Выбрать главу

Maeric reichte ihm den Steinwürfel. »Ihr müßt auf den roten Fleck drücken und ihn gedrückt halten, egal was geschieht und egal wie lange es dauert, bis sich diese Öffnung bildet. Das ist der einzige Ausweg für Euch alle.« Hamal nickte, aber Maeric wartete nicht einmal darauf, daß er die Anweisung bestätigen würde. Hamal würde verstehen. Maeric berührte Dyreles Wange, ungeachtet dessen, wie viele Augen sie beobachteten. »Schatten meines Herzens, du mußt darauf vorbereitet sein, Weiß zu tragen.« Sie streckte die Hand nach ihrem Gürteldolch aus - sie war eine Tochter des Speers gewesen, als sie ihm den Kranz zu Füßen gelegt hatte -, aber er schüttelte energisch den Kopf. »Du mußt leben, Frau, Dachherrin, um zusammenzuhalten, was verbleibt.« Sie nickte und preßte die Finger an seine Wange. Er war überrascht. Sie war in der Öffentlichkeit stets sehr zurückhaltend gewesen.

Maeric hob seinen Schleier und stieß den Speer hoch über den Kopf. »Moshaine!« brüllte er. »Wir tanzen!«

Sie folgten ihm den Hang hinauf, Männer und Töchter des Speers, fast eintausend Menschen, wenn man die Bruderlosen mitzählte - vielleicht konnte man sie zur Septime dazurechnen -, den Hang hinauf und westwärts. In dieser Richtung lag der nächste und zahlenmäßig geringste Feind. Vielleicht könnten sie genug Zeit herausschinden, obwohl er es nicht wirklich glaubte. Er fragte sich, ob Sevanna hiervon gewußt hatte. Ach, die Welt war sehr merkwürdig geworden, seit Rand al'Thor gekommen war. Einige Dinge konnten sich jedoch nicht ändern. Er begann lachend zu singen.

»Reinigt die Speere, während die Sonne aufsteigt.

Reinigt die Speere, während die Sonne sinkt.

Reinigt die Speere; wer fürchtet zu sterben?

Reinigt die Speere; niemand, den ich kenne!«

Die Moshaine Shaido zogen singend in ihren Todestanz.

Graendal beobachtete stirnrunzelnd, wie sich das Wegetor hinter den letzten der Jumai Shaido und vielen Weisen Frauen schloß. Anders als bei den anderen, hatte Sammael sein Netz nicht einfach so gewoben, daß es schließlich zerfallen mußte. Zumindest vermutete sie, daß er es bis zuletzt bestehen ließ. Die Schließung des Wegetors unmittelbar hinter den letzten braun und grau gekleideten Männern wäre sonst zu zufällig gewesen. Sammael warf den Sack lachend beiseite, hielt aber noch immer einige jener nutzlosen Steinstücke fest. Sie hatte ihren eigenen leeren Sack schon lange abgelegt. Die Sonne ging hinter den Bergen im Westen als rot glühende Halbkugel unter.

»An einem jener Tage«, sagte sie trocken, »werdet Ihr wider Willen zu gerissen sein. Vermutet Ihr, daß einer von ihnen verstanden hat?«

»Keiner«, sagte er schlicht, aber er rieb sich weiterhin die Hände und betrachtete die Stelle, an der das Wegetor gewesen war. Oder vielleicht etwas Dahinterliegendes. Er hielt noch immer die Spiegelmaske aufrecht, die ihm die Illusion zusätzlicher Größe vermittelte. Sie hatte ihre Maske fallenlassen, sobald sich das Wegetor geschlossen hatte.

»Nun, es ist Euch gewiß gelungen, sie in Panik zu versetzen.« Um sie herum lag der Beweis: wenige noch stehende niedrige Zelte, Decken, ein Kochtopf, eine Stoffpuppe und alle Arten verstreuten Abfalls. »Wo habt Ihr sie hingeschickt? Vermutlich irgendwo vor al'Thors Heer?«

»Einige«, sagte er wie abwesend. »Ausreichend viele.« Seine nachdenkliche Selbstprüfung verging jäh, wie auch seine Verkleidung. Die Narbe auf seinem Gesicht schien jetzt besonders fahl. »Ausreichend viele, um Schwierigkeiten zu bereiten, besonders wenn ihre Weisen Frauen die Macht lenken, aber nicht so viele, daß jemand mich verdächtigen wird. Die übrigen sind von Illian bis Ghealdan verstreut. Und wie und warum? Vielleicht hat al'Thor es aus eigenen Gründen getan, aber ich hätte sicherlich nicht die meisten von ihnen verschwendet, wenn es mein Werk gewesen wäre, nicht wahr?« Er lachte erneut, von seinem eigenen Scharfsinn beeindruckt.

Graendal richtete das Mieder ihres Gewandes, um ihre Bestürzung zu verbergen. Es war bemerkenswert dumm, auf diese Weise zu wetteifern - sie hatte sich das schon tausendmal gesagt und sich nicht einmal daran gehalten -, bemerkenswert dumm, und jetzt fühlte sich das Gewand an, als würde es abfallen, was jedoch nichts mit ihrer Bestürzung zu tun hatte. Er wußte nicht, daß Sevanna jede Shaido-Frau mitgenommen hatte, welche die Macht lenken konnte. War es letztendlich an der Zeit, ihn fallenzulassen? Wenn sie sich auf Demandreds Gnade verließ...

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er: »Ihr seid so fest an mich gebunden wie mein Gürtel, Graendal.« Ein Wegetor eröffnete sich und offenbarte seine Privaträume in Illian. »Die Wahrheit ist nicht mehr wichtig, wenn sie es überhaupt jemals war. Ihr steigt mit mir empor oder fallt mit mir. Der Dunkle König belohnt Erfolg, und es hat ihn niemals gekümmert, wie er erreicht wurde.«

»Wie Ihr meint«, antwortete sie. Demandred ließ keine Gnade walten. Und Semirhage... »Ich steige mit Euch auf oder falle mit Euch.« Dennoch - etwas würde ersonnen werden müssen. Der Dunkle König belohnte Erfolg, aber sie würde nicht mit hinabgezogen werden, wenn Sammael versagte. Sie eröffnete ein Wegetor zu ihrem Palast in Arad Doman, zu dem langen, mit Säulen bestandenen Raum, wo sie ihre Lieblinge im Teich herumtollen sehen konnte. »Aber was ist, wenn al'Thor Euch selbst jagt? Was dann?«

»Al'Thor jagt niemanden«, erwiderte Sammael lachend. »Ich brauche nur abzuwarten.« Er betrat, noch immer lachend, sein Wegetor und schloß er hinter sich.

Der Myrddraal trat aus den tieferen Schatten und wurde sichtbar. Die Wegetore hatten in seinen Augen Spuren hinterlassen - drei Flecke leuchtenden Nebels. Er konnte einen Strang nicht vom anderen unterscheiden, aber er konnte Saidin dem Geruch nach von Saidar unterscheiden. Saidin roch wie die scharfe Klinge eines Dolches, wie die Spitze eines Doms. Saidar roch sanft, aber wie etwas, das fester würde, je härter es gedrängt würde. Kein anderer Myrddraal konnte diesen Unterschied riechen. Shaidar Haran war nicht wie andere Myrddraal.

Shaidar Haran hob einen abgelegten Speer auf und benutzte ihn, um den von Sammael beiseite geworfenen Sack umzustülpen und dann die Steinstücke zu untersuchen, die herausfielen. Vieles geschah außerhalb des Plans. Würden diese Ereignisse das Chaos noch mehren, oder...

Zornige schwarze Flammen züngelten von Harans Hand, der Hand des Dieners des Schatten, auf das Speerheft hinab. Der hölzerne Schaft war im Handumdrehen verkohlt und verbogen, und die Speerspitze fiel ab. Der Myrddraal ließ den geschwärzten Stock fallen und wischte sich Ruß von der Handfläche. Wenn Sammael dem Chaos diente, war alles gut. Wenn nicht...

Plötzlicher Schmerz kroch seinen Nacken hinauf. Leichte Schwäche vereinnahmte seine Glieder. Es war ein zu langer Weg von Shayol Ghul. Dieses Band mußte irgendwie getrennt werden. Der Myrddraal wandte sich knurrend um und suchte den Rand des Schattens, den er brauchte. Der Tag kam. Er würde kommen.

41

Eine Schwerterkrone

Rand träumte wild um sich schlagend wirre Träume, in denen er mit Perrin stritt und Mat bat, Elayne zu finden, und in denen Farben gerade außer Sicht aufflammten und Padan Fain mit blitzender Klinge auf ihn zusprang, und manchmal glaubte er im Herzen eines Nebels eine Stimme um eine tote Frau trauern zu hören, Träume, in denen er sich Elayne, Aviendha, Min zu erklären versuchte, allen dreien gleichzeitig, und selbst Min sah ihn verächtlich an.

»...nicht gestört werden!« Cadsuanes Stimme. Ein Bestandteil seiner Träume?

Die Stimme ängstigte ihn. Er rief in seinem Traum nach Lews Therin, und der Klang seiner Stimme hallte durch dichten Nebel, in dem sich Gestalten bewegten und Menschen und Pferde schreiend starben, ein Nebel, in dem Cadsuane ihm unerbittlich folgte, während er keuchend davonlief. Alanna versuchte, ihn zu beruhigen, aber sie fürchtete Cadsuane ebenfalls. Er konnte ihre Angst genauso stark spüren wie seine eigene. Sein Kopf schmerzte. Und seine Seite.