte - und dann zitternd innehalten. Ein Finger würde die Statuette berühren, und mehr von der Einen Macht, als er sich vorstellen konnte, würde ihm zur Verfügung stehen. Damit konnte ihn niemand besiegen, niemand ihm widerstehen. Mit dieser Macht, hatte Lanfear einst gesagt, konnte er den Schöpfer herausfordern.

»Sie gehört rechtmäßig mir«, murmelte er stets, wenn seine Hand kurz vor der Figur zitternd innehielt. »Mir! Ich bin der Wiedergeborene Drache!«

Und er zwang sich jedesmal, sich wieder zurückzuziehen, wob die Spiegelmaske neu und die unsichtbaren Fallen, die jedermann zu Asche verbrennen würden, der sie ohne das dazugehörige Paßwort zu überwinden versuchte. Der riesige Kleiderschrank bewegte sich leicht wie eine Feder wieder auf seinen Platz. Er war der Wiedergeborene Drache. Aber genügte das? Es würde genügen müssen.

»Ich bin der Wiedergeborene Drache«, flüsterte er den Wänden manchmal zu, und manchmal schrie er sie an: »Ich bin der Wiedergeborene Drache!« Er wütete leise und laut gegen jene, die sich ihm entgegenstellten, die blinden Narren, die nicht sehen konnten und sich aus Ehrgeiz oder Habsucht oder Angst auch weigerten zu sehen. Er war der Wiedergeborene Drache, die einzige Hoffnung der Welt gegen den Dunklen König. Das Licht möge der Welt dabei helfen.

Aber sein Wüten und seine Gedanken daran, das Ter'angreal zu benutzen, waren nur Versuche, anderem zu entkommen, und das wußte er. Allein stocherte er in seinem Essen herum, wenn auch jeden Tag lustloser, und versuchte zu lesen, wenn auch selten, und Schlaf zu finden. Er schlief im Verlauf der Zeit häufiger, wobei es ihn nicht kümmerte, ob die Sonne tief oder hoch stand. Der Schlaf kam in unregelmäßigen Abständen, und was seine wachen Gedanken quälte, schlich sich auch in seine Träume ein und ließ ihn zu bald aufschrecken, um erholt zu sein. Kein noch so sorgfältiges Abschirmen konnte fernhalten, was bereits hineingelangt war. Er mußte sich den Verlorenen und früher oder später auch dem Dunklen König selbst stellen. Er mußte sich Narren stellen, die ihn bekämpften oder davonliefen, obwohl ihre einzige Hoffnung darin bestand, sich hinter ihn zu stellen. Warum ließen ihn seine Träume nicht in Ruhe? Er erwachte stets ruckartig aus einem Traum, noch bevor er recht begonnen hatte, um dann von Abscheu gegen sich selbst erfüllt und durch den mangelnden Schlaf verwirrt dazuliegen, aber die anderen... Er wußte, daß er sie alle verdiente.

Colavaere stellte sich ihm im Traum entgegen, ihr Gesicht schwarz und das Halstuch, mit dem sie sich erhängt hatte, noch immer im geschwollenen Fleisch ihres Halses eingesunken. Colavaere, schweigsam und anklagend, und all die Töchter des Speers, die für ihn gestorben waren, reihten sich hinter ihr auf, alle Frauen, die meinetwegen gestorben waren. Er kannte jedes einzelne Gesicht so gut wie sein eigenes und wußte auch alle Namen außer einem. Er erwachte schluchzend aus diesen Träumen.

Hundertmal schleuderte er Perrin durch die Große Halle der Sonne, und hundertmal wurde er von lodernder Angst und Zorn überwältigt. Hundertmal tötete er Perrin in seinen Träumen und wachte von seinen eigenen Schreien auf. Warum hatte der Mann die Aes Sedai-Gefangenen als Gegenstand ihres Streits erwählt? Rand wollte nicht über sie nachdenken. Er hatte sein Bestes getan, ihre Existenz von Anfang an zu ignorieren. Sie waren zu gefährlich, um sie lange als Gefangene zu halten, und er hatte keine Ahnung, was er mit ihnen tun sollte. Sie ängstigten ihn. Manchmal träumte er, wieder in der Kiste gefesselt zu sein, daß Galina und Erian und Katerine und die anderen ihn daraus hervorholten und schlugen, und erwachte wimmernd, selbst nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß seine Augen geöffnet und er längst aus der Kiste befreit war. Sie ängstigten ihn, weil er befürchtete, er könnte seiner Angst und seinem Zorn nachgeben und dann... Er versuchte, nicht daran zu denken, was er dann tun würde, aber manchmal träumte er es und wachte schweißgebadet auf. Er würde es nicht tun. Was auch immer er bisher getan hatte - das würde er nicht tun.