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Lan war Nynaeve natürlich aus dem Treppenhaus gefolgt, und Sumeko erschien gleich hinter ihm. Die rundliche Weise Frau blickte einmal den Gang entlang, raffte dann sofort ihre Röcke und lief zu Reanne.

Sie warf Elayne einen besorgten Blick zu, bevor sie auf die Knie sank und ihre Hände auf eigenartige Weise über Reanne zu bewegen begann. Das lenkte Nynaeve jäh ab.

»Was tut Ihr?« fragte sie scharf. Ohne in dem innezuhalten, was sie mit Tamarla tat, gönnte sie der rundlichen Frau nur kurze, aber bohrende Blicke. »Wo habt Ihr das gelernt?«

Sumeko zuckte zusammen, aber ihre Hände hielten nicht inne. »Verzeiht mir, Aes Sedai«, sagte sie atemlos. »Ich weiß, ich sollte nicht...

Sie wird sterben, wenn ich nicht... Ich weiß, ich sollte nicht ständig versuchen... Ich wollte einfach lernen, Aes Sedai. Bitte.«

»Gut, gut, macht weiter«, sagte Nynaeve wie abwesend. Der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit war auf die Frau unter ihren Händen gerichtet. »Ihr scheint einiges zu wissen, was nicht einmal ich... Das heißt, Ihr verwendet die Stränge auf sehr interessante Art. Ihr werdet vermutlich feststellen, daß viele Schwestern von Euch lernen wollen.« Und sie fügte leise hinzu: »Vielleicht werden sie mich dann in Ruhe lassen.« Sumeko konnte ihre letzten Worte nicht verstanden haben, aber was sie gehört hatte, ließ ihr Kinn auf ihre beachtliche Brust sinken. Ihre Hände hielten jedoch weiterhin nicht inne.

»Elayne«, fuhr Nynaeve fort, »würdest du bitte nach der Schale sehen? Vermutlich ist das die Tür.« Sie deutete mit dem Kopf auf die richtige Tür, die wie ein halbes Dutzend weitere offenstand. Daraufhin blinzelte Mat, bis er zwei kleine stoffumwickelte Bündel wahrnahm, die davor lagen, wo die Plünderer sie verloren haben mußten.

»Ja«, murrte Elayne. »Ja, zumindest das kann ich tun.« Sie hob zögernd eine Hand zu Vanin, der noch immer auf Knien kauerte, ließ sie dann mit einem Seufzen wieder sinken und schritt durch den Eingang, der fast augenblicklich eine Staubwolke und ein hustendes Geräusch freigab.

Die überaus rundliche Weise Frau war nicht die einzige, die Nynaeve und Lan gefolgt war. Ieine trat aus dem Treppenhaus und zwang die tarabonische Schattenfreundin, vor ihr herzugehen, indem sie ihr einen Arm auf den Rücken drehte und eine Faust in den Nacken drückte. Ieines Kiefer war angespannt, ihr Mund fest zusammengepreßt. Ihr Gesicht zeigte halbwegs die erschreckende Sicherheit, daß sie lebendig gehäutet würde, weil sie eine Aes Sedai mißhandelte, und halbwegs Entschlossenheit, ungeachtet dessen, was geschah, weiterzumachen. Nynaeve hatte manchmal diese Wirkung auf Menschen. Die Augen der Schwarzen Schwester waren vor Entsetzen geweitet, und sie sackte zusammen, so daß sie wohl hingefallen wäre, wenn Ieine sie nicht festgehalten hätte. Sie mußte gewiß abgeschirmt worden sein, und ebenso gewiß hatte sie gehäutet zu werden wahrscheinlich dem vorgezogen, was auch immer mit ihr geschehen würde. Tränen rannen über ihre Wangen, und sie schluchzte lautlos.

Hinter ihnen folgte Beslan, der beim Anblick Naleseans und der Frauen traurig aufseufzte, und dann kamen Harnan und drei der Rotwaffen, Fergin, Gorderan und Metwyn, die drei, die auf der Vorderseite des Gebäudes gewesen waren. Harnan und die beiden anderen wiesen blutige Risse in ihren Jacken auf, aber Nynaeve mußte sie unten bereits geheilt haben. Sie bewegten sich nicht, als wären sie noch verletzt. Sie schienen jedoch sehr bedrückt.

»Was ist auf der Rückseite geschehen?« fragte Mat.

»Verdammt sei ich, wenn ich es weiß«, erwiderte Harnan. »Wir sind im Dunkeln unmittelbar in eine Ansammlung von Männern mit Dolchen geraten. Einer hat sich wie eine Schlange bewegt...« Er zuckte die Achseln und berührte wie abwesend den blutbefleckten Riß in seiner Jacke. »Einer rammte mir einen Dolch in den Leib, und das nächste, woran ich mich erinnere ist, daß ich die Augen öffnete, Nynaeve Sedai sich über mich beugte und Mendai und die übrigen tot waren.«

Mat nickte. Einer, der sich wie eine Schlange bewegte und auch wie eine Schlange aus Räumen hinausgelangte. Er sah sich im Gang um. Reanne und Tamarla waren aufgestanden - sie richteten natürlich ihre Gewänder -, und Vanin ebenfalls, der in den Raum spähte, in dem Elayne offensichtlich einige weitere Flüche ausprobierte - anscheinend genauso erfolglos wie zuvor, was aber wegen des Hustens schwer zu sagen war. Nynaeve erhob sich und half Sibella auf, einer hageren blonden Frau. Sumeko war noch mit Famelle mit ihrem honigfarbenen Haar und den großen braunen Augen beschäftigt. Aber Melores Busen könnte er nie wieder bewundern. Reanne kniete sich hin, um deren Glieder auszustrecken und ihr die Augen zu schließen, während Tamarla Janira denselben Dienst erwies. Zwei Weise Frauen waren tot, wie auch sechs seiner Rotwaffen. Getötet von einem ... Mann, den die Macht nicht berühren konnte.

»Ich habe sie gefunden!« rief Elayne aufgeregt. Sie trat wieder auf den Gang heraus und hielt ein rundes Bündel zerschlissenen Stoffs in Händen, das sie sich nicht von Vanin abnehmen lassen wollte. Von Kopf bis Fuß von Grau umhüllt, wirkte sie, als hätte sie sich im Staub gewälzt. »Wir haben die Schale der Winde, Nynaeve.«

»In diesem Fall«, verkündete Mat, »sollten wir, verdammt noch mal, schleunigst von hier verschwinden.« Niemand erhob Einwände. Gewiß, Nynaeve und Elayne bestanden darauf, daß alle Männer mit ihren Jacken für Gegenstände Säcke bildeten, die sie in dem Raum aufgestöbert hatten - sie bepackten sogar die Weisen Frauen und sich selbst -, und Reanne mußte hinabsteigen und Männer verdingen, um ihre Toten zum Bootssteg zu bringen, aber niemand erhob Einwände. Mat bezweifelte, daß der Rahad jemals schon eine solch seltsame Prozession gesehen hatte wie diejenige, die sich jetzt zum Fluß hinab bewegte - oder eine, die schneller vorangegangen wäre.

39

Zu haltende Versprechen

Laßt uns verdammt noch mal verschwinden«, forderte Mat später erneut, doch dieses Mal wurden Einwände erhoben. Allgemein wurde während der letzten halben Stunde gestritten, und allmählich reichte es Mat. Die Sonne war schon über den Zenit hinausgelangt. Die Passatwinde milderten die Hitze ein wenig. Schwere gelbe Vorhänge, die über den hohen Fenstern angebracht waren, bauschten sich und flatterten im Wind geräuschvoll. Seit drei Stunden waren sie im Tarasin-Palast zurück. Die Würfel rollten noch immer in seinem Kopf umher, und er hatte das Bedürfnis, gegen etwas zu treten. Oder jemanden zu treten. Er zog an dem um seinen Hals befestigten Schal. Es fühlte sich so an, als ob das Seil, das die Narbe hinterlassen hatte, wieder um seinen Hals läge und sich langsam zuzöge. »Liebe des Lichts, seid Ihr alle blind? Oder nur taub?«

Tylin hatte einen großen, mit grünen Wänden und einer hohen blauen Decke und außer mit vergoldeten Stühlen und kleinen, mit Schildpatt verzierten Tischen unmöblierten Raum zur Verfügung gestellt, der aber dennoch überfüllt war. Tylin saß mit übereinandergeschlagenen Beinen vor einem der drei Marmorkamine und beobachtete Mat mit jenen dunklen Adleraugen und einem kleinen Lächeln, während sie müßig ihre blauen und gelben Röcke richtete und ebenso müßig mit dem mit Edelsteinen besetzten Heft ihres gebogenen Dolches spielte. Er vermutete, daß Elayne oder Nynaeve mit ihr gesprochen hatten. Auch sie waren anwesend und saßen jetzt zu beiden Seiten der Königin. Irgendwann hatten sie saubere Kleidung angelegt und anscheinend sogar gebadet, obwohl sie nur jeweils für Minuten außer Sicht gewesen waren, seit sie zum Palast zurückgekehrt waren. Sie waren Tylin in ihrer leuchtenden Seide fast in ihrer königlichen Würde ebenbürtig. Mat war sich nicht sicher, wen sie mit all dieser Spitze und komplizierten Stickerei beeindrucken wollten. Sie schienen bereit für einen königlichen Ball, nicht für eine Reise. Er selbst trug noch immer seine schmutzige Kleidung, die staubige grüne Jacke geöffnet und der silberne Fuchskopf im Ausschnitt seines Hemdes verfangen. Dadurch, daß er das Lederband verknotet hatte, war es kürzer geworden, aber er wollte, daß das Medaillon seine Haut berührte. Er befand sich immerhin in Gegenwart von Frauen, welche die Macht lenken konnten.