»Nynaeve hält dich für einen kleinen Jungen, der Schutz braucht«, hauchte Tylin ihm zu. »Ich aber weiß, daß du ein erwachsener Mann bist.« Ihr rauchiges Kichern machte ihre Worte zum unflätigsten Kommentar, den er jemals gehört hatte. Die vier Frauen an der Tür wurden Zeuge, wie sein Gesicht purpurrot anlief. »Ich werde dich vermissen, Taube. Was du mit Renaile getan hast, war großartig. Ich bewundere gebieterische Männer sehr.«
»Ich werde dich auch vermissen«, murmelte er. Zu seinem Entsetzen war das die reine Wahrheit. Er verließ Ebou Dar gerade rechtzeitig. »Aber wenn wir uns Wiedersehen, werde ich die Jagd übernehmen.«
Sie lachte glucksend, und die dunklen Adleraugen leuchteten fast. »Ich bewundere gebieterische Männer, Entchen. Aber nicht, wenn sie mir zu gebieten versuchen.« Sie zog seinen Kopf an den Ohren zu sich herunter, um ihn zu küssen.
Er sah Nynaeve und die anderen nicht gehen und verließ den Raum auf unsicheren Beinen, während er sein Hemd wieder in die Hose stopfte. Er mußte noch einmal umkehren, um seinen noch in einer Ecke lehnenden Speer und seinen Hut zu holen. Die Frau besaß kein Schamgefühl. Kein bißchen Schamgefühl.
Er fand Thom und Juilin, die aus Tylins Räumen kamen, gefolgt von Nerim und Lopin, Naleseans kräftigern Mann, die beide als Satteltaschen zu benutzende, große Weidenpacktaschen mit sich schleppten. Sie waren mit seiner Habe beladen, wie Mat erkannte. Juilin trug Mats Bogen und seinen Köcher über eine Schulter geschlungen. Nun, sie hatte gesagt, er würde umziehen.
»Ich fand dies auf Eurem Kissen«, sagte Thom und hielt ihm den Ring hin, den er vor einer Zeit, die ihm wie ein Jahr erschien, gekauft hatte. »Anscheinend ein Abschiedsgeschenk. Über beide Kissen waren Liebesbande und einige andere Blumen verstreut.«
Mat steckte sich den Ring mit einer heftigen Bewegung an den Finger. »Er gehört mir, verdammt. Ich habe ihn bezahlt.«
Der alte Gaukler zupfte an seinem Schnurrbart und hustete in dem mißlungenen Versuch, ein jähes breites Grinsen zu verbergen. Juilin riß sich diesen lächerlichen tarabonischen Hut vom Kopf und vertiefte sich in die Betrachtung von dessen Innenseite.
»Blut und flammende...!« Mat atmete tief durch. »Ich hoffe, Ihr beide habt auch einen Moment darauf verwendet, Eure eigene Habe zu packen«, sagte er ruhig, »denn sobald ich Olver am Wickel bekomme, werden wir aufbrechen, selbst wenn wir eine schimmelige Harfe oder einen rostigen Dolch zurücklassen müssen.« Juilin zog mit einem Finger einen Augenwinkel herab, was auch immer das bedeuten sollte, aber Thom runzelte augenblicklich die Stirn. Wer Thoms Flöte oder Harfe beleidigte, beleidigte Thom selbst.
»Mylord«, sagte Lopin düster. Er war ein dunkler, bereits kahl werdender Mann, rundlicher als Sumeko, und seine schwarze, tairenische Jacke eines Bürgerlichen, die bis zur Taille eng ansaß und dann ausgestellt war, paßte wirklich sehr genau. Er wirkte normalerweise beinahe ebenso würdevoll wie Nerim, aber jetzt waren seine Augen gerötet, als hätte er geweint. »Mylord, besteht eine Möglichkeit, daß ich zurückbleiben könnte, um der Bestattung Naleseans beizuwohnen? Er war ein guter Herr.«
Mat haßte es, nein zu sagen. »Jeder, den wir zurückließen, könnte vielleicht für lange Zeit zurückbleiben müssen, Lopin«, sagte er freundlich. »Hört zu, ich brauche jemanden, der mir bei Olvers Aufsicht hilft. Nerim hat schon mit mir alle Hände voll zu tun. Außerdem wird Nerim zu Talmanes zurückgehen. Wenn Ihr wollt, übernehme ich Euch selbst.« Er hatte sich daran gewöhnt, einen Diener zu haben, und es waren harte Zeiten für einen Mann auf Arbeitssuche.
»Das würde mir sehr gefallen, Mylord«, sagte der Bursche schwermütig. »Der junge Olver erinnert mich stark an den Sohn meiner jüngsten Schwester.«
Aber als sie Mats frühere Räume betraten, war Lady Riselle dort, die weitaus schicklicher gekleidet war als zu dem Zeitpunkt, als Mat sie das letzte Mal gesehen hatte, und sie war ganz allein.
»Warum hätte ich ihn an mich binden sollen?« sagte sie, während sich ihr wirklich erstaunlicher Busen vor Gemütsbewegung hob, als sie ihre Fäuste in die Hüften stemmte. Das Entchen der Königin sollte anscheinend Untergebenen der Königin gegenüber keinen schnippischen Ton anschlagen. »Wenn man einem Jungen die Flügel zu stark stutzt, wird er niemals ein richtiger Mann. Er hat seine Leseübungen auf meinen Knien gemacht - er hätte vielleicht den ganzen Tag gelesen, wenn ich es zugelassen hätte -, und er hat seine Zahlen geübt, so daß ich ihn gehen ließ. Warum sorgt Ihr Euch so? Er hat versprochen, bei Sonnenuntergang zurück zu sein, und er scheint großen Wert auf die Einhaltung seiner Versprechen zu legen.«
Mat stellte den Ashandarei in seine alte Ecke und wies die anderen Männer an, ihre Lasten abzulegen und Vanin und die übrigen Rotwaffen zu suchen. Dann ließ er von Riselles aufsehenerregendem Busen ab und ging zu den Räumen, die sich Nynaeve und die anderen Frauen teilten. Sie waren alle im Wohnzimmer und Lan ebenso, den Umhang des Behüters bereits über den Rücken gelegt und die Satteltaschen auf den Schultern. Anscheinend seine und Nynaeves Satteltaschen. Eine beachtliche Anzahl Kleiderbündel und nicht sehr kleiner Kisten lagen und standen überall auf dem Boden. Mat fragte sichr ob sie Lan dazu bringen könnten, diese auch zu tragen.
»Natürlich müßt Ihr ihn suchen, Mat Cauthon«, erklärte Nynaeve. »Glaubt Ihr, wir würden das Kind einfach im Stich lassen?« Wenn man sie hörte, hätte man glauben können, daß genau das seine Absicht gewesen wäre.
Er wurde jäh mit Hilfsangeboten überschwemmt, nicht nur, daß Nynaeve und Elayne vorschlugen, den Aufbruch zum Bauernhof zu verschieben, sondern Lan, Birgitte und Aviendha boten auch an, sich an der Suche zu beteiligen. Lan ging eiskalt daran, grimmig wie immer, aber Birgitte und Aviendha...
»Mir würde das Herz brechen, wenn dem Jungen etwas zustieße«, sagte Birgitte, und Aviendha fügte ebenso herzlich hinzu: »Ich habe schon immer gesagt, daß Ihr nicht richtig für ihn sorgt.«
Mat knirschte mit den Zähnen. Olver könnte in den Straßen der Stadt sehr wohl immer wieder in Gefahr geraten, bevor er bei Sonnenuntergang in den Palast zurückkehrte. Er hielt seine Versprechen, aber es bestand keine große Wahrscheinlichkeit, daß er auch nur einen Moment der Freiheit aufgeben würde, wenn es nicht sein müßte. Mehr Augen würden eine schnellere Suche bedeuten, besonders wenn alle Weisen Frauen sich daran beteiligten. Er zögerte drei Herzschläge lang. Er hatte eigene Versprechen zu halten, obwohl er klug genug war, es nicht zu sagen.
»Die Schale ist zu wichtig«, belehrte er sie. »Dieser Gholam ist noch immer dort draußen und vielleicht auch Moghedien, und natürlich die Schwarze Ajah.« Die Würfel polterten in seinem Kopf. Es würde Aviendha nicht gefallen, mit Nynaeve und Elayne in einen Topf geworfen zu werden, aber in diesem Moment kümmerte es ihn nicht. Er wandte sich an Lan und Birgitte. »Beschützt sie, bis ich zu Euch stoßen kann. Beschützt sie alle.«
Aviendha erwiderte überraschend: »Das werden wir. Ich verspreche es.« Sie betastete das Heft ihres Dolches. Sie erkannte anscheinend nicht, daß sie eine derjenigen war, die beschützt werden mußten.
Nynaeve und Elayne erkannten es. Nynaeves Blick schien sich jäh in seinen Schädel zu bohren. Er erwartete, daß sie an ihrem Zopf ziehen würde, aber seltsamerweise zuckte ihre Hand nur hin, bevor sie sie entschlossen wieder senkte. Elayne begnügte sich damit, das Kinn anzuheben, ihre großen blauen Augen waren eisig. Jetzt war kein Grübchen zu sehen.