»Ich werde keine ... Tricks ... anwenden.« Rand löste seinen Schwertgürtel und reichte ihn Min. »Wenn ich Euch und Darlin in gewisser Weise beeinflußt habe, kann ich Toram vielleicht auf andere Art beeinflussen.« Die Menge drängte zurück und eröffnete eine zwanzig Schritt weite Fläche zwischen zwei der großen Zeltmittelstangen. Einige sahen Rand an, und viele stießen sich in die Rippen und lachten verstohlen. Den Aes Sedai wurden natürlich Ehrenplätze eingeräumt -Cadsuane und ihre beiden Freundinnen auf der einen und vier alterslosen Frauen mit der Stola der Roten Ajah auf der anderen Seite. Cadsuane und ihre Begleiterinnen betrachteten Rand mit offener Mißbilligung und fast so verärgert, wie eine Aes Sedai es nur zu zeigen vermochte, aber die Roten Schwestern schienen eher über ihre Mitschwestern besorgt. Zumindest gelang es ihnen, obwohl sie einander unmittelbar gegenüber standen, die Gegenwart jeglicher anderer Schwestern zu vergessen. Niemand konnte so blind sein, ohne sich zu bemühen.
»Hört mir zu, Cousin.« Caralines leise Stimme knisterte fast vor Eindringlichkeit. Sie stand sehr nahe und verrenkte sich fast den Hals, um zu ihm hochzublicken. Sie reichte ihm kaum bis zur Brust, wirkte aber bereit, ihn zu ohrfeigen. »Wenn Ihr keinen Eurer speziellen Tricks anwendet«, fuhr Caraline fort, »kann er Euch, selbst mit Übungsschwertern, ernsthaft verletzen, und er wird es tun. Er mochte es noch nie, wenn jemand anderer anrührt, wovon er glaubt, daß es ihm gehört, und er hegt den Verdacht, daß jeder hübsche, junge Mann, der mit mir spricht, mein Geliebter: wäre. Als wir Kinder waren, stieß er einen Freund - einen Freund! - die Treppe hinab und brach ihm das Rückgrat, weil Derowin sein Pony geritten hatte, ohne ihn zu fragen. Geht, Cousin. Niemand wird Euch dafür verachten. Niemand erwartet von einem Jungen, sich einem Klingenmeister zu steiler». Jaisi ... oder wie auch immer Euer wahrer Name lautet ... helft mir, ihn zu überzeugen!«
Min öffnete den Mund, doch Rand legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Ich bin, wer ich bin«, sagte er lächelnd. »Und ich glaube nicht, daß ich vor ihm davonlaufen könnte. Er ist also ein Klingenmeister.« Er knöpfte seine Jacke auf und betrat die freigeräumte Fläche.
»Warum müssen sie so stur sein, wenn man es am wenigsten will?« flüsterte Caraline enttäuscht. Min konnte nur zustimmend nicken.
Toram hatte sich bis auf Hemd und Hose ausgezogen und trug zwei Übungsschwerter bei sich, deren Klingen aus Bündeln zusammengebundener, dünner Latten bestanden. Er wölbte eine Augenbraue, als er Rand mit seiner offenstehenden Jacke sah. »Ihr werdet darin beeinträchtigt sein, Cousin.« Rand zuckte die Achseln.
Toram warf Rand ohne Vorwarnung eines der Schwerter zu. Rand fing es am langen Heft aus der Luft auf.
»Diese Handschuhe werden einen festen Griff um das Schwert verhindern.«
Rand nahm das Heft in beide Hände und wandte sich leicht seitwärts, die Klinge gesenkt und den linken Fuß vorgestellt.
Toram spreizte die Hände, als wollte er ausdrücken, er hatte alles in seiner Macht Stehende getan. »Nun, zumindest weiß er, wie man sich aufstellt«, sagte er lachend und stürmte beim letzten Wort vorwärts, wobei er das Übungsschwert mit aller Kraft auf Rands Kopf sausen ließ.
Zusammengebundene Latten trafen mit lautem Klappern aufeinander. Rand hatte nichts außer seinem Schwert bewegt. Toram starrte ihn einen Moment an, und Rand erwiderte seinen Blick ruhig. Dann begannen sie zu tanzen.
Nur so konnte Min diese gleitenden, schwebenden Bewegungen bezeichnen, bei denen die hölzernen Klingen zuckten und sich wanden. Sie hatte Rand mit den Besten, die er finden konnte, mit dem Schwert üben sehen, manchmal mit zwei oder drei oder vier Männern zugleich, aber das war im Vergleich hierzu nichts gewesen. So wunderschön und so leicht zu vergessen, daß Blut hätte fließen können, wenn diese Latten Stahl gewesen wären. Nur daß keine der Klingen, ob nun aus Stahl oder Latten, Haut berührte.
Sie tänzelten vor und zurück, umkreisten einander, die Schwerter mal erforschend, mal zuschlagend, während Rand angriff oder sich verteidigte, und jede Bewegung wurde von jenem lauten Klappern begleitet.
Caraline ergriff fest Mins Arm, ohne ihren Blick von dem Wettkampf zu wenden. »Er ist also auch ein Klingenmeister«, flüsterte sie. »Er muß es sein. Seht ihn Euch an!«
Min schaute hin und drückte Rands Schwertgürtel und in der Scheide steckende Klinge, als wären sie er. Wunderschöne Bewegungen, und was auch immer Rand dachte - Toram wünschte bereits, seine Klinge bestünde aus Stahl. Kalter Zorn brannte auf seinem Gesicht, und er drängte immer härter vorwärts. Dennoch berührte keine der Klingen etwas anderes als die jeweils andere, aber jetzt wich Rand zurück und verteidigte sich mit dem Schwert heftig, während Toram vorwärts drängte, angriff, die Augen vor eisigem Zorn glitzernd.
Außerhalb der freien Fläche schrie jemand, ein Aufheulen äußersten Entsetzens, und plötzlich wurde das Zelt aufwärts gerissen und verschwand in einem den Himmel verhüllenden, dichten Grau. Nebel wogte von allen Seiten heran, von fernen Schreien und Gebrüll erfüllt. Dünne Nebelschwaden wehten in den von dem Zelt hinterlassenen Leerraum. Alle blickten erstaunt. Fast alle.
Torams Lattenklinge traf Rand mit dem Geräusch brechender Knochen an der Seite und warf ihn um. »Ihr seid tot, Cousin«, höhnte Toram, hob sein Schwert hoch über den Kopf, um erneut zuzuschlagen - und erstarrte und sah gebannt zu, wie sich ein Teil des schweren, grauen Nebels über ihnen ... verdichtete. Ein Nebeltentakel, was es vielleicht war, ein dicker Arm mit drei Gliedmaßen, griff herab, schloß sich um die stämmige Rote Schwester und riß sie in die Luft, bevor jemand die Möglichkeit hatte, sich zu regen.
Cadsuane überwand den Schock als erste. Sie hob die Arme, warf ihre Stola zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Eine Feuerkugel schoß aus beiden Handflächen empor und traf den Nebel. Über ihnen brach jäh etwas in Flammen aus, ein sofort wieder verschwindender, gewaltiger Klumpen, und die Rote Schwester gelangte erneut in Sicht und fiel mit dem Gesicht nach unten nahe der Stelle auf die Teppiche, wo Rand kniete und sich die Seite hielt. Zumindest wäre sie auf dem Gesicht gelandet, wenn ihr Kopf nicht verdreht gewesen wäre, so daß ihre toten Augen in den Nebel hinaufstarrten.
Jegliche noch im Zelt verbliebene Fassung schwand dahin. Der Schatten hatte Gestalt angenommen. Schreiende Menschen flohen in alle Richtungen und stießen Tische um, und Adlige drängten sich an Dienern und Diener an Adligen vorbei. Min kämpfte sich mit Fäusten und Ellbogen und Rands Schwert als Knüppel zu Rand vor.
»Bist du verletzt?« fragte sie und half ihm aufzustehen. Sie war überrascht, Caraline auf seiner anderen Seite zu sehen, die ihm ebenfalls half. Zudem wirkte Caraline überrascht.
Er nahm die Hand unter seiner Jacke hervor, und seine Finger waren, dem Licht sei Dank, nicht blutverschmiert. Die so empfindliche, erst halbwegs verheilte Narbe war nicht wieder aufgebrochen. »Ich denke, wir sollten besser gehen«, sagte er und nahm seinen Schwertgürtel. »Wir müssen von hier fort.« Die Höhlung frischer Luft war jetzt merklich kleiner. Fast alle anderen waren geflohen. Draußen im Nebel stiegen Schreie auf, die meisten jäh unterbrochen, aber stets durch neuerliche Schreie ersetzt.
»Ich bin einverstanden, Tomas«, sagte Darlin. Das Schwert in der Hand pflanzte er sich, mit dem Rücken zu Caraline, zwischen ihr und dem Nebel auf. »Die Frage ist, in welche Richtung? Und wie weit müssen wir fliehen?«
»Dies ist sein Werk«, spie Toram aus. »Al'Thors Werk.« Er schleuderte sein Übungsschwert zu Boden, stolzierte zu seiner abgelegten Jacke und zog sie ruhig an. Was auch immer er sein mochte - er war kein Feigling. »Jeraal?« rief er in den Nebel, während er seinen Schwertgürtel schloß. »Jeraal, das Licht verdamme Euch, Mann, wo steckt Ihr? Jeraal!« Mordeth - Fain -antwortete nicht, und Toram rief weiter.