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Aber ob Rand noch geistig unversehrt war oder nicht - Perrin zweifelte nicht daran, daß jede Tochter des Speers, die gekommen war, um für ihn zu kämpfen und irgendwo dort unten gestorben war, zusammen mit den anderen anständig auf dem Hügel begraben würde.

Einhundertzweiundfünfzig Namen waren aufgelistet. Aber das ging Kiruna nichts an. Und auch Perrin nicht. Rand mußte sich seine geistige Gesundheit einfach so weit wie möglich bewahren. Licht, gebe, daß es so sei!

Und das Licht verbrenne mich dafür, daß ich diesen Gedanken so ungerührt hegen kann, dachte Perrin.

Er sah aus den Augenwinkeln, wie Kiruna die vollen Lippen einen Moment zusammenpreßte. Sie mochte den Umstand, nicht alles zu wissen, genauso wenig wie warten zu müssen. Sie wäre auf eindrucksvolle Art schön gewesen, wenn ihr Gesichtsausdruck nicht besagt hätte, daß sie es gewohnt war zu bekommen, was sie wollte. Sie war nicht unverschämt, sondern sich nur vollkommen sicher, daß richtig und angemessen war, was immer sie wollte, und daß es so sein mußte. »Wenn sich so viele Krähen und Raben an einer Stelle aufhalten, gibt es sicherlich Hunderte, wenn nicht Tausende darunter, die bereit sind, einem Myrddraal über ihre Beobachtungen zu berichten.« Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Verärgerung zu verbergen. Sie klang, als hätte Perrin jeden einzelnen Vogel selbst hierhergebracht. »In den Grenzlanden töten wir sie, wen wir sie sehen. Ihr habt Männer, und sie haben Bogen.«

Es war richtig - ein Rabe oder eine Krähe konnte durchaus ein Spion des Schattens sein, aber dennoch wallte Abscheu in ihm auf. Abscheu und Erschöpfung. »Wozu?« Bei so vielen Vögeln konnten die Leute von den Zwei Flüssen und die Aiel jeden verfügbaren Pfeil abschießen, und es würden immer noch Spione berichten können. Es war meist nicht festzustellen, ob der Vogel, den man getötet hatte, der Spion war, oder derjenige, der davonflog. »Ist nicht genug getötet worden? Und es wird nur zu bald weiteres Blutvergießen geben. Licht, Frau, selbst die Asha'man sind übersättigt!«

Viele der zuschauenden Schwestern wölbten die Augenbrauen. Niemand sprach so von den Aes Sedai, kein König und keine Königin. Bera sah ihn mit einem Blick an, der besagte, daß sie ihn aus dem Sattel zu schleudern und ihm Ohrfeigen zu verpassen erwog. Kiruna betrachtete noch immer das Schlachtfeld unter ihnen und glättete mit entschlossenem Gesichtsausdruck ihre Röcke. Loials Ohren zitterten. Er besaß einen tiefen, fast ängstlichen Respekt vor den Aes Sedai. Obwohl er fast zweimal so groß war wie die Schwestern, benahm er sich mitunter, als könnte eine von ihnen ihn zertreten, ohne es zu bemerken, wenn er ihr in die Quere käme.

Perrin ließ Kiruna keine Gelegenheit mehr zu sprechen. Reiche einer Aes Sedai den kleinen Finger, und sie wird deinen ganzen Arm ergreifen, es sei denn, sie hat beschlossen, noch mehr zu nehmen. »Ihr habt Euch von mir ferngehalten, aber ich habe Euch einiges zu sagen. Ihr habt gestern Befehle mißachtet. Wenn Ihr den Plan geändert habt«, fuhr er schnell fort, als sie den Mund Öffnete, »dann sagt es offen, wenn Ihr glaubt, daß es das besser macht.« Sie und die anderen acht Frauen waren angewiesen worden, bei den Weisen Frauen zu bleiben, im Hintergrund der Kampfhandlungen, bewacht von Männern von den Zwei Flüssen und Mayenern. Statt dessen waren sie mitten hineingetaucht, hatten sich dort aufgehalten, wo Männer einander mit Schwertern und Speeren zu Hackfleisch zerstückelten. »Ihr habt Havien Nurelle mit Euch genommen, und die Hälfte der Mayener sind deshalb gestorben. Ihr werdet nicht länger nach Eurem eigenen Willen handeln, ohne die geringsten Rücksichten zu nehmen. Ich werde keine Männer mehr sterben sehen, weil Ihr plötzlich einen besseren Weg zu erkennen glaubt. Habt Ihr mich verstanden?«

»Seid Ihr fertig, Bauernjunge?« Kirunas Stimme klang gefährlich ruhig. Das ihm zugewandte Gesicht hätte aus Eis gehauen sein können, und sie roch beleidigt. Obwohl sie auf dem Boden stand, gelang es ihr, den Eindruck zu erwecken, als blicke sie auf Perrin herab. Es war kein Trick der Aes Sedai. Er hatte diesen Blick auch schon bei Faile gesehen. Er vermutete, daß die meisten Frauen ihn beherrschten. »Ich werde Euch etwas sagen, was auch ein Mensch mit nur geringer Intelligenz eigentlich von selbst erkennen müßte. Bei den drei Eiden - keine Schwester darf die Eine Macht als Waffe benutzen, außer gegen Schattengezücht oder um ihr Leben oder das ihrer Behüter oder das einer anderen Schwester zu verteidigen. Wir hätten bleiben können, wo Ihr uns haben wolltet, und bis Tarmon Gai'don weiterhin nur beobachten können, ohne jemals etwas Wirksames zu tun, solange wir nicht selbst in Gefahr waren. Ich mag es nicht, meine Handlungsweise erklären zu müssen, Bauernjunge. Zwingt mich nie wieder dazu. Habt Ihr verstanden?«

Loials Ohren erschlafften, und sein starr geradeaus gerichteter Blick verdeutlichte, daß er sich irgendwo anders als hier zu sein wünschte, vielleicht sogar bei seiner Mutter, die ihn verheiraten wollte. Arams Mund stand offen, obwohl er stets vorzugeben versuchte, daß ihn Aes Sedai nicht beeindruckten. Jondyn und Tod stiegen ein wenig zu nachlässig von ihrem Wagenrad herab. Jondyn schlenderte davon, aber Tod lief, wobei er über die Schulter zurückblickte.

Kirunas Erklärung klang vernünftig. Es war wahrscheinlich die Wahrheit. Nein, bei einem weiteren der Drei Eide - es war die Wahrheit. Aber es gab Hintertüren. So als würde man nicht die ganze Wahrheit sagen oder um die Wahrheit herumreden. Die Schwestern hätten sich genausogut in Gefahr bringen können, um die Eine Macht als Waffe zu benutzen, aber Perrin hegte den Verdacht, daß sie geglaubt hatten, sie könnten Rand vor allen anderen erreichen. Was dann geschehen wäre, konnte man nur vermuten, aber seiner Ansicht nach war in ihren Plänen nichts von alledem vorgesehen gewesen, was tatsächlich geschehen war.

»Er kommt«, sagte Loial plötzlich. »Seht nur! Rand kommt.« Und dann fügte er im Flüsterton hinzu: »Sei vorsichtig, Perrin.« Es war für einen Ogier wahrhaftig ein Flüstern. Aram und Kiruna hatten es wahrscheinlich auch gehört und vielleicht noch Bare, aber sicherlich niemand sonst. »Sie haben dir nichts geschworen!« Seine Stimme nahm wieder die übliche dröhnende Lautstärke an. »Glaubt Ihr, er würde vielleicht mit mir darüber sprechen, was im Lager vor sich gegangen ist? Für mein Buch?« Er schrieb ein Buch über den Wiedergeborenen Drachen oder machte sich zumindest Notizen dafür. »Ich habe wirklich nicht viel gesehen, als der ... der Kampf begann.« Er hatte neben Perrin mitten im Kampfgetümmel gestanden und eine Streitaxt mit einem Heft geschwungen, das fast so lang wie er groß war. Es war schwierig, auf anderes zu achten, wenn man um sein Leben kämpfte. Aber wenn man Loial zuhörte, konnte man glauben, er würde sich stets von Gefahren fernhalten. »Glaubt Ihr, er würde es vielleicht tun, Kiruna Sedai?«

Kiruna und Bera wechselten Blicke und schwebten dann wortlos über den Boden zu den anderen. Loial sah ihnen nach und seufzte dann, was wie ein durch Höhlen fegender Wind klang.

»Du solltest wirklich aufpassen, Perrin«, flüsterte er. »Du sprichst immer so voreilig.« Jetzt klang er wie eine Hummel von der Größe einer Katze anstatt einer Bulldogge. Perrin glaubte, daß er vielleicht noch zu flüstern lernen würde, wenn sie genug Zeit in der Nähe von Aes Sedai verbrächten. Jetzt bedeutete er dem Ogier aber, still zu sein, damit er lauschen konnte. Die Schwestern begannen sich sofort zu unterhalten, aber kein Laut erreichte Perrins Ohren. Sie hatten eindeutig mit der Einen Macht eine Barriere errichtet.

Und eindeutig auch den Asha'man gegenüber. Sie waren plötzlich aufgesprungen und vollkommen auf die Schwestern konzentriert. Nichts besagte, daß sie Saidin, die männliche Hälfte der Wahren Quelle, ergriffen hatten, aber Perrin hätte Traber darauf verwettet. Und Gedwyns zornighöhnischem Grinsen nach zu urteilen, war er ebenfalls zum Einsatz bereit.