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Ich töte sie, bevor es zu spät ist, bevor sie wahnsinnig werden, flüsterte Lews Therin. Ich töte sie und hetze Sammael und Demadred und alle Verlorenen nieder. Ich muß sie alle töten, bevor es zu spät ist!

Er kämpfte einen Moment darum, Rand die Macht zu entringen, aber es mißlang ihm. Er schien ihn in letzter Zeit häufiger herauszufordern oder auch zu versuchen, Saidin selbst zu ergreifen. Ersteres bedeutete eine größere Gefahr als letzteres. Rand bezweifelte, daß Lews Hierin die Wahre Quelle einnehmen konnte, wenn er sie erst festhielt. Er war sich aber auch nicht sicher, daß er sie Lews Therin nehmen könnte, wenn dieser sie zuerst erreichte.

Was ist mit mir? dachte Rand erneut. Es war fast ein Grollen. Da er ganz in Macht gehüllt war, kroch der Zorn über das Äußere des Nichts. Ich kann die Macht auch lenken. Der Wahnsinn wartet auf mich, aber dich hat er bereits vereinnahmt! Du hast dich selbst getötet, Brudermörder, nachdem du deine Frau und deine Kinder und, nur das Licht allein weiß, wie viele Menschen noch getötet hast. Ich werde nicht töten, wenn ich es nicht tun muß! Hörst du mich, Brudermörder? Nur Schweigen antwortete.

Er atmete tief, aber ungleichmäßig ein. Der Zorn flackerte auf wie entferntes Blitzen. Er hatte niemals zuvor so mit dem Mann gesprochen - es war der Mann, nicht nur eine Stimme, ein Mensch, voller Erinnerungen. Vielleicht ließ sich Lews Therin auf diese Weise endlich vertreiben. Die Hälfte der verrückten Phrasen des Mannes war Gejammer über den Tod seiner Frau. Aber wollte er Lews Therin vertreiben? Er war in der Kiste sein einziger Freund gewesen.

Er hatte Sulin versprochen, bis hundert zu zählen, bevor er folgen würde, aber er hörte bei fünf auf und überbrückte dann mit einem Schritt die hundertfünfzig Meilen bis Caemlin.

Die Nacht hatte sich auf den Königlichen Palast von Andor herabgesenkt, Mondschatten verhüllten filigrane Türme und goldene Kuppeln. Die sanft wehende Brise konnte die Hitze nicht vertreiben. Der noch immer fast volle Mond hing am Himmel und spendete Licht. Verschleierte Töchter des Speers machten sich um die hinter den Ställen des größten Palasts aufgereihten Karren herum zu schaffen. Der Geruch des Stallmists, den die Karren jeden Tag abtransportierten, war schon lange in das Holz eingedrungen. Die Asha'man hielten sich die Hände vors Gesicht, und Eben kniff tatsächlich die Nase zu.

»Der Car'a'carn zählt schnell«, murrte Sulin, aber sie senkte ihren Schleier. Hier würde es keine Überraschungen geben. Niemand würde sich in der Nähe der Karren aufhalten, der dies nicht tun mußte.

Rand schloß das Wegetor, sobald die verbliebenen Töchter des Speers direkt hinter ihm hindurchgelangt waren, und als es verschwand, flüsterte Lews Therin: Sie ist fort. Fast fort. Erleichterung schwang in seiner Stimme mit. Im Zeitalter der Legenden hatte es den Bund von Behütern und Aes Sedai nicht gegeben.

Alanna war nicht wirklich fort, nicht mehr als sie jemals sonst fortgewesen war, seit sie sich gegen seinen Willen mit Rand verbunden hatte, aber ihre Gegenwart war weniger spürbar geworden, und genau das machte es Rand wahrhaft bewußt. Man konnte sich an alles gewöhnen, wenn man es als gegeben hinnahm. In ihrer Nähe war er sich ihrer Empfindungen und ihrer seelischen Verfassung bewußt und ebenso, wenn er nur darüber nachdachte, wußte er genauso gut, wo sie war, wie er wußte, wo seine Hand war. Nur Abstand zeitigte Wirkung, auch wenn er noch immer spüren konnte, daß sie irgendwo östlich von ihm war. Er wollte sich ihrer bewußt sein. Sollte Lews Therin in Schweigen verfallen und alle Erinnerungen an die Kiste irgendwie aus seinem Geist gelöscht werden, wollte er den Bund noch immer als Erinnerung an folgende Worte bewahren: »Vertraue niemals einer Aes Sedai.«

Er erkannte jäh, daß Jonan und Eben Saidin immer noch festhielten. »Laßt es los«, befahl er scharf - es war der Befehl, den Taim benutzte -, und er spürte, wie die Macht von ihnen wich. Ich töte sie, bevor es zu spät ist, murmelte Lews Therin. Auch Rand ließ die Quelle widerwillig los. Er haßte es stets, dieses Leben, die verstärkten Sinne loszulassen. Den Kampf loszulassen. Innerlich war er jedoch angespannt, sprungbereit und darauf vorbereitet, die Quelle erneut zu ergreifen. Dazu war er jetzt immer bereit. Ich muß sie töten, flüsterte Lews Therin.

Rand verdrängte die Stimme, schickte eine der Töchter des Speers - Nerilea, eine Frau mit kantigem Gesicht - in den Palast und ging dann an den Karren entlang, während seine Gedanken erneut und schneller als zuvor zu kreisen begannen. Er hätte nicht hierher kommen sollen. Er hätte Fedwin mit einem Brief schicken sollen. Die Gedanken kreisten. Elayne. Aviendha. Perrin. Faile. Berelain. Mat. Licht, er hätte nicht kommen sollen. Elayne und Aviendha. Annoura und Berelain. Faile und Perrin und Mat. Farbblitze, schnelle Bewegung - unmittelbar jenseits des Sichtfeldes. Ein Wahnsinniger, der in der Ferne zornig murrte.

Er bemerkte allmählich, daß sich die Töchter des Speers über den Geruch unterhielten. Sie deuteten an, er käme von den Asha'man. Sie wollten gehört werden, sonst hätten sie die Zeichensprache benutzt. Der Mond spendete genug Licht. Der Mond spendete auch genug Licht, um Ebens gerötetes Gesicht zu sehen und zu erkennen, wie fest Fedwin die Zähne zusammenbiß. Vielleicht waren sie keine Jungen mehr, aber sie waren dennoch erst fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Jonan hatte die Augenbrauen so weit gesenkt, daß sie seine Wangen zu berühren schienen. Zumindest hatte niemand erneut Saidin ergriffen. Noch nicht.

Er wollte zuerst zu den drei Männern hinübergehen, erhob aber dann statt dessen nur seine Stimme. Sollten sie es doch alle hören. »Wenn ich die Torheiten der Töchter des Speers verkrafte, könnt ihr es auch.«

Wenn überhaupt eine Reaktion erkennbar war, vertiefte sich Ebens Gesichtsröte noch. Jonan brummte. Sie alle entboten Rand einen Gruß, indem sie die Faust an die Brust legten, und wandten sich dann einander zu. Jonan sagte leise etwas, während er zu den Töchtern des Speers schaute, und Fedwin und Eben lachten. Als sie zum ersten Mal Töchter des Speers gesehen hatten, waren sie im Zweifel gewesen, ob sie diese fremdartigen Wesen, über die sie nur gelesen hatten, anstarren oder lieber davonlaufen sollten, bevor die mörderischen Aiel der Geschichten sie töteten. Kaum etwas anderes konnte sie mehr erschrecken. Sie mußten die Angst von neuem lernen.

Die Töchter des Speers sahen Rand an und verständigten sich jetzt in der Zeichensprache, wobei sie manchmal leise lachten. Sie waren sich vielleicht der Asha'man bewußt, aber da Töchter des Speers Töchter des Speers waren - wie Aiel Aiel waren -, machte das Risiko den Spott noch reizvoller. In den Geschichten führte niemand jemals ein solch verwickeltes Leben.

Sobald Nerilea mit der Nachricht zurückkehrte, sie habe Bashere und Bael gefunden und der Clanhäuptling führe die Aiel hier in Caemlyn an, nahm Rand seinen Schwertgürtel ab, und Fedwin tat es ihm gleich. Jalani holte einen großen Lederbeutel für die Schwerter und das Drachenszepter hervor, den sie hielt, als wären die Schwerter Giftschlangen. Rand zog einen mit einer Kapuze versehenen Umhang über, den Corana ihm gereicht hatte, und hielt die Handgelenke auf dem Rücken verschränkt, die Sulin dann, angespannt vor sich hinmurmelnd, mit einem Strick zusammenband.

»Das ist Unsinn. Sogar Feuchtländer würden es als Unsinn bezeichnen.«