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»Ich ... ich verlange den Scharfrichter«, gelang es Colavaere mit erstickter Stimme hervorzubringen. Ihre Gesichtszüge erschlafften. Sie war schlagartig alt geworden, und ihre Augen spiegelten ihr starres Entsetzen wider. Aber obwohl ihr nichts geblieben war, kämpfte sie weiter. »Es ist ... es ist mein Recht. Ich will nicht ... wie eine Bürgerliche gehängt werden!«

Rand schien mit sich zu kämpfen und schüttelte dann auf diese beunruhigende Art den Kopf. Als er schließlich sprach, klangen seine Worte winterkalt und amboßhart. »Colavaere Saighan, ich entziehe Euch Eure Titel.« Die Worte trafen wie Nägel. »Ich entziehe Euch Eure Ländereien und Güter und Besitztümer - alles außer der Kleidung, die Ihr tragt Besitzt - besaßt Ihr einen Bauernhof? Einen kleinen Bauernhof?«

Jeder Satz ließ die Frau stärker wanken. Sie schwankte wie betrunken und formte mit den Lippen unhörbar das Wort »Bauernhof«, als hätte sie es niemals zuvor gehört. Annoura, Faile und alle anderen starrten Rand erstaunt an. Perrin nicht minder. Ein Bauernhof? War es schon zuvor still in der Großen Halle gewesen, so schien jetzt nicht einmal mehr jemand zu atmen.

»Dobraine, besaß sie einen Bauernhof?«

»Sie besitzt ... besaß ... viele Bauernhöfe, mein Lord Drache«, antwortete der Cairhiener zögernd. Er verstand eindeutig nicht mehr als Perrin. »Die meisten sind groß. Aber die Ländereien in der Nähe der Drachenmauer von ungefähr zweitausend Hektar waren stets in kleine Parzellen aufgeteilt. Alle Pächter haben sie während des Aiel-Krieges verlassen.«

Rand nickte. »Es ist Zeit, das zu ändern. Zu viel Land hat zu lange brachgelegen. Ich möchte, daß die Leute wieder dorthin zurückkehren, um das Land erneut zu bestellen. Dobraine, Ihr werdet herausfinden, welcher der Bauernhöfe, die Colavaere in der Nähe der Drachenmauer besaß, der kleinste ist. Colavaere, ich schicke Euch auf diesen Bauernhof ins Exil. Dobraine wird dafür sorgen, daß ihr das bekommt, was für den Unterhalt eines Gehöfts nötig ist, einschließlich jemandem, der Euch beibringt, wie man den Boden bestellt, und Wächtern, die darauf achten werden, daß Ihr Euch niemals weiter von dem Hof entfernt, als Ihr an einem Tag gelangen könnt, solange Ihr lebt. Kümmert Euch darum, Dobraine. Ich möchte, daß sie in einer Woche unterwegs ist.« Ein verwirrter Dobraine zögerte, bevor er nickte. Perrin hörte die Versammlung hinter sich murmeln. So etwas hatte man noch nie erlebt! Niemand verstand, warum sie nicht sterben sollte. Und warum das andere sein mußte! Adlige waren schon früher in die Verbannung geschickt worden, auch auf Lebenszeit, aber niemals auf einen Bauernhof.

Colavaere reagierte prompt: Sie verdrehte die Augen, brach zusammen und taumelte rückwärts gegen die Stufen.

Perrin sprang vor, um sie aufzufangen, aber jemand anderer kam ihm zuvor. Bevor er noch einen Schritt getan hatte, wurde ihr Fall aufgehalten. Sie sank mitten in der Luft zusammen und lag dann schräg und mit herabhängendem Kopf über dem Podest. Ihre bewußtlose Gestalt erhob sich langsam, drehte sich um und ließ sich sanft vor dem Sonnenthron nieder. Rand. Perrin zweifelte nicht daran, daß die Asha'man sie hätten fallen lassen.

Annoura schnalzte mit der Zunge. Sie schien nicht überrascht oder beunruhigt aber sie rieb nervös die Daumen an den Zeigefingern. »Sie hätte den Scharfrichter vermutlich vorgezogen. Ich werde mich um sie kümmern, wenn Ihr Euren Mann, den ... Asha'man...«

»Sie geht Euch nichts an«, sagte Rand rauh. »Sie lebt, und ... das ist alles.« Er atmete tief und abgehackt ein. Min war da, bevor er wieder ausgeatmet hatte. Sie stand nur neben ihm, aber augenscheinlich wollte sie mehr tun. Sein Gesichtsausdruck festigte sich allmählich wieder. »Annoura, Ihr werdet mich zu Berelain bringen. Laßt sie los, Jahar. Sie wird keine Schwierigkeiten machen. Nicht allein gegen uns neun. Ich möchte herausfinden, was geschehen ist, während ich fort war, Annoura. Und was Berelain sich dabei gedacht hat, Euch hinter meinem Rücken hierher zu bringen. Nein, sagt nichts. Ich will es von ihr hören. Perrin, ich weiß, daß du ein wenig Zeit mit Faile verbringen willst. Ich...«

Rands Blick schweifte langsam durch die Halle, über all die Adligen, die schweigend warteten. Niemand wagte unter seinem Blick einen Muskel zu regen. Der Geruch der Angst überwog alle anderen Düfte bei weitem. Außer den Jägern hatte jeder der Anwesenden ihm gegenüber den gleichen Eid geleistet wie Colavaere. Vielleicht war es schon Verrat, einfach nur an dieser Versammlung teilzunehmen. Perrin wußte es nicht.

»Die Audienz ist beendet«, sagte Rand. »Ich werde die Gesichter aller vergessen, die jetzt gehen.«

Die vorne Stehenden, die Höchstrangigen, die Mächtigsten, begannen sich allzu hastig zu den Türen voranzuarbeiten, wobei sie die Töchter des Speers und die Asha'man mieden, die im Gang standen, während die Restlichen darauf warteten, an die Reihe zu kommen.

Jedoch mußten alle überdacht haben, was Rand gesagt hatte. Was genau hatte er mit ›jetzt‹ gemeint? Zielbewußte Schritte wurden beschleunigt, Röcke wurden gerafft. Jäger, die der Tür am nächsten standen, schlüpften hinaus, zunächst nur einer auf einmal, dann in Scharen, und die niedrigeren Adligen unter den Cairhienern und Tairenern, die dies sahen, eilten den höhergestellten Adligen voraus. Innerhalb weniger Momente befand sich eine mahlende Masse an der Tür, Männer und Frauen, die drängten und die Ellenbogen benutzten, um hinauszugelangen. Niemand schaute zu der Frau zurück, die ausgestreckt vor dem Thron lag, den sie nur so kurze Zeit innegehabt hatte.

6

Alte Angst und neue Angst

Rand gelangte ohne Schwierigkeiten durch die wogende Menge. Vielleicht war es die Anwesenheit der Töchter des Speers und der Asha'man, oder vielleicht handhabten Rand oder einer der schwarzen Männer die Macht -auf jeden Fall teilte sich die Menge für ihn und Min, für eine sehr unterwürfige Annoura, die mit ihm zu sprechen versuchte, und für Loial, der trotz aller Widrigkeiten noch immer versuchte, in sein Buch zu schreiben und seine Streitaxt zu tragen. Perrin und Faile sahen einander an, und Faile verpaßte die Gelegenheit, sich den anderen anzuschließen bevor sich die Menge wieder zusammenschloß.

Sie sagte eine Weile lang nichts und er auch nicht, nicht was er sagen wollte, nicht in Arams Gegenwart, der sie ehrfürchtig ansah. Und nicht in Dobraines Gegenwart, der die seiner Obhut unterstellte bewußtlose Frau stirnrunzelnd betrachtete. Niemand sonst war auf dem Podest verblieben. Havien war mit Rand gegangen, um Berelain zu finden, und sobald Rand ging, waren die anderen Bediensteten auf die Türen zugeeilt, ohne Perrin oder Faile noch einen zweiten Blick zu gönnen - oder Colavaere, sie war nicht einmal eines ersten Blicks gewürdigt worden. Sie rafften einfach ihre gestreiften Röcke und liefen davon. Stöhnen und Fluchen stieg aus der Menge auf, und nicht nur von Männern. Obwohl Rand bereits gegangen war, wünschten sich diese Menschen augenblicklich fort. Vielleicht dachten sie, Perrin würde bleiben, um Bericht zu erstatten, obwohl sie, wenn sie zurückgeblickt hätten, gemerkt hätten, daß sein Blick nicht auf ihnen ruhte.

Perrin trat zu Faile, nahm ihre Hand und atmete tief ihren Duft ein. Jetzt, wo er ihr so nahe war, zählten die noch in der Luft schwebenden anderen Düfte nicht mehr. Alles andere konnte warten. Sie brachte von irgendwoher einen roten Spitzenfächer hervor, und bevor sie ihn ausbreitete, um sich Kühle zuzufächeln, berührte sie damit zuerst ihre Wange und dann seine. In ihrer Heimat Saldaea gab es eine eigenständige Fächersprache. Sie hatte ihn ein wenig dieser Sprache gelehrt. Aber er wünschte, er wüßte, was das Berühren der Wange bedeutete. Es mußte etwas Gutes sein. Andererseits brachte ihr Geruch eine scharfe Note mit sich, die er nur zu gut kannte.