Zumindest seine Meinung über den Krieg.
»Sie haben ihn wie einen Da'tsang behandelt«, grollte Sulin, und einige der anderen Töchter des Speers äußerten ebenfalls leise ihren Unmut.
»Das wissen wir«, sagte Melaine grimmig. »Sie haben keine Ehre.«
»Wird er sich nach dem, was ihr beschrieben habt, wirklich zurückhalten?« fragte Deira ungläubig.
Die Landkarte erstreckte sich nicht weit genug südlich, daß auch Illian darauf zu sehen gewesen wäre -keine Landkarte auf dem Tisch zeigte dieses Land auch nur teilweise -, aber Rand führte seine Hand müßig bis Murandy hinab, und er konnte sich die Doirlon-Hügel, nicht weit jenseits der Grenze zu Illian, mit ihrer Reihe von Hügelfestungen vorstellen; kein einmarschierendes Heer konnte es sich leisten, sie zu mißachten. Und ungefähr zweihundertfünfzig Meilen östlich, jenseits der Ebenen von Maredo, stand ein Heer, wie es seit dem Zusammenschluß der Nationen im Aiel-Krieg und vielleicht seit der Zeit Artur Falkenflügels keines mehr gegeben hatte. Tairener, Cairhiener, Aiel, alle wohlerwogen erwählt, in Illian einzufallen. Wenn Perrin die Führung nicht übernehmen wollte, dann mußte Mat es tun. Aber es war nicht genug Zeit. Es war niemals genug Zeit.
»Verdammt«, murrte Davram. »Das habt Ihr niemals erwähnt, Melaine. Lady Caraline und Lord Toram haben unmittelbar außerhalb der Stadt gelagert, und Hochlord Darlin ebenso? Sie sind sich nicht zufällig begegnet, nicht zu diesem Zeitpunkt. Das ist, als hätte man ein Schlangennest auf der Türschwelle.«
»Sollen die Algai'd'siswai tanzen«, erwiderte Bael. »Tote Schlangen beißen nicht.«
Sammael hatte sich stets gut verteidigt. Daran erinnerte sich Lews Therin vom Schattenkrieg her. Wenn zwei Männer in einem Schädel hausten, sollte man vielleicht erwarten, daß Erinnerungen zwischen ihnen hin und her trieben. Hatte sich Lews Therin plötzlich daran erinnert, Schafe gehütet oder Feuerholz gehackt oder Hühner gefüttert zu haben? Rand konnte ihn schwach wüten hören, daß er töten wollte, vernichten wollte. Gedanken an die Verlorenen trieben Lews Therin fast immer zum Äußersten.
»Deira t'Bashere hat recht«, sagte Bael. »Wir müssen auf dem Weg bleiben, den wir eingeschlagen haben, bis unsere Feinde vernichtet sind - oder wir.«
»So habe ich es nicht gemeint«, sagte Deira trocken. »Aber Ihr habt recht. Wir haben jetzt keine Wahl mehr. Bis unsere Feinde vernichtet sind - oder wir.«
Tod, Vernichtung und Wahnsinn überschwemmten Rands Geist, während er die Landkarte betrachtete. Sammael würde bald nach dem Angriff des Heers bei diesen Festungen sein, Sammael mit der Kraft eines Verlorenen und dem Wissen des Zeitalters der Legenden. Lord Brend nannte er sich, einer des Konzils der Neun, und Lord Brend nannten ihn auch jene, die nicht zugeben wollten, daß die Verlorenen befreit waren, aber Rand kannte ihn. Durch die Erinnerung Lews Therins kannte er Sammaels Gesicht und ihn selbst genau.
»Was hat Dyelin Taravin mit Naean Arawn und Elenia Sarand vor?« fragte Dorindha. »Ich gebe zu, daß ich nicht verstehe, warum man Menschen fortschließt.«
»Es ist unwichtig, was sie dort tut«, sagte Davram. »Mich beunruhigen eher ihre Treffen mit diesen Aes Sedai.«
»Dyelin Taravin ist eine Närrin«, murrte Melaine. »Sie glaubt die Gerüchte, daß der Car'a'carn vor dem Amyrlin-Sitz niederkniet. Sie wird sich nicht einmal das Haar bürsten, wenn es ihr die Aes Sedai nicht erlauben.«
»Ihr verkennt sie«, sagte Deira fest. »Dyelin ist stark genug, Andor zu regieren. Das hat sie in Aringill bewiesen. Natürlich hört sie den Aes Sedai zu - nur ein Narr ignoriert Aes Sedai -, aber zuhören heißt nicht gehorchen.«
Die Wagen, die von den Brunnen von Dumai herangebracht worden waren, mußten erneut durchsucht werden. Der Angreal in Form eines fetten kleinen Mannes mußte irgendwo sein. Keine der entkommenen Schwestern hätte ahnen können, was er war. Es sei denn, eine von ihnen hätte vielleicht ein Andenken an den Wiedergeborenen Drachen eingesteckt. Nein. Er mußte irgendwo in den Wagen sein. Damit war er jedem Verlorenen mehr als ebenbürtig. Ohne ihn... Tod, Vernichtung und Wahnsinn.
Plötzlich drängte herauf, was er gehört hatte. »Was war das?« fragte er und wandte sich von dem mit Elfenbein-Intarsien versehenen Tisch um.
Überraschte Gesichter wandten sich ihm zu. Tonan richtete sich am Türrahmen auf, an dem er lässig gelehnt hatte. Die Töchter des Speers, die mühelos auf ihren Fersen hockten, schienen plötzlich alarmiert. Sie hatten sich beiläufig unterhalten, aber jetzt betrachteten sie ihn aufmerksam.
Melaine betastete eine ihrer Elfenbein-Halsketten, sah mit entschlossenem Blick zwischen Bael und Davram hin und her und sprach dann vor allen anderen. »In einem Gasthaus namens Silberschwan in der - wie Davram Bashere sie nennt - Neustadt befinden sich neun Aes Sedai.« Sie sprach das Wort ›Gasthaus‹ seltsam aus, und auch das Wort ›Stadt‹. Sie hatte diese Wörter nur aus Büchern gekannt, bevor sie über die Drachenmauer gekommen war. »Er und Bael sagen, wir sollten sie in Ruhe lassen, bis sie etwas gegen uns unternehmen. Ich denke, Ihr habt es gelernt, auf Handlungen der Aes Sedai zu warten, Rand al'Thor.«
»Mein Fehler«, seufzte Bashere, »wenn ein Fehler begangen wurde. Aber ich weiß nicht, was Melaine zu tun gedenkt. Acht Schwestern machten vor fast einem Monat im Silberschwan halt, direkt nachdem Ihr abgereist wart. Hin und wieder kommen und gehen einige, aber es sind niemals mehr als zehn zugleich dort. Sie bleiben für sich, machen keine Schwierigkeiten und stellen keine Fragen, von denen Bael oder ich wüßten. Zweimal kamen auch einige Rote Schwestern in die Stadt. Die Schwestern im Silberschwan haben Behüter, aber die Roten Schwestern nicht. Ich bin überzeugt, daß sie Rote sind. Zwei oder drei tauchen auf, fragen nach Männern, die zum Schwarzen Turm wollen und reisen nach einem oder zwei Tagen wieder ab. Ohne viel erfahren zu haben, würde ich sagen. Diese Schwarze Burg bewahrt Geheimnisse so gut wie eine Festung. Keine der Schwestern hat Schwierigkeiten gemacht, und ich würde sie lieber nicht belästigen, bis ich weiß, daß es notwendig ist.«
»Das habe ich nicht gemeint«, sagte Rand zögernd. Er setzte sich in einen Sessel gegenüber Bashere und umklammerte die Armlehnen, bis seine Knöchel schmerzten. Hier versammelten sich Aes Sedai, in Cairhien versammelten sich Aes Sedai. Zufall? Lews Therin stieß in der Ferne wütende Tiraden über Tod und Verrat aus. Er würde Taim warnen müssen. Nicht wegen der Aes Sedai im Silberschwan - das wußte Taim sicher bereits, aber warum hatte er es nicht erwähnt? -, sondern damit sie ihnen fernblieben, damit er die Asha'man von ihnen fernhielt. Wenn die Brunnen von Dumai ein Ende bedeuten sollten, durfte es hier keine neuen Anfänge geben. Zu vieles schien außer Kontrolle zu geraten. Je stärker er alle zusammenzuhalten versuchte, desto schneller lösten sie sich. Früher oder später würde alles zusammenbrechen und zerfallen. Der Gedanke ließ seine Kehle trocken werden. Thom Merrilin hatte ihn gelehrt, ein wenig zu jonglieren, aber er war niemals sehr geschickt darin gewesen. Jetzt mußte er in der Tat sehr geschickt vorgehen. Er wünschte, er hätte etwas, womit er seine Kehle benetzen könnte.
Er hatte nicht gemerkt, daß er den letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte, bis Jalani sich aus ihrer hockenden Stellung aufrichtete und zu einem hohen Silberkrug trat, der auf einem kleinen Tisch stand. Sie füllte einen Silberbecher, brachte ihn Rand mit einem Lächeln und öffnete den Mund, als sie ihm den Trank reichte. Er erwartete schon eine heftige Äußerung, als sich ihr Gesichtsausdruck änderte. Sie sagte nur »Car'a'carn« und ging dann so würdevoll zu ihrem Platz bei den anderen Töchtern des Speers zurück, daß man den Eindruck gewann, sie imitierte Dorindha oder vielleicht auch Deira. Somara sagte etwas in der Zeichensprache, und plötzlich erröteten alle Töchter des Speers und bissen sich auf die Lippen, um nicht zu lachen. Alle Töchter des Speers außer Jalani, die nur errötet war.