Выбрать главу

Min zog an Rands Hemdsärmel - sie hatte alle Anwesenden blitzartig überprüft und roch genauso besorgt wie die Schwestern. Rand tätschelte ihre Hand, während er alle anderen, einschließlich Perrin, genau beobachtete. Jedermann im Lager schaute zu, von den Leuten von den Zwei Flüssen bis zu den gefangenen Aes Sedai, wenn auch nur wenige Aiel nahe genug standen, um etwas hören zu können. Die Leute beobachteten Rand vielleicht, aber sie achteten nach Möglichkeit auch darauf, ihm aus dem Weg zu gehen.

»Die Weisen Frauen werden sich um die Gefangenen kümmern«, sagte Rand schließlich, und Sorilea roch plötzlich so zufrieden, daß Perrin sich heftig die Nase rieb. Taim schüttelte verärgert den Kopf, aber Rand rügte ihn, noch bevor er etwas sagen konnte. Er hatte einen Daumen hinter den Verschluß seines Schwertgürtels gehakt - in Form eines vergoldeten Drachen -, und seine Knöchel traten unter dem festen Griff weiß hervor. Seine andere Hand lag auf dem Schwertheft. »Die Asha'man sollen ausbilden - und rekrutieren -, nicht wachen. Vor allem bei Aes Sedai nicht.« Perrins Nackenhaare richteten sich auf, als er den Duft erkannte, der von Rand heranschwebte, als er Taim ansah: Haß, durchdrungen von Angst. Licht, er mußte geistig gesund sein.

Taim nickte widerwillig. »Wie Ihr befehlt, mein Lord Drache.« Min betrachtete den schwarz gewandeten Mann unbehaglich und trat noch näher an Rand heran.

Kiruna roch erleichtert, aber mit einem letzten Blick auf Bera verlegte sie sich auf eigensinnige Bestimmtheit. »Diese Aiel-Frauen sind recht ehrenwert - einige hätten ihre Sache vielleicht gut gemacht, wenn sie zur Burg gelangt wären -, aber Ihr könnt ihnen die Aes Sedai nicht einfach übergeben. Das ist undenkbar! Bera Sedai und ich werden...«

Rand erhob eine Hand und erstickte ihre Worte. Vielleicht war es auch sein Blick oder der Anblick eines durch seinen zerrissenen Ärmel deutlich sichtbaren rotgoldenen Drachen, die sich um seine Unterarme wanden. Der Drache glänzte im Sonnenlicht. »Habt Ihr mir Treue geschworen?« Kirunas Augen traten hervor, als hätte sie etwas in die Magengrube getroffen.

Kurz darauf nickte sie, wenn auch sehr widerwillig. Sie wirkte jetzt genauso ungläubig wie am Tag zuvor, als sie sich am Ende der Schlacht dort unten am Brunnen niedergekniet und unter dem Licht und bei ihrer Hoffnung auf Seelenheil und Wiedergeburt geschworen hatte, dem Wiedergeborenen Drachen zu gehorchen und ihm zu dienen, bis die Letzte Schlacht begonnen und vergangen war. Perrin verstand ihre Bestürzung. Wenn sie es, selbst ohne die Drei Eide, geleugnet hätte, hätte er seinen eigenen Erinnerungen nicht mehr getraut. Neun Aes Sedai auf Knien, die Gesichter voller Entsetzen über die Worte, die aus ihrem Mund strömten, und die ungläubig rochen. Jetzt war Beras Mund zusammengepreßt, als hätte sie in eine schlechte Pflaume gebissen.

Ein Aielmann schloß sich der kleinen Gruppe an, ein Mann, der ungefähr genauso groß war wie Rand, mit wettergegerbtem Gesicht und Spuren von Grau in seinem dunkelroten Haar; er nickte Perrin zu und berührte leicht Amys' Hand. Vielleicht drückte sie seine Hand als Erwiderung kurz, denn Rhuarc war ihr Ehemann, aber mehr Zuneigung zeigten Aiel vor anderen nicht. Er war auch der Clanhäuptling der Tardaad Aiel - er und Gaul waren die einzigen beiden Männer, die das Siswai'aman-Stirnband nicht trugen -, und er und eintausend Speerträger hatten seit gestern abend verstärkt gekundschaftet.

Sogar ein blinder Mann in einem anderen Land hätte die Stimmung um Rand erspüren können, und Rhuarc war kein Narr. »Komme ich gelegen, Rand al'Thor?« Als Rand ihm zu sprechen bedeutete, fuhr er fort. »Die Shaido fliehen so schnell wie möglich nach Osten. Ich habe im Norden berittene Männer mit grünen Umhängen gesehen, aber sie gingen uns aus dem Weg, und Ihr sagtet, wir sollten sie ziehen lassen, es sei denn, sie bereiteten uns Ärger. Ich glaube, sie haben Aes Sedai verfolgt, die entkommen konnten. Es waren mehrere Frauen bei ihnen.« Kalte blaue Augen betrachteten die beiden Aes Sedai vollkommen ausdruckslos und hart. Früher hatte sich Rhuarc in Gegenwart von Aes Sedai ungezwungen bewegt -jeder Aiel hatte das getan -, aber das war spätestens seit gestern vorbei.

»Das sind gute Neuigkeiten. Ich würde fast alles darum geben, Galina zu ergreifen, aber es sind dennoch gute Nachrichten.« Rand berührte erneut sein Schwertheft und lockerte die Klinge in ihrer dunklen Scheide, ohne sich dieser Bewegung bewußt zu sein. Galina, eine Rote, hatte die Schwestern angeführt, die ihn gefangengehalten hatten, und auch wenn er sich heute nicht mehr über sie aufregte, war er gestern doch zornig gewesen, als sie entkommen war. Selbst jetzt wirkte seine Ruhe frostig. Es war die Art Ruhe, die schwelenden Zorn verbarg, und sein Geruch verursachte Perrin eine Gänsehaut. »Sie werden bezahlen. Jeder einzelne von ihnen.« Es wurde nicht deutlich, ob Rand die Shaido oder die entkommenen Aes Sedai oder beide meinte.

Bera wandte unbehaglich den Kopf, und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie und Kiruna. »Ihr habt mir Treue geschworen, und darauf vertraue ich.« Er hob die Hand, Daumen und Zeigefinger fast zusammen, um zu verdeutlichen, wie weit er ihnen traute. »Aes Sedai wissen immer alles besser als andere, oder zumindest glauben sie es. Also vertraue ich darauf, daß Ihr tut, was ich sage, aber Ihr werdet ohne meine Erlaubnis nicht einmal ein Bad nehmen. Oder ohne die Erlaubnis einer Weisen Frau.«

Jetzt wirkte Bera, als wäre sie geschlagen worden. Ihre hellbraunen Augen glitten erstaunlich würdevoll zu Amys und Sorilea, und Kiruna zitterte vor Anstrengung, es ihr nicht gleichzutun. Die beiden Weisen Frauen richteten nur ihre Stolen, aber ihre Gerüche waren erneut gleich. Zufriedenheit strömte wellenförmig von ihnen aus, eine äußerst grimmige Zufriedenheit. Perrin war froh darüber, daß die Aes Sedai nicht seinen Geruchssinn besaßen, sonst wären sie auf der Stelle zum Kampf bereit gewesen. Oder vielleicht auch davonzulaufen und ihre Würde aufzugeben. Das hätte er getan.

Rhuarc stand da und betrachtete müßig die Spitze eines seiner Kurzspeere. Dies war eine Angelegenheit der Weisen Frauen, und er sagte stets, es kümmere ihn nicht, was die Weisen Frauen taten, solange sie ihre Finger aus den Angelegenheiten der Clanhäuptlinge heraushielten. Aber Taim... Er gab vor, sich nicht zu sorgen, kreuzte die Arme und sah sich mit gelangweiltem Gesichtsausdruck im Lager um, und doch roch er seltsam, schwierig. Perrin hätte behauptet, der Mann sei belustigt und entschieden besserer Stimmung als zuvor.

»Der Eid, den wir geleistet haben«, sagte Bera schließlich mit in die Hüften gestemmten Fäusten, »bindet jedermann außer einen Schattenfreund.« Nein, ihnen gefiel nicht, was sie geschworen hatten. »Wagt Ihr es, uns zu beschuldigen...?«

»Wenn ich das glaubte«, fuhr Rand sie an, »wärt Ihr bereits mit Taim auf dem Weg zur Schwarzen Burg. Ihr habt geschworen zu gehorchen. Nun, dann gehorcht!«

Bera zögerte einen langen Moment, wirkte aber wieder so hoheitsvoll, wie eine Aes Sedai nur sein konnte. Eine Aes Sedai konnte eine Königin auf ihrem Thron wie eine Schlampe aussehen lassen. Sie vollführte andeutungsweise einen Hofknicks und neigte steif den Kopf.

Kiruna wiederum bemühte sich sichtlich, sich zusammenzureißen, die Ruhe, die sie annahm, so hart und spröde wie ihre Stimme. »Müssen wir also diese würdigen Aiel um Erlaubnis bitten, Euch fragen zu dürfen, ob Ihr jetzt bereit seid, geheilt zu werden? Ich weiß, daß Galina Euch schlecht behandelt hat. Ich weiß, daß Ihr von Kopf bis Fuß mit Wunden übersät seid. Nehmt das Heilen an. Bitte.« Sogar dieses ›Bitte‹ klang wie ein Befehl.