Min keuchte, jedoch nicht wegen der Armbrust, welche die Frau nachlässig mit einer grün behandschuhten Hand anhob. Sie war sich einen Moment sicher, daß es Moiraine war. Aber...
»Ich kann mich nicht erinnern, Euch im Lager gesehen zu haben«, sagte die Frau mit kehliger, fast hitziger Stimme. Moiraines Stimme war kristallklar gewesen. Die Armbrust wurde gesenkt, noch immer recht nachlässig, bis sie vollkommen ruhig auf Rands Brust zeigte.
Er achtete nicht darauf. »Ich dachte, es würde mir vielleicht gefallen, einen Blick auf Euer Lager zu werfen«, sagte er mit leichter Verbeugung. »Ihr seid vermutlich Lady Caraline Damodred?« Die schlanke Frau neigte den Kopf und bestätigte den Namen.
Min seufzte bedauernd, aber nicht so, als hätte sie wirklich erwartet, Moiraine würde lebendig auftauchen. Moiraine war die einzige ihrer Visionen, die niemals versagt hatte. Aber Caraline Damodred selbst, eine der Anführerinnen des Aufstands gegen Rand hier in Cairhien und eine Anwärterin auf den Sonnenthron... Er mußte wirklich alle Fäden des Musters um sich herum zusammengezogen haben, daß sie erschienen war.
Lady Caraline hob die Armbrust langsam hoch. Die Sehne verursachte ein lautes Klicken, und der Pfeil mit der breiten Spitze wurde in die Luft geschossen.
»Ich bezweifle, daß jemand etwas gegen Euch ausrichten könnte«, sagte sie und trieb ihren Wallach langsam auf sie zu, »und ich möchte nicht, daß Ihr Euch von mir bedroht fühlt.« Sie sah Min an - nur ein Blick von Kopf bis Fuß, obwohl Min sich sicher war, daß alles an ihr registriert wurde -, aber abgesehen davon hielt Lady Caraline ihren Blick auf Rand gerichtet. Sie verhielt ihr Pferd drei Schritte vor ihnen, gerade weit genug entfernt, daß Rand sie zu Fuß nicht erreichen könnte, bevor sie ihrem Pferd die Sporen gegeben hätte. »Ich kann mir nur bei einem grauäugigen Mann Eurer Größe vorstellen, daß er plötzlich aus dem Nichts erscheint, es sei denn, Ihr seid womöglich ein verkleideter Aiel, aber vielleicht werdet Ihr so freundlich sein, Euren Namen zu nennen?«
»Ich bin der Wiedergeborene Drache«, sagte Rand genauso anmaßend, wie er es auch beim Meervolk gewesen war, aber wenn aus dem Muster hervorwirbelndes Ta'veren am Werke war, gab die Reiterin keinen Hinweis darauf.
Anstatt vom Pferd zu springen und auf die Knie zu sinken, nickte sie nur und schürzte die Lippen. »Ich habe viel über Euch gehört. Ich habe gehört. Ihr wärt zur Burg gegangen, um Euch dem Amyrlin-Sitz zu unterwerfen. Ich habe gehört, Ihr wolltet Elayne Trakand den Sonnenthron übergeben. Man erzählt auch, Ihr hättet Elayne getötet, und ihre Mutter.«
»Ich unterwerfe mich niemandem«, erwiderte Rand scharf. Er blickte so zornig zu ihr auf, daß sie schon dadurch hätte aus dem Sattel gerissen werden müssen. »Elayne befindet sich auf dem Weg nach Caemlyn, um den Thron von Andor einzunehmen, während wir miteinander sprechen. Danach wird sie auch den Thron von Cairhien besetzen.« Min zuckte zusammen. Mußte er so hochnäsig klingen? Sie hatte gehofft, er hätte sich nach dem Meervolk ein wenig beruhigt.
Lady Caraline legte die Armbrust vor sich über den Sattel und fuhr mit einer behandschuhten Hand darüber. Vielleicht bedauerte sie den abgeschossenen Pfeil? »Ich könnte meine junge Kusine auf dem Thron akzeptieren - zumindest eher sie als manche andere -, aber...« Diese großen dunklen Augen, die so lebhaft funkelten, wurden plötzlich steinhart. »Aber ich bin mir nicht sicher, daß ich Euch in Cairhien dulden kann, und ich meine damit nicht nur Eure Änderungen der Gesetze und Bräuche. Ihr ... verändert das Schicksal durch Eure bloße Gegenwart. Seit Eurer Ankunft sterben Menschen bei so absonderlichen Unfällen, daß niemand es zu glauben vermag. So viele Ehemänner lassen ihre Frauen im Stich und auch Ehefrauen ihre Männer, daß niemand jetzt mehr etwas dabei findet. Ihr werdet Cairhien auseinanderreißen, indem Ihr einfach hierbleibt.«
»Ausgewogenheit«, fiel Min hastig ein. Rands Gesicht war so düster, daß er bereit schien zu explodieren. Vielleicht hatte er doch recht damit gehabt hierherzukommen. Aber es hatte sicherlich keinen Sinn, ihn dieses Treffen durch einen Wutanfall beenden zu lassen. Min ließ niemandem eine Gelegenheit zu sprechen. »Es gibt stets eine Ausgewogenheit von Gut und Böse. So wirkt das Muster. Selbst er kann das nicht ändern. Wie die Nacht den Tag aufwiegt, wiegt auch das Gute das Böse auf. Seit er gekommen ist, gab es keine einzige Totgeburt mehr in der Stadt, und kein Kind wurde mehr entstellt geboren. Es finden an manchen Tagen mehr Hochzeiten statt als früher in einer Woche, und für jeden Mann, der an einer Feder erstickt, stürzt eine Frau drei Stockwerke tief die Treppen hinab und erhebt sich ohne Verletzungen, anstatt sich den Hals zu brechen. Benennt das Böse, und Ihr könnt auch auf das Gute deuten. Die Drehung des Rades fordert die Ausgewogenheit, und er vermehrt nur die Chancen dessen, was ohnehin auf natürlichem Wege geschähe.« Plötzlich errötete sie, als sie erkannte, daß beide sie ansahen. Oder eher anstarrten.
»Ausgewogenheit?« murmelte Rand mit gewölbten Augenbrauen.
»Ich habe einige der Bücher von Meister Fei gelesen«, sagte sie leise. Sie wollte nicht, daß jemand glaubte, sie spiele die Philosophin. Lady Caraline blickte lächelnd auf den Hals ihres Pferdes und spielte mit den Zügeln. Die Frau lachte über sie. Sie würde ihr schon zeigen, worüber sie lachen konnte!
Plötzlich drang ein großer schwarzer Wallach krachend durchs Unterholz, geritten von einem Mann mittleren Alters mit kurzgeschnittenem Haar und einem Spitzbart. Trotz seiner gelben tairenischen Jacke, deren dicke Ärmel mit Streifen grünen Satins besetzt waren, blickten bestürzend hübsche blaue Augen wie helle, polierte Saphire aus seinem feuchten, dunklen Gesicht. Er war kein besonders gutaussehender Mann, aber die Augen machten seine zu lange Nase wieder wett Er trug eine Armbrust in einer mit einem Panzerhandschuh geschützten Hand und schwang mit der anderen drohend einen Pfeil mit breiter Spitze.
»Dieser Pfeil verfehlte mich nur um Haaresbreite, Caraline, und er trägt Eure Kennzeichnung! Nur weil kein Wild da ist, ist das noch lange kein Grund...« Erst da bemerkte er Rand und Min und senkte seine gespannte Armbrust in ihre Richtung. »Sind dies Verirrte, Caraline, oder habt Ihr Spione aus der Stadt erwischt? Ich hatte niemals geglaubt, daß al'Thor uns weiterhin ungehindert hier verbleiben lassen würde.«
Ein halbes Dutzend weiterer Reiter erschienen hinter ihm, schwitzende Männer in Jacken mit dicken Ärmeln mit Satinstreifen und schwitzende Frauen in Reitgewändern mit breiten, dichten Spitzenkragen, alle mit Armbrüsten. Der letzte dieser Reiter hatte noch nicht angehalten, die Pferde stampften und warfen die Köpfe auf, als sich aus einer anderen Richtung doppelt so viele Reiter durch das Unterholz kämpften und ihre Pferde neben Caraline verhielten, schmächtige, blasse Männer und Frauen in dunkler Kleidung mit farbigen Streifen irgendwo unterhalb der Taille, auch sie alle mit Armbrüsten. Diener kamen zu Fuß hinterher und mühten sich bei der Hitze keuchend ab - die Männer, die jegliches niedergestreckte Wild tragen und zubereiten würden. Es schien unwichtig, daß alle nur ein Häutungsmesser am Gürtel trugen. Min schluckte und tupfte ihre Wangen mit dem Taschentuch unbewußt ein wenig heftiger ab. Wenn auch nur ein Mensch Rand erkannte, bevor er es bemerkte...
Lady Caraline zögerte nicht. »Keine Spione, Darlin«, sagte sie und wandte ihr Pferd den tairenischen Neuankömmlingen zu. Der Hohe Herr Darlin Sisnera! Jetzt fehlte nur noch Lord Toram Riatin. Min wünschte, Rands Ta'veren würde etwas weniger vollkommen am Muster zerren. »Ein Cousin und seine Frau«, fuhr Caraline fort, »die von Andor gekommen sind, um mich zu besuchen. Darf ich Euch Tomas Trakand - von einem unbedeutenderen Zweig unseres Hauses - und seine Frau Jaisi vorstellen?« Min hatte sie beinahe angestarrt. Die einzige Jaisi, die sie jemals gekannt hatte, war bereits vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr eine fade, verbitterte und abgrundtief schlecht gelaunte Versagerin gewesen.