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Was ist mit mir? dachte Rand. Er hatte eine Hand fest um das Drachenszepter und die andere auf sein Schwertheft gelegt. Was ist mit dir? Wie unterscheiden wir uns von ihnen?

Da war nur Schweigen. Lews Therin antwortete allzu oft nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er niemals geantwortet hätte.

Bist du real? fragte die Stimme schließlich verwundert. Dieses Leugnen von Rands Dasein geschah genauso häufig wie das Verweigern der Antwort. Bin ich real? Ich habe mit jemandem gesprochen. In einer Schachtel. Einer Kiste. Leises, keuchendes Lachen. Bin ich tot, oder wahnsinnig, oder beides? Gleichgültig. Ich bin verdammt, und dies ist der Krater des Verderbens. Ich bin ... v-verdammt, jetzt wildes Lachen, und d-dies -ist der K-Krater des...

Rand dämpfte die Stimme, bis sie wie ein Insektensummen klang, etwas, was er gelernt hatte, während er eingeengt in der Kiste gesessen hatte. Allein in der Dunkelheit. Nur er, und der Schmerz, und der Durst, und die Stimme eines schon lange toten Wahnsinnigen. Die Stimme war mitunter ein Trost gewesen, sein einziger Gefährte. Sein Freund. Etwas blitzte in seinem Geist auf. Keine Bilder, nur das Flackern von Farbe und Bewegung. Es erinnerte ihn aus irgendeinem Grund an Mat und an Perrin. Das Aufblitzen hatte in der Kiste begonnen, das und tausend weitere Halluzinationen. In der Kiste, in die Galina und Erian und Katerine und die anderen ihn jeden Tag, nachdem er geschlagen worden war, hineingepfercht hatten. Er schüttelte den Kopf. Nein. Er befand sich nicht mehr in der Kiste. Seine Finger, die er um Szepter und Schwert geklammert hatte, schmerzten. Nur Erinnerungen waren geblieben, und Erinnerungen hatten keine Macht. Er war nicht...

»Wenn wir diese Reise unternehmen müssen, bevor Ihr etwas eßt, dann sollten wir das tun. Für alle anderen ist die Abendmahlzeit schon längst beendet.«

Rand blinzelte, und Sulin wich vor seinem Blick zurück. Sulin, die sich einem Leopard Auge in Auge gegenüberstellen würde. Er entkrampfte seine Gesichtsmuskeln, versuchte es. Es fühlte sich wie eine Maske an, wie die Maske eines anderen Menschen.

»Geht es Euch gut?« fragte sie.

»Ich habe nachgedacht.« Er zwang seine Hände auseinander und zuckte in seinem Umhang die Achseln. Es war ein besser passender Umhang als der, den er von den Brunnen von Dumai an getragen hatte, dunkelblau, schlicht. Er fühlte sich auch nach einem Bad nicht sauber, nicht solange Saidin in ihm war. »Manchmal denke ich zu viel nach.«

Fast zwanzig weitere Töchter des Speers drängten sich an einem Ende des fensterlosen, mit dunklen Paneelen getäfelten Raums zusammen. Acht goldüberzogene Kandelaber an den Wänden, die vor Spiegeln standen, um mehr Licht zu erhalten, lieferten die Beleuchtung. Er war froh darüber. Er mochte dunkle Orte nicht mehr. Auch drei der Asha'man waren da. Die Aielfrauen standen auf einer Seite des Raums und die Asha'man auf der anderen. Jonan Adley, trotz seines Namens ein Altarener, stand mit gekreuzten Armen da und wölbte tief in Gedanken die Augenbrauen. Er war vielleicht vier Jahre älter als Rand und wollte das silberne Schwert der Geweihten erringen. Eben Hopwil hatte mehr Fleisch auf den Knochen und weniger Hautflecke im Gesicht als zu der Zeit, als Rand ihm zum ersten Mal begegnet war, obwohl seine Nase und die Ohren noch immer seine größten Körperteile zu sein schienen. Er betastete die Anstecknadel in Form eines Schwerts am Kragen, als sei er überrascht, sie dort vorzufinden. Fedwin Morr hätte das Schwert ebenfalls getragen, wenn er nicht in einen grünen, einem wohlhabenden Händler oder niederen Adligen angemessenen und an Manschetten und Kragen mit Silberstickerei versehenen Umhang gekleidet gewesen wäre. Er war im gleichen Alter wie Eben, aber gedrungener und fast ohne Hautflecke. Wegen ihnen hatte Lews Therin gewütet, wegen ihnen und den übrigen Asha'man. Asha'man, Aes Sedai, jedermann, der die Macht lenken konnte, regte ihn auf.

»Ihr denkt scheinbar zuviel nach, Rand al'Thor.« Enaila ergriff mit einer Hand einen kurzen Speer und ihren Schild und mit der anderen drei weitere Speere, und sie klang, als wollte sie ihm mit dem Finger drohen. »Euer Problem ist, daß Ihr überhaupt nicht nachdenkt.« Einige der anderen Töchter des Speers lachten leise, aber sie spaßte nicht. Fast eine Handbreit kleiner als jede andere anwesende Tochter des Speers, war ihr Haar genauso feurig wie ihr Temperament, und sie hatte eine seltsame Ansicht über ihre Beziehung zu ihm. Ihre flachshaarige Freundin Somara, die erheblich größer war, nickte zustimmend. Sie hatte dieselbe merkwürdige Ansicht.

Er überging die Bemerkung, konnte aber ein Seufzen nicht unterdrücken. Somara und Enaila waren die Schlimmsten, obwohl keine der Töchter des Speers sich entscheiden konnte, ob er der Car'a'carn war, dem man gehorchen mußte, oder das einzige Kind einer Tochter des Speers, um das sie sich wie um einen Bruder kümmern mußten. Selbst Jalani, die dem Puppenalter noch nicht lange entwachsen war, schien ihn für einen jüngeren Bruder zu halten, während Corana, die bereits ergraute und ein fast so lederartiges Gesicht wie Sulin besaß, ihn wie einen älteren Bruder behandelte. Zumindest taten sie dies, wenn sie unter sich waren, wenn auch weniger häufig, wenn andere Aiel in der Nähe waren. Wenn es darauf ankam, war er der Car'a'carn. Und das schuldete er ihnen auch. Sie waren bereit, für ihn zu sterben. Er schuldete ihnen, was immer sie verlangten.

»Ich habe nicht die Absicht, die ganze Nacht hier zu verbringen, während Ihr Eure Spiele treibt«, sagte er. Sulin gewährte ihm einen dieser Blicke - ob sie in Gewänder oder in den Cadin'sor gekleidet waren, Frauen streuten diese Blicke aus wie Bauern ihre Saat -, aber die Asha'man sahen die Töchter des Speers nicht an, sondern schlangen nur ihre Taschen über ihre Schultern. Nehmt sie hart ran, hatte er Taim aufgetragen, schmiedet sie zu Waffen, und Taim hatte geliefert. Eine gute Waffe bewegte sich so, wie der Mann, der sie führte, sie lenkte. Wenn er nur sicher sein könnte, daß sie sich in seiner Hand nicht wenden würde.

Er verfolgte heute abend drei Ziele, aber von einem dieser Ziele durften die Töchter des Speers nichts wissen. Niemand außer ihm selbst durfte etwas davon wissen. Er hatte schon im voraus entschieden, welches der beiden anderen Ziele vorrangig war, aber er zögerte dennoch. Die Reise würde nur zu bald bekannt werden, und doch gab es Gründe, sie so geheim wie möglich zu halten.

Als sich das Wegetor mitten im Raum öffnete, schwebte ein jedem Bauer vertrauter süßlicher Geruch heran. Pferdemist. Sulin rümpfte die Nase, während sie sich verschleierte, und führte die Hälfte der Töchter des Speers im Laufschritt durch das Tor. Die Asha'man folgten ihnen nach einem Blick zu Rand, während sie so viel der Wahren Quelle heranzogen, wie sie aufzunehmen vermochten.

Rand spürte ihre Macht, als sie an ihm vorübergingen. Ohnedies war es schwer festzustellen, daß ein Mann die Macht lenken konnte. Aber keiner war auch nur annähernd so mächtig wie er. Zumindest noch nicht. Es war nicht vorherzusehen, wie stark ein Mann würde, bevor er keine Fortschritte mehr machte. Fedwin war der Stärkste der drei, aber er hatte das, was Taim eine Schranke nannte. Fedwin glaubte nicht wirklich, daß er auf gewisse Entfernung mit der Macht etwas bewirken konnte. Das Ergebnis war, daß seine Fähigkeit auf fünfzig Schritte nachzulassen begann und er auf hundert Schritte nicht einmal mehr einen Strang Saidins weben konnte. Männer erlangten anscheinend schneller Kraft als Frauen, und das war gut so. Diese drei waren alle ausreichend stark, ein Wegetor ausreichender Größe zu eröffnen, wenn auch in Jonans Fall nur knapp. Jeder der Asha'man war dazu in der Lage.