Elaynes Blick wanderte langsam bis zum Flachdach des Hauses. »Sechs«, murmelte sie im Tonfall zutiefster Zufriedenheit.
»Sechs«, seufzte Nynaeve, und Elayne tätschelte ihren Arm, als fühle sie mit ihr.
»Ich war mir nicht wirklich sicher«, sagte sie, also lächelte Nynaeve und tätschelte ihr ebenfalls den Arm. Mat verstand kein Wort. Das Gebäude hatte also sechs Stockwerke. Frauen benahmen sich manchmal eigenartig. Nun, meistens.
In dem Gebäude verlief ein langer, mit abgewetzten Teppichen ausgelegter, düsterer Gang zur Rückseite, dessen Ende in Schatten verborgen lag. Nur wenige der Durchgänge besaßen Türen, und die wenigen vorhandenen bestanden nur aus groben Brettern. Eine Türöffnung, fast ein Drittel des Weges den Gang hinab, ging zu einer engen, steil aufwärts führenden Steintreppe. Das war der Weg, den Mat am Vortag genommen hatte, den Fußspuren im Staub folgend, aber er glaubte, daß einige der anderen Türen noch zu quer verlaufenden Gängen führen müßten. Er hatte sich gestern nicht die Zeit genommen , sich umzusehen, aber das Gebäude war zu tief und zu breit, als daß nur diese eine Treppe aus dem untersten Stockwerk nach oben konnte. Und es war zu groß, als daß es nur einen Eingang geben konnte.
»Wirklich, Mat«, sagte Nynaeve, als er Harnan und die Hälfte der Rotwaffen aussandte, um sich nach einem Hintereingang umzusehen und diesen zu bewachen. Lan blieb so nah an ihrer Seite, daß er dort festzuhaften schien. »Erkennt Ihr inzwischen nicht, daß dies nicht nötig ist?«
Ihre Stimme klang so sanft, daß Elayne die Wahrheit über Tylin weitererzählt haben mußte, aber wenn dies überhaupt etwas bewirkte, trübte es seine Stimmung eher noch stärker. Er wollte nicht, daß irgend jemand es wußte. Es war verdammt nutzlos! Aber jene Würfel rollten noch immer in seinem Kopf umher. »Vielleicht mag Moghedien Hintertüren«, sagte er trocken. Etwas pfiff am dunklen Ende des Ganges, und einer der Männer bei Harnan fluchte laut über Ratten.
»Du hast es ihm gesagt!« fuhr Nynaeve Lan wütend an, während sie mit einer Hand heftig an ihrem Zopf zog.
Elayne stieß einen aufgebrachten Laut aus. »Jetzt ist nicht die Zeit zu streiten, Nynaeve. Dort oben befindet sich die Schale! Die Schale der Winde!« Plötzlich erschien eine kleine Lichtkugel und schwebte vor ihr her, und sie raffte ihre Röcke und eilte die Treppe hinauf, ohne nachzusehen, ob Nynaeve ihr folgte oder nicht. Vanin eilte ihr in Anbetracht seines Leibesumfangs mit erstaunlicher Schnelligkeit hinterher, gefolgt von Reanne und den meisten der Weisen Frauen. Sumeko mit dem runden Gesicht und Ieine, groß und dunkel und trotz der Linien in den Augenwinkeln hübsch, zögerten, blieben aber dann bei Nynaeve.
Mat wäre auch mit hinaufgegangen, wenn ihm Nynaeve und Lan nicht im Weg gestanden hätten. »Würdet Ihr mich wohl vorbeilassen, Nynaeve?« fragte er. Er verdiente es dabeizusein, wenn diese verdammte Schale geborgen wurde. »Nynaeve?« Sie war so auf Lan konzentriert, daß sie alle anderen vergessen zu haben schien. Mat wechselte Blicke mit Beslan, der grinste. Er saß bei Corevin und den übrigen Rotwaffen bequem in der Hocke. Nalesean lehnte an der Wand und gähnte betont. Was bei all dem aufgewirbelten Staub ein Fehler war. Das Gähnen wurde zu einem Hustenanfall, und sein Gesicht rötete sich.
Selbst das lenkte Nynaeve nicht ab. Sie nahm die Hand bedacht von ihrem Zopf. »Ich bin nicht böse, Lan«, sagte sie.
»Doch, das bist du«, erwiderte er ruhig. »Aber er mußte es erfahren.«
»Nynaeve?« sagte Mat. »Lan?« Beide blickten ihn nicht einmal an.
»Ich hätte es ihm gesagt, wenn ich dazu bereit gewesen wäre, Lan Mandragoran!« Sie schloß jäh den Mund, aber ihre Lippen bewegten sich weiterhin, als spräche sie mit sich selbst. »Ich bin dir nicht böse«, fuhr sie in erheblich milderem Tonfall fort, und es schien ebenso an sie selbst gerichtet. Sie warf ihren Zopf ganz bewußt über ihre Schulter, richtete energisch den mit blauen Federn geschmückten Hut und stemmte die Hände in die Hüften.
»Wenn du es sagst«, antwortete Lan sanft.
Nynaeve bebte. »Sprich nicht in diesem Ton mit mir!« schrie sie. »Ich sagte dir, ich bin dir nicht böse! Hörst du mich?«
»Blut und Asche, Nynaeve«, grollte Mat. »Er denkt nicht, daß du böse bist. Ich denke nicht, daß du böse bist.« Es war gut, daß Frauen ihn gelehrt hatten, mit unbewegter Miene zu lügen. »Könnten wir jetzt hinaufgehen und diese verdammte Schale der Winde holen?«
»Eine fabelhafte Idee«, sagte die Stimme einer Frau von der Tür zur Straße aus. »Sollen wir zusammen hinaufgehen und Elayne überraschen?« Mat hatte die beiden Frauen, die den Gang betraten, noch nie zuvor gesehen, aber ihre Gesichter waren Aes Sedai-Gesichter. Das Antlitz der Sprecherin war länglich und kalt wie ihre Stimme, während das ihrer Begleiterin von einer Vielzahl dünner, dunkler Zöpfe eingerahmt wurde, die mit bunten Perlen verziert waren. Fast zwei Dutzend Männer drängten hinter ihnen herein, große Burschen mit breiten Schultern und Knüppeln und Dolchen in Händen. Mat verlagerte seinen Griff um den Ashandarei. Er erkannte Schwierigkeiten, wenn er sie sah, und der Fuchskopf auf seiner Brust lag kalt, fast kalt, an seiner Haut. Jemand umarmte die Eine Macht.
Die beiden Weisen Frauen fielen bei ihren Hofknicksen fast vornüber, sobald sie jene alterslosen Züge sahen, aber Nynaeve erkannte die Schwierigkeiten gewiß ebenfalls. Sie bewegte lautlos die Lippen, als die beiden den Gang herab kamen, das Gesicht vollkommen bestürzt und selbstanklagend. Mat hörte, wie hinter ihm ein Schwert gezogen wurde, aber er drehte sich nicht um, um nachzusehen, wessen Schwert es war. Lan stand nur da, was natürlich bedeutete, daß er wie ein sprungbereiter Leopard lauerte.
»Sie gehören der Schwarzen Ajah an«, sagte Nynaeve schließlich. Ihre Stimme klang zunächst schwach, gewann aber, als sie fortfuhr, an Festigkeit. »Falion Bhoda und Ispan Shefar. Sie haben in der Burg gemordet und seitdem noch Schlimmeres getan. Sie sind Schattenfreunde und... « ihre Stimme stockte einen Moment »...haben mich abgeschirmt.«
Die Neuankömmlinge gingen gelassen weiter. »Habt Ihr schon jemals solchen Unsinn gehört, Ispan?« fragte die Aes Sedai mit dem länglichen Gesicht ihre Begleiterin, die den Blick vom Staub zu Nynaeve hob, um sie einfältig anzulächeln. »Ispan und ich kommen von der Weißen Burg, während Nynaeve und ihre Freunde sich gegen den Amyrlin-Sitz erheben. Sie werden ernstlich dafür bestraft werden, wie auch jedermann, der ihnen hilft.« Mat erkannte entsetzt, daß die Frauen nicht Bescheid wußten. Sie dachten, er und Lan und die übrigen seien nur verdungene Schläger. Falion gewährte Nynaeve ein Lächeln, das einen Wolf freundlich erscheinen ließ. »Es gibt jemanden, der hoch erfreut sein wird, Euch zu sehen, wenn wir Euch zurückbringen, Nynaeve. Sie glaubt, Ihr wärt tot. Ihr anderen solltet jetzt besser gehen. Ihr wollt doch nicht in Angelegenheiten der Aes Sedai verwickelt werden. Meine Leute bringen Euch zum Fluß.« Ohne ihren Blick von Nynaeve abzuwenden, bedeutete Falion den Männern hinter ihr vorzutreten.
Lan regte sich. Er zog nicht sein Schwert, und gegen Aes Sedai hätte er damit auch keine Chance gehabt, wenn er es getan hätte, sondern stand in einem Moment still und hatte sich im nächsten Moment bereits auf die Frauen geworfen. Unmittelbar bevor er zuschlug, stöhnte er, als sei er hart getroffen worden, aber er prallte dennoch gegen sie und warf beide Schwarze Schwestern auf den staubigen Boden. Dadurch öffneten sich die Schleusentore weit.
Lan richtete sich auf Hände und Knie auf und schüttelte benommen den Kopf, und einer der großen Burschen hob einen eisenverstärkten Knüppel, um ihm den Schädel einzuschlagen. Mat stach dem Burschen mit seinem Speer in den Bauch, während Beslan und Nalesean und die fünf Rotwaffen dem barschen Angriff der Schattenfreunde ebenfalls rasch begegneten. Lan stand taumelnd auf, holte mit dem Schwert aus und schlitzte einen Schattenfreund vom Bauch bis zum Hals auf. Es war nicht viel Platz in dem Gang, um die Schwerter oder den Ashandarei zu führen, aber die Beengtheit erlaubte es ihnen auch, sich der Übermacht zu stellen, ohne schon im ersten Moment überwältigt zu werden. Schnaufende Männer kämpften von Angesicht zu Angesicht gegen sie, stießen sie mit den Ellbogen fort, um Platz für einen Dolchstoß oder das Schwingen eines Knüppels zu erlangen.