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Nicola machte sich an ihrem Rock zu schaffen und trat dann näher. Große Augen begegneten Egwenes Blick vielleicht offener, als es bei einer Novizin hätte der Fall sein sollen. »Mutter, ich möchte so viel wie möglich lernen.« Sie zupfte an ihrem Gewand, aber ihre Stimme klang kühl und beherrscht und einer Aes Sedai angemessen. »Ich möchte nicht behaupten, sie hielten mich zurück, aber ich bin sicher, daß ich stärker werden kann, als sie sagen. Ich weiß einfach, daß ich es kann. Ihr wurdet niemals zurückgehalten, Mutter. Niemand hat jemals so schnell soviel Kraft erlangt wie Ihr. Ich möchte nur die gleiche Chance erhalten.«

Eine Bewegung in den Schatten hinter Nicola erwies sich als eine weitere Frau mit verschwitztem Gesicht, in einem Kurzmantel und weiter Hose und mit einem Bogen. Ihr Haar hing ihr, mit sechs Bändern zum Zopf geflochten, bis auf die Taille herab, und sie trug Stiefel mit hohen Absätzen.

Nicola Baumhügel und Areina Nermasiv bildeten ein merkwürdiges Freundespaar. Wie viele der älteren Novizinnen - es wurden jetzt auch Frauen geprüft, die fast zehn Jahre älter waren als Egwene, obwohl viele Schwestern murrten, sie seien zehn Jahre zu alt, um die Disziplin der Novizin zu erlernen -, wie viele jener älteren Frauen war Nicola, allen Berichten nach, begierig darauf zu lernen, und sie besaß ein Potential, das unter den lebenden Aes Sedai nur von dem Nynaeves, Elaynes und Egwenes selbst übertroffen wurde. Tatsächlich machte Nicola offensichtlich große Fortschritte, häufig in dem Umfang, daß ihre Lehrer sie zurückhalten mußten. Einige behaupteten, sie hätte begonnen, Gewebe aufzunehmen, als kenne sie sie bereits. Nicht nur das, sie zeigte bereits zwei Talente, obwohl die Fähigkeit, Ta'veren zu ›sehen‹ geringer war, während das Haupttalent, das Vorhersagen, sich auf eine Art zeigte, daß niemand verstand, was sie Vorhergesagt hatte. Sie selbst erinnerte sich im nachhinein an keines ihrer Worte. Alles in allem war Nicola von den Schwestern bereits als eine Novizin hervorgehoben worden, auf die man, trotz ihres späten Beginnens, achten müßte. Die umstrittene Übereinkunft, Frauen zu prüfen, die älter als siebzehn oder achtzehn Jahre waren, war wahrscheinlich Nicola zu verdanken.

Areina war jedoch eine Jägerin des Horns, die genauso prahlte wie ein Mann und herumsaß und von Abenteuern erzählte, die sie erlebt hatte und noch erleben würde, wenn sie nicht mit ihrem Bogen übte. Sie hatte diese Waffe wahrscheinlich von Birgitte übernommen, ebenso wie ihre Art, sich zu kleiden. Sie schien gewiß an kaum etwas anderem als dem Bogen Gefallen zu finden, außer gelegentlich auf recht kühne Art zu schäkern, wenn auch nicht mehr in letzter Zeit. Vielleicht machten die langen Tage unterwegs sie zu müde dafür, wenn auch nicht fürs Bogenschießen. Egwene konnte nicht verstehen, warum sie noch immer mit ihnen reiste. Es war kaum wahrscheinlich, daß Areina glaubte, das Horn von Valere würde auf ihrer Marschroute auftauchen, und sie konnte unmöglich auch nur vermuten, daß es in der Weißen Burg versteckt war. Sehr wenige Menschen wußten das. Egwene war sich nicht einmal sicher, daß Elaida es wußte.

Areina trat wie eine Närrin auf, aber für Nicola empfand Egwene eine gewisse Zuneigung. Sie verstand die Unzufriedenheit der Frau, verstand, daß sie alles sofort lernen wollte. Sie war genauso gewesen. Und vielleicht war sie noch immer so. »Nicola«, sagte sie freundlich, »wir unterliegen alle bestimmten Beschränkungen. Ich werde, um ein Beispiel zu nennen, niemals an Nynaeve Sedai heranreichen, was auch immer ich tue.«

»Aber wenn ich doch nur die Chance bekäme, Mutter.« Nicola rang tatsächlich flehend die Hände und auch ihre Stimme klang flehentlich, aber sie begegnete Egwenes Blick noch immer vollkommen offen. »Die Chance, die Ihr hattet.«

»Weil ich keine Wahl hatte - weil ich es nicht besser wußte - habe ich es erzwungen, Nicola, und das ist gefährlich.« Sie hatte diesen Begriff zum ersten Mal gehört, als Siuan sich dafür entschuldigte, etwas bei ihr erzwungen zu haben. Dies war eine der wenigen Gelegenheiten gewesen, bei denen Siuan wirklich reumütig gewirkt hatte. »Ihr wißt, daß Ihr, wenn Ihr mehr von Saidar lenkt, als Ihr könnt, riskiert, ausgebrannt zu werden, bevor Ihr jemals Eure volle Stärke erreicht. Ihr solltet Euch besser in Geduld üben. Die Schwestern werden Euch ohnehin erst etwas anderes sein lassen, wenn Ihr bereit dazu seid.«

»Wir sind auf demselben Flußboot nach Salidar gekommen wie Nynaeve und Elayne«, sagte Areina plötzlich. Ihr Blick war mehr als direkt - er war herausfordernd. »Und Birgitte.« Sie sprach den Namen aus irgendeinem Grund verbittert aus.

Nicola machte eine abwehrende Handbewegung. »Das ist unwichtig.« Aber sie klang seltsamerweise nicht, als meinte sie das ernst.

Egwene hoffte, daß ihr Gesicht nur halb so ausdruckslos blieb wie Nicolas und versuchte, ein plötzliches Unbehagen zu unterdrücken. ›Marigan‹ war auch auf diesem Boot nach Salidar gekommen. Eine Eule schrie, und sie erschauderte. Einige Menschen glaubten, daß der Schrei einer Eule im Mondlicht schlechte Nachrichten bedeutete. Sie war nicht abergläubisch, aber... »Was ist unwichtig?«

Die beiden Frauen wechselten Blicke, und Areina nickte.

»Ich ging vom Fluß zum Dorf.« Nicola sah Egwene, trotz ihres vermeintlichen Zögerns, gerade in die Augen. »Areina und ich hörten Thom Merrilin und Juilin Sandar miteinander sprechen. Der Gaukler und der Diebefänger. Juilin sagte, wenn Aes Sedai in dem Dorf wären - wir waren noch nicht sicher - und sie erführen, daß Nynaeve und Elayne vorgegeben hatten, Aes Sedai zu sein, wären wir alle gefährdet.«

»Der Gaukler sah uns und bedeutete Juilin zu schweigen«, warf Areina ein, während sie den Köcher an ihrer Taille betastete, »aber wir hatten es gehört.« Ihre Stimme war genauso hart wie ihr Blick.

»Ich weiß, daß sie jetzt beide Aes Sedai sind, Mutter, aber wären sie nicht noch immer in Schwierigkeiten, wenn jemand es herausfände? Ich meine - die Schwestern? Jeder, der vorgibt, eine Schwester zu sein, ist in Schwierigkeiten, wenn sie es herausfinden - auch noch Jahre später.« Nicolas Gesichtsausdruck änderte sich nicht, aber ihr Blick schien Egwenes plötzlich festhalten zu wollen. Sie beugte sich eifrig ein wenig vor. »Jedermann. Nicht wahr?«

Durch Egwenes Schweigen ermutigt, grinste Areina.

Ein bei Nacht unangenehmes Grinsen. »Ich hörte, Elayne und Nynaeve wurden aus der Burg geschickt, um irgendeine Aufgabe für Siuan Sanche zu erledigen, als sie noch Amyrlin war. Außerdem hörte ich, daß Ihr gleichzeitig von ihr fortgeschickt wurdet. Und in alle möglichen Schwierigkeiten gerietet, als Ihr zurückkamt.« Sie war eine Meisterin der Andeutungen. »Erinnert Ihr Euch, daß sie Aes Sedai zu sein vorgaben?«

Sie standen da und sahen sie an, Areina unverschämt auf ihrem Bogen lehnend und Nicola so erwartungsvoll, daß die Luft hätte knistern sollen.

»Siuan Sanche ist eine Aes Sedai«, sagte Egwene kalt. »Und Nynaeve al'Meara und Elayne Trakand ebenfalls. Ihr werdet ihnen den angemessenen Respekt erweisen. Für Euch sind sie Siuan Sedai, Nynaeve Sedai und Elayne Sedai.« Die beiden blinzelten überrascht. Egwenes Magen rebellierte vor Zorn. Nach allem, was sie heute nacht durchgemacht hatte, wurde sie noch von diesen beiden erpreßt...? Ihr fiel kein Wort ein, das hart genug gewesen wäre, dies zu beschreiben. Elayne wäre sicherlich eines eingefallen. Elayne hörte den Stallburschen und Wagenführern und anderen zu und merkte sich Worte, die sie gar nicht hören sollte. Egwene entfaltete ihre Stola und legte sie sich sorgfältig um die Schultern.

»Ich glaube, Ihr versteht nicht, Mutter«, sagte Nicola hastig, aber nicht ängstlich, sondern nur in dem Bemühen, ihre Ansicht zu verdeutlichen. »Ich war nur besorgt, daß jemand herausfinden könnte, daß Ihr...« Egwene ließ sie nicht weitersprechen.

»Oh, ich verstehe durchaus, Kind.« Die törichte Frau war ein Kind, wie alt sie auch sein mochte. Alle älteren Novizinnen machten Schwierigkeiten, üblicherweise dadurch, daß sie Aufgenommenen gegenüber, die sie lehren sollten, unverschämt auftraten, aber selbst die Dümmsten besaßen genug Verstand, Unverschämtheit den Schwestern gegenüber zu vermeiden. Es verwandelte ihre Wut in glühenden Zorn, daß diese Frau die Frechheit besaß, es bei ihr weiterhin zu versuchen. Beide waren größer als Egwene, wenn auch nicht wesentlich, aber sie stemmte die Fäuste in die Hüften und machte sich gerade, und sie wichen zurück, als rage sie tatsächlich über ihnen auf. »Habt Ihr überhaupt eine Vorstellung davon, wie ernst es ist, eine Schwester zu beschuldigen, besonders wenn eine Novizin dies tut? Beschuldigungen, die Ihr angeblich von zwei Männern gehört habt, die jetzt tausend Meilen weit entfernt sind. Tiana würde Euch bei lebendigem Leibe die Haut abziehen und Euch Euer restliches Leben lang Töpfe schrubben lassen, wenn sie es erführe.« Nicola versuchte weiterhin, etwas einzuwenden - es klang jetzt nach Entschuldigungen und weiteren Einwänden, die Egwene nicht verstand, hastige Versuche, alles zu ändern -, aber Egwene ignorierte sie und wandte sich an Areina. Die Jägerin trat einen weiteren Schritt zurück, benetzte ihre Lippen und wirkte bemerkenswert unsicher. »Ihr müßt nicht glauben, daß Ihr ungeschoren davonkommt. Selbst eine Jägerin könnte für ein solches Vergehen vor Tiana gezerrt werden - wenn Ihr das Glück habt, nicht an einem Wagenrad ausgepeitscht zu werden, wie sie es mit Soldaten machen, die beim Stehlen erwischt werden. Wie auch immer - ihr würdet mit Striemen bedeckt ausgestoßen werden.«