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»Siuan!« sagte Egwene barsch und setzte sich auf. Bewegungsfreiheit war eine Sache, aber es gab Grenzen. Sie duldete dies auch bei Romanda nicht.

Siuan errötete. Sie kämpfte um Haltung, wobei sie ihre Röcke knetete und Egwenes Blick mied. »Verzeiht, Mutter«, sagte sie schließlich. Es klang fast, als meine sie es ehrlich.

»Es war ein schwerer Tag für sie, Mutter«, wandte Leane mit schelmischem Lächeln ein. Sie war darin sehr gut, obwohl sie es für gewöhnlich nur einsetzte, um das Herz eines Mannes höherschlagen zu lassen, aber natürlich nicht bei allen Männern. Sie besaß eine gute Urteilskraft und Besonnenheit. »Aber andererseits gilt das für fast alle Tage. Wenn sie nur lernen könnte, Gareth Bryne nicht immer mit etwas zu bewerfen, wenn sie zornig ist... «

»Das genügt!« fauchte Egwene. Leane versuchte nur, Siuan ein wenig zu entlasten, aber sie war nicht in der entsprechenden Stimmung. »Ich möchte alles wissen, was ich über denjenigen erfahren kann, wer auch immer Moghedien befreit hat, und sei es nur seine Größe. Jede Einzelheit, die ihn zu mehr als einem Scharten in der Dunkelheit macht. Wenn das alles ist, was ich verlangen kann.« Leane saß ganz still und betrachtete die Blumen auf dem Teppich vor ihren Zehen.

Die Röte überzog jetzt fast Siuans ganzes Gesicht, wodurch sie, bei ihrer hellen Haut, an einen Sonnenuntergang erinnerte. »Ich ... bitte demütig um Verzeihung, Mutter.« Dieses Mal klang sie wirklich reuevoll. Aber es fiel ihr offenbar noch immer schwer, Egwenes Blick zu erwidern. »Es ist manchmal schwer... Nein, nein, keine Entschuldigungen. Ich bitte demütig um Verzeihung.«

Egwene betastete ihre Stola und verharrte schweigend, damit die Gemüter sich beruhigen konnten, während sie Siuan unbewegt ansah. Das hatte Siuan selbst sie gelehrt, aber bald regte sie sich doch unbehaglich. Wenn man wußte, daß man im Unrecht war, bedeutete Schweigen eine Qual, und die Qual brachte einem zu Bewußtsein, daß man tatsächlich im Unrecht war. Schweigen war in vielen Situationen ein nützliches Werkzeug. »Da ich mich nicht daran erinnern kann, was ich verzeihen sollte«, sagte sie schließlich ruhig, »ist es anscheinend auch nicht nötig. Aber, Siuan ... es sollte nicht wieder vorkommen.«

»Danke, Mutter.« Ein angedeutetes, verzerrtes Lächeln spielte um Siuans Mundwinkel. »Ich scheine Euch gut gelehrt zu haben, wenn ich das so sagen darf. Aber wenn ich einen Vorschlag machen dürfte...?« Sie wartete auf Egwenes ungeduldiges Nicken. »Jemand von uns sollte Euren Befehl Faolain oder Theodrin überbringen, um die Fragen zu stellen, und dabei natürlich vorgeben, verärgert zu sein, weil man sie zur Botin gemacht hat.«

Egwene stimmte ihr sofort zu. Sie konnte noch immer nicht klar denken, sonst wäre sie selbst darauf gekommen. Die Kopfschmerzen waren zurückgekehrt. Chesa behauptete, sie kämen von zu wenig Schlaf, aber es war fast unmöglich zu schlafen, wenn sich der Kopf so angespannt wie ein Trommelfell anfühlte. Nun, zumindest konnte sie jetzt die Geheimnisse preisgeben, die Moghedien verborgen gehalten hatte: wie man mit der Macht Verkleidungen wob und wie man seine Fähigkeit vor anderen Frauen verbarg, die die Macht lenken konnten. Es war zu riskant gewesen, sie preiszugeben, solange es dazu führen konnte, Moghedien zu enttarnen.

Ein wenig mehr Begeisterung, dachte sie verbittert. Als sie das einst verlorene Geheimnis des Schnellen Reisens, was zumindest ihr eigenes war, verkündet hatte, war große Begeisterung und Überraschung spürbar gewesen, und seitdem war weiteres Lob für jedes der Geheimnisse erhoben worden, die sie Moghedien so mühsam entlockt hatte. Keine der begeisterten Reaktionen änderte ihre Position jedoch nur im geringsten. Man konnte einem begabten Kind den Kopf tätscheln, ohne zu vergessen, daß es ein Kind war.

Leane zog sich mit einem Hofknicks und der trockenen Bemerkung zurück, es täte ihr nicht leid, daß auch jemand anderer einmal weniger als eine ganze Nacht Ruhe bekäme. Siuan wartete noch. Niemand durfte sie und Leane zusammen gehen sehen. Egwene betrachtete sie eine Zeitlang nur. Sie schwiegen. Siuan schien in Gedanken verloren. Schließlich gab sie sich einen Ruck, stand auf, richtete ihr Gewand und bereitete sich offensichtlich zum Aufbruch vor.

»Siuan«, sagte Egwene zögernd und stellte fest, daß sie nicht wußte, wie sie fortfahren sollte.

Siuan glaubte zu verstehen. »Ihr hattet nicht nur recht, Mutter«, sagte sie und sah Egwene direkt in die Augen, »Ihr wart auch nachsichtig. Zu nachsichtig, obwohl ich das nicht sagen sollte. Ihr seid der Amyrlin-Sitz, und niemand darf Euch gegenüber unverschämt oder ungehörig auftreten. Hättet Ihr mir eine Strafe auferlegt, derentwegen sogar Romanda Mitleid mit mir gehabt hätte, wäre es nicht mehr gewesen, als ich verdiene.«

»Ich werde beim nächsten Mal daran denken«, sagte Egwene, und Siuan beugte wie in Ergebenheit den Kopf. Vielleicht war es tatsächlich Ergebenheit. Wenn die Veränderungen in ihrem Wesen nicht tiefer griffen, als möglich schien, würde es ein nächstes Mal geben, und noch weitere danach. »Aber ich möchte Euch noch nach Lord Bryne befragen.« Siuans Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. »Seid Ihr sicher, daß Ihr es nicht gern säht, wenn ich ... eingriffe?«

»Warum sollte ich, Mutter? Meine einzigen Pflichten bestehen darin, Euch das Zeremoniell Eures Amtes zu lehren und Sheriam die Berichte von meinen Augen-und-Ohren auszuhändigen.« Sie hielt noch immer einen Teil ihres früheren Nachrichtennetzes aufrecht, obwohl bezweifelt werden durfte, daß irgend jemand wußte, zu wem ihre Berichte jetzt gelangten. »Gareth Bryne nimmt kaum genug meiner Zeit in Anspruch, daß eine Einmischung erforderlich wäre.« So sprach sie fast immer von ihm, und selbst wenn sie seinen Titel benutzte, lag eine gewisse Schärfe darin.

»Siuan, ein abgebrannter Viehstall und ein paar Kühe können nicht so viel kosten.« Sicherlich nicht, wenn man es mit dem Sold und der Verpflegung der Soldaten verglich. Aber sie hatte ihr Angebot schon früher unterbreitet, und die starre Antwort war die gleiche geblieben.

»Ich danke Euch, Mutter, aber nein. Ich möchte nicht, daß er behaupten kann, ich hätte mein Wort gebrochen, und ich habe geschworen, die Schuld abzuarbeiten.« Siuans Starrheit löste sich plötzlich in Lachen auf, was selten geschah, wenn sie über Lord Bryne sprach. »Wenn Ihr Euch um jemanden sorgen wollt, dann sorgt Euch um ihn, nicht um mich. Ich brauche keine Hilfe, um mit Gareth Bryne fertig zu werden.«

Das war seltsam. Siuan war jetzt vielleicht schwach im Lenken der Einen Macht, aber nicht so schwach, daß sie weiterhin seine Dienerin sein und Stunden damit verbringen mußte, die Arme bis zu den Ellbogen in heißes Seifenwasser zu tauchen und seine Hemden und Kniehosen zu waschen. Vielleicht hatte sie das getan, um jemanden zu haben, an dem sie ihre Launen auslassen konnte, die sie ansonsten unterdrücken mußte. Was auch immer der Grund war - es bewirkte nicht wenig Gerede und bestätigte vielen ihre Seltsamkeit. Sie war immerhin eine Aes Sedai, wenn auch eine niedrigstehende. Seine Art, mit ihren Launen umzugehen - insbesondere wenn sie einmal Teller und Stiefel warf - erzürnte sie und provozierte die Androhung schrecklicher Konsequenzen. Aber da sie ihn hätte einwickeln können, bis er nicht einmal mehr den kleinen Finger hätte rühren können, berührte Siuan in seiner Nähe niemals Saidar, nicht um schwierige Aufgaben zu erledigen und nicht einmal, wenn er sie übers Knie legte. Diese Tatsache hielt sie vor den meisten verborgen, aber wenn sie zornig war, entschlüpfte ihr einiges. Es schien keine Erklärung zu geben. Siuan war nicht schwach im Geist und auch keine Närrin, sie war weder sanftmütig noch ängstlich, sie war nicht...