Выбрать главу

»Sie sind Aes Sedai.« Rands Stimme ähnelte der Stimme Arams damals an den Brunnen von Dumai so sehr, daß es Perrin fast den Atem nahm.

»Rand... «

»Ich tue, was ich tun muß, Perrin.« Er war jetzt wieder der alte Rand, dem nicht gefiel, was vor sich ging. Er wirkte einen Moment todmüde. Nur einen Moment. Dann war er wieder der neue Rand - stahlhart.

»Ich werde keiner Aes Sedai Schaden zufügen, die es nicht verdient hat, Perrin. Mehr kann ich dir nicht versprechen. Wenn du das Heer nicht befehligen willst, kann ich dich ebensogut anderweitig brauchen. Ich wünschte, ich könnte dich länger als ein oder zwei Tage rasten lassen, aber das geht nicht. Wir haben keine Zeit. Keine Zeit - und wir müssen tun, was wir tun müssen. Verzeih die Unterbrechung.« Er vollführte eine angedeutete Verbeugung, eine Hand auf seinem Schwertheft. »Faile.«

Perrin wollte seinen Arm ergreifen, aber er war schon aus dem Raum und die Tür wurde hinter ihm geschlossen, bevor Perrin sich auch nur regen konnte. Rand war anscheinend wirklich nicht mehr Rand. Ein oder zwei Tage? Wohin, im Licht, wollte Rand ihn schicken, wenn nicht zu dem Heer, das sich unten in den Ebenen von Maredo sammelte?

»Mein Ehemann«, hauchte Faile, »du hast den Mut von drei Männern. Und den Verstand eines Kindes an Marionettenfäden. Was ist nur der Grund dafür, daß der Verstand eines Mannes abnimmt, wenn sein Mut zunimmt?«

Perrin brummte entrüstet. Er versagte es sich, über Frauen zu sprechen, die sich der Aufgabe widmeten, Mörder auszuspionieren, die sicherlich wußten, daß sie ausspioniert wurden. Frauen redeten stets darüber, wie logisch sie im Vergleich zu Männern handelten, aber er selbst hatte bisher herzlich wenig davon bemerkt.

»Nun, vielleicht will ich die Antwort gar nicht wirklich hören, selbst wenn du sie weißt.« Sie streckte ihre Arme über den Kopf und lachte kehlig. »Außerdem habe ich nicht die Absicht, ihn die Stimmung verderben zu lassen. Ich fühle mich noch immer wie ein Bauernmädchen bei... Warum lachst du? Hör auf, mich auszulachen, Perrin t'Bashere Aybara! Hör auf, sage ich, du ungehobelter Dummkopf! Wenn du nicht...«

Die einzige Möglichkeit, diese Tirade zu beenden, bestand darin, sie zu küssen. In ihren Armen vergaß er Rand und die Aes Sedai und die Kämpfe. Wo Faile war, war sein Zuhause.

7

Fallgruben und Stolperdrähte

Rand fühlte das Drachenszepter in seiner Hand, spürte jede Linie der eingravierten Drachen an seinem mit einem Reiher versehenen Griff so deutlich, als ließe er die Finger darübergleiten, und doch schien es die Hand eines anderen zu sein. Wenn eine Klinge sie abschnitte, würde er Schmerz verspüren - und weitermachen. Es wäre der Schmerz eines anderen.

Er schwebte im Nichts, umgeben von unsäglicher Leere, und Saidin erfüllte ihn, versuchte ihn unter Stahl vernichtender Kälte und Hitze, die Gestein entbrennen würde, zu Staub zu zermahlen, trug den Makel des Dunklen Königs mit sich, zwang Fäulnis in seine Knochen. Und in seine Seele, wie er manchmal fürchtete. Aber er fühlte sich nicht mehr so elend, wie es einst gewesen war. Das fürchtete er noch mehr. Rand mästete sich an diesem reißenden Strom aus Feuer, Eis und Schmutz - am Leben. Das war das beste Wort. Saidin versuchte, ihn zu vernichten. Saidin erfüllte ihn bis zum Überfließen mit Lebenskraft. Es drohte ihn zu verbrennen und lockte ihn zugleich. Der Kampf ums Überleben, der Kampf darum, nicht vereinnahmt zu werden, verstärkte die Freude am reinen Leben. Selbst mit der so süßen Fäulnis. Wie wäre es in reinem Zustand? Das war unvorstellbar. Er wollte mehr heranziehen, alles heranziehen, was vorhanden war.

Darin lag die tödliche Verführung. Ein Fehler - und die Fähigkeit, die Macht zu lenken, würde für immer in ihm verdorren. Ein Fehler - und sein Verstand wäre verloren, wenn er, und vielleicht auch alles andere um ihn herum, nicht einfach auf der Stelle vernichtet würde. Es war kein Wahnsinn, sich auf den Kampf ums Dasein zu konzentrieren. Es war, als würde man mit verbundenen Augen über eine Grube voller zugespitzter Pfähle springen, sich in einem solch reinen Gefühl fürs Leben sonnend, daß der Gedanke daran, es aufzugeben, die Vorstellung einer für immer in Grauschattierungen versinkenden Welt war. Es war kein Wahnsinn.

Seine Gedanken drehten sich durch den Tanz mit Saidin, glitten durch das Nichts. Da war Annoura, die ihn mit diesem Aes-Sedai-Blick beobachtete. Und worauf wollte Berelain hinaus? Sie hatte niemals einen Aes-Sedai-Berater erwähnt. Und auch nicht jene andere Aes Sedai in Cairhien. Wo waren sie hergekommen und warum? Da waren die Aufrührer außerhalb der Stadt. Was hatte sie ermutigt, sich zu regen? Was hatten sie jetzt vor? Wie konnte er sie aufhalten oder benutzen? Er wurde gut darin, Menschen zu benutzen. Manchmal machte er sich selbst krank. Da waren Sevanna und die Shaido. Rhuarc hatte bereits Kundschafter auf den Weg nach Brudermörders Dolch geschickt, aber sie würden bestenfalls herausfinden, wo und wann. Die Weisen Frauen, die herausfinden konnten warum, würden es nicht tun. Es gab in Verbindung mit Sevanna eine Menge offene Fragen. Elayne und Aviendha. Nein, an sie wollte er nicht denken. Keine Gedanken an sie. Keine. Perrin und Faile. Eine leidenschaftliche Frau, dem Namen und dem Wesen nach ein Falke. Hatte sie sich Colavaere wirklich nur angeschlossen, um den Beweis zu erbringen? Sie würde Perrin beschützen wollen, wenn der Wiedergeborene Drache fiel. Und sie würde ihn vor dem Wiedergeborenen Drachen beschützen, wenn sie es für nötig hielte. Ihre Treue galt Perrin, aber sie allein würde entscheiden, wie sie ihre Treue einhielt. Faile war keine Frau, die sanftmütig tat, was ihr Ehemann sagte, wenn es eine solche Frau überhaupt gab.

Goldene Augen, starre Herausforderung zum Trotz. Warum reagierte Perrin in bezug auf die Aes Sedai so heftig? Er war mit Kiruna und ihren Begleitern lange zu den Brunnen von Dumai unterwegs gewesen. Konnten Aes Sedai wirklich mit ihm tun, was jedermann befürchtete? Aes Sedai. Er schüttelte den Kopf, ohne sich dessen bewußt zu sein. Niemals wieder. Niemals! Zu vertrauen bedeutete, verraten zu werden. Vertrauen bedeutete Schmerz.

Er bemühte sich, diesen Gedanken zu vertreiben. Er kam Raserei ein wenig zu nahe. Niemand konnte leben, ohne irgendwem zu vertrauen. Nur nicht Aes Sedai. Mat, Perrin. Wenn er ihnen nicht vertrauen konnte... Min. Er hätte niemals erwogen, Min nicht zu vertrauen.

Er wünschte, sie wäre bei ihm anstatt in ihrem Bett. All jene Tage als Gefangene, Tage der Angst - mehr um ihn als um sich selbst, wenn er sie ausreichend gut kannte -, Tage der Verhöre durch Galina und Mißhandlungen, wenn ihre Antworten nicht gefielen... Er knirschte unbewußt mit den Zähnen. Das alles, und obendrein noch die Anstrengung, Geheilt zu werden, hatten sie letztendlich erschöpft. Sie war an seiner Seite geblieben, bis ihre Knie nachgaben und er sie in ihren Schlafraum tragen mußte, wobei sie auf dem ganzen Weg schläfrig protestierte, daß er sie in seiner Nähe brauche. Min war nicht hier, keine tröstliche Gegenwart, die ihn zum Lachen brachte, die ihn den Wiedergeborenen Drachen vergessen ließ. Nur der Kampf mit Saidin, und der Wirbelwind seiner Gedanken...

Sie müssen beseitigt werden. Du mußt es tun. Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal? Das Geschehen bei den Brunnen war erbärmlich. Städte, die ganz vom Antlitz der Erde getilgt wurden, bedeuteten nichts. Wir haben die Welt zerstört! HÖRST DU MICH? SIE MÜSSEN GETÖTET WERDEN, VON DER OBERFLÄCHE VERSCHWINDEN...

Diese in seinem Kopf schreiende Stimme gehörte nicht ihm. Nicht Rand al'Thor, sondern Lews Therin Telamon, der seit über dreitausend Jahren tot war. Und er sprach in Rand al'Thors Kopf. Die Macht zog ihn häufig aus seinem Versteck in die Schatten von Rands Geist. Rand fragte sich bisweilen, wie das sein konnte. Er war der wiedergeborene Lews Therin, der Wiedergeborene Drache, das konnte er nicht leugnen, aber jedermann war ein Wiedergeborener, hundert Jemande, tausend und mehr. So bestimmte es das Muster. Jedermann starb und wurde wiedergeboren, immer wieder, während sich das Rad drehte, ewig, ohne Ende. Aber niemand sonst sprach mit demjenigen, der er einmal gewesen war. Niemand sonst hatte Stimmen in seinem Kopf. Außer Wahnsinnigen.