»Was habe ich da gehört über...?« begann Kiruna zornig. Dann sah sie Cadsuane. Und Bera sah Cadsuane. Zu Mins Überraschung blieben sie mit offenen Mündern stehen.
»Er ist in guten Händen«, sagte Cadsuane. »Es sei denn, eine von Euch besitzt plötzlich ein stärkeres Talent des Heilens, als ich es in Erinnerung habe?«
»Ja, Cadsuane«, sagten sie demütig. »Nein, Cadsuane.« Min schloß ebenfalls den Mund.
Samitsu rückte einen elfenbeinverzierten Stuhl an die Wand, breitete ihre dunkelgelben Röcke aus, setzte sich mit gefalteten Händen hin und beobachtete, wie sich Rands Brust unter dem Laken hob und senkte. Niande trat zu Rands Bücherregal und wählte ein Buch aus, bevor sie sich in die Nähe der Fenster setzte. Jetzt zu lesen! Kiruna und Bera wollten sich ebenfalls hinsetzen, blickten aber dann wahrhaftig zu Cadsuane und warteten auf ihr ungeduldiges Nicken, bevor sie sich auch hinsetzten.
»Warum tut Ihr nichts?« rief Min.
»Das könnte ich auch fragen«, sagte Amys, die gerade den Raum betrat. Die jugendliche, weißhaarige Weise Frau sah einen Moment Rand an, richtete ihre tiefbraune Stola und wandte sich dann an Kiruna und Bera. »Ihr könnt gehen«, sagte sie. »Und Kiruna, Sorilea wünscht Euch erneut zu sehen.«
Kirunas dunkles Gesicht wurde blaß, aber die beiden erhoben sich, vollführten einen Hofknicks und murmelten noch demütiger als zuvor bei Cadsuane: »Ja, Amys«, bevor sie den Raum mit verlegenen Blicken zur Grünen Schwester verließen.
»Interessant«, bemerkte Cadsuane, als sie fort waren. Ihre dunklen Augen suchten Amys' blaue Augen, und zumindest Cadsuane gefiel anscheinend, was sie sah. Immerhin lächelte sie. »Ich würde diese Sorilea gern kennenlernen. Ist sie eine starke Frau?« Sie betonte das Wort ›stark‹ besonders.
»Die stärkste Frau, die ich jemals erlebt habe«, sagte Amys schlicht. Man hätte niemals geglaubt, daß Rand bewußtlos vor ihr lag. »Ich kenne Euer Talent des Heilens nicht, Aes Sedai.
Ich vertraue darauf, daß Ihr getan habt, was getan werden konnte?« Ihre Stimme klang tonlos. Min hegte Zweifel darüber, wie weit Amys' Vertrauen ging.
»Was getan werden kann, wurde getan«, antwortete Cadsuane seufzend. »Jetzt können wir nur noch warten.«
»Während er stirbt?« fragte ein Mann mit barscher Stimme, und Min zuckte zusammen.
Dashiva betrat mit gefurchter Stirn den Raum. »Flinn!« fauchte er.
Niandes Buch Bei aus kraftlosen Fingern zu Boden. Sie starrte die drei Männer in den schwarzen Jacken an wie den Dunklen König selbst. Samitsu murmelte mit bleichem Gesicht etwas, das wie ein Gebet klang.
Auf Dashivas Befehl hin hinkte der grauhaarige Asha'man zum Bett gegenüber von Cadsuane und ließ seine Hände einen Fuß über dem Laken entlang Rands noch immer leblosem Körper gleiten. Der junge Narishma stand stirnrunzelnd an der Tür und betastete das Heft seines Schwerts, während jene großen dunklen Augen alle drei Aes Sedai auf einmal zu beobachten versuchten. Die Aes Sedai und Amys. Er wirkte nicht verängstigt, sondern nur wie ein Mann, der vertrauensvoll darauf wartete, daß sich diese Frauen als seine Feinde erweisen würden. Anders als die Aes Sedai ignorierte Amys die Asha'man bis auf Flinn. Ihr Blick folgte ihm, das glatte Gesicht vollkommen unbewegt. Aber sie fuhr auf sehr ausdrucksvolle Art mit dem Daumen am Heft ihres Gürteldolchs entlang.
»Was tut Ihr?« fragte Samitsu und sprang von ihrem Stuhl auf. Welches Unbehagen auch immer sie gegenüber den Asha'man hegte - die Sorge um ihren bewußtlosen Patienten überwog es. »Ihr, Flinn, oder wer immer Ihr seid.« Sie ging auf das Bett zu, und Narishma eilte heran, um ihr den Weg zu versperren. Sie versuchte stirnrunzelnd, an ihm vorbei zu gelangen, doch er legte ihr eine Hand auf den Arm.
»Noch ein Junge ohne Manieren«, murmelte Cadsuane. Nur sie schien von den drei Schwestern durch die Asha'man völlig unbeeindruckt. Sie betrachtete sie sogar über ihre zusammengelegten Hände hinweg.
Narishma errötete bei ihrer Bemerkung und zog seine Hand zurück, aber als Samitsu erneut um ihn herumzugelangen versuchte, stellte er sich ihr erneut in den Weg.
Sie beschränkte sich darauf, über seine Schulter zu blicken. »Ihr, Flinn, was tut Ihr? Ich will nicht, daß Ihr ihn mit Eurer Unkenntnis tötet! Hört Ihr mich?« Min tanzte geradezu von einem Fuß auf den anderen. Sie glaubte nicht, daß ein Asha'man Rand töten würde, nicht absichtlich, aber... Er vertraute ihnen, gewiß... Licht, selbst Amys schien zu zweifeln und blickte stirnrunzelnd von Flinn zu Rand.
Flinn zog das Laken bis auf Rands Taille herab und legte die Wunde frei. Der Schnitt sah weder besser noch schlechter aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, eine klaffende, entzündete, blutlose Wunde, die über der runden Narbe verlief. Rand schien zu schlafen.
»Flinn kann seinen Zustand nicht verschlechtern«, sagte Min. Niemand achtete auf sie.
Dashiva stieß einen gutturalen Laut aus, und Flinn sah ihn an. »Seht Ihr etwas, Asha'man?«
»Ich habe kein Talent zum Heilen«, sagte Dashiva und verzog den Mund. »Ihr seid derjenige, der meinen Vorschlag aufgegriffen und darauf gehört hat.«
»Welchen Vorschlag?« fragte Samitsu. »Ich bestehe darauf, daß Ihr...«
»Seid still, Samitsu«, sagte Cadsuane. Sie war anscheinend außer Amys die einzige im Raum, die ruhig war, aber der Art nach zu urteilen, wie die Weise Frau beständig über ihr Dolchheft strich, war sich Min nicht sicher. »Ich glaube, schaden will er dem Jungen als letztes.«
»Aber Cadsuane«, begann Niande drängend, »dieser Mann ist...«
»Ich sagte, seid still«, erwiderte die grauhaarige Aes Sedai fest.
»Ich versichere Euch«, sagte Dashiva, wobei es ihm gelang, gleichzeitig schmeichlerisch und barsch zu klingen, »daß Flinn weiß, was er tut. Er kann bereits Dinge vollbringen, von denen Ihr Aes Sedai niemals träumen würdet.« Samitsu rümpfte angekelt die Nase. Cadsuane nickte nur und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
Flinn strich mit den Fingern die angeschwollene Wunde an Rands Seite und die alte Narbe entlang. Dies schien sanft zu geschehen. »Sie sind ähnlich, aber doch verschieden, als wären zwei Infektionen am Werk. Nur daß es keine Infektion ist. Es ist ... das Böse. Mir fällt kein besseres Wort ein.« Er zuckte die Achseln und betrachtete Samitsus mit gelben Fransen versehene Stola, während sie ihn stirnrunzelnd ansah, aber es war jetzt ein nachdenklicher Blick.
»Macht weiter, Flinn«, murrte Dashiva. »Wenn er stirbt...« Er rümpfte die Nase, als nehme er einen unangenehmen Geruch wahr, und wandte den Blick nicht von Rand ab. Er bewegte die Lippen, während er zu sich selbst sprach, und einmal stieß er einen halb wie ein Schluchzen und halb wie ein verbittertes Lachen klingenden Laut aus, ohne daß sich seine Miene auch nur einen Deut geändert hätte.
Flinn atmete tief durch und sah sich im Raum um, zu den Aes Sedai, zu Amys. Als er Min erblickte, zuckte er zusammen, und sein ledriges Gesicht rötete sich. Er bedeckte Rand hastig wieder bis zum Hals und ließ nur die alte und die neue Wunde frei.
»Ich hoffe, es stört niemanden, wenn ich dabei rede«, sagte er und bewegte seine schwieligen Hände über Rands Seite. »Zu reden scheint ein wenig zu helfen.« Er blinzelte, konzentrierte sich auf Rands Verletzungen, und seine Finger wanden sich langsam. Ganz ähnlich, als verwebe er Fäden, erkannte Min. Seine Stimme klang fast abwesend, als achte er nur mit einem Teil seines Geistes auf die Worte. »Die Kunst des Heilens hat mich sozusagen zur Schwarzen Burg gebracht. Ich war Soldat, bis ich mir einen Speer im Oberschenkel einfing. Danach konnte ich mich nicht mehr angemessen im Sattel halten und auch nicht weit laufen. Es war die fünfzehnte Verletzung in fast vierzig Jahren in der Königlichen Garde. Zumindest die fünfzehnte von Belang. Verletzungen zählen nicht, wenn man hinterher noch reiten oder laufen kann. Ich habe in diesen vierzig Jahren viele Freunde sterben sehen. Also ging ich zur Burg, und der M'Hael lehrte mich das Heilen. Wie auch andere Dinge. Eine rauhe Art der Heilung. Ich wurde einmal von einer Aes Sedai geheilt - oh, vor inzwischen fast dreißig Jahren - und dies ist im Vergleich dazu schmerzhaft. Aber es wirkt ebensogut. Dann, eines Tages, sagte Dashiva -Verzeihung: Asha'man Dashiva - er wundere sich, warum alles gleich ist, ungeachtet des Umstands, ob es sich um ein gebrochenes Bein oder eine Erkältung handelt, und wir kamen ins Reden, und... Nun, er hat selbst kein Gefühl dafür, aber ich habe anscheinend das Talent.