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Darlin schnaubte. »Sie katzbuckeln und lecken ihm die Stiefel! Ich hätte ihm folgen können, wenn er das gewollt hätte, wenn...« Er schüttelte seufzend den Kopf. »Zu viele offene Fragen, Tomas. Es gibt in Tear ein Sprichwort: › Jeder Streit kann vergeben werden, aber Könige vergessen niemals.‹ Tear wurde seit Artur Falkenflügel von keinem König mehr regiert, aber ich glaube, daß der Wiedergeborene Drache einem König sehr ähnlich ist. Nein, er hat mich des Verrats bezichtigt, wie er es nennt und ich muß weitermachen, wie ich angefangen habe. Wenn es dem Licht gefallt, werde ich Tear noch einmal auf seinem eigenen Land unumschränkt erleben, bevor ich sterbe.«

Es mußte das Werk des Ta'veren sein, erkannte Min. Der Mann hätte niemals so mit jemandem gesprochen, dem er zufällig begegnet war, auch wenn er vermutlich Caraline Damodreds Cousin war. Aber was dachte Rand? Sie konnte es kaum erwarten, ihm von der Krone zu erzählen.

Als sie den Hügelkamm erreichten, trafen sie plötzlich auf eine Ansammlung Speerträger, von denen einige verbeulte Brustharnische oder Helme trugen - die meisten aber ohne beides -und sich verbeugten, sobald sie der Gesellschaft ansichtig wurden. Min konnte zu ihrer Linken und Rechten durch die Bäume weitere Gruppen von Wächtern sehen. Unterhalb erstreckte sich das Lager in einem Staubschleier einen fast unbestandenen Hang, das Hügeltal entlang und den nächsten Hügel hinauf. Jedes der wenigen Zelte war groß und wies das Banner eines Adligen auf, das schlaff an einem Stab über der Zeltspitze hing. Fast ebenso viele Pferde standen an Pflockleinen angebunden, wie sich Menschen im Lager befanden, und Tausende von Männern und eine Handvoll Frauen schritten zwischen den Herdfeuern und den Wagen einher. Niemand jubelte, als ihre Anführer ins Lager ritten.

Min betrachtete sie über das Taschentuch hinweg, das sie zum Schutz vor dem Staub an ihre Nase preßte, ohne sich darum zu kümmern, ob Caraline sah, was sie tat. Entmutigte Gesichter beobachteten ihr Vorüberziehen, und grimmige Gesichter von Menschen, die wußten, daß sie in der Falle saßen. Hier und da ragte der Con eines Hauses starr über dem Kopf eines Mannes auf, aber die meisten schienen zu tragen, was immer sie finden konnten, zusammengestückelte Rüstungsteile, die häufig weder zusammenpaß-ten noch gut saßen. Eine beachtliche Anzahl Männer jedoch, die für Cairhiener zu groß waren, trugen rote Jacken unter ihren verbeulten Brustpanzern. Min erspähte einen fast verborgenen weißen Löwen auf einem schmutzigen roten Ärmel. Darlin konnte auf einem Großboot nur wenige Leute mitgenommen haben, vielleicht nicht mehr als seine Jagdgesellschaft. Caraline blickte stur geradeaus, während sie durch das Lager ritten, aber wann immer sie sich jenen Männern in den roten Jacken näherten, preßte sie die Lippen zusammen.

Darlin stieg vor einem riesigen Zelt ab, dem größten, das Min jemals gesehen hatte, größer, als sie es sich hätte vorstellen können, ein großes, rot gestreiftes Oval, das im Sonnenlicht wie Seide schimmerte, mit nicht weniger als vier hohen konischen Spitzen, über deren jeder sich die Aufgehende Sonne von Cairhien, Gold auf Blau, in einer milden Brise regte. Harfenklänge schwebten durch das Stimmengemurmel heran. Darlin bot Caraline seinen Arm, während Diener die Pferde davonführten. Nach sehr langem Zögern legte sie ihre Finger vollkommen ausdruckslos leicht auf sein Handgelenk und ließ sich von ihm ins Zelt geleiten.

»Meine Gattin?« murmelte Rand lächelnd und streckte den Arm aus.

Min rümpfte die Nase und legte ihre Hand auf seine. Sie hätte ihn am liebsten geschlagen. Er hatte kein Recht, sich über sie lustig zu machen. Er hatte kein Recht, sie hierher zu bringen, Ta'veren oder nicht Ta'veren. Er könnte hier getötet werden, verdammter Kerl! Aber kümmerte es ihn, wenn sie den Rest ihres Lebens um ihn trauernd verbrachte? Sie berührte den gestreiften Zelteingang, während sie hineingingen, und schüttelte daraufhin verwundert den Kopf. Es war Seide. Ein Seidenzelt!

Sie spürte, wie Rand erstarrte, sobald sie das Zelt betreten hatten. Darlins und Caralines abgezehrtes Gefolge drängte sich mit unehrlichen Entschuldigungen um sie. Zwischen den vier Hauptzeltstangen standen auf farbenprächtigen Teppichen, die als Boden ausgelegt worden waren, lange, unter der Last von Speisen und Getränken ächzende Tische, und überall waren Menschen, cairhienische Adlige in ihrem Putz und einige wenige Soldaten mit vorn rasierten und gepuderten Köpfen, dem edlen Schnitt ihrer Jacken nach eindeutig Höherrangige. Einige Handvoll Barden schlenderten spielend durch die Menge und fielen durch ihre hochmütige Haltung auf wie auch durch ihre geschnitzten und vergoldeten Harfen. Und doch wurde Mins Blick, wie von der wahren Quelle von Rands Besorgnis, von drei Aes Sedai angezogen, die miteinander sprachen, die der Grünen, Braunen und Grauen Ajah angehörten, Bilder und Farben blitzten um sie herum auf, aber nichts, was für Min einen Sinn ergeben hätte. Eine Bewegung in der Menge offenbarte eine weitere Aes Sedai, eine Frau mit rundlichem Gesicht. Weitere Bilder, noch mehr aufblitzende Farben, aber Min brauchte nur die mit roten Fransen versehene Stola zu sehen, die über drallen Armen lag.

Rand zog ihre Hand unter seinen Arm und tätschelte sie. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er leise. »Alles verläuft gut.« Sie hätte ihn gefragt, was sie hier taten, aber sie befürchtete, daß er es ihr sagen könnte.

Darlin und Caraline waren zusammen mit ihren Gefolgsleuten in der Menge verschwunden, aber als ein Diener mit roten, grünen und weißen Streifen an seinen dunklen Manschetten Rand und Min unter Verbeugungen ein Tablett mit Silberbechern darbot, erschien Caraline wieder, während sie die aufdringlichen Bitten eines abgezehrt erscheinenden Burschen in einer jener roten Jacken abwehrte. Er starrte auf ihren Rücken, als sie einen Becher gewürzten Wein nahm und den Diener fortwinkte, und Min hielt beim Anblick der Aura, die plötzlich mit fast schwarzen Schattierungen um ihn herum aufblitzte, den Atem an.

»Vertraut diesem Mann nicht, Lady Caraline.« Sie konnte nicht anders. »Er wird jedermann ermorden, der ihm seiner Ansicht nach im Weg ist. Er wird aus Launen heraus töten, jedermann töten.« Sie biß die Zähne zusammen, bevor sie noch mehr sagte.

Caraline schaute über ihre Schulter, woraufhin sich der hagere Mann hastig ab wandte. »Das könnte ich mir bei Daved Hanion ohne weiteres vorstellen«, sagte sie verzerrt. »Seine Weißen Löwen kämpfen um Gold, nicht um Cairhien, und plündern schlimmer als die Aiel. Andor wurde für sie anscheinend zu riskant.« Letzteres äußerte sie mit einem schelmischen Blick zu Rand. »Toram hat ihm vermutlich viel Gold versprochen, und, soweit ich weiß, auch Besitz.« Sie sah Min an. »Kennt Ihr den Mann, Jaisi?«

Min schüttelte nur den Kopf. Wie sollte sie erklären, was sie über Hanion wußte? Daß seine Hände von weiterem Rauben und Morden rot gefärbt sein würden, bevor er starb? Wenn sie geahnt hätte, wann oder wer... Aber sie wußte nur, daß er es tun würde. Eine Vision wurde ohnehin niemals dadurch verändert, daß man davon erzählte. Was sie sah, geschah, ungeachtet dessen, wen sie warnte. Manchmal war es, bevor sie es besser gelernt hatte, gerade deswegen geschehen, weil sie jemanden gewarnt hatte.

»Ich habe von den Weißen Löwen gehört«, sagte Rand kalt. »Sucht unter ihnen nach Schattenfreunden, und Ihr werdet nicht enttäuscht.« Einige von Gaebrils Soldaten waren Weiße Löwen gewesen. Das wußte Min, aber kaum mehr, außer daß Lord Gaebril in Wahrheit Rahvin gewesen war. Es war anzunehmen, daß sich unter Soldaten, die einem der Verlorenen dienten, auch Schattenfreunde befanden.