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Außer ihnen waren nur noch Cadsuane und ihre beiden Begleiterinnen geblieben, deren Gesichter einen ruhigen Ausdruck zeigten, deren Hände aber nervös über ihre Stolen strichen. Cadsuane selbst wirkte, als wollte sie nur einen Spaziergang machen. »Ich glaube, wir sollten nach Norden gehen«, sagte sie. »In dieser Richtung ist der Hang näher, und wenn wir hinaufsteigen, können wir vielleicht einen Überblick über das Geschehen gewinnen. Hört auf zu schreien, Toram! Euer Mann ist entweder tot, oder er kann Euch nicht hören.« Toram sah sie an und stellte sein Rufen ein. Cadsuane schien es nicht zu bemerken, und es schien sie auch nicht zu kümmern, solange er still war. »Also dann nach Norden. Wir drei werden uns allem entgegenstellen, was Euer Stahl nicht bewältigen kann.« Sie sah Rand während dieser Worte an, und er nickte kaum merklich, bevor er seinen Gürtel schloß und das Schwert zog. Min bemühte sich um Haltung und wechselte Blicke mit Caraline, deren Augen geweitet waren. Die Aes Sedai wußte, wer er war, und sie würde verhindern, daß sonst noch jemand es erfuhr.

»Ich wünschte, wir hätten unsere Behüter nicht in der Stadt zurückgelassen«, sagte die schlanke Gelbe Schwester. Winzige Silberglöckchen in ihrem dunklen Haar klangen, als sie den Kopf zurückwarf. Sie gebärdete sich fast ebenso herrisch wie Cadsuane, daß man zunächst nicht bemerkte, wie hübsch sie war, nur daß diese Kopfbewegung ... nun ... ein wenig gereizt schien. »Ich wünschte, ich hätte Roshan bei mir.«

»Ein Zirkel, Cadsuane?« fragte die Graue. Sie wandte den Kopf hin und her, um in den Nebel zu spähen, und wirkte mit ihrer scharfgeschnittenen Nase und den neugierigen Augen dabei wie ein gedrungener Spatz. Kein ängstlicher Spatz, sondern ein entschieden angriffslustiger. »Sollen wir uns verbinden?«

»Nein, Niande«, erwiderte Cadsuane seufzend. »Wenn Ihr etwas seht, müßt Ihr in der Lage sein, es unverzüglich anzugreifen. Samitsu, hört auf, Euch um Roshan zu sorgen. Wir haben hier drei gute Schwerter, zwei davon mit dem Zeichen des Reihers, wie ich sehe. Sie werden genügen.«

Toram verzog das Gesicht, als er den auf Rands gezogener Klinge eingravierten Reiher sah. Wenn es ein Lächeln sein sollte, enthielt es jedoch keinerlei Heiterkeit. Auch seine gezogene Klinge war mit dem Reiher gekennzeichnet. Darlins Klinge entbehrte dieses Zeichen, aber er sah Rand und sein Schwert abschätzend an und nickte dann mit tieferem Respekt, als er ihn Tomas Trakand, aus einem niederen Zweig des Hauses, gewährt hatte.

Die grauhaarige Grüne hatte eindeutig die Führung übernommen, und sie behielt sie trotz versuchten Widerstands von Darlin bei, der wie viele Tairener Aes Sedai anscheinend nicht sehr mochte, und von Toram, der einfach jedermann zu verabscheuen schien, der außer ihm Befehle gab. Das gleiche galt im übrigen für Caraline, aber Cadsuane ignorierte ihr Stirnrunzeln ebenso gründlich wie die geäußerten Beschwerden der Männer. Anders als diese, schien Caraline zu erkennen, daß Beschwerden nichts nützen würden. Und Rand ließ sich - Wunder über Wunder - sanftmütig zu Cadsuanes Rechten aufstellen, als sie rasch alle anwies. Nun, nicht wirklich sanftmütig - er sah sie von oben herab auf eine Art an, die Min, wenn sie an Cadsuanes Stelle gewesen wäre, dazu veranlaßt hätte, ihn zu schlagen; Cadsuane schüttelte jedoch nur den Kopf und murmelte etwas, das ihn erröten ließ -, aber er hielt zumindest den Mund. In dem Moment erwartete Min halbwegs, daß er seine wahre Identität preisgeben würde. Und sie erwartete beinahe, daß der Nebel aus Angst vor dem Wiedergeborenen Drachen verschwinden würde. Rand lächelte ihr zu, als sei Nebel bei diesem Wetter vollkommen normal, selbst ein Nebel, der Zelte und Menschen fortriß.

Sie bewegten sich in dem dichten Dunst in der Formation eines sechszackigen Sterns, Cadsuane an einer Spitze, je eine Aes Sedai an jeweils zwei anderen und je ein Mann mit einem Schwert an den drei übrigen Spitzen. Toram protestierte natürlich lauthals dagegen, die Nachhut bilden zu sollen, bis Cadsuane etwas von der Ehre der Nachhut murmelte. Das stellte ihn ruhig. Min hatte keinerlei Einwände gegen ihre Position mit Caraline in der Mitte des Sterns. Sie hielt in beiden Händen einen Dolch und fragte sich, ob sie von Nutzen sein würden. Es erleichterte sie gewissermaßen, den Dolch in Caralines Faust zittern zu sehen. Zumindest ihre Hände waren ruhig. Andererseits, dachte sie, hatte sie vielleicht zu große Angst, um zu zittern.

Der Nebel verbreitete winterliche Kälte. Graue Nebelschwaden schlossen sich umherwirbelnd um sie, so schwer, daß es schwierig war, die anderen deutlich zu sehen. Hören konnte man jedoch nur allzu gut. Schreie hallten durch die Undurchdringlichkeit heran, das Aufschreien von Männern und Frauen und das Wiehern von Pferden. Der Nebel schien die schrecklichen Laute zu dämpfen, ließ sie hohl klingen, so daß sie dankenswerterweise fern schienen. Vor ihnen wurde der Nebel dichter, aber plötzlich schossen Feuerkugeln aus Cadsuanes Händen und zischten durch das eisige Grau, so daß der Nebel in ein einziges, brüllendes Flammenmeer ausbrach. Brüllen hinter ihnen und vor dem Nebel aufscheinendes Licht wie Blitze vor Wolken zeugten davon, daß auch die beiden anderen Schwestern am Werk waren. Min verspürte nicht den Wunsch zurückzublicken. Was sie vor sich sah, genügte vollkommen.

Sie zogen an niedergetretenen, halbwegs von grauem Dunst verborgenen Zelten und an Körpern oder Körperteilen vorbei, die vom Nebel kaum verhüllt wurden. Ein Bein. Ein Arm. Der Oberkörper eines Mannes. Einmal der Kopf einer Frau, der sie von der Ecke eines umgestürzten Wagens anzugrinsen schien. Die Landschaft begann immer steiler anzusteigen. Min sah die ersten Lebenden neben ihnen und wünschte, sie hätte sie nicht gesehen. Ein Mann, der eine der roten Jacken trug, stolperte auf sie zu und winkte schwach mit dem linken Arm. Der andere Arm war fort, und nasse weiße Knochen waren zu sehen, wo die rechte Gesichtshälfte gewesen war. Etwas, das wie Worte klang, drang durch seine Zähne hervor, und er brach zusammen. Samitsu kniete sich kurz neben ihn und legte einen Finger an die blutigen Überreste seiner Stirn. Als sie sich wieder erhob, schüttelte sie den Kopf, und sie zogen weiter. Es ging beständig aufwärts, bis Min sich zu fragen begann, ob sie einen Berg anstatt einen Hügel erklommen.

Unmittelbar vor Darlin nahm der Nebel jäh Gestalt an, eine mannshohe Erscheinung, die aber nur aus Tentakeln und gähnenden Schlünden voller scharfer Zähne bestand. Der Hohe Herr war vielleicht kein Schwertmeister, aber er war auch nicht langsam. Seine Klinge schnitt mitten durch die sich noch immer bildende Gestalt, vollführte eine Drehung und schlitzte sie dann von oben bis unten auf. Vier Nebelwolken, dichter als der umgebende Dunst, sanken zu Boden. »Nun«, sagte er, »zumindest wissen wir jetzt, daß Stahl diese ... Wesen zerschneiden kann.«

Aber die dicken Nebelklumpen verschmolzen miteinander und begannen erneut aufzusteigen.

Cadsuane streckte eine Hand aus. Feuertropfen fielen von ihren Fingerspitzen, und ein heller Flammenblitz verbrannte den sich verdichtenden Nebel. »Aber anscheinend nur zerschneiden«, murmelte sie.

Rechts vor ihnen erschien in dem umherwirbelnden Grau plötzlich eine Frau, die Seidenrök-ke im Lauf gerafft, und fiel halbwegs den Hügel herab auf sie zu. »Dem Licht sei Dank!« rief sie. »Dem Licht sei Dank! Ich dachte, ich wäre allein!« Unmittelbar hinter ihr zog sich der Nebel zusammen, ein nur aus Zähnen und Klauen bestehender Alptraum, und ragte über ihr auf. Min war sich sicher, daß Rand gewartet hätte, wenn sie ein Mann gewesen wäre.

Er hob die Hand, bevor Cadsuane sich regen konnte, und ein Balken von flüssigem weißem Feuer, das heller als die Sonne war, schoß über den Kopf der Frau hinweg. Das Wesen verschwand einfach. Einen Moment war an seiner Stelle klare Luft zu sehen wie auch entlang der Linie, die der Balken gebrannt hatte, bis sich der Nebel wieder zu verdichten begann. Die Frau war einen Moment am Fleck erstarrt. Dann wandte sie sich aus voller Kehle schreiend um und lief vor ihnen davon, noch immer hügelabwärts, floh vor dem, was sie mehr fürchtete als Alpträume im Nebel.