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»Nichts, was dich interessieren würde«, sagte sie beiläufig. Aber ihre Wangen waren leicht gerötet.

Er schnaubte leise und erhob dann die Stimme. »Lord Dobraine, ich denke, ich habe das Meervolk lange genug warten lassen.«

Die Prozession zog entlang der breiten Straßen Menschenmengen an, und auch in Fenstern und auf Dächern versammelten sich Menschen, als die Nachricht des Herannahens der Prozession vorauseilte. Zwanzig Speerträger Dobraines führten sie an, um den Weg freizumachen, zusammen mit dreißig Töchtern des Speers und ebenso vielen Schwarzaugen. Dann kamen die Trommler, die ihre Instrumente unaufhörlich dröhnen ließen, und die Trompeter verstärkten den Lärm noch mit Trompetenstößen. Rufe von Zuschauern erstickten die Trommeln und Trompeten fast gleichermaßen, ein wortloses Brüllen, das genausogut Wut wie Beifall hätte sein können. Die Banner blähten sich unmittelbar vor Dobraine und hinter Rand, das weiße Drachenbanner und das scharlachrote Banner des Lichts, und verschleierte Aiel liefen neben Speerträgern her, deren Wimpel ebenfalls im Wind wehten. Hin und wieder wurden Rand ein paar Blumen zugeworfen. Vielleicht haßten sie ihn nicht. Vielleicht fürchteten sie ihn nur. Das mußte genügen.

»Ein jedem König angemessener Zug«, sagte Merana laut, so daß man es hören konnte.

»Dann genügt er für den Wiedergeborenen Drachen«, erwiderte Rand scharf. »Bleibt Ihr zurück? Und du auch, Min.« Andere Dächer hatten Mörder beherbergt. Der für ihn bestimmte Pfeil würde heute keine Frau treffen.

Sie fielen hinter seinem großen Schwarzen zurück, immerhin drei Schritte, und dann waren sie sofort wieder neben ihm, und Min berichtete ihm, was Berelain über das Meervolk auf den Schiffen, über die Jendai-Prophezeiung und den Coramoor aufgeschrieben hatte, und Merana fügte hinzu, was sie über die Prophezeiung wußte, obwohl sie zugab, daß es nicht sehr viel war.

Rand behielt die Dächer im Auge und hörte nur mit halbem Ohr zu. Er hatte Saidin nicht umarmt, aber er konnte es bei Dashiva und den beiden anderen unmittelbar hinter ihm wahrnehmen. Er verspürte nicht das Kribbeln, das ihm vermitteln würde, daß die Aes Sedai die Quelle umarmten, aber er hatte ihnen auch befohlen, es nicht ohne seine Erlaubnis zu tun. Vielleicht sollte er das ändern. Sie hielten sich anscheinend an ihren Schwur. Wie konnten sie auch nicht? Sie waren Aes Sedai. Es wäre unglücklich, wenn die Klinge eines Mörders ihn erwischte, während eine der Schwestern zu entscheiden versuchte, ob zu dienen bedeutete, ihn zu retten, oder ob zu gehorchen bedeutete, die Macht nicht zu lenken.

»Warum lachst du?« wollte Min wissen. Seiera tänzelte näher heran, und Min sah lächelnd zu ihm hoch.

»Dies ist keine lächerliche Angelegenheit, mein Lord Drache«, sagte Merana auf seiner anderen Seite bissig. »Die Atha'an Miere können sehr eigen sein. Jedermann wird heikel, wenn es um ihre Prophezeiungen geht.«

»Die Welt ist eine lachhafte Angelegenheit«, belehrte er sie. Min lachte mit ihm, aber Merana rümpfte die Nase und kam sofort aufs Meervolk zurück, als er wieder schwieg.

Am Fluß verliefen die hohen Stadtmauern bis ans Wasser und flankierten graue Steindocks, die sich vom Kai hinaus erstreckten. Flußschiffe, Boote und Lastkähne aller Arten und Größen waren überall vertäut, die Mannschaften an Deck durch den Tumult aufmerksam geworden, und das Schiff, das Rand suchte, lag wartend da, an einem Dock vertäut, von dem bereits alle Arbeiter fortgeschickt worden waren. Man nannte es ein Großboot, ein niedriges, schmales Schiff ohne jegliche Masten, sondern mit nur einer Stange am Bug, vier Schritt hoch und am oberen Ende mit einer Laterne versehen, wie auch das Heck. Fast dreißig Meter lang und mit ebenso vielen Rudern bestückt, konnte es nicht die Lasten tragen, die ein Segelschiff derselben Größe befördern konnte, aber es war auch nicht vom Wind abhängig und konnte bei Niedrigwasser Tag und Nacht fahren, wobei die Ruderer in Schichten arbeiteten. Großboote wurden auf den Flüssen für wichtige und dringliche Ladungen eingesetzt, was angemessen schien.

Der Kapitän verbeugte sich wiederholt, als Rand mit Min am Arm und den Aes Sedai und Asha'man auf den Fersen die Laufplanke herabkam. Elver Shaene wirkte in seiner gelben Jacke in murandianischem Stil, die ihm bis auf die Knie hing, äußerst mager. »Es ist mir eine Ehre, Euch zu Diensten zu sein, mein Lord Drache«, murmelte er, während er sich mit einem großen Taschentuch den kahlen Schädel abwischte. »Es ist mir eine Ehre. Wirklich eine Ehre. Eine große Ehre.«

Der Mann hätte eindeutig lieber giftige Vipern mit seinem Schiff befördert. Er betrachtete blinzelnd die Stolen der Aes Sedai und ihre alterslosen Gesichter und leckte sich über die Lippen, während sein Blick unbehaglich von ihnen zu Rand flackerte. Beim Anblick der Asha'man sank sein Kinn herab, als er ihre schwarzen Jacken mit Gerüchten in Zusammenhang brachte, und er vermied es daraufhin, auch nur in ihre Richtung zu sehen. Shaene beobachtete, wie Dobraine die Männer mit den Bannern und die Trompeter und die Trommler, die ihre Instrumente schleppten, an Bord führte, und betrachtete dann die das Dock säumenden Reiter, als hege er den Verdacht, daß auch sie an Bord kommen wollten. Nandera mit zwanzig Töchtern des Speers und Camar mit zwanzig Schwarzaugen, alle mit der um den Kopf geschlungenen Shoufa, wenn auch unverschleiert, veranlaßten den Kapitän, schnell beiseite zu treten, um die Aes Sedai zwischen sich und sie zu bringen. Die Aiel blickten, wegen des Sekundenbruchteils, den sie verlieren würden, wenn sie sich verschleiern müßten, finster drein, aber das Meervolk wußte vielleicht, was ein Schleier bedeutete, und es wäre ihnen kaum nützlich, wenn sie sich angegriffen fühlten.

Das Großboot verließ das Dock, während die beiden Banner am Bug flatterten, die Trommeln dröhnten und die Trompeten schmetterten.

Draußen auf dem Fluß erschienen Menschen auf den Decks und in der Takelage der Schiffe, um sie zu beobachten. Auch auf dem MeervolkSchiff erschienen auffallend bunt gekleidete Menschen. Die Meerschaum war größer als die meisten anderen Schiffe, aber auch schnittiger, mit zwei hohen Masten, die kühn nach hinten geneigt waren, und rechtwinklig darüberliegenden Spieren, wo fast alle anderen Schiffe schräg verlaufende Spieren aufwiesen. Alles an diesem Schiff war anders, aber Rand wußte, daß die Atha'an Miere allen anderen zumindest in einem gleichen müßten: Sie konnten entweder aus eigenen Stücken zustimmen, ihm zu folgen, oder dazu gezwungen werden. Die Prophezeiungen besagten, daß er die Völker aller Länder vereinen würde - »er soll den Norden mit dem Osten verbinden, und der Westen soll mit dem Süden verbunden werden«, hieß es -, und es durfte niemandem gestattet sein, sich ihm zu widersetzen.

Als er von seinem Badezuber aus Befehle erteilt hatte, konnte er nicht im einzelnen erklären, was er auf der Meerschaum zu erreichen beabsichtigte, so daß er es jetzt nachholte. Es bewirkte bei den Asha'man, wie erwartet, Grinsen - nun, Finn und Narishma grinsten, Dashiva blinzelte wie abwesend - und bei den Aiel, ebenfalls wie erwartet, Stirnrunzeln. Es gefiel ihnen nicht, zurückgelassen zu werden.

Dobraine nickte nur. Aber die Reaktion der Aes Sedai hatte Rand nicht erwartet.

»Wie Ihr befehlt, mein Lord Drache«, sagte Merana und vollführte einen ihrer flüchtigen Hofknickse. Die anderen vier wechselten Blicke, aber sie vollführten unmittelbar nach ihr ebenfalls Hofknickse und murmelten ebenfalls »wie Ihr befehlt«. Kein Protest, kein Stirnrunzeln, kein überheblicher Blick oder Vortrag, warum es auf seine Art geschehen sollte. Konnte er ihnen allmählich vertrauen? Oder würden sie eine Möglichkeit finden, sich wie bei den Aes Sedai üblich um ihren Schwur zu drücken, sobald er ihnen den Rücken kehrte?