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Bei ihren letzten Worten betrat Leane das Zelt. Eine große, gertenschlanke Frau, deren kupferfarbenes Gesicht genauso jugendlich wirkte wie das Siuans, die aber in Wahrheit ebenfalls alt genug war, Egwenes Mutter sein zu können. Leane warf einen Blick zu Siuan und hob dann die Hände, soweit das Zeltdach es zuließ. »Mutter, dies ist ein törichtes Risiko.« Ihre dunklen Augen verloren ihre Verträumtheit und blitzten auf, aber ihre Stimme klang träge, selbst wenn sie verärgert war. Sie hatte nur einmal munter geklungen. »Wenn jemand Siuan und mich so zusammen sieht...«

»Es kümmert mich nicht, wenn das ganze Lager erfährt daß Eure Zankerei Schwindel ist«, unterbrach Egwene sie scharf, während sie eine schwache Barriere gegen Lauscher um sie drei wob. Mit der Zeit könnte sie durchdrungen werden, aber nicht, ohne daß es bemerkt würde, nicht solange sie das Gewebe festhielt, anstatt es abzubinden.

Sie sorgte sich, und vielleicht hätte sie nicht beide herbeirufen sollen, aber ihr erster halbwegs zusammenhängender Gedanke war gewesen, die beiden Schwestern zu rufen, denen sie vertrauen konnte. Niemand im Lager vermutete etwas. Jedermann wußte, daß die frühere Amyrlin und ihre ehemalige Behüterin einander genauso sehr verabscheuten, wie Siuan es verabscheute, ihre Nachfolgerin unterweisen zu müssen. Sollte irgendeine Schwester die Wahrheit aufdecken, könnte es sehr wohl geschehen, daß sie lange Zeit Buße tun müßten, und keine leichte Buße - Aes Sedai mochten es noch weniger als andere Menschen, zum Narren gehalten zu werden; sogar Könige hatten dafür bezahlen müssen -, aber derweil schlug sich ihre vorgebliche Feindseligkeit in einem gewissen Einfluß auf die anderen Schwestern, einschließlich der Sitzenden, nieder. Wenn sie beide das gleiche sagten, mußte es stimmen. Ein weiterer sehr nützlicher Nebeneffekt des Gedämpftseins, einer, von dem niemand sonst wußte, war der, daß die Drei Eide sie nicht mehr hielten. Sie konnten jetzt ungehindert lügen.

Arglist und Täuschung überall. Das Lager war wie ein stinkender Sumpf, in dem im Nebel unbemerkt seltsame Gewächse gediehen. Vielleicht war es überall so, wo sich Aes Sedai zusammenschlossen. Nach dreitausend Jahren Intrigen, wie notwendig auch immer sie gewesen sein mochten, war es kaum verwunderlich, daß das Ränkeschmieden zur zweiten Natur der meisten Schwestern geworden und für die anderen kaum erwähnenswert war. Wahrhaft schrecklich war, daß sie allmählich Spaß an all diesen Intrigen fanden. Nicht zu ihrem eigenen Nutzen, aber als Geduldspiel. Sie wollte lieber nicht wissen, was das über sie besagte. Nun, sie war eine Aes Sedai, was auch immer die anderen dachten, und sie mußte das Schlechte daran genauso hinnehmen wie das Gute.

»Moghedien ist entkommen«, fuhr sie ohne innezuhalten fort. »Ein Mann hat ihr das A'dam abgenommen. Ein Mann, der die Macht lenken kann. Ich denke, einer von ihnen hat die Halskette entfernt. Ich habe es in ihrem Zelt nicht mehr gesehen. Vielleicht könnten wir es mit Hilfe des Armbands finden, aber wenn nicht, weiß ich nicht weiter.«

Das nahm ihnen alle Kraft. Leanes Beine gaben nach, und sie sank auf den Stuhl, den Chesa manchmal benutzte. Siuan ließ sich langsam auf dem Bett nieder, den Rücken sehr gerade gehalten, die Hände regungslos auf den Knien. Egwene bemerkte unpassenderweise, daß kleine blaue Blumen in tairenischem Muster um den Saum ihres Gewandes gestickt waren. Weitere Stickereien zogen sich adrett über das Oberteil. Wenn man es auf eine Weise betrachtete, bedeutete es sicherlich nur eine kleine Veränderung, daß sie neuerdings auf ihr Äußeres achtete und ihre Kleidung nicht nur passend, sondern auch hübsch sein sollte - sie verfiel niemals in Extreme -, aber auf andere Weise besehen, wirkte es genauso drastisch wie ihr veränderter Gesichtsausdruck. Und rätselhaft. Siuan ärgerte sich über die Veränderungen und widerstand ihnen. Bis auf diese.

Leane hieß die Veränderungen nach wahrer Aes-Sedai-Art willkommen. Da sie wieder jung zu sein schien - Egwene hatte eine Gelbe verwundert ausrufen hören, daß beide absolut in gebärfähigem Alter zu sein schienen -, hätte sie genausogut niemals die Behüterin der Chronik sein und niemals ein anderes Gesicht bekommen können. Die reine Vorstellung des Praktischen und Wirkungsvollen wurde zum Ideal einer trägen und verlockenden Domanifrau. Sogar ihr Reitgewand war im Stil ihres Geburtslandes geschnitten, obwohl der fast durchsichtig scheinende, hellgrüne Seidenstoff für die Reise auf staubigen Straßen sehr unpraktisch war. Als man ihr sagte, daß das Dämpfen alle Bindungen und Verbindungen zunichte gemacht hatte, wählte Leane über eine Rückkehr zur Blauen Ajah die Grüne Ajah. Normalerweise wechselte man die Ajahs nicht, aber es war auch noch niemals zuvor jemand gedämpft und dann wieder Geheilt worden. Siuan war sofort in die Blaue Ajah zurückgekehrt und hatte über die unsinnige Notwendigkeit gemurrt, ›um die Aufnahme flehen und bitten zu müssen‹, wie es formell hieß.

»Oh, Licht!« keuchte Leane, während sie sich erheblich weniger anmutig als üblich auf einen Stuhl sinken ließ. »Wir hätten sie gleich am ersten Tag ihrer Verurteilung zuführen sollen. Nichts, was wir von ihr erfahren haben, ist es wert, sie wieder auf die Welt loszulassen. Nichts!« Ihre Worte verdeutlichten ihr Entsetzen, da sie sonst nicht das Offensichtliche feststellte. Ihr Verstand war nicht träge geworden, wie auch immer ihr äußerliches Benehmen wirkte. Domani-Frauen wirkten vielleicht nach außen hin träge und verführerisch, aber sie waren noch immer überall als die härtesten Händler bekannt.

»Blut und verdammte...! Wir hätten sie bewachen lassen sollen«, grollte Siuan.

Egwene wölbte die Augenbrauen. Siuan mußte genauso erschüttert sein wie Leane. »Durch wen, Siuan? Durch Faolain? Durch Theodrin? Sie wissen nicht einmal, daß ihr beide zu meiner Gemeinschaft gehört.« Eine Gemeinschaft? Fünf Frauen. Und Faolain und Theodrin waren wohl kaum eifrige Anhängerinnen - besonders Faolain nicht. Nynaeve und Elayne gehörten natürlich auch dazu, und sicherlich auch Birgitte, auch wenn sie keine Aes Sedai war, aber sie waren weit fort. List und Geschicklichkeit waren noch immer ihre Hauptstärken. Und der Umstand, daß niemand sie bei ihr erwartete. »Wie hätte ich irgendjemandem erklären sollen, warum sie meine Dienerin beobachten sollten? Und außerdem - was hätte es genützt? Es muß einer der Verlorenen gewesen sein. Glaubt ihr wirklich, Faolain und Theodrin hätten ihn zusammen aufhalten können? Ich weiß nicht einmal, ob ich es hätte tun können, selbst in der Verbindung mit Romanda und Lelaine nicht.« Sie waren die beiden nächststarken Frauen im Lager, die die Macht genauso gut beherrschten wie Siuan früher.

Siuan bezwang mühsam ihre Aufregung. Sie sagte häufig, daß sie, wenn sie nicht länger die Amyrlin sein konnte, Egwene lehren würde, die beste Amyrlin zu sein, die es jemals gegeben hätte, aber Siuans Übergang von einem Löwen auf einem Berg zu einer Maus am Boden war schwer. Deshalb gewährte Egwene ihr einige Bewegungsfreiheit.

»Ich möchte, daß ihr beide diejenigen befragt die sich in der Nähe des Zeltes aufhalten, in dem Moghedien geschlafen hat. Jemand muß den Mann gesehen haben. Er muß zu Fuß gekommen sein. Jeder, der auf solch kleiner Fläche ein Wegetor eröffnete, hätte riskiert, Moghedien zu töten, wie klein er es auch gestaltet hätte.«

Siuan äußerte laut ihren Unmut »Warum sollten wir uns die Mühe machen?« grollte sie. »Wollt Ihr hinter ihr herjagen wie irgendein törichter Held in der törichten Geschichte eines Narren und sie zurückbringen? Und vielleicht noch gleichzeitig alle Verlorenen bezwingen? Und die Letzte Schlacht gewinnen, wenn Ihr schon dabei seid? Selbst wenn wir eine ausführliche Beschreibung von ihm hätten, kann niemand einen Verlorenen vom anderen unterscheiden. Jedenfalls kann es hier niemand. Es ist der verdammt nutzloseste Haufen, den ich jemals...!«