»Es sei denn, ich stimme nicht zu«, schimpfte Harine. »Wenn ich keinen Handel eingehe...« Sie ballte ihre Hände auf dem Tisch zu Fäusten. Sie hatte bereits zuzugeben, daß sie den Handel abschließen mußte. Sie hatte eingeräumt, daß das Meervolk dienen würde.
»Ich verlange nichts Beschwerliches von Euch«, sagte Rand. Er hatte darüber nachgedacht, seit er zu kommen beschlossen hatte. »Wenn ich Männer oder Vorräte auf Schiffen transportieren will, wird das Meervolk die Schiffe zur Verfügung stellen. Außerdem möchte ich wissen, was in Tarabon und Arad Doman und den umliegenden Ländern vor sich geht. Eure Schiffe können - und werden - in Erfahrung bringen, was ich wissen will. Sie legen in Tanchico und Bandar Eban und hundert dazwischenliegenden Fischerdörfern und Städtchen an. Sie können weiter aufs Meer hinaussegeln als die Schiffe aller anderen. Das Meervolk wird im Westen auf dem Aryth-Meer Wache halten. Es gibt ein Volk, die Seanchaner, die jenseits des Aryth-Meers leben und eines Tages kommen werden, um uns zu erobern. Das Meervolk wird es mich wissen lassen, wenn es soweit ist.«
»Ihr verlangt viel«, murrte Harine verbittert. »Wir wissen von diesen Seanchanern, die anscheinend von den Inseln der Toten kommen, von denen kein Schiff zurückkehrt. Einige unserer Schiffe sind ihren Schiffen begegnet. Sie benutzen die Eine Macht als Waffe. Ihr verlangt mehr, als Ihr wißt, Coramoor.« Dieses Mal hielt sie bei seinem Titel nicht inne. »Etwas Böses ist auf das Aryth-Meer herabgesunken. Seit vielen Monaten ist keines unserer Schiffe von dort zurückgekehrt. Schiffe, die gen Westen segeln, verschwinden.«
Rand verspürte ein Frösteln. Er drehte sein aus einem Teil eines seanchanischen Speers gefertigtes Drachenszepter in Händen. Konnten die Seanchaner bereits zurückgekehrt sein? Sie waren einst, in Falme, vertrieben worden. Die Speerspitze sollte ihn daran erinnern, daß es mehr Feinde auf der Welt gab als diejenigen, die er sehen konnte, aber er war überzeugt gewesen, daß die Seanchaner Jahre brauchen würden, um sich von ihrer Niederlage zu erholen, nachdem sie vom Wiedergeborenen Drachen und den durch das Horn von Valere zurückgerufenen toten Helden ins Meer getrieben worden waren. Befand sich das Horn noch in der Weißen Burg? Er wußte, daß es dorthin gebracht worden war.
Plötzlich konnte er die Beschränkungen der Kabine nicht länger ertragen. Er machte sich mit der Verriegelung an der Armlehne seines Stuhls zu schaffen. Sie wollte nicht aufgehen. Er ergriff das glatte Holz und ließ es mit einem heftigen Ruck zersplittern. »Wir sind übereingekommen, daß mir das Meervolk dienen wird«, sagte er und stieß sich hoch. Die niedrige Decke bewirkte, daß er sich drohend über den Tisch beugte. Die Kabine fühlte sich jetzt noch kleiner an. »Wenn Euer Handel noch mehr umfaßt, werden Merana und Rafela mit Euch darüber sprechen.« Er wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur Tür.
Dort fing Merana ihn ab, ergriff seinen Ärmel und sprach schnell und leise auf ihn ein. »Mein Lord Drache, es wäre besser, wenn Ihr bleiben würdet. Ihr habt gesehen, was Euer Ta'veren bereits bewirkt hat. Wenn Ihr hierbleibt, wird sie sicherlich offenbaren, was sie zu verbergen versucht, und zustimmen, bevor wir etwas zugestehen.«
»Ihr gehört der Grauen Ajah an«, belehrte er sie barsch. »Verhandelt! Dashiva, kommt mit mir.«
Auf Deck atmete Rand tief durch. Der wolkenlose Himmel erstreckte sich frei über ihm. Frei.
Es dauerte einen Moment, ehe er Bera und die beiden anderen Schwestern bemerkte, die ihn erwartungsvoll ansahen. Flinn und Narishma taten, was von ihnen erwartet wurde, indem sie mit halbem Auge das Schiff und ansonsten die Ufer beobachteten, die Stadt auf der einen Seite und die erst zur Hälfte wieder aufgebauten Kornspeicher auf der anderen. Auf einem Schiff mitten auf dem Fluß war man angreifbar, wenn einer der Verlorenen zuzuschlagen beschloß. Andererseits war man überall in Gefahr.
Min ergriff seinen Arm, und er zuckte zusammen.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Ich hätte dich nicht zurücklassen sollen.«
»Ist schon gut«, sagte sie lachend. »Merana hat sich bereits an die Arbeit gemacht. Ich glaube, sie will dir Harines beste Bluse besorgen, und ihre zweitbeste vielleicht auch noch. Die Herrin der Wogen wirkt wie ein zwischen zwei Frettchen gefangenes Kaninchen.«
Rand nickte. Das Meervolk gehörte ihm, oder beinahe. Welche Bedeutung hatte es, ob sich das Horn von Valere in der Weißen Burg befand? Er war Ta'veren. Er war der Wiedergeborene Drache und der Coramoor. Die goldene Sonne brannte noch immer kurz vor dem Zenit. »Der Tag ist noch jung, Min.« Er konnte alles tun. »Würdest du gern sehen, wie ich die Aufständischen niederschlage? Tausend Kronen gegen einen Kuß, daß sie vor Sonnenuntergang mir gehören.«
35
In den Wäldern
Min saß im Schneidersitz auf Rands Bett und beobachtete ihn, wie er in Hemdsärmeln seine Jacken in dem großen, mit Elfenbein verzierten Schrank durchwühlte. Wie konnte er in diesem Raum mit all den schwarzen, wuchtigen Möbeln schlafen? Ein Teil ihrer Gedanken schweifte wie abwesend umher und ersetzte die Möbel durch einige geschnitzte, goldverzierte Stücke, die sie in Caemlyn gesehen hatte, sowie durch helle Vorhänge und Bettwäsche, die er als weniger bedrückend empfinden würde. Seltsam, sie hatte sich niemals zuvor in irgendeiner Weise um Möbel oder Bettwäsche gekümmert Doch jener Wandteppich, der eine Schlacht darstellte, einen einsamen, von Feinden umgebenen Schwertkämpfer, der bald überwältigt würde - er mußte mit Bestimmtheit weichen. Aber hauptsächlich betrachtete sie Rand.
Seine morgenblauen Augen zeigten einen angespannten Ausdruck, und das schneeweiße Hemd lag eng an seinem breiten Rücken an, als er sich anschickte, tief ins Innere des Schranks vorzudringen. Er hatte sehr wohlgestaltete Beine und fabelhafte Waden, die in der dunklen, eng anliegenden Hose über den umgeschlagenen Stiefeln gut zu erkennen waren. Manchmal runzelte er die Stirn und fuhr sich mit den Fingern durch sein dunkles, rötlich schimmerndes Haar. Kein noch so häufiges Bürsten konnte es bändigen. Es lockte sich stets um die Ohren und im Nacken.
Sie war keine jener törichten Frauen, die einem Mann zusammen mit ihrem Herzen auch den Verstand zu Füßen legten. Es war nur so, daß ihr das Denken in seiner Nähe manchmal ein wenig schwerfiel.
Jacke um bestickte Seidenjacke wurde hervorgeholt und auf diejenige Jacke, die er auf dem Meervolk-Schiff getragen hatte, auf den Boden geworfen. Konnten die Verhandlungen ohne seine Ta'veren-Gegenwart auch nur halb so gut verlaufen? Wenn sie nur eine wirklich nützliche Vision des Meervolks hätte. Wie immer flackerten für sie sichtbar Bilder und farbige Auren um ihn herum, von denen die meisten zu schnell wieder schwanden, um sie zu erkennen, und alle außer einer im Moment für sie bedeutungslos waren. Diese eine Vision kam und ging hundertmal am Tag, und wann immer Mat oder Perrin zugegen waren, umschloß sie auch diese beiden und manchmal auch noch andere Menschen. Ein gewaltiger Schatten ragte drohend über ihm auf und verschluckte Tausende und Abertausende kleiner Lichter wie Glühwürmchen, die sich hinein warfen, um die Dunkelheit zu erfüllen. Heute schienen es zahllose Zehntausende von Glühwürmchen zu sein, aber der Schatten schien auch größer. Irgendwie repräsentierte diese Vision Rands Kampf mit dem Schatten, aber er wollte fast niemals wissen, wie es stand. Nicht daß sie es wirklich hätte sagen können, außer daß der Schatten anscheinend stets mehr oder weniger siegte. Sie seufzte erleichtert, als sie das Bild schwinden sah.
Ein leichtes Schuldgefühl ließ sie sich auf der Tagesdecke regen. Sie hatte nicht wirklich gelogen, als er sie gefragt hatte, welche Visionen sie für sich behalten hatte. Nicht wirklich. Was nützte es, ihm zu sagen, daß er ohne eine Frau, die bereits tot war, fast sicher versagen würde? Er wurde einfach zu schnell mutlos.
Sie mußte ihn geistig aufrecht halten, ihn ans Lachen erinnern. Nur daß...