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Und dann kam: »O nein, Domeille. Es wäre eine Schande, solch ein hübsches Gesicht durch eine Narbe zu verschandeln.« Domeille, die grauer und hagerer als Nandera war, beharrte mit vorgerecktem Kinn darauf, daß eine Narbe seine Schönheit nicht verschandeln könnte. Ihre Worte. Der Rest war schlimmer. Die Töchter des Speers hatten schon immer Spaß daran gehabt, ihn zum Erröten zu bringen. Für Min galt das sicherlich ebenfalls.

»Früher oder später mußt du dich abtrocknen, Rand«, sagte sie und hielt mit beiden Händen ein großes weißes Handtuch hoch. Sie stand gute drei Schritt von der Wanne entfernt, und die Töchter des Speers waren kreisförmig zurückgewichen und beobachteten sie. Min lächelte so unschuldig, daß jeder Richter sie allein schon deshalb für schuldig befunden hätte. »Komm und trockne dich ab, Rand.«

Er war noch niemals in seinem Leben so erleichtert gewesen, sich anziehen zu können.

Inzwischen waren seine Befehle ausgeführt worden, und alles war vorbereitet. Rand al'Thor war vielleicht in einer Badewanne herumkommandiert worden, aber der Wiedergeborene Drache würde dem Meervolk in einer Weise gegenübertreten, daß sie vor Ehrfurcht auf die Knie sinken würden.

34

Ta'veren

Im Hof vor dem Palast war alles so vorbereitet worden, wie Rand es angeordnet hatte. Oder fast alles. Die Morgensonne warf lange Schatten, so daß nur zehn Schritte vor den hohen Bronzetoren im Licht der Sonne lagen. Dashiva und Flinn und Narishma, die drei Asha'man, die Rand zurückbehalten hatte, warteten neben ihren Pferden, wobei selbst Dashiva mit dem Silberschwert und dem rotgoldenen Drachen an seinem schwarzen Kragen strahlte, obwohl er das Schwert immer noch so betrachtete, als sei er ständig überrascht, es vorzufinden. Einhundert Mann von Dobraines Waffenträgern saßen mit zwei in der unbewegten Luft herabhängenden Bannern hinter Dobraine zu Pferde, ihre dunklen Rüstungen in der Sonne glänzend, und rote, weiße und schwarze Seidenwimpel waren unmittelbar unter den Spitzen um die Speere gebunden. Hochrufe erklangen, als Rand erschien, seinen Schwertgürtel mit der goldenen Drachenschließe um eine rote, goldverzierte Jacke gebunden.

»Al'Thor! Al'Thor! Al'Thor!« hallte es im Hof wider. Menschen, die sich auf den Ständen der Bogenschützen drängten, stimmten mit ein, Tairener und Cairhiener in Seide und Spitze, die Colavaere noch vor einer Woche zweifellos genauso laut zugejubelt hatten. Männer und Frauen, von denen einige gleichzeitig wünschten, er wäre niemals nach Cairhien zurückgekehrt, winkten und jubelten ihm zu. Er hob daraufhin das Drachenszepter an, und sie jubelten noch lauter.

Donnernder Trommelklang und Trompetenstöße stiegen durch die Hochrufe auf, von einem Dutzend weiterer Männer Dobraines hervorgebracht, die karmesinrote Wappenröcke mit der schwarzweißen Scheibe auf der Brust trugen. Die Hälfte der Männer führte mit dem gleichen Stoff gekennzeichnete lange Trompeten und die andere Hälfte Kesselpauken mit sich, die, ebenfalls verziert, zu beiden Seiten der Pferde befestigt waren. Fünf Aes Sedai mit ihren Stolen kamen Rand entgegen, als er die breiten Stufen hinabstieg. Alanna gewährte ihm einen prüfenden Blick aus jenen großen, dunklen, durchdringenden Augen - das winzige Geflecht von Empfindungen in seinem Schädel vermittelte ihm, daß sie ruhiger und entspannter war, als er sie je erlebt hatte -, ein prüfender Blick, gefolgt von einer kaum merklichen Bewegung, woraufhin Min seinen Arm berührte und sich ein paar Schritte mit ihr entfernte. Bera und die anderen vollführten flüchtige Hofknickse und beugten leicht den Kopf, während hinter Rand Aiel aus dem Palast strömten. Nandera führte zweihundert Töchter des Speers an - sie würden nicht von den ›Eidbrechern‹ überstrahlt werden -, und Camar, ein schlanker Berghang-Daryne, der grauer als Nandera und einen halben Kopf größer als Rand war, führte zweihundert Seia Doon an, die nicht von den Far Dareis Mai, geschweige denn von den Cairhienern, überstrahlt würden. Sie zogen auf beiden Seiten an ihm vorbei, und die Aes Sedai bildeten einen Ring im Hof. Bera, die wie eine stolze Bauersfrau, und Alanna, die wie eine geheimnisvolle, wunderschöne Königin wirkte, und die rundliche Rafela, die in ihrem blauen Gewand geheimnisvoll aussah, beobachteten ihn besorgt. Faeldrin musterte ihn mit kühlem Blick, ebenfalls eine Grüne, die ihre dünnen Zöpfe mit farbigen Perlen geschmückt hatte, und auch die schlanke Merana in ihrer grauen Kleidung, deren Stirnrunzeln Rafela wie das Bild der Aes Sedai-Gelassenheit erscheinen ließ. Fünf.

»Wo sind Kiruna und Verin?« verlangte Rand zu wissen. »Ich habe nach Euch allen verlangt.«

»In der Tat, mein Lord Drache«, antwortete Bera ruhig. Sie vollführte ebenfalls einen Hofknicks, nur eine leichte Verbeugung, aber es überraschte ihn dennoch. »Wir konnten Verin nicht finden. Sie ist nirgendwo bei den Aiel-Zelten. Sie befragt wahrscheinlich die...« Ihr ruhiger Tonfall schwankte einen Moment, »...die Gefangenen, um vielleicht zu erfahren, was geplant war, wenn sie Tar Valon erreicht hätten.« Wenn er Tar Valon erreicht hätte. Sie wußte genug, um damit nicht herauszuplatzen, wenn jedermann es hören konnte. »Und Kiruna ... bespricht mit Sorilea eine Frage des Protokolls. Aber gewiß wird sie sich uns nur zu gern anschließen, wenn Ihr sie persönlich herbeiruft. Ich könnte selbst gehen, wenn Ihr...«

Er winkte ab. Fünf sollten genügen. Vielleicht konnte Verin etwas erfahren. Wollte er es wissen? Und Kiruna. Eine Frage des Protokolls? »Ich bin froh, daß Ihr mit den Weisen Frauen zurechtkommt«, begann Bera und schloß dann fest den Mund. Was auch immer Alanna gerade zu Min sagte, ließ Min zutiefst errötend das Kinn emporrecken, wenn sie auch seltsamerweise äußerst ruhig zu antworten schien. Er fragte sich, ob sie es ihm erzählen würde. Wenn es etwas gab, dessen er sich bei Frauen sicher war, dann war es die Tatsache, daß jede einzelne Geheimnisse im Herzen trug, die manchmal mit einer anderen Frau, aber niemals mit einem Mann geteilt wurden.

»Ich bin nicht hierhergekommen, um den ganzen Tag herumzustehen«, sagte er verärgert. Die Aes Sedai hatten sich mit Bera über die Führung geeinigt, während die anderen einen halben Schritt zurückblieben. Wenn sie es nicht gewesen wäre, wäre es Kiruna gewesen. Ihre Entscheidung, nicht seine. Es kümmerte ihn wirklich nicht, solange sie sich an ihre Eide hielten, und er hätte es vielleicht dabei belassen, wenn Min und Alanna nicht gewesen wären. »Merana wird von jetzt an für Euch sprechen, und Ihr werdet Eure Befehle von ihr entgegennehmen.«

Den plötzlich geweiteten Augen nach hätte man denken können, er hätte jede einzelne von ihnen geschlagen. Einschließlich Merana. Sogar Alanna wandte ruckartig den Kopf. Warum sollten sie bestürzt sein? Natürlich hatten seit den Brunnen von Dumai fast immer Bera oder Kiruna das Wort ergriffen, aber Merana war nach Caemlyn gesandt worden.

»Bist du bereit, Min?« fragte er und schritt auf den Hof, ohne eine Antwort abzuwarten. Der große, feurig blickende schwarze Wallach, den er seit den Brunnen von Dumai geritten hatte, war mit einem Sattel mit Goldverzierungen sowie einer karmesinroten, in jeder Ecke mit der schwarzweißen Scheibe bestickten Satteldecke für ihn herangebracht worden. Das Geschirr paßte zu dem Tier und zu seinem Namen. Tai'daishar - in der Alten Sprache Herr der Herrlichkeit. Und Pferd und Geschirr paßten beide zum Wiedergeborenen Drachen.

Während Rand aufstieg, führte Min ihre mausgraue Stute heran und zog ihre eng anliegenden Reithandschuhe über, bevor sie aufstieg. »Seiera ist ein prächtiges Tier«, sagte sie und tätschelte der Stute den Hals. »Ich wünschte, sie gehörte mir. Ich mag auch ihren Namen. Eine um Baerlon vorkommende Blume, die im Frühling dort wächst, heißt Blauauge.«

»Sie gehört dir«, sagte Rand. Welcher Aes Sedai auch immer die Stute gehörte - sie würde es nicht ablehnen, sie ihm zu verkaufen. Er würde Kiruna tausend Kronen für Tai'daishar geben, dann konnte sie sich nicht beschweren. Selbst der beste Hengst aus tairenischer Zucht würde niemals auch nur ein Zehntel dieser Summe kosten. »Hattest du eine anregende Unterhaltung mit Alanna?«