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Egwene atmete tief durch und faltete ihre Hände über der Taille. Wenn sie sie zusammenpreßte, würden sie nicht zittern. Die beiden wirkten zwar nicht eingeschüchtert, aber doch angemessen gerügt. Sie hoffte, daß ihre niedergeschlagenen Augen, eingesunkenen Schultern und unruhigen Füße nicht vorgetäuscht waren. Rein rechtlich sollte sie die beiden sofort zu Tiana schicken. Sie hatte keine Ahnung, welche Strafe auf den Versuch stand, den Amyrlin-Sitz zu erpressen, aber es schien wahrscheinlich, daß der Ausschluß aus dem Lager die geringste Strafe wäre. Obwohl in Nicolas Fall damit gewartet werden müßte, bis ihre Lehrer der Meinung waren, sie könne die Macht ausreichend gut lenken, um sich selbst oder andere nicht versehentlich zu verletzen. Nicola Baumhügel würde jedoch niemals eine Aes Sedai werden, wenn diese Beschuldigung gegen sie erhoben wurde. All dieses Potential wäre vergeudet.

Es sei denn... Jede Frau, die bei der Lüge ertappt wurde, eine Aes Sedai zu sein, wurde so hart bestraft, daß sie noch Jahre später wimmerte, und eine Aufgenommene, die dabei ertappt wurde, mochte die andere sehr wohl als glücklich ansehen, aber Nynaeve und Elayne waren jetzt, da sie wirkliche Schwestern waren, sicher. Und sie selbst auch. Aber vielleicht war nur ein Hauch eines Gerüchts hierüber nötig, um jede Chance zunichte zu machen, daß der Saal sie wahrhaft als Amyrlin-Sitz anerkannte. Oder die Chance, zu Rand zu gehen und es dem Saal dann offen einzugestehen. Sie wagte es nicht, die beiden Novizinnen merken oder auch nur vermuten zu lassen, daß sie zweifelte.

»Ich werde dies vergessen«, sagte sie scharf. »Aber wenn ich noch einmal von irgend jemandem auch nur andeutungsweise etwas darüber höre...« Sie atmete unstet ein - wenn sie konkret davon hörte, würde sie kaum noch etwas tun können -, aber ihrer Reaktion nach hörten sie eine Drohung heraus, die sie tief traf. »Und nun geht zu Bett, bevor ich meine Meinung wieder ändere.«

Sie knicksten sofort und flüsterten »Ja, Mutter« und »Nein, Mutter« und »Wie Ihr befehlt, Mutter«. Sie eilten davon, während sie über die Schulter zu ihr zurückblickten und immer schneller wurden, bis sie schließlich tatsächlich liefen. Egwene zwang sich dazu, ruhig weiterzugehen, aber sie wäre am liebsten auch gelaufen.

10

Unsichtbare Augen

Als Egwene zu ihrem Zelt zurückkam, wartete Selame bereits, eine stockdünne Frau mit dunkler tairenischer Hautfarbe und einem fast unzugänglichen Selbstbewußtsein. Chesa hatte recht: Selame trug ihre Nase tatsächlich hoch erhoben, als weiche sie vor einem üblen Geruch zurück. Aber wenn sie sich gegenüber anderen Töchtern des Speers auch anmaßend verhielt, gab sie sich bei ihrer Förderin in Wahrheit doch ganz anders. Als Egwene eintrat, versank Selame in einen so tiefen Hofknicks, daß ihre Stirn fast den Teppich streifte und sich ihre Röcke so weit wie möglich ausbreiteten. Bevor Egwene noch einen zweiten Schritt ins Zelt hinein getan hatte, sprang die Frau auf und machte ein Aufhebens um sie. Selame hatte sehr wenig Verstand.

»Oh, Mutter, Ihr seid schon wieder ohne Kopfbedeckung ausgegangen.« Als hätte sie jemals eine der mit Perlen verzierten Hauben, welche die Frau bevorzugte, oder die von Meri geliebten bestickten Samtkappen oder Chesas Federhüte getragen. »Und Ihr fröstelt. Ihr solltet niemals ohne Schal und Sonnenschirm ausgehen, Mutter.« Wie sollte ein Sonnenschirm Frösteln verhindern? Obwohl ihr der Schweiß ungeachtet dessen, wie schnell sie ihn mit ihrem Taschentuch abrieb, die Wangen hinablief, dachte Selame niemals daran zu fragen, warum sie zitterte, was vielleicht ebensogut war. »Zudem seid Ihr allein ausgegangen, bei Nacht. Das ist einfach nicht richtig, Mutter. Denkt an alle diese Soldaten, rauhe Männer, die keiner Frau Respekt erweisen, selbst den Aes Sedai nicht. Mutter, Ihr dürft einfach nicht...«

Egwene ließ die törichten Worte genauso über sich ergehen wie die Hilfe der Frau beim Auskleiden, indem sie diese einfach nicht beachtete. Wenn sie ihr zu schweigen befahl, würde sie so viele verletzte Blicke und gekränkte Seufzer ernten, daß es kaum einen Unterschied machte. Bis auf ihr geistloses Geschwätz verrichtete sie ihre Pflichten eifrig, wenn auch nicht ohne viele große Gesten und unterwürfige Hofknickse. Niemand schien so einfältig wie Selame zu sein, die ständig mit Äußerlichkeiten beschäftigt war und sich darum sorgte, was die Leute dachten. Für sie waren wichtige Leute die Aes Sedai und der Adel sowie deren höher gestellte Diener. Niemand sonst zählte für sie. Wahrscheinlich war es wirklich unmöglich. Egwene würde weder vergessen, wer Selame zuerst entdeckt hatte, noch wer Meri entdeckt hatte. Gewiß war Chesa ein Geschenk von Sheriam, aber Chesa hatte Egwene ihre Treue schon mehr als einmal bewiesen.

Egwene hätte sich gern selbst davon überzeugt, daß das Zittern, das Selame für Frösteln hielt, Zornesbeben war, aber sie war sich dessen bewußt, daß sich Angst in ihrem Innern breitgemacht hatte. Sie war zu weit gekommen und hatte noch zuviel zu tun, als daß sie Nicola und Areina hätte erlauben dürfen, ihr Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Als sie den Kopf durch die Halsöffnung eines frischen Hemdes steckte, nahm sie einige Worte des Geplappers der Frau wahr und sah sie an. »Sagtet Ihr Schafsmilch?«

»O ja, Mutter, Eure Haut ist so weiß, und nichts wird sie besser erhalten als ein Bad in Schafsmilch.«

Vielleicht war Selame wirklich schwachsinnig. Egwene scheuchte die protestierende Frau aus dem Zelt und bürstete ihre Haare selbst. Dann deckte sie ihr Bett auf, legte das jetzt nutzlose A'dam-Armband in die kleine, verzierte Elfenbeinschachtel, in der sie ihre wenigen Schmuckstücke aufbewahrte, und löschte zuletzt die Lampen. Alles selbst, dachte sie in der Dunkelheit sarkastisch. Selame und Meri werden einen Wutanfall kriegen.

Bevor sie sich jedoch hinlegte, trat sie zum Zelteingang und öffnete ihn einen kleinen Spalt. Draußen herrschte mondbeschienene Stille und Schweigen, die nur vom Schrei eines nächtlichen Reihers unterbrochen wurden, der plötzlich abbrach. Überall in der Dunkelheit waren Jäger unterwegs. Kurz darauf bewegte sich in den Schatten des gegenüberstehenden Zelts etwas. Es war anscheinend eine Frau.

Vielleicht machte der Schwachsinn Selame nicht unfähiger, als die mürrische Verdrießlichkeit Meri ausschloß. Die Gestalt neben dem Zelt konnte jeder der beiden sein. Oder jemand völlig anderer. Sogar Nicola oder Areina, so unwahrscheinlich es auch schien. Sie ließ den Zelteingang lächelnd wieder zufallen. Wer auch immer der Beobachter war, würde nicht sehen, wohin sie heute nacht ging.