»Zumindest heißt es jetzt ›wir‹ anstatt ›ich‹«, sagte sie grimmig. Sie erhob sich behende und kam auf ihn zu, während sie zornig mit dem Finger auf ihn zeigte. »Hältst du mich für eine Puppe, Bauernjunge? Glaubst du, ich wäre zu dämlich, es dich wissen zu lassen, wenn ich nicht wollte, daß du mich berührst? Glaubst du, ich könnte es dir nicht unmißverständlich klarmachen?« Sie zog einen Dolch unter ihrer Jacke hervor, schwang ihn und steckte ihn zurück, ohne an Schnelligkeit verloren zu haben. »Ich erinnere mich daran, daß ich dir das Hemd vom Leib gerissen habe, weil du es dir nicht schnell genug über den Kopf ziehen konntest, um mir zu folgen. So wenig wollte ich deine Arme um mich spüren! Ich habe mit dir getan, was ich noch niemals mit einem anderen Mann getan habe -und glaube nicht, ich sei niemals in Versuchung gewesen! -, und du sagst, es sei alles deine Schuld! Als wäre ich nicht einmal dabeigewesen!«
Er stieß mit den Waden gegen einen Stuhl und erkannte, daß er vor ihr zurückgewichen war. Sie sah stirnrunzelnd zu ihm hoch und murrte: »Ich glaube nicht, daß es mir gefällt, wie du gerade jetzt auf mich herabblickst.« Sie trat ihn jäh fest vors Schienbein und stemmte beide Hände gegen seine Brust. Er fiel so hart auf den Stuhl, daß dieser fast umkippte. Ihre Locken schwangen, als sie den Kopf zurückwarf und ihre brokatdurchwirkte Jacke richtete.
»Vielleicht war es so, Min, aber...«
»So war es, Schafhirte«, unterbrach sie ihn energisch, »und wenn du wieder etwas anderes behaupten willst, solltest du lieber die Töchter des Speers rufen und die Macht lenken, so gut du es vermagst, weil ich dich dann durch diesen Raum prügeln werde, bis du um Gnade flehst. Und jetzt brauchst du eine Rasur und ein Bad.«
Rand atmete tief ein. Perrin führte eine solch heitere Ehe, mit einer lächelnden, sanften Frau. Warum fühlte er selbst sich stets zu Frauen hingezogen, die ihn vollkommen verwirrten? Wenn er nur über ein Zehntel von Mats Wissen über Frauen verfügte, hätte er gewußt, was er zu alledem sagen sollte, aber so konnte er nur weiter herumdrucksen. »Auf jeden Fall«, sagte er vorsichtig, »kann ich nur eines tun.«
»Und was könnte das sein?« Sie verschränkte die Arme fest unter ihren Brüsten und tippte unheilvoll mit dem Fuß auf, aber er wußte, daß es das richtige war.
»Dich fortschicken.« Genauso wie er Elayne und Aviendha fortgeschickt hatte. »Wenn ich mich nur irgendwie beherrschen könnte, hätte ich nicht...« Ihr Fuß tippte schneller auf. Vielleicht sollte er das lieber lassen. Getröstet? Licht! »Min, jedermann, der sich in meiner Nähe aufhält, ist in Gefahr. Die Verlorenen sind nicht die einzigen, die jedem in meiner Umgebung auf die bloße Möglichkeit hin Schaden zufügen würden, daß es auch mir schaden könnte. Und auch ich bin eine Gefahr. Ich kann meine Stimmungen nicht mehr kontrollieren. Min, ich hätte Perrin beinahe getötet! Cadsuane hatte recht. Ich werde wahnsinnig oder bin es bereits. Ich muß dich fortschicken, damit du in Sicherheit bist.«
»Wer ist diese Cadsuane?« fragte sie so ruhig, daß er zusammenzuckte, als er bemerkte, daß sie noch immer mit dem Fuß auftippte. »Alanna hat diesen Namen betont, als wäre sie die Schwester des Schöpfers. Nein, sage es mir nicht. Es ist mir gleichgültig.« Nicht daß sie ihm auch nur die kleinste Möglichkeit ließ, ihr zu widersprechen. »Auch Perrin kümmert mich nicht. Du würdest mich genauso wenig verletzen wie ihn. Ich glaube, daß dein großer öffentlicher Kampf ein Schwindel war. Mich kümmern deine Stimmungen nicht, und es ist mir auch egal, ob du wahnsinnig bist. Du kannst nicht wahnsinnig sein, sonst würdest du dich nicht so darüber sorgen. Aber mich kümmert...«
Sie beugte sich herab, bis jene sehr großen, sehr dunklen Augen auf gleicher Höhe mit seinen und ganz nah waren, und plötzlich funkelte ein solches Licht darin, daß er Saidin ergriff, bereit, sich zu verteidigen. »Mich fortschicken, damit ich in Sicherheit bin?« grollte sie. »Wie kannst du es wagen? Du hast kein Recht, mich überhaupt irgendwohin zu schicken! Du brauchst mich, Rand al'Thor! Wenn ich dir auch nur von der Hälfte der Visionen erzählen würde, die ich von dir gehabt habe, würden dir die Haare zu Berge stehen! Wage es! Du hast zugelassen, daß sich die Töchter des Speers jedem Risiko gestellt haben, dem sie sich stellen wollten, und du willst mich wie ein Kind fortschicken?«
»Ich liebe die Töchter des Speers nicht.« Tief im unbewegten Nichts treibend, hörte er diese Worte seinem Munde entströmen, und das Entsetzen zerschmetterte die Leere und vertrieb
Saidin.
»Nun«, sagte Min und richtete sich auf. Ein kleines Lächeln verlieh ihren Lippen mehr Schwung. »Es kommt nicht in Frage.« Und sie setzte sich auf seinen Schoß.
Sie hatte gesagt, er würde sie genauso wenig verletzen wie Perrin, aber jetzt mußte es sein. Er mußte es tun, zu ihrem eigenen Besten. »Ich liebe auch Elayne«, sagte er grob. »Und Aviendha. Siehst du, was ich bin?« Aus einem unbestimmten Grund schien sie dies nicht im geringsten zu stören.
»Rhuarc liebt auch mehr als eine Frau«, entgegnete sie. »Wie auch Bael, und ich habe an beiden niemals Trolloc-Hörner bemerkt. Nein, Rand, du liebst mich, und du kannst dich dem nicht widersetzen. Ich sollte dich nach allem, was du mich hast durchmachen lassen, eigentlich auf die Folter spannen, aber... Nur damit du es weißt, ich liebe dich auch.« Das Lächeln wich bei ihrem inneren Kampf einem Stirnrunzeln, und schließlich seufzte sie. »Das Leben wäre manchmal erheblich leichter, wenn meine Tanten mich nicht zur Aufrichtigkeit erzogen hätten«, murrte sie. »Und um aufrichtig zu sein, Rand, muß ich dir sagen, daß Elayne dich auch liebt. Und Aviendha ebenso. Wenn beide Frauen Mandelains ihn lieben können, dann mag es vermutlich auch drei Frauen gelingen, dich zu lieben. Aber ich bin hier, und wenn du versuchst, mich fortzuschicken, werde ich mich dir ans Bein binden.« Sie rümpfte die Nase. »Wenn du gebadet hast jedenfalls. Aber ich werde nicht gehen, egal was geschieht.«
In seinem Kopf drehte sich alles. »Du ... liebst mich?« fragte er ungläubig. »Und woher weißt du, was Elayne empfindet? Woher weißt du etwas über Aviendha? Licht! Mandelain kann tun, was er will, Min. Ich bin kein Aiel.« Er runzelte die Stirn. »Was hast du damit gemeint, daß du mir nicht einmal die Hälfte von dem erzählst, was du siehst? Ich dachte, du erzählst mir alles. Ich muß dich in Sicherheit bringen. Und hör auf, die Nase zu rümpfen! Ich rieche nicht!« Er zog ruckartig die Hand unter seiner Jacke hervor, mit der er sich gekratzt hatte.
Ihre gewölbten Augenbrauen sprachen Bände, aber sie mußte ihre Gedanken dennoch aussprechen. »Du wagst es, diesen Ton anzuschlagen? Als würdest du es nicht glauben?« Ihre Stimme wurde plötzlich mit jedem Wort lauter, und sie bohrte ihm drohend einen Finger in die Brust. »Glaubst du, ich würde mit einem Mann schlafen, den ich nicht liebe? Glaubst du das? Oder denkst du vielleicht, du wärst es nicht wert, geliebt zu werden? Ist es das?« Sie gab einen Laut von sich wie eine gequälte Katze. »Also bin ich ein Betthäschen ohne Hirn im Kopf, weil ich mich in einen wertlosen Rüpel verliebt habe? Du sitzt da, stierst wie ein kranker Ochse vor dich hin und verleumdest meinen Verstand, meinen Geschmack, meine... «
»Wenn du dich nicht beruhigst und vernünftig redest«, grollte er, »dann schwöre ich, daß ich dir den Hintern versohlen werde!« Die Worte drangen aus dem Nichts hervor, aus schlaflosen Nächten und Verwirrung, aber bevor er auch nur eine Entschuldigung ersinnen konnte, lächelte sie. Die Frau lächelte!
»Zumindest schmollst du nicht mehr«, sagte sie. »Jammere niemals, Rand, denn du bist nicht gut darin. Nun denn. Du willst Vernünftiges hören? Ich liebe dich, und ich werde nicht gehen. Wenn du mich fortschickst, werde ich den Töchtern des Speers erzählen, du hättest mich zugrunde gerichtet und beiseite geschoben. Ich werde es jedermann erzählen, der zuhören wird. Ich werde...«