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Jetzt mußte sie ihren Vorteil nutzen, aber Egwene kam noch eine Frage in den Sinn. Wenn Sheriam und ihre Freunde... Was waren sie? Spione? Keine Spione. Vielleicht Spitzel, die Ratten innerhalb der Mauern nachgeschickt wurden... Wenn Sheriam Spitzel in die Weiße Burg geschickt hatte, konnte...?

Ein plötzlicher Schmerz durchschoß diese von Empfindungen bedrängte, verborgene Stelle in ihrem Hinterkopf und ließ sie alles andere vergessen. Wenn sie diesen Schmerz unmittelbar verspürt hätte, wäre sie betäubt gewesen. So traten vor Entsetzen nur ihre Augen hervor. Ein Mann, der die Macht lenken konnte, berührte gerade die Kette um Moghediens Hals. Dies war eine Verbindung, in die kein Mann hineingebracht werden konnte. Schmerz, und etwas Unhörbares von Moghedien. Dann Hoffnung. Und dann war alles fort, die Bewußtheit, die Empfindungen. Die Halskette war abgenommen worden.

»Ich ... brauche ein wenig frische Luft«, gelang es ihr zu sagen. Sheriam wollte sich erheben und Siuan ebenfalls, aber sie bedeutete ihnen sitzenzubleiben. »Nein, ich möchte allein sein«, sagte sie hastig. »Siuan, findet alles heraus, was Sheriam über die Spitzel weiß. Licht, ich meine die zehn Schwestern.« Beide starrten sie an, aber keine, dem Licht sei Dank, folgte ihr, als sie die Laterne von einem Haken riß und hinauseilte.

Niemand durfte die Amyrlin laufen sehen, und doch kam ihre Gangart dem nahe, während sie ihre Röcke raffte, so gut es mit einer Hand ging. Mondlicht schien hell von einem wolkenlosen Himmel, so daß nur die Zelte und Wagen schattengesprenkelt waren. Die meisten Menschen im Lager schliefen, aber hier und da brannten noch niedrige Feuer. Eine Handvoll Behüter und einige Diener hielten sich noch im Freien auf. Zu viele Augen, die gesehen hätten, wenn sie gerannt wäre. Das letzte, was sie wollte, war, daß ihr jemand Hilfe anböte. Sie merkte, daß sie keuchte, aber vor Angst, nicht vor Anstrengung.

Sie streckte die Laterne und ihren Kopf in ›Marigans‹ kleines Zelt und fand es leer vor. Die Decken, die auf dem Boden ihr Bett gebildet hatten, lagen verstreut, als wären sie eilig beiseite geworfen worden.

Und was wäre gewesen, wenn Moghedien noch immer hiergewesen wäre? fragte sie sich. Mit abgenommener Halskette und demjenigen, der sie befreit hatte? Sie erschauderte und zog sich langsam zurück. Moghedien hatte guten Grund, sie nicht zu mögen, einen sehr persönlichen Grund, und die einzige Schwester, die einer Verlorenen allein gegenübertreten konnte, wenn sie überhaupt die Macht lenken konnte, befand sich in Ebou Dar. Moghedien hätte Egwene töten können, ohne daß jemand etwas bemerkt hätte. Selbst wenn eine Schwester gespürt hätte, daß sie die Macht lenkte, hätte sie das nicht als beunruhigend empfunden. Schlimmer noch - Moghedien hätte sie vielleicht nicht getötet. Und niemand hätte etwas bemerkt, bis man festgestellt hätte, daß sie beide fort waren.

»Mutter«, ereiferte sich Chesa hinter ihr, »Ihr solltet nicht draußen in der Nachtluft sein. Nachtluft ist schlechte Luft. Wenn Ihr Marigan sprechen wolltet, hätte ich sie holen können.«

Egwene wäre beinahe zusammengezuckt. Sie hatte nicht bemerkt, daß Chesa ihr gefolgt war. Sie betrachtete die Menschen an den nächstgelegenen Feuern. Sie hatten sich zur Unterhaltung dort versammelt, nicht wegen der Wärme, und sie waren dem Zelt nicht sehr nahe, aber vielleicht hatte jemand gesehen, wer ›Marigans‹ Zelt betreten hatte. Sie hatte sicherlich nur wenige Besucher, Und es waren keine Männer darunter. Ein Mann hätte sehr wohl bemerkt werden können. »Ich glaube, sie ist davongelaufen, Chesa.«

»Ach, diese schlechte Frau!« rief Chesa aus. ››Ich habe immer schon gesagt, daß sie hinterhältig ist. Davonzuschleichen wie eine Diebin, nachdem Ihr sie aufgenommen habt. Sie wäre auf der Straße verhungert, wenn Ihr nicht gewesen wärt. Es gibt keine Dankbarkeit mehr!«

Sie folgte Egwene den ganzen Weg zurück zu ihrem Zelt und schimpfte währenddessen über Schlechtigkeit im allgemeinen, ›Marigans‹ Undank im besonderen und darüber, wie man mit solchen Menschen umgehen sollte, wobei die vorgeschlagenen Maßnahmen beim Auspeitschen begannen und bei der Verbannung endeten. Außerdem riet sie Egwene, vorsichtshalber ihren Schmuck zu überprüfen, um sich zu überzeugen, daß noch alles da sei.

Egwene hörte ihr kaum zu. Ihre Gedanken rasten. Es konnte nicht Logain gewesen sein, oder? Hatte er von Moghedien gewußt und war zurückgekommen, um sie zu retten? Wohl kaum. Aber was war mit jenen Männern, die Rand versammelte, jene Asha'man? In jedem Dorf kursierten hinter vorgehaltener Hand Gerüchte über Asha'man und die Schwarze Burg. Die meisten Schwestern gaben vor, daß sie die sich versammelnden Männer, die die Macht lenken konnten, nicht beunruhigten - die schlimmsten Geschichten mußten übertrieben sein, und Gerüchte übertrieben ohnehin stets -, aber Eiseskälte umfing sie, wann immer sie an sie dachte. Ein Asha'man hätte... Aber warum? Wie hätte er wissen können ... mehr als Logain?

Sie versuchte, den einzigen vernünftigen Schluß zu vermeiden: daß jemand weitaus Schlimmeres als Logain oder sogar ein Asha'man gekommen war. Einer der Verlorenen hatte Moghedien befreit. Rahvin war, laut Nynaeve, durch Rands Hand umgekommen, und er hatte auch Ishamael getötet - zumindest dem Anschein nach. Und Aginor und Balthamel. Und Moiraine hatte Be'lal getötet. So blieben unter den Männern nur noch Asmodean, Demandred und Sammael. Sammael befand sich in Illian. Niemand wußte, wo sich die anderen beiden oder eine der überlebenden Frauen aufhielten. Moraine hatte auch Lanfear getötet oder sie hatten einander getötet, aber alle anderen Frauen lebten noch, soweit jedermann wußte, Vergiß die Frauen. Es mußte ein Mann gewesen sein. Wer? Es waren schon vor langer Zeit Pläne für den Fall geschmiedet worden, daß einer der Verlorenen das Lager angriffe. Keine der hiesigen Schwestern konnte allein einem der Verlorenen trotzen, aber es war eine andere Sache, wenn sie sich zu Kreisen zusammenschlossen. Jeder Verlorene, der ihr Lager betrat, würde rings um sich herum Kreise entstehen sehen. Oder sie. Wenn sie erkannten, wer derjenige war. Die Verlorenen zeigten aus irgendeinem Grund keinerlei Anzeichen von Alterung. Vielleicht hing es mit der Verbindung mit dem Dunklen König zusammen...

Es war verwirrend. Sie mußte anfangen, klar zu denken. »Chesa?«

»...ausseht, als sollte Euer Kopf massiert werden, damit die Schmerzen vergehen, ist was ... ist was... Ja, Mutter?«

»Sucht Siuan und Leane. Sagt ihnen, sie sollen zu mir kommen. Aber niemand darf es erfahren.«

Chesa vollführte grinsend einen Hofknicks und hastete hinaus. Sie konnte es kaum vermeiden, die Strömungen um Egwene zu bemerken, aber sie empfand all diese Verschwörungen und Pläne als Spaß. Nicht daß sie eingeweiht gewesen wäre. Egwene zweifelte nicht an ihrer Treue, aber Chesas Ansicht über das, was aufregend war, könnte sich vielleicht ändern, wenn sie die Tiefen jener wirbelnden Strömungen kennenlernen würde.

Egwene entzündete mit Hilfe der Macht die Öllampen im Zelt, blies die Laterne aus und stellte sie vorsichtig in eine Ecke. Vielleicht mußte sie klar denken, aber sie fühlte sich, als stolpere sie in Dunkelheit umher.

9

Zwei Silberhechte

Egwene saß in ihrem Sessel, einer der wenigen richtigen Sessel im Lager mit ein wenig einfacher Schnitzerei, ausreichend geräumig und bequem, daß sie nur geringe Schuld deswegen empfand, dafür wertvollen Wagenplatz zu opfern. Sie saß da und versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, als Siuan den Zelteingang beiseite schob und das Zelt geduckt betrat. Siuan war nicht glücklich.

»Warum, im Licht, seid Ihr davongelaufen?« Ihre Stimme hatte sich nicht verändert wie ihr Gesichtsausdruck, und sie schalt üblicherweise auch mit den Besten, selbst wenn dies in respektvollem Tonfall geschah. In mühsam respektvoll gehaltenem Tonfall. »Sheriam hat mich wie eine Fliege beiseite gefegt.« Der überraschend zarte Mund verzog sich verbittert. »Sie war fast genauso schnell fort wie Ihr. Habt Ihr nicht bemerkt, daß sie sich Euch ausgeliefert hat? Gewiß tut sie das. Sie, und Anaiya und Morvrin und sie alle.«