Die Adligen hatten anscheinend das Weite gesucht, nachdem sie die Große Halle verlassen hatten. Die Gänge waren bis auf die Diener, welche die Augen gesenkt hielten und leise davoneilten, leer, aber noch bevor sie sehr weit gekommen waren, hörte Perrin das Geräusch von Schritten und erkannte, daß ihnen jemand folgte. Es schien unwahrscheinlich, daß Colavaere noch offene Unterstützung fand, aber wenn dem so war, könnten sie daran denken, Rand durch seinen Freund zu treffen, der mit seiner Frau allein war.
Aber als Perrin mit der Hand an der Streitaxt herumfuhr, schaute er nur, anstatt die Waffe zu ziehen. Hinter ihnen waren Selande und ihre Freunde aus der Eingangshalle, unter denen acht oder neun unbekannte Gesichter zu sehen waren. Sie erschraken, als er herumfuhr, und wechselten verlegene Blicke. Einige waren Tairener, einschließlich einer Frau, die größer war als alle anderen. Sie trug den Umhang und die enge Hose eines Mannes, genau wie Selande und die übrigen Frauen, und ein Schwert an der Hüfte. Er hatte noch nicht davon gehört, daß sich dieser Unsinn bis zu den Tairenern ausgeweitet hatte. »Warum folgt Ihr uns?« fragte er. »Wenn Ihr versucht, mich in irgendwelche Eurer unsinnigen Händel zu verstricken, schwöre ich, daß ich Euch alle von hier bis Bei Tine treten werde!« Er war mit diesen Toren - oder zumindest ähnlichen Toren - schon früher aneinandergeraten. Sie dachten nur an ihre Ehre und daran, Duelle auszufechten und sich gegenseitig zum Gai'shain zu nehmen. Letzteres machte die Aiel wirklich zornig.
»Hört auf meinen Ehemann und gehorcht«, warf Faile barsch ein. »Mit ihm ist nicht zu spaßen.« Die verlegenen Blicke vergingen, und sie wichen unter Verbeugungen und stark errötend um eine Biegung zurück.
»Verdammte junge Possenreißer«, murrte Perrin, während er Faile wieder den Arm bot.
»Mein Mann ist weise an Jahren«, murmelte sie. Ihr Tonfall klang zutiefst ernst, aber ihr Geruch besagte wieder etwas anderes.
Perrin unterdrückte ein Schnauben. Tatsächlich waren einige dieser Toren vielleicht eines oder zwei Jahre älter als er, aber manchmal waren sie alle wie Kinder. Jetzt, wo Faile guter Stimmung war, schien ein genauso guter Zeitpunkt wie irgendwann sonst zu sein, mit dem zu beginnen, worüber sie sprechen mußten. Worüber er sprechen mußte. »Faile, wie kam es, daß du zu einer von Colavaeres Bediensteten wurdest?«
»Die Diener, Perrin.« Sie sprach leise. Niemand, der auch nur zwei Schritte entfernt gewesen wäre, hätte etwas hören können. Sie wußte alles über Perrins Hörvermögen und die Wölfe. Das konnte ein Mann vor seiner Ehefrau nicht verbergen. Sie berührte mit dem Fächer ihr Ohr und mahnte ihn auf diese Weise, vorsichtig zu sein. »Zu viele Leute vergessen es, wenn Diener in der Nähe sind, aber Diener lauschen auch. In Cairhien lauschen sie viel zu häufig.«
Keiner der livrierten Diener, die er sehen konnte, lauschte in irgendeiner Weise. Die wenigen, die nicht in Seitengängen verschwanden, wenn sie ihn und Faile sahen, gingen eilig an ihnen vorbei, die Blicke gesenkt und in sich gekehrt. Aber jegliche Neuigkeiten verbreiteten sich in Cairhien wie ein Lauffeuer. Es wurde inzwischen gewiß bereits auf der Straße von den Geschehnissen in der Großen Halle erzählt und wahrscheinlich auch schon außerhalb der Stadt. Zweifellos befanden sich in Cairhien Augen-und-Ohren der Aes Sedai und der Weißmäntel und wahrscheinlich auch anderer Länder.
Sie fuhr trotz ihrer Mahnung, vorsichtig zu sein, gedämpft fort. »Colavaere konnte mich nicht schnell genug aufnehmen, nachdem sie erfahren hatte, wer ich bin. Der Name meines Vaters beeindruckte sie genauso sehr wie der meiner Cousine.« Sie nickte leicht, als hätte sie seine Frage damit beantwortet.
Und es genügte auch fast als Antwort. Ihr Vater war Davram, Hochsitz des Hauses Bashere, Lord von Bashere, Tyr und Sidona, Wächter der Grenze zur Großen Fäule, Verteidiger des Herzlandes und MarschallGeneral der Königin Tenobia von Saldaea. Und Failes Cousine war Tenobia selbst - mehr als ausreichende Gründe für Colavaere, Faile eiligst zu einer ihrer Bediensteten zu machen. Aber er hatte inzwischen Zeit gehabt, die Dinge zu überdenken, und war stolz darauf, sich allmählich an ihre Art zu gewöhnen. Das Eheleben lehrte einen Mann einiges über Frauen, oder zumindest über eine Frau. Die Antwort, die sie nicht gegeben hatte, bestätigte etwas. Faile erkannte Gefahren nicht -nicht wenn diese sie selbst betrafen.
Natürlich konnte er hier auf dem Gang nicht darüber sprechen. Auch wenn er sehr leise flüsterte - sie besaß nicht sein Hörvermögen und würde zweifellos erneut darauf beharren, daß jeder Diener im Umkreis von fünfzig Schritten lauschte. Er faßte sich in Geduld und ging mit ihr weiter, bis sie die Räume erreichten, die vor bald einem Zeitalter, wie ihm schien, für sie reserviert worden waren. Die Lampen waren entzündet und ließen die dunkel glänzenden Wände schimmern, deren hohe Holzpaneele mit konzentrischen Rechtecken verziert waren. Die Feuerstelle im eckigen Steinkamin war saubergefegt und mit einigen wenigen erbärmlichen Zweigen von Lederblattbäumen bestückt worden. Sie waren noch fast grün.
Faile ging direkt zu einem kleinen Tisch, auf dem auf einem Tablett zwei goldene Becher mit einer kühlen, außen an den Bechern Wasserperlen bildenden Flüssigkeit standen. »Man hat uns Blaubeertee und gewürzten Weinpunsch hingestellt. Ich glaube, der Wein ist aus Tharon. Sie kühlen den gewürzten Wein in Zisternen unter dem Palast. Was möchtest du lieber?«
Perrin öffnete seinen Gürtel und warf ihn und die Streitaxt auf einen Sessel. Er hatte sich auf dem Weg hierher sehr sorgfältig überlegt, was er sagen wollte. Sie konnte sehr empfindlich sein. »Faile, ich habe dich stärker vermißt, als ich es sagen kann, und ich habe mir Sorgen um dich gemacht...«
»Du hast dir Sorgen gemacht!« fauchte sie und fuhr zu ihm herum. Sie stand aufrecht da, der Blick wild wie der ihres Namensvetters, des Falken, und vollführte mit dem Fächer eine heftige Bewegung zu seiner Mitte hin. Diese war kein Teil der Fächersprache. Sie vollführte diese Geste auch manchmal mit einem Dolch. »Obwohl fast die ersten Worte aus deinem Mund der Frage nach dieser ... dieser Frau galten!«
Sein Kinn sank herab. Wie hatte er den Geruch vergessen können, der ihm in die Nase gestiegen war? Er war versucht, die Hand zur Nase zu führen, um nachzuprüfen, ob sie blutete.
»Faile, ich wollte ihre Diebefänger. Be...« Nein, er war nicht dumm genug, diesen Namen zu wiederholen. »Bevor ich ging, sagte sie mir, sie hätte Beweise für das Gift. Du hast es gehört! Ich will nur den Beweis, Faile.«
Es nützte nichts. Der scharfe Geruch wurde keine Spur milder, und dazu kam noch der schwache, säuerliche Geruch von Verletztheit. Was, unter dem Licht, hatte er gesagt, was sie verletzen konnte?
»Ihren Beweis! Ich habe umsonst Hinweise gesammelt, aber ihr Beweis brachte Colavaeres Kopf aufs Schafott. Oder hätte es tun sollen.« Das war seine Gelegenheit, aber sie würde ihn kein Wort einwenden lassen. Sie griff ihn weiterhin an. Er konnte nur zurückweichen. »Weißt du, welche Geschichte diese Frau in Umlauf gebracht hat?« stieß Faile fast zischend hervor. Eine schwarze Viper hätte nicht so viel Gift versprühen können. »Weißt du es? Sie sagte, du seist nicht hier, weil du dich auf einem Gut nicht weit von der Stadt befändest. Wo sie dich besuchen könnte! Ich habe die von mir vorbereitete Geschichte erzählt -, daß du auf der Jagd seist, und das Licht weiß, daß du genügend viele Tage mit der Jagd verbracht hast! -, aber jedermann glaubte, ich würde bei euch gute Miene zum bösen Spiel machen! Colavaere hat es genossen. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß sie die Mayener Dirne nur als Bedienstete genommen hat um uns beide zusammenzupferchen. ›Faile, Berelain, kommt und schnürt mir mein Gewand. Faile, Berelain, kommt und haltet der Friseuse den Spiegel. Faile, Berelain, kommt und wascht mir den Rücken.‹ So hatte sie ihren Spaß daran, darauf zu warten, daß wir einander die Augen auskratzen würden! Das habe ich in Kauf genommen! Für dich, du...!«