Er hob seine rechte Hand, betrachtete die Handfläche mit dem eingebrannten Reiher und sah dann Min an. Sie blickte argwöhnisch ebenfalls auf seine Hand, regte sich auf seinen Knien und ignorierte dann deutlich sichtbar alles andere außer seinem Gesicht.
»Ich werde nicht gehen, Rand«, sagte sie ruhig. »Du brauchst mich.«
»Wie machst du das?« seufzte er und sank auf dem Stuhl zurück. »Selbst wenn du mir den Kopf zurechtrückst, läßt du noch alle meine Sorgen schwinden.«
Min rümpfte die Nase. »Man sollte dir häufiger den Kopf zurechtrücken. Erzähle von dieser Aviendha. Es besteht vermutlich keine Hoffnung, daß sie knochendürr und narbig wie Nandera ist.«
Er lachte wider Willen. Licht, wie lange hatte er nicht mehr vor Vergnügen gelacht? »Min, ich würde sagen, sie ist genauso hübsch wie du, aber wie kann man zwei Sonnenaufgänge vergleichen?«
Sie sah ihn einen Moment mit leisem Lächeln an, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie überrascht oder erfreut sein sollte. »Du bist ein sehr gefährlicher Mann, Rand al'Thor«, murmelte sie und beugte sich langsam vor. Er glaubte in ihren Augen zu versinken und verloren zu sein. All die Male zuvor, wenn sie auf seinem Schoß gesessen und ihn geküßt hatte, all die Male hatte er geglaubt, sie necke nur einen Bauernjungen, während er fast aus der Haut gefahren wäre, weil er sie ständig küssen wollte. Nun, wenn sie ihn jetzt erneut küßte...
Er ergriff sie fest an den Armen, erhob sich und stellte sie auf die Füße. Er liebte sie, und sie liebte ihn, aber er mußte daran denken, daß er auch Elayne ständig küssen wollte, wenn er an sie dachte, und Aviendha ebenfalls. Was immer Min über Rhuarc oder jeden anderen Aiel sagte, war sie doch an dem Tag, an dem sie sich in ihn verliebt hatte, schlecht beraten gewesen. »Du hast mir nicht einmal die Hälfte erzählt, Min«, sagte er ruhig. »Welche Visionen hast du mir vorenthalten?«
Sie sah zu ihm hoch, und Enttäuschung spiegelte sich auf ihrem Gesicht, aber das konnte nicht sein. »Du liebst den Wiedergeborenen Drachen, Min Farshaw«, murrte sie, »und solltest stets daran denken. Und du besser auch, Rand«, fügte sie hinzu und entzog sich ihm. Er ließ sie widerwillig und auch erleichtert los. Er wußte nicht, was von beidem eher zutraf. »Du bist schon eine halbe Woche wieder in Cairhien und hast noch immer nichts wegen des Meervolks unternommen. Berelain dachte, du könntest dich vielleicht dazu aufraffen. Sie hat mir einen Brief hinterlassen, in dem sie mich bittet, dich immer wieder daran zu erinnern, aber du hast es nicht zugelassen. Nun, es macht nichts. Berelain glaubt, das Meervolk wäre irgendwie wichtig für dich. Sie sagt, du seist die Erfüllung irgendeiner ihrer Prophezeiungen.«
»Ich weiß alles darüber, Min. Ich...« Er hatte erwogen, sich nicht auf das Meervolk einzulassen. Es wurde in den Prophezeiungen des Drachen, die er finden konnte, nicht erwähnt. Aber wenn er Min in seiner Nähe bleiben ließ, sie die Gefahren auf sich nehmen ließ... Er erkannte, daß sie gewonnen hatte. Er hatte Elayne mit bangem Herzen und Aviendha mit verkrampftem Magen fortgehen sehen. Er konnte es nicht noch einmal ertragen. Min stand abwartend da. »Ich werde sie noch heute auf ihrem Schiff aufsuchen. Das Meervolk soll vor dem Wiedergeborenen Drachen in all seinem Glanz niederknien. Vermutlich bestand niemals Hoffnung auf etwas anderes. Entweder gehören sie zu meinen Leuten, oder sie sind meine Feinde. So ist es anscheinend immer. Wirst du mir jetzt von deinen Visionen erzählen?«
»Rand, du solltest um ihre Eigenheiten wissen, bevor du...«
»Die Visionen?«
Sie verschränkte die Arme und blickte stirnrunzelnd zu ihm hoch. Sie schüttelte den Kopf und murrte leise etwas. Schließlich sagte sie: »In Wirklichkeit gibt es nur eine Vision. Ich habe übertrieben. Ich sah dich und einen anderen Mann. Ich konnte eure beiden Gesichter nicht erkennen, aber ich wußte, daß du einer der Männer warst. Ihr berührtet euch und schient ineinander zu verschmelzen und...« Sie preßte besorgt die Lippen zusammen und fuhr dann sehr bedrückt fort. »Ich weiß nicht, was es bedeutet, Rand, nur daß einer von euch stirbt und einer überlebt. Ich... Warum grinst du? Das ist kein Scherz, Rand. Ich weiß nicht, wer von euch stirbt.«
»Ich grinse, weil du mir damit sehr gute Nachrichten überbracht hast«, sagte er und berührte ihre Wange. Der andere Mann mußte Lews Therin sein. Ich bin nicht einfach wahnsinnig und höre Stimmen, dachte er frohlockend. Einer lebte und einer starb, aber er hatte schon lange gewußt, daß er sterben würde. Zumindest war er nicht wahnsinnig. Oder bei weitem nicht so wahnsinnig, wie er befürchtet hatte, obwohl er seine Launen noch immer kaum beherrschen konnte. »Verstehst du, ich...«
Plötzlich erkannte er, daß er ihr Gesicht nicht mehr nur berührte, sondern es mit beiden Händen umfaßte. Er ließ sie los, als hätte er sich verbrannt. Min schürzte die Lippen und sah ihn tadelnd an, aber er würde sie nicht zu seinem Vorteil benutzen. Es wäre ihr gegenüber ungerecht. Glücklicherweise begann sein Magen laut zu knurren.
»Ich muß etwas essen, wenn ich das Meervolk aufsuchen soll. Ich habe ein Tablett gesehen...«
Min schnaubte, als er sich abwandte, aber im nächsten Moment eilte sie auf die hohen Türen zu. »Du brauchst ein Bad, wenn wir das Meervolk aufsuchen.«
Nandera freute sich über die Wendung, nickte begeistert und verteilte Aufträge an die Töchter des Speers. Sie beugte sich nahe zu Min und sagte: »Ich hätte Euch schon am ersten Tag zu ihm lassen sollen. Ich wollte ihn am liebsten treten, aber den Car'a'carn darf man nicht treten.« Ihrem Tonfall nach hätte man es dennoch tun sollen. Sie sprach leise, aber doch nicht so leise, daß er sie nicht hören konnte. Er war sich sicher, daß dies wohlüberlegt geschah. Sie sah ihn zu scharf an, als daß es anders sein konnte.
Töchter des Speers schleppten eigenhändig die große Kupferwanne herein, verständigten sich in der Zeichensprache, sobald sie abgestellt war, lachend und zu aufgeregt, um die Palastdiener ihre Arbeit tun oder sie auch nur den beständigen Strom von Eimern mit heißem Wasser hereinbringen zu lassen. Rand hatte Mühe, sich seiner Kleidung selbst zu entledigen. Und er hatte Mühe, sich selbst waschen zu dürfen, und konnte auch der sein Haar einschäumenden Nandera nicht entkommen. Die flachshaarige Somera und die rothaarige Enaila bestanden darauf, ihn zu rasieren, als er brusttief in der Wanne saß, und konzentrierten sich dabei so sehr, als befürchteten sie, ihm die Kehle durchzuschneiden. Er war von anderen Gelegenheiten daran gewöhnt, als man es ihm verweigert hatte, Bürste oder Rasierklinge selbst handzuhaben. Er war daran gewöhnt, daß Töchter des Speers ihn umstanden und ihm beim Baden zusahen, ihm anboten, ihm Rücken oder Füße zu schrubben, wobei sie sich in der Zeichensprache lautlos verständigten, und stets verwundert über einen Menschen waren, der im Wasser saß. Es gelang ihm dann meist, zumindest einige loszuwerden, indem er sie mit Aufträgen fortschickte.
Aber er war nicht an Min gewöhnt die im Schneidersitz auf dem Bett saß, das Kinn auf die Hände gestützt, und das Ganze offensichtlich fasziniert beobachtete. Er hatte sie in der Menge der Töchter des Speers erst bemerkt, als er schon nackt war, und dann konnte er sich nur noch so schnell wie möglich hinsetzen, wobei das Wasser über die Seiten der Wanne hinweg schwappte. Die Frau wäre selbst eine sehr gute Tochter des Speers gewesen. Sie sprach mit den Töchtern des Speers recht offen über ihn - ohne auch nur zu erröten! Tatsächlich war er derjenige, der errötete.
»Ja, er ist sehr bescheiden«, sagte sie und stimmte darin mit Malindare überein, einer Frau, die rundlicher war als die meisten anderen Töchter des Speers, mit dem dunkelsten Haar, das Rand jemals bei einer Aiel gesehen hatte. »Bescheidenheit ziert einen Mann.« Malindare nickte ernst, aber Min grinste breit.