Und was war mit Egwene al'Vere, die nach Meinung vieler noch eine Novizin hätte sein sollen? Sie wurde als leicht lenkbare Galionsfigur angesehen, ein Kind, das im gleichen Dorf wie Rand al'Thor aufgewachsen war. Letzteres hatte entscheidend zu ihrer Wahl beigetragen. Sie würden ihr die Stola nicht wieder abnehmen, aber sie würde zu spüren bekommen, daß das geringe Maß an Autorität, das sie sich erkämpft hatte, wieder verloren wäre.
»Das sieht einem Armband sehr ähnlich, das ich Elayne einmal tragen sah.« Die Papiere auf Sheriams Schoß raschelten, als sie sich vorbeugte, um besser sehen zu können. »Und Nynaeve. Sie haben es geteilt, soweit ich mich erinnere.«
Egwene zuckte zusammen. Sie war unvorsichtig gewesen. »Es ist dasselbe. Ein Abschiedsgeschenk von ihnen, als sie fortgingen.« Sie drehte das Silberarmband um ihr Handgelenk und empfand Schuld, die bei ihr allein lag. Das Armband schien unterteilt, aber so geschickt, daß man die Art und Weise nicht genau erkennen konnte. Sie hatte kaum an Nynaeve und Elayne gedacht seit sie nach Ebou Dar gereist waren. Vielleicht sollte sie die beiden zurückrufen. Ihre Suche machte anscheinend kaum Fortschritte, obwohl sie es leugneten. Aber dennoch - wenn sie fanden, was sie suchten...
Sheriam runzelte die Stirn. Egwene konnte nicht sagen, ob wegen des Armbands. Sie durfte jedoch nicht zulassen, daß Sheriam zuviel darüber nachdachte. Wenn sie jemals merkte, daß ›Marigans‹ Halskette dazu paßte, würden vielleicht schmerzlich unangenehme Fragen gestellt.
Egwene erhob sich und glättete ihre Röcke, während sie um den Tisch herum trat. Siuan hatte heute mehrere Informationen erhalten. Jetzt konnte sie eine davon nutzen. Sie war nicht die einzige, die Geheimnisse hatte. Sheriam schien überrascht, als Egwene zu dicht vor ihr stehenblieb, als daß sie noch hätte aufstehen können.
»Tochter, ich habe erfahren, daß wenige Tage, nachdem Siuan und Leane in Salidar ankamen, zehn Schwestern abgereist sind, zwei von jeder Ajah außer der Blauen. Wohin sind sie gegangen, und warum?«
Sheriam verengte kaum merklich die Augen, aber sie legte ihre Gelassenheit genauso wenig ab wie ihre Kleidung »Mutter, ich kann mich kaum an jede...«
»Keine Ausflüchte, Sheriam.« Egwene trat noch ein wenig näher, bis sich ihre Knie fast berührten. »Keine Lügen. Die Wahrheit.«
Sheriam runzelte die Stirn. »Mutter, selbst wenn ich es wüßte, dürft Ihr Euch nicht mit jeder Kleinigkeit belasten... «
»Die Wahrheit, Sheriam. Die ganze Wahrheit. Muß ich vor dem ganzen Saal fragen, warum mir meine Behüterin der Chronik nicht die Wahrheit sagt? Ich werde sie erfahren, Tochter, auf die eine oder andere Art. Ich werde sie erfahren.«
Sheriam drehte den Kopf, als suche sie nach einem Fluchtweg. Ihr Blick fiel auf Chesa, die über ihre Stopfarbeit gebeugt saß, und sie hätte fast vor Erleichterung geseufzt. »Mutter, morgen, wenn wir allein sind, kann ich sicherlich alles zu Eurer Zufriedenheit erklären. Ich muß mich zuerst noch mit einigen Schwestern beraten.«
Auf diese Weise hätten sie Gelegenheit zu besprechen, was sie ihr morgen erzählen sollte. »Chesa«, sagte Egwene, »wartet bitte draußen.« Obwohl sie auf ihre Arbeit konzentriert und nichts um sie herum zu bemerken schien, sprang Chesa sofort auf und lief fast aus dem Zelt. Wenn sich Aes Sedai stritten, flüchtete jeder, der bei Verstand war. »Jetzt, Tochter«, sagte Egwene. »Die Wahrheit. Alles, was Ihr wißt. Ich werde es so vertraulich behandeln, wie Ihr Euch äußern werdet«, fügte sie hinzu, als Sheriam zu Siuan schaute.
Sheriam richtete einen Moment ihre Röcke, zupfte tatsächlich daran und mied Egwenes Blick, wobei sie zweifellos noch immer nach einer Ausflucht suchte. Aber die Drei Eide hielten sie gefangen. Sie durfte kein unwahres Wort äußern, und wie auch immer sie über Egwenes Position dachte - ihr auszuweichen hieß noch lange nicht, ihr die Autorität offen abzusprechen. Selbst Romanda verhielt sich zumeist höflich.
Sheriam atmete tief ein, faltete ihre Hände im Schoß und sprach sachlich an Egwenes Brust gewandt. »Als wir erfuhren, daß die Rote Ajah dafür verantwortlich war, daß Logain als falscher Drache in Erscheinung trat, hatten wir das Gefühl, etwas tun zu müssen.« Wir bedeutete sicherlich der kleine, erlesene Kreis von Schwestern, die sie um sich versammelt hatte. Carlinya und Beonin und die anderen hatten genauso viel Einfluß wie die meisten Sitzenden, wenn auch nicht im Saal selbst. »Elaida wollte Aufforderungen an alle Schwestern senden, zur Burg zurückzukehren, weshalb wir zehn Schwestern auswählten, die diese Aufgabe schnellstmöglich erledigen sollten. Sie sollten inzwischen längst alle angekommen sein - und insgeheim dafür Sorge zu tragen, daß jede Schwester in der Burg begreift, was die Roten mit Logain getan haben. Nicht... « Sie zögerte zunächst, beendete ihren Satz aber dann eilig.
»Nicht einmal der Saal weiß von ihnen.«
Egwene trat fort und rieb sich erneut die Schläfen. Insgeheim dafür Sorge zu tragen. In der Hoffnung, daß Elaida abgesetzt würde. An sich kein schlechter Plan. Er könnte letztendlich sogar funktionieren. Aber es könnte auch Jahre dauern. Andererseits galt für die meisten Schwestern: Je länger sie damit durchkamen, nichts wirklich tun zu müssen, desto besser. Mit der Zeit könnten sie die Welt davon überzeugen, daß die Weiße Burg niemals wirklich gespalten war. Sie war schon zuvor gespalten gewesen, und nur eine Handvoll Menschen hatte davon gewußt. Mit der Zeit könnten sie vielleicht eine Möglichkeit finden, alles so einzurichten, als wäre sie wirklich nicht gespalten gewesen. »Warum haltet Ihr es vor dem Saal geheim, Sheriam? Ihr glaubt doch sicher nicht, daß sie Elaida Euren Plan verraten würden.« Die Schwestern sahen einander aus Angst vor Elaidas Anhängern stets fragend an - zumindest teilweise aus Angst davor.
»Mutter, eine Schwester, die beschlösse, daß unser Handeln falsch wäre, würde sich wohl kaum zur Sitzenden wählen lassen. Eine solche Schwester wäre schon lange fortgegangen.« Sheriam hatte sich noch nicht entspannt, aber ihre Stimme nahm jetzt einen geduldigen, belehrenden Tonfall an, den sie bei Egwene offenbar als am wirkungsvollsten erachtete. Normalerweise war sie jedoch geschickter darin, das Thema zu wechseln. »Dieses Mißtrauen ist im Moment unsere größte Sorge. Niemand traut einem anderen wirklich. Wenn wir nur erkennen könnten, wie...«
»Die Schwarze Ajah«, unterbrach Siuan sie ruhig. »Sie läßt Euer Blut gefrieren. Wer weiß sicher, wer eine Schwarze ist, und wer weiß, wozu eine Schwarze Schwester imstande wäre?«
Sheriam warf Siuan einen weiteren bösen Blick zu, aber kurz darauf wich die Heftigkeit von ihr. Oder besser gesagt: Eine Art Anspannung ersetzte die andere. Sie schaute zu Egwene und nickte dann widerwillig. Dem verärgerten Zug um ihren Mund nach zu urteilen, hätte sie eine weitere Ausflucht gewählt, wenn nicht offensichtlich gewesen wäre, daß Egwene es nicht zulassen würde. Die meisten Schwestern im Lager glaubten es inzwischen, aber nach mehr als dreitausend Jahren des Leugnens der Existenz der Schwarzen Ajah war es ein düsterer Glaube. Fast niemand würde dieses Thema ansprechen, ungeachtet dessen, was sie glaubten.
»Die Frage ist, Mutter«, fuhr Siuan fort, »was geschieht, wenn der Saal es herausfindet.« Sie schien erneut laut zu denken. »Ich glaube nicht, daß irgendeine Sitzende die Entschuldigung akzeptieren würde, sie sollte es nicht wissen, weil sie vielleicht auf Elaidas Seite stünde. Und was die Möglichkeit betrifft, daß sie vielleicht eine Schwarze Ajah sein konnte... Ja, ich denke, sie werden ziemlich aufgebracht sein.«
Sheriams Gesicht wurde ein wenig blasser. Es war ein Wunder, daß sie nicht totenbleich wurde. ›Aufgebracht‹ war nicht annähernd der richtige Ausdruck. Ja, Sheriam würde weitaus mehr als aufgebrachten Sitzenden gegenüberstehen, wenn dies herauskäme.