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»Ich halte das für keine gute Idee, Rand.« Vielleicht war es ein Fehler, das zu sagen. Männer waren auf vielerlei Arten seltsame Wesen. In einem Moment nahmen sie einen vernünftigen Rat an, und im nächsten Augenblick war genau das Gegenteil der Fall. Anscheinend bewußt das Gegenteil. Aber aus einem unbestimmten Grund empfand sie einen Beschützerinstinkt gegenüber diesem hoch aufragenden Mann, der sie wahrscheinlich mit einer Hand hochheben konnte - ohne die Macht zu lenken.

»Es ist eine wundervolle Idee«, sagte er und warf eine blaue Jacke mit Silberstickerei hin. »Ich bin Ta'veren, und heute scheint dies eine Veränderung zu meinem Nutzen zu bewirken.« Eine grüne Jacke mit Goldstickerei wanderte zu Boden.

»Möchtest du mich nicht lieber wieder trösten?«

Er hielt jäh inne und sah sie mit einer vergessen über seinen Händen liegenden, silberverzierten roten Jacke an. Sie hoffte, daß sie nicht errötete. Trösten. Woher kam dieser Gedanke nur? fragte sie sich insgeheim. Die Tanten, die sie aufgezogen hatten, waren sanfte, freundliche Frauen, aber sie hatten strenge Vorstellungen von anständigem Benehmen. Es hatte ihnen mißfallen, wenn sie Hosen trug, wenn sie in den Ställen arbeitete - die Arbeit, die sie am liebsten verrichtete, da diese sie in die Nahe der Pferde brachte. Es bestand kein Zweifel wie sie über das Trösten denken würden, von einem Mann, mit dem sie nicht verheiratet war. Wenn sie es jemals herausfänden, würden sie den ganzen Weg von Baerlon hierher reiten, nur um ihr das Fell über die Ohren zu ziehen. Und ihm natürlich auch.

»Ich ... ich muß weitermachen, solange ich sicher bin, daß es noch funktioniert«, sagte er zögernd und wandte sich dann schnell wieder dem Schrank zu. »Diese wird genügen«, rief er aus und zog eine einfache Jacke aus grünem Tuch hervor. »Ich wußte nicht, daß sie hier drinnen war.«

Es war die Jacke, die er getragen hatte, als sie von den Brunnen von Dumai zurückgekehrt waren, und sie konnte seine Hände bei der Erinnerung zittern sehen. Sie versuchte, sich ungezwungen zu geben, erhob sich, trat zu ihm, legte die Arme um ihn und zerknitterte die Jacke zwischen ihnen, als sie den Kopf an seine Brust lehnte.

»Ich liebe dich«, sagte sie nur. Sie spürte durch sein Hemd die runde, erst halbwegs verheilte Narbe an seiner linken Seite. Sie konnte sich daran erinnern, wie er sie sich zugezogen hatte, als sei es erst gestern gewesen. Es war das erste Mal gewesen, daß sie ihn jemals in den Armen gehalten hatte, während er bewußtlos und dem Tode nahe dalag.

Er preßte die Hände auf ihren Rücken, drückte sie fest an sich, nahm ihr den Atem, nahm die Hände dann aber zu ihrer Enttäuschung wieder fort. Sie glaubte, ihn leise etwas Ähnliches wie »nicht gerecht« murmeln zu hören. Dachte er ans Meervolk, während sie ihn umarmte? Er sollte es wirklich tun. Merana war eine Graue, aber es hieß, das Meervolk könnte sogar eine Domani zum Schwitzen bringen. Er sollte es tun, aber...

Sie erwog, ihn zu treten. Er schob sie sanft von sich und zog die Jacke an.

»Rand«, sagte sie fest, »du kannst nicht sicher sein, daß es überhaupt wirkt, nur weil es bei Harine so war. Wenn dein Ta'veren-Sein immer etwas bewirkte, würde dir inzwischen jeder Herrscher zu Füßen liegen, und die Weißmäntel ebenfalls.«

»Ich bin der Wiedergeborene Drache«, erwiderte er hochmütig. »Und heute kann ich alles erreichen.« Er nahm seinen Schwertgürtel, der jetzt eine einfache Messingschnalle aufwies, und band ihn sich um. Der vergoldete Drache lag auf der Tagesdecke auf dem Bett. Er zog Handschuhe aus dünnem schwarzen Leder über die Tätowierungen mit goldmähnigen Köpfen auf seinen Handrücken und die in seine Handflächen gebrannten Reiher. »Aber ich sehe nicht so aus wie er, nicht wahr?« Er breitete die Arme aus und lächelte. »Sie werden es erst erkennen, wenn es zu spät ist.«

Sie hätte beinahe ergeben die Hände gehoben. »Du siehst auch einem Narren nicht sehr ähnlich.« Und das sollte er so verstehen, wie er es verstehen wollte. Der Dummkopf sah sie fragend an, als sei er sich nicht sicher. »Rand, sobald sie die Aiel sehen, werden sie entweder davonlaufen oder kämpfen. Wenn du Aes Sedai mitnehmen willst, dann nimm zumindest auch diese Ashaman mit. Ein Pfeil, und du bist tot, ob du nun der Wiedergeborene Drache oder ein Ziegenhirte bist!«

»Aber ich bin der Wiedergeborene Drache, Min«, sagte er ernst. »Und ein Ta'veren. Wir gehen allein, nur du und ich. Das heißt, wenn du noch immer mitkommen willst,«

»Du gehst ohne mich nirgendwohin, Rand al'Thor.« Sie versagte es sich zu erwähnen, daß, er über seine eigenen Füße fallen würde, wenn er es täte. Diese Euphorie war fast genauso schlimm wie die düstere Trostlosigkeit. »Nandera wird dies nicht gefallen.« Sie wußte nicht genau, was zwischen ihm und den Töchtern des Speers vorging - offenbar etwas sehr Eigenartiges, nach dem, was sie miterlebt hatte -, aber jegliche Hoffnung darauf, daß ihn das aufhalten könnte, verrann, als er wie ein kleiner Junge lächelte, der seiner Mutter ausweicht.

»Sie wird es nicht erfahren, Min.« Er zwinkerte sogar! »Ich tue dies stets, und sie erfahren es niemals.«

Er streckte eine behandschuhte Hand aus und erwartete, daß sie sprang, wenn er rief.

Sie konnte wirklich nichts anderes tun, als ihre grüne Jacke glattzustreichen, ihre Frisur im Standspiegel zu überprüfen - und seine Hand zu nehmen. Das Problem war, daß sie nur zu bereit war zu springen, wenn er auch nur einen Finger krümmte. Sie wollte dafür sorgen, daß er es niemals herausfand.

Im Vorraum bildete er auf der in den Boden eingelassenen, goldenen Aufgehenden Sonne ein Wegetor, und sie ließ sich von ihm hindurch auf einen hügeligen, mit totem Laub bedeckten Waldboden führen. Ein Vogel schoß mit aufleuchtenden roten Flügeln davon. Ein Eichhörnchen erschien auf einem Ast und beschimpfte sie, wobei es mit dem pelzbesetzten Schwanz mit der weißen Spitze schlug.

Dieser Wald ähnelte in keiner Weise den Wäldern, deren sie sich von Baerlon her erinnerte. Es gab nicht viele richtige Wälder in der Nähe der Stadt Cairhien. Die meisten Bäume standen vier oder fünf oder sogar zehn Schritte auseinander. Hohe Lederblattbäume oder Pinien und noch höhere Eichen und Bäume, die sie nicht kannte, zogen sich über die Fläche hin, auf der sie und Rand standen, und einen Hügel hinauf, der in nur kurzer Entfernung anzusteigen begann. Selbst das Unterholz schien dichter als zu Hause, Büsche und Ranken und Dornsträucher breiteten sich unter den Bäumen aus. Aber alles war braun und trocken. Sie zog ein spitzenbesetztes Taschentuch aus ihrem Ärmel und tupfte sich damit den Schweiß ab, der plötzlich ihr Gesicht benetzte.

»In welche Richtung gehen wir?« fragte sie. Dem Sonnenstand zufolge war über den Hügel hinweg Norden, die Richtung, die sie erwählen würde. Die Stadt sollte ungefähr sieben oder acht Meilen in dieser Richtung liegen. Mit etwas Glück könnten sie den ganzen Weg zurücklegen, ohne irgend jemandem zu begegnen. Oder noch besser: Rand könnte - von ihren hochhackigen Stiefeln und dem Boden sowie von der Hitze einmal abgesehen - beschließen, aufzugeben und ein weiteres Wegetor in den Sonnenpalast zurück zu eröffnen. Die Palasträume waren hiermit verglichen kühl.

Bevor er antworten konnte, verkündete knak-kendes Unterholz, daß sich jemand näherte. Der Reiter, der auf einem langbeinigen grauen Wallach mit reich geschmücktem Zaumzeug und Zügeln erschien, war eine Cairhienerin, klein und schlank in einem dunkelblauen, fast schwarzen, seidenen Reitgewand mit waagerechten roten, grünen und weißen Schlitzen vom Hals bis unterhalb der Knie. Der Schweiß auf ihrem Gesicht konnte ihre blasse Schönheit nicht schmälern oder ihre Augen weniger als große dunkle Teiche wirken lassen. Ein klarer grüner Stein hing an einer dünnen goldenen, in ihrem in Wellen bis auf die Schultern fallenden, schwarzen Haar befestigten Kette auf ihrer Stirn.