»Er hätte sie aufs Schafott schicken sollen«, murrte Dobraine, und Perrin zuckte unbehaglich die Achseln. Aus dem Tonfall des Mannes war nicht zu erkennen, ob er meinte, daß es das Gesetz verlangte, oder daß es barmherziger gewesen wäre. Dobraine verstand nicht. Rand hätte sich eher Flügel wachsen lassen.
Faile bewegte ihren Fächer jetzt langsamer, bis er fast zur Ruhe kam, und sah Dobraine über die karmesinrote Spitze hinweg von der Seite an. »Ihr Tod wäre vielleicht für jedermann das beste gewesen. Er ist die vorgeschriebene Strafe. Was werdet Ihr tun, Lord Dobraine?« Auch wenn sie ihn nur von der Seite ansah, wirkte ihr Blick doch sehr direkt und bedeutungsvoll.
Perrin runzelte die Stirn. Kein Wort für ihn, aber Fragen an Dobraine? Faile roch wieder unterschwellig nach Eifersucht, was ihm einen Seufzer entlockte.
Der Cairhiener erwiderte ihren Blick gleichmütig, während er seine Handschuhe hinter seinen Schwertgürtel steckte. »Ich tue, was mir befohlen wurde. Ich halte mich an meine Eide, Lady Faile.«
Der Fächer wurde schneller als ein Gedanke geöffnet und wieder geschlossen. »Er hat tatsächlich Aes Sedai zu den Aiel geschickt? Als Gefangene?« Ihre Stimme klang ungläubig.
»Einige, Lady Faile.« Dobraine zögerte. »Andere schworen ihm auf den Knien Treue. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie gingen ebenfalls zu den Aiel, aber ich denke nicht daß man sie als Gefangene bezeichnen kann.«
»Ich habe es auch gesehen, Mylady«, schaltete sich Aram von seinem Platz auf den Stufen aus ein, und ein breites Lächeln teilte sein Gesicht, als sie ihn ansah.
Rote Spitze vollführte einen heftigen Ruck. Sie schien den Fächer fast unbewußt zu führen. »Ihr habt es beide gesehen.« Die Erleichterung in ihrer Stimme - und in ihrem Geruch - war so deutlich, daß Perrin sie anstarrte.
»Was hast du geglaubt, Faile? Warum sollte Rand lügen, besonders wenn es innerhalb eines Tages ohnehin jedermann wüßte?«
Anstatt zu antworten, betrachtete sie stirnrunzelnd Colavaere. »Ist sie noch immer bewußtlos? Obwohl es vermutlich nicht wichtig ist. Sie weiß mehr, als ich jemals aussprechen würde. Alles, was wir so bestrebt geheimhielten. Auch das hat sie Maire gegenüber erwähnt. Sie weiß zuviel.«
Dobraine hob mit dem Daumen nicht allzu sanft eines von Colavaeres Augenlidern an. »Als wäre sie von einer Keule getroffen worden. Schade, daß sie sich auf den Stufen nicht das Genick gebrochen hat. Aber sie wird ins Exil gehen und lernen, als Bäuerin zu leben.« Für kurze Zeit schwebte ein schroffer, verärgerter Geruch von Faile heran.
Plötzlich verstand Perrin, was seine Frau so umständlich vorgeschlagen hatte, und was Dobraine ebenso umständlich abgelehnt hatte. Jedes einzelne Haar an seinem Körper richtete sich auf. Er hatte von Anfang an gewußt, daß er eine sehr gefährliche Frau geheiratet hatte. Aber er hatte nicht gewußt, wie gefährlich sie tatsächlich war. Aram spähte zu Colavaere, die Lippen in düsteren Gedanken geschürzt. Der Mann würde alles für Faile tun.
»Ich glaube nicht, daß es Rand gefiele, wenn sie irgend etwas davon abhielte, den Hof zu erreichen«, sagte Perrin fest, den Blick abwechselnd auf Aram und Faile gerichtet. »Mir würde es auch nicht gefallen.« Er war recht stolz auf sich. Er konnte genauso gut um eine Sache herumreden wie die beiden anderen.
Aram beugte kurz den Kopf - er verstand -, aber Faile versuchte, über ihren sanft bewegten Fächer hinweg unschuldig zu wirken, als verstünde sie nicht, wovon er sprach. Plötzlich erkannte er, daß nicht aller Geruch nach Angst von den sich noch immer an den Türen drängenden Menschen kam. Er wehte auch schwach und zitternd von ihr heran. Beherrschte Angst, und doch war sie vorhanden.
»Was ist los, Faile? Licht, du hast gedacht, Coiren und ihre Leute hätten gesiegt anstatt...« Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber der angsterfüllte Geruch wurde stärker. »Hast du deshalb zunächst nichts gesagt?« fragte er sanft. »Hattest du Angst, wir wären als Marionetten zurückgekommen, die sie bewegen?«
Sie betrachtete die schnell abnehmende Menschenmenge am anderen Ende der Halle. Niemand war ihnen allzu nahe, und alle verursachten gehörigen Lärm, aber sie senkte ihre Stimme dennoch. »Aes Sedai können so etwas tun, wie ich gehört habe. Mein Ehemann, niemand weiß es besser als ich, daß es sogar Aes Sedai schwerfallen würde, dich als Marionette tanzen zu lassen, viel schwerer als bei einem Mann, der nur der Wiedergeborene Drache ist, aber als du hier hereinkamst, hatte ich mehr Angst als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, seit du fortgegangen warst.« Die ersten Worte waren von Belustigung durchdrungen, wie winzige Bläschen in seiner Nase spürbar, und von einer warmen Freude und Liebe, ihr Geruch klar und rein und stark, aber all das schwand bei ihren letzten Worten, und es blieb nur dieser schwache zitternde Angstgeruch.
»Licht, Faile, es ist wahr. Jedes Wort, was Rand gesagt hat. Du hast Dobraine gehört, und Aram.« Sie lächelte und nickte und bewegte ihren Fächer. Aber er konnte die bebende Angst noch immer riechen. Blut und Asche, was kann ich tun, um sie zu überzeugen? »Würde es helfen, wenn er Verin den Sa'sara tanzen ließe? Sie wird es tun, wenn er es ihr befiehlt.« Er meinte es als Scherz. Er wußte vom Sa'sara nur, daß er als anstößig galt - und daß Faile einst eingestanden hatte, ihn zu beherrschen, obwohl sie diesem Thema in letzer Zeit auswich und ihr Eingeständnis fast leugnen wollte. Er meinte es als Scherz, aber sie schloß ihren Fächer und klopfte damit leicht aufs Handgelenk. Er kannte diese Geste. Ich erwäge deinen Vorschlag ernsthaft.
»Ich weiß nicht, was helfen würde, Perrin.« Sie zitterte leicht. »Gibt es irgend etwas, was eine Aes Sedai nicht tun oder womit sie sich nicht abfinden würde, wenn die Weiße Burg es ihr befiehlt? Ich habe die Geschichte studiert und gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Mashera Donavelle gebar einem Mann sieben Kinder, den sie verabscheute, was auch immer gesagt wird, und Isebaille Tobanyi lieferte die geliebten Brüder an ihre Feinde aus, und den Thron von Arad Doman mit ihnen, und Jestian Redhill...« Sie erzitterte erneut und dieses Mal stärker.
»Alles ist gut«, murmelte er, während er sie in die Arme nahm. Er hatte selbst mehrere Geschichtsbücher studiert, aber diese Namen waren ihm niemals begegnet. Die Tochter eines Lords erhielt eine andere Ausbildung als die Kinder eines Schmieds. »Es ist wirklich wahr« Dobraine wandte den Blick ab und Aram ebenfalls, wenn auch mit breitem Grinsen.
Zunächst widersetzte sie sich, aber nicht sehr. Er konnte niemals sicher sein, wann sie einer öffentlichen Umarmung aus dem Weg gehen und wann sie sie willkommen heißen würde, nur daß sie es, wenn sie es nicht wollte, sehr deutlich machte - mit oder ohne Worte. Dieses Mal schmiegte sie ihr Gesicht an seine Brust, umarmte ihn ebenfalls und drückte ihn fest.
»Wenn irgendeine Aes Sedai dir jemals Schaden zufügt«, flüsterte sie, »werde ich sie töten.« Er glaubte ihr. »Du gehörst mir, Perrin t'Bashere Aybara.« Er glaubte ihr auch das. Als ihre Umarmung heftiger wurde, verstärkte sich auch der scharfe Geruch ihrer Eifersucht. Er mußte fast lachen. Es schien, als sei ihr das Recht vorbehalten, ihm ein Messer in den Leib zu rammen. Er hätte auch wirklich gelacht, wenn nicht ein kleiner Rest Furcht geblieben wäre. Er konnte sich zwar nicht selbst riechen, aber er wußte, was da war. Angst. Alte Angst und neue Angst, wegen des nächsten Mals.
Die letzten Adligen erkämpften sich ihren Weg aus der Großen Halle, ohne daß jemand niedergetrampelt wurde. Perrin schickte Aram davon, um Dannil aufzutragen, die Leute von den Zwei Flüssen in die Stadt zu bringen - und fragte sich, wie er sie versorgen sollte -, bot Faile den Arm und führte sie hinaus, während er Dobraine und Colavaere zurückließ, die endlich zu sich kam. Er wollte nicht in der Nähe sein, wenn sie erwachte, und Faile, deren Hand auf seinem Handgelenk lag, anscheinend ebensowenig. Sie gingen hastig, bestrebt, ihre Räume zu erreichen, wenn auch nicht unbedingt aus denselben Gründen.