»Er kann kaum so ... herausfordernd sein wie diese Aielfrauen«, murmelte Leane verbissen. Selbst ihr fiel es schwer, sich über ihre Erfahrungen mit den Weisen Frauen zu amüsieren. »Aber das ist kaum wichtig. ›Der Amyrlin-Sitz wird im Zusammenhang mit der Weißen Burg selbst beurteilt...««
Zwei Frauen tauchten zwischen den Zelten vor ihnen auf, die langsam vorwärtsgingen, während sie sich unterhielten. Durch die Entfernung und die Scharten waren ihre Gesichter undeutlich, und doch waren sie durch ihre Haltung eindeutig als Aes Sedai zu erkennen, zuversichtlich, daß ihnen nichts etwas anhaben konnte, was sich vielleicht in der Dunkelheit verbarg. Keine Aufgenommene konnte diesen Grad der Zuversicht auch nur annähernd erreichen. Nicht einmal eine Königin mit einem Heer hinter sich könnte dies. Die Frauen kamen auf Egwene und Leane zu. Leane tauchte schnell ins tiefere Halbdunkel zwischen zwei Wagen.
Egwene runzelte enttäuscht die Stirn und hätte sie fast wieder hervorgezogen, ging dann aber weiter. Sollte doch alles herauskommen. Sie würde vor den Saal treten und sagen, es sei an der Zeit zu erkennen, daß die Stola der Amyrlin mehr als nur ein hübsches Tuch sei. Sie würde... Aber dann folgte sie Leane und bedeutete ihr weiterzugehen. Sie würde nicht im Zorn alles wegwerfen.
Nur ein Burggesetz beschränkte die Macht des Amyrlin-Sitzes. Es gab zwar einige verwirrende Gebräuche und viele unbequeme Gegebenheiten, aber nur ein Gesetz, und doch hätte es ihren Zwecken nicht stärker im Weg stehen können. »Der Amyrlin-Sitz wird im Zusammenhang mit der Weißen Burg selbst beurteilt, im tiefsten Kern der Weißen Burg, und darf nicht ohne Grund gefährdet werden, weshalb der Amyrlin-Sitz, außer wenn sich die Weiße Burg laut Erklärung der Halle der Burg im Krieg befindet, den Konsens mit der Halle der Burg suchen soll, bevor sie wohlüberlegt eine Gefahr eingeht, und sie soll sich an diesen Konsens halten.« Welches unüberlegte Handeln einer Amyrlin dieses Gesetz bewirkt hatte, wußte Egwene nicht, aber es bestand schon seit etwas mehr als zweitausend Jahren. Für die meisten Aes Sedai umgab jedes so alte Gesetz eine Aura der Heiligkeit. Es war undenkbar, es zu ändern.
Romanda hatte es zitiert ... dieses verdammte Gesetz, als hätte sie einen Dummkopf belehren wollen. Wenn die Tochter-Erbin von Andor nicht näher als auf hundert Meilen an den Wiedergeborenen Drachen herankommen durfte - wieviel stärker mußten sie dann den Amyrlin-Sitz beschützen? Lelaine klang fast, als bedauere sie es, höchstwahrscheinlich, weil sie mit Romanda übereinstimmte. Das hatte fast beider Zungen gelähmt. Ohne sie - ohne sie beide -läge der Konsens außer Reichweite! Wenn sie also die Erlaubnis nicht bekäme ..
Leane räusperte sich. »Ihr könnt kaum etwas erreichen, wenn Ihr heimlich geht, Mutter, und der Saal wird es früher oder später herausfinden. Ich glaube, Ihr würdet danach kaum noch eine Stunde Zeit für Euch allein haben. Nicht daß sie es wagen würden, Euch bewachen zu lassen, aber es gibt andere Möglichkeiten. Ich kann Beispiele aus ... gewissen Quellen nennen.« Sie zitierte die verborgenen Aufzeichnungen nur dann, wenn sie sich hinter einem Schutz befanden.
»Bin ich so durchschaubar?« fragte Egwene kurz darauf. Nur Wagen waren hier um sie herum und jenseits der Wagen die dunklen Erhebungen schlafender Wagenführer und Pferdehändler und aller anderen, die nötig waren, um so viele Fahrzeuge mitzuführen. Es war bemerkenswert, wie viele Fahrzeuge über dreihundert Aes Sedai benötigten, wenn nur wenige sich herabließen, auch nur eine Meile weit in einem Wagen oder auf einem Karren zu reisen. Aber da waren Zelte und die Ausrüstung und Nahrungsmittel und tausend andere Dinge, die zum Unterhalt der Schwestern und ihrer Bediensteten nötig waren.
»Nein, Mutter«, antwortete Leane leise lachend. »Ich habe mir einfach überlegt, was ich tun würde. Aber es ist allgemein bekannt, daß ich meine Würde und meinen Verstand verloren habe. Der Amyrlin-Sitz kann mich kaum als Vorbild nehmen. Ich glaube, Ihr müßt den jungen Meister al'Thor nach seinem Gutdünken handeln lassen, zumindest für eine Weile, während Ihr Euch um das unmittelbar vor Euch Liegende kümmert.«
»Sein Gutdünken führt uns vielleicht alle zum Krater des Verderbens«, murrte Egwene, aber das war kein Argument. Es mußte eine Möglichkeit geben, sich um das unmittelbar vor ihr Liegende zu kümmern, und Rand dennoch davon abzuhalten, gefährliche Fehler zu begehen, aber sie konnte sie noch nicht erkennen. »Dies ist der schlechteste Platz für einen tröstlichen Spaziergang, den ich jemals gesehen habe. Ich denke, ich könnte genausogut zu Bett gehen.«
Leane neigte den Kopf. »In diesem Fall, Mutter, wenn Ihr verzeiht - in Lord Brynes Lager ist ein Mann... Wer hat schließlich schon einmal von einem Grünen ohne auch nur einen einzigen Behüter gehört?« Da sie plötzlich schneller sprach, hätte man glauben können, sie wollte zu einem Geliebten. Wenn Egwene bedachte, was sie über Grüne gehört hatte, bestand vielleicht gar kein solch großer Unterschied.
Bei den Zelten war inzwischen auch das letzte Feuer mit Erde erstickt worden. Niemand riskierte einen Flächenbrand, wenn das Land zundertrocken war. Einige wenige Rauchfäden stiegen im Mondlicht träge von Stellen auf, wo nicht genug Erde aufgehäuft worden war. In einem Zelt murmelte ein Mann im Schlaf etwas, und hier und dort drang ein Husten oder Schnarchen hervor, aber ansonsten lag das Lager still und ruhig da. Egwene war überrascht, als jemand aus den Schatten vor ihr heraustrat, besonders da es jemand mit dem einfachen weißen Gewand einer Novizin war.
»Mutter, ich muß mit Euch sprechen.«
»Nicola?« Egwene hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich Namen und Gesichter aller Novizinnen einzuprägen, was keine einfache Aufgabe war, wenn man bedachte, daß Schwestern die ganze Heerstraße entlang nach Mädchen und jungen Frauen suchten, die lernen konnten. Obwohl die aktive Suche schlecht angesehen war - der Brauch forderte, daß das Mädchen fragen mußte oder daß man wartete, bis sie zur Burg kam -, wurden im Lager jetzt zehnmal so viele Novizinnen ausgebildet, wie die Weiße Burg in Jahren aufgenommen hatte. Nicola war jedoch eine derjenigen, an die man sich erinnern mußte, auch weil Egwene häufig genug bemerkt hatte, daß die junge Frau sie ansah. »Tiana wäre nicht erfreut, wenn sie Euch so spät noch wach fände.« Tiana Noselle war die Herrin der Novizinnen und gleichermaßen für eine tröstliche Schulter, wenn eine Novizin Kummer hatte, wie für eine unnachgiebige Haltung bekannt wenn es um Regeln ging.
Die andere Frau regte sich, als wollte sie davoneilen, richtete sich aber dann gerade auf. Schweiß glänzte auf ihren Wangen. In der Dunkelheit war es kühler, als es am Tage gewesen war, aber niemand würde es als kühl bezeichnen, und der einfache Trick, Hitze oder Kälte zu ignorieren, wurde erst gelehrt, wenn man die Stola trug. »Ich weiß, daß ich zuerst Tiana Sedai hätte bitten sollen, Euch aufsuchen zu dürfen, Mutter, aber sie hätte niemals zugelassen, daß sich eine Novizin dem Amyrlin-Sitz nähert.«
»Worüber wollt Ihr mit mir sprechen, Kind?« fragte Egwene. Die Frau war mindestens sechs oder sieben Jahre älter als sie, aber dies war die angemessene Anrede für eine Novizin.