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»Ihr!« brüllte Toram so laut, daß Min mit erhobenen Dolchen zu ihm herumfuhr. Er stand mit auf Rand gerichteter Schwertspitze da. »Ihr seid er! Ich hatte recht! Dies ist Euer Werk! Ihr werdet mich nicht fangen, al'Thor!« Er setzte sich plötzlich seitwärts ab und kletterte panisch den Hügel hinauf. »Ihr werdet mich nicht fangen!«

»Kommt zurück!« rief Darlin ihm nach. »Wir müssen zusammenbleiben! Wir müssen...« Er brach ab und sah Rand an. »Ihr seid al'Thor. Das Licht verdamme mich, Ihr seid es!« Er vollführte eine halbherzige Bewegung, als wollte er sich zwischen Rand und Caraline stellen, aber zumindest lief er nicht davon.

Cadsuane ging ruhig am Hang entlang zu Rand, und schlug ihm so fest ins Gesicht, daß sein Kopf zur Seite ruckte. Min hielt entsetzt den Atem an. »Das werdet Ihr nicht wieder tun«, sagte Cadsuane. Ihre Stimme klang nicht zornig, nur eisenhart. »Hört Ihr mich? Kein Baalsfeuer. Niemals wieder.«

Rand rieb sich überrascht die Wange. »Ihr hattet unrecht, Cadsuane. Er ist echt. Ich bin mir dessen sicher. Ich weiß, daß er real ist.« Noch überraschender war, daß er klang, als wollte er sie nur zu gern überzeugen.

Mins Herz flog ihm zu. Er hatte erwähnt, Stimmen zu hören. Das mußte er meinen. Sie hob ihre rechte Hand in seine Richtung, vergaß für einen Moment, daß sie einen Dolch hielt, und öffnete den Mund, um ihn zu trösten. Obwohl sie sich keineswegs sicher war, daß sie dieses besondere Wort jemals wieder in harmlosem Sinn gebrauchen könnte. Sie öffnete den Mund -und Padan Fain schien aus den Nebeln hinter Rand zu springen, während Stahl in seiner Faust glitzerte.

»Hinter dir!« schrie Min und gestikulierte mit dem Dolch in ihrer ausgestreckten Hand, während sie den Dolch in ihrer linken warf. Alles schien gleichzeitig zu geschehen, im frostigen Nebel nur halbwegs erkennbar.

Rand wandte sich um und drehte sich, und Fain drehte sich ebenfalls, um auf ihn zuzuspringen. Durch diese Drehung verfehlte Mins Dolch sein Ziel, aber Fains Dolch traf Rand in die linke Seite. Er schien fast nur seine Jacke zu zerschneiden, und doch schrie Rand auf. Er schrie auf - ein Laut, bei dem sich Min das Herz zusammenzog -, umklammerte seine Seite, fiel gegen Cadsuane, klammerte sich an sie, um sich aufrecht zu halten, und zog sie mit zu Boden.

»Geht mir aus dem Weg!« schrie eine der anderen Schwestern - Samitsu, dachte Min -, und plötzlich wurden Min die Füße weggerissen. Sie stöhnte, als sie zusammen mit Caraline, die ein atemloses »Blut und Feuer!« fauchte, schwer auf den Hang prallte.

»Aus dem Weg!« schrie Samitsu erneut, als Darlin mit seinem Schwert auf Fain zusprang. Der knochendürre Mann bewegte sich mit erschreckender Schnelligkeit, warf sich nieder und rollte aus Darlins Reichweite. Seltsamerweise gackerte er vor Lachen, während er aufsprang und davonlief und fast augenblicklich von der Undurchdringlichkeit verschluckt wurde.

Min richtete sich zitternd auf.

Caraline war weitaus energischer. »Ich sage Euch jetzt Folgendes, Aes Sedai«, begann sie mit kalter Stimme, während sie heftig ihre Röcke abklopfte. »So lasse ich mich nicht behandeln. Ich bin Caraline Damodred, Hochsitz des Hauses...«

Min hörte auf zu lauschen. Cadsuane saß auf dem Hang über ihnen und hielt Rands Kopf auf ihrem Schoß. Es war nur ein Schnitt gewesen. Fains Dolch konnte nicht mehr berührt haben als... Min warf sich mit einem Aufschrei vorwärts. Aes Sedai oder nicht - sie schob die Frau von Rand fort und barg seinen Kopf in ihren Armen. Seine Augen waren geschlossen, der Atem kam stoßweise, sein Gesicht fühlte sich heiß an.

»Helft ihm!« schrie sie Cadsuane wie ein Echo der fernen Schreie im Nebel an. »Helft ihm!« Ein Teil von ihr erkannte, daß es nicht viel Sinn ergab, nachdem sie die Aes Sedai fortgedrängt hatte, aber sein Gesicht schien ihre Hand zu verbrennen und ihren Verstand.

»Samitsu, schnell«, sagte Cadsuane, erhob sich und richtete ihre Stola. »Mein Talent des Heilens genügt bei seinem Zustand nicht.« Sie legte eine Hand auf Mins Kopf. »Kind, ich werde den Jungen kaum sterben lassen, solange ich ihm keine Manieren beigebracht habe. Hört auf zu weinen.«

Es war seltsam. Min war überzeugt, daß die Frau bei ihr keine Macht angewandt hatte, und doch glaubte sie ihr. Ihm Manieren beibringen. Das würde ein schöner Kampf. Sie ließ Rands Kopf los, wenn auch widerwillig, und zog sich auf Knien zurück. Sehr seltsam. Sie hatte nicht einmal bemerkt, daß sie geweint hatte, und doch genügte Cadsuanes Versicherung, den Tränenfluß einzudämmen. Sie rieb sich mit dem Handballen über die Wangen, während sich Samitsu neben Rand kniete und ihre Fingerspitzen an seine Stirn legte. Min fragte sich, warum sie seinen Kopf nicht in beide Hände nahm, wie Moiraine es getan hatte.

Plötzlich verkrampfte Rand sich, keuchte und schlug so fest um sich, daß er die Gelbe mit einem Arm umwarf. Sobald sie ihn nicht mehr berührte, beruhigte er sich. Min kroch näher heran. Er atmete leichter, aber er hatte die Augen noch immer geschlossen. Min berührte seine Wange. Sie war kühler als zuvor, aber immer noch zu warm. Und blaß.

»Etwas stimmt nicht«, sagte Samitsu verdrießlich, während sie sich aufsetzte. Sie zog Rands Jacke zur Seite und riß eine große Lücke in sein blutgetränktes Hemd.

Der Schnitt von Fains Dolch, der nicht länger als ihre Hand und nicht tief war, verlief genau über der alten runden Narbe. Min konnte sogar in dem schwachen Licht erkennen, daß die Ränder des Schnittes angeschwollen und entzündet waren, als sei die Wunde tagelang nicht versorgt worden. Sie blutete nicht mehr, aber sie hätte verschwunden sein sollen. Das bewirkte die Heilung: Wunden schlossen sich unmittelbar vor jedermanns Augen.

»Dies«, verkündete Samitsu in belehrendem Tonfall, wobei sie leicht die Narbe berührte, »erweckt den Anschein einer Zyste, die aber voller Bösem anstatt voller Eiter ist. Und dies...« - Sie strich mit dem Finger die Wunde entlang -, »scheint voll eines anderen Übels.« Plötzlich sah sie die über ihr stehende Grüne stirnrunzelnd an, und ihre Stimme wurde störrisch und abwehrend. »Wenn ich die entsprechenden Worte kennen würde, Cadsuane, würde ich sie gebrauchen. Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Niemals. Aber soviel kann ich Euch sagen: Er wäre jetzt bereits tot, wenn ich einen Augenblick langsamer gehandelt hätte oder Ihr es nicht zuerst versucht hättet. Wie es aussieht...« Die Gelbe Schwester schien mit einem Seufzen zusammenzusacken. »Wie es aussieht, glaube ich, daß er dennoch sterben wird.«

Min schüttelte den Kopf, versuchte, die Möglichkeit abzuwehren, aber sie konnte ihre Zunge anscheinend nicht zum Sprechen bewegen. Sie hörte Caraline ein Gebet sprechen. Die Frau stand da und umklammerte mit beiden Händen einen von Darlins Jackenärmeln. Darlin wiederum blickte stirnrunzelnd auf Rand hinab, als versuche er, einen Sinn in dem zu finden, was er sah.

Cadsuane beugte sich hinab und tätschelte Samitsus Schulter. »Ihr seid die beste lebende Heilende, vielleicht die beste, die es jemals gegeben hat«, sagte sie ruhig. »Niemand kann sich darin mit Euch messen.« Samitsu stand auf und nickte, und bevor sie sich noch ganz erhoben hatte, zeigte sie bereits wieder die Gelassenheit der Aes Sedai. Cadsuane, die stirnrunzelnd und mit in die Hüften gestemmten Händen auf Rand hinabsah, zeigte sie nicht. »Pah! Ich werde Euch nicht gestatten zu sterben, Junge«, grollte sie und klang, als wäre es sein Fehler. Dieses Mal berührte sie Mins Kopf nicht sanft, sondern pochte mit dem Knöchel darauf. »Steht auf, Kind. Ihr seid nicht verzärtelt - das kann jeder Narr erkennen -, also hört auf, es vorzugeben. Darlin, Ihr werdet ihn tragen. Die Verbände müssen warten. Dieser Nebel verläßt uns nicht, als sollten wir ihn so bald wie möglich verlassen.«