Er schluckte heftig und sah Perrin und auch den voranreitenden Rand anklagend an. »Es ist einfach gefährlich, wenn man in Gegenwart zweier Ta'veren den Mund öffnet. Alles könnte hervordringen!« Aber nichts, was er nicht ohnehin gesagt hätte, wie er nur zu gut wußte, und was auch jederzeit hätte geschehen können, wenn keine Ta'veren dabeigewesen wären. Loial wußte auch das, und dieser Umstand schien ihn zu erschrecken. Es verging geraume Zeit, bevor die Ohren des Ogiers zu beben aufhörten.
Zwar dachte Perrin ausschließlich an Faile, aber er war nicht völlig blind. Als sie Richtung Südwesten ritten, drang das erste, was er unbewußt bemerkte, nur allmählich auf ihn ein. Es war nicht heiß gewesen, als er vor weniger als zwei Wochen von Cairhien nach Norden geeilt war, aber jetzt schien es, als hätte der Dunkle König einen festeren Zugriff auf das Land erlangt und schinde es noch härter als zuvor. Sprödes Gras knisterte unter den Pferdehufen, verkümmerte braune Kriechgewächse überzogen die Felsen an den Hängen wie Spinnweben, und kahle Zweige - nicht nur unbelaubt, sondern verdorrt - knackten, wenn der trockene Wind in Böen heranwehte. Immergrüne Föhren und Lederblattbäume waren zur Hälfte braun und gelb verfärbt.
Nach wenigen Meilen tauchten Bauernhöfe auf, einfache, quadratisch angelegte Gebäude aus dunklem Stein, die ersten auf abgelegenen Lichtungen im Wald, dann mehrere, als der Wald sich lichtete und kaum noch diesen Namen verdiente. Eine Wagenstraße hatte sich hierher verirrt, verlief über die Schultern und Kämme der Hügel und paßte sich eher den von Steinmauern eingefaßten Feldern als dem Gelände an. Die meisten dieser zunächst zu sehenden Bauernhöfe wirkten verlassen, hier ein umgestürzt vor einem Wohngebäude liegender Stuhl mit leiterförmiger Rückenlehne, dort eine Stoffpuppe an der Straße. Magere Rinder und träge Schafe sprenkelten Weiden, auf denen sich häufig Raben über Kadavern zankten. Auf kaum einer Weide waren weniger als ein oder zwei Kadaver zu sehen. Wasserläufe liefen nur noch als Rinnsale durch vertrockneten Schlamm. Ackerboden, der jetzt von Schnee hätte bedeckt sein sollen, war fast überall zu Staub zerfallen.
Eine hoch aufragende Staubsäule kennzeichnete den Weg der Kolonne, bis der schmale Erdweg auf die breite, gepflasterte Straße vom Jangai-Paß führte. Hier waren Menschen unterwegs, wenn auch nur wenige und diese oft teilnahmslos und mit matten Augen. Obwohl die Sonne inzwischen halbwegs untergegangen war, war die Luft noch immer heiß wie in einem Backofen. Gelegentlich verließen Ochsenkarren oder Pferdewagen eilig die Straße, wichen in schmale Pfade oder sogar auf Felder aus und machten Platz. Die Wagenlenker und die Handvoll Bauersleute auf den Feldern beobachteten mit ausdruckslosen Gesichtern, wie die drei Banner vorüberzogen.
Nahezu eintausend bewaffnete Männer waren Grund genug zu starren. Eintausend bewaffnete Männer, die zu einem bestimmten Zweck irgendwohin unterwegs waren. Grund genug zu starren und dankbar zu sein, wenn sie außer Sicht gelangten.
Kurz vor dem Horizont führte die Straße auf eine Anhöhe, von der aus man Cairhien zwei bis drei Meilen voraus liegen sah. Rand verhielt sein Pferd, und die Töchter des Speers, die jetzt alle zusammen waren, kauerten sich an Ort und Stelle nieder.
Nichts bewegte sich auf den fast baumlosen Hügeln um die Stadt, die eine gewaltige, im Westen zum Alguenya hin abfallende, eckige Mauern und kantige Türme aufweisende und starr wirkende Masse grauen Steins war. Schiffe aller Größen hatten im Fluß Anker geworfen, und einige hatten an den Docks am entgegengesetzten Ufer festgemacht, wo sich die Getreidespeicher befanden. Einige Schiffe fuhren mit gesetzten Segeln dahin. Sie vermittelten den Eindruck von Frieden und Wohlstand. Da keine Wolke am Himmel stand, war die Luft klar, und Perrin konnte die großen, auf den Türmen der Stadt wehenden Banner deutlich erkennen, als der Wind sie entfaltete: das scharlachrote Banner des Lichts und das weiße Drachenbanner sowie die goldene, aufgehende Sonne von Cairhien mit ihren wellenförmigen Strahlen auf blauem Grund. Und ein viertes Banner, das ebenso ins Auge sprang wie die anderen. Es zeigte einen Silberdiamant auf einem gelb und rot karierten Feld.
Dobraine senkte das kleine Fernglas und verstaute es stirnrunzelnd in einer an seinem Sattel befestigten Lederhülle. »Ich hatte gehofft, die Wilden hätten sich geirrt, aber wenn das Haus Saighan die aufgehende Sonne hißt, hat Colavaere den Thron inne. Sie wird jeden Tag in der Stadt Geschenke verteilt haben: Geld, Nahrung, Putz. Das ist bei den Krönungsfeierlichkeiten Tradition. Ein Regent ist niemals beliebter als in der Woche nach seiner Thronbesteigung.« Er sah Rand von der Seite an. Die bemühte Offenheit ließ sein Gesicht hohl wirken. »Die Bürgerlichen könnten sich erheben, wenn ihnen Eure Handlungsweise nicht gefällt. Die Straßen könnten von Blut erfüllt werden.«
Haviens grauer Wallach reagierte auf die Ungeduld seines Reiters mit Unruhe. Der Mann schaute ständig zwischen Rand und der Stadt hin und her. Es war nicht seine Stadt. Er hatte schon früher deutlich gemacht, daß es ihn wenig kümmerte, was in deren Straßen vor sich ging, solange sein Regent in Sicherheit war.
Rand betrachtete die Stadt lange Zeit versonnen. Zumindest schien es so. Aber was auch immer er sah -sein Gesicht blieb ausdruckslos. Min musterte ihn besorgt und vielleicht auch ein wenig mitleidig. »Ich werde versuchen, dafür zu sorgen, daß das nicht geschieht«, sagte er schließlich. »Flinn, bleibt mit den Soldaten hier. Min...«
Sie unterbrach ihn heftig. »Nein! Ich gehe dahin, wo du hingehst, Rand al'Thor. Du brauchst mich, und das weißt du.« Letzteres klang mehr nach einer Bitte als nach einem Anspruch, aber wenn eine Frau auf ihre Art die Fäuste in die Hüften stemmte und angespannt dreinsah, bat sie nicht.
»Ich gehe auch mit«, fügte Loial hinzu, der auf seiner langstieligen Streitaxt lehnte. »Du unternimmst immer etwas, wenn ich gerade woanders bin.« Seine Stimme nahm einen klagenden Unterton an. »Das geht nicht, Rand. Es wird für das Buch nicht genügen. Wie kann ich über Dinge schreiben, die ich nicht miterlebt habe?«
Rand sah noch immer Min an, hatte die Hand halbwegs zu ihr ausgestreckt, ließ sie dann aber wieder sinken. Sie hielt seinem Blick gleichmütig stand.
»Das ist ... verrückt.« Dashiva hielt die Zügel starr in der Hand und führte die gedrungene Stute näher an Rands Schwarzen heran. Sein Gesicht zeigte einen widerwilligen Ausdruck. Vielleicht bereitete es sogar Asha'man Unbehagen, Rand nahe zu sein. »Es braucht nur irgendwo ein Mann mit einem ... einem Bogen oder Dolch zu lauern, den Ihr nicht rechtzeitig seht. Schickt einen der Asha'man, das zu tun, was getan werden muß, oder auch mehr, wenn Ihr es für notwendig haltet. Es könnte ein Wegetor zum Palast eröffnet werden, bevor irgend jemand erkennt, was geschehen ist.«
»Und wir müßten bis nach Einbruch der Dunkelheit hier warten«, unterbrach Rand ihn und wendete seinen Hengst, um Dashiva anzusehen, »bis sie diesen Ort ausreichend gut kennen, um eines zu eröffnen. Auf diese Weise gibt es bestimmt Blutvergießen. Man hat uns von den Mauern aus bereits gesehen, es sei denn, sie sind blind. Sie werden früher oder später jemanden schicken, um herauszufinden, wer und wie viele wir sind.« Die restliche Kolonne hielt sich hinter dem Hügel verborgen, und auch die Banner waren dort zurückgeblieben, aber Reiter auf einem Hügelkamm in Begleitung von Töchtern des Speers würden schon genügend Neugier erwecken. »Ich werde dies auf meine Art handhaben.« Seine Stimme wurde vor Verärgerung lauter, und er roch nach kaltem Zorn. »Niemand wird sterben, wenn es zu verhindern ist, Dashiva. Ich habe genügend Tote gesehen. Versteht Ihr mich? Niemand wird sterben!«