Plötzlich nahm sie am äußersten Rand ihres Sichtfeldes eine Bewegung wahr. Einer der Lichtpunkte glitt durch den Sternenozean, schwebte aus eigenem Entschluß auf sie zu und wurde größer. Nur ein Traum konnte das bewirken, nur eine Träumer. Sie floh entsetzt und wünschte, sie hätte eine Kehle, um schreien oder fluchen oder einfach rufen zu können. Um besonders den kleinen Winkel ihres Selbst anzuschreien oder zu verfluchen, der am Fleck verharren und abwarten wollte.
Dieses Mal bewegten sich nicht einmal mehr die Sterne. Sie verschwanden einfach, und sie lehnte an einer dicken Rotsteinsäule und keuchte, als wäre sie eine Meile gerannt, während ihr Herz zu zerspringen schien. Kurz darauf sah sie an sich hinab, lachte ein wenig unsicher und versuchte ruhiger zu atmen. Sie trug ein Gewand aus schimmernder, mit Goldfäden durchwirkter Seide, das Oberteil und der Saum mit Bändern geschmückt. Das Oberteil verdeckte erheblich mehr Busen, als sie im Wachzustand jemals aufzubieten hätte, und ein breiter, fester Gürtel aus geflochtenem Gold ließ ihre Taille schmaler scheinen, als sie in Wirklichkeit war. Andererseits war sie vielleicht tatsächlich schmaler. Hier in Tel'aran'rhiod konnte man sein, wie immer und was immer man sein wollte. Auch wenn man es nur unbewußt wollte und nicht darauf achtgab. Gawyn Trakand hatte einen verhängnisvollen Einfluß auf sie - einen sehr verhängnisvollen Einfluß.
Ein kleiner Teil ihrer selbst wünschte noch immer, sie hätte abgewartet und sich von seinem Traum einholen und hineinziehen lassen. Wenn eine Traumgängerin jemanden bis zur Raserei liebte oder haßte, besonders wenn diese Empfindung erwidert wurde, konnte sie in den Traum jenes Menschen hineingezogen werden. Sie zog den Traum an oder er zog sie an wie ein Magnet. Sicherlich haßte sie Gawyn nicht, aber sie konnte es sich nicht leisten, in seinem Traum gefangen zu werden - nicht heute nacht -, gefangen zu sein, bis er erwachte, und zu sein, wie er sie sah. Er hielt sie für erheblich hübscher, als sie in Wahrheit war. Seltsamerweise erschien er weniger ansehnlich, als er tatsächlich war. Ein starker Geist oder Aufmerksamkeit waren nutzlos, wenn so heftige Liebe oder Haß im Spiel waren. Wenn man erst in diesen Traum hineingelangt war, blieb man dort, bis der andere Mensch aufhörte, von einem zu träumen. Als sie sich erinnerte, was er mit ihr in seinen Träumen getan hatte, was sie zusammen getan hatten, überzog heftige Röte ihr Gesicht.
»Gut, daß mich jetzt keine der Sitzenden sehen kann«, murrte sie. »Obwohl sie mich immer noch für ein Mädchen halten.« Erwachsene Frauen waren wegen einem Mann nicht derart aufgeregt. Dessen war sie sich sicher. Keine vernünftige Frau jedenfalls. Seine Träume würden wahr werden, aber zu einem Zeitpunkt, den sie erwählte. Es könnte schwierig werden, die Erlaubnis ihrer Mutter zu bekommen, aber sie würde sie gewiß nicht verweigern, auch wenn sie Gawyn noch nie gesehen hatte. Marin al'Vere vertraute dem Urteil ihrer Töchter. Jetzt war es an der Zeit, daß ihre Jüngste ein wenig dieses Urteilsvermögens zeigte und sich ihre Phantasien für einen geeigneteren Zeitpunkt aufsparte.
Sie sah sich um und wünschte fast, sie könnte ihren Gedanken erlauben, sich weiterhin nur um Gawyn zu drehen. Wuchtige Säulen ragten empor und stützten eine hoch aufsteigende Kuppel. Keine der goldverzierten Lampen, die von goldenen Ketten von der Decke herabhingen, brannte, und doch herrschte ein diffuses Licht, das einfach da war, ohne einer Quelle zu entspringen, weder hell noch trübe. Das Herz des Steins in der großen Feste, die der Stein von Tear genannt wurde. Oder eher sein Bild in Tel'aran'rhiod, ein Bild, das auf vielerlei Arten so real wirkte wie das Original selbst. Hier hatte sie früher die Weisen Frauen getroffen - auf deren Wunsch hin. Ein seltsamer Wunsch für Aiel, wie ihr schien. Sie hätte Rhuidean erwartet, jetzt, wo es geöffnet war, oder irgendeinen anderen Treffpunkt in der Aiel-Wüste, oder einfach den Ort, wo auch immer sich die Weisen Frauen gerade befanden. Jeder Ort außer den Ogier-Steddings hatte in der Welt der Träume sein Spiegelbild - in Wahrheit sogar auch die Steddings, aber man konnte sie nicht betreten, genauso wie Rhuidean einst verschlossen gewesen war. Das Aes Sedai-Lager stand natürlich außer Frage. Eine Anzahl Schwestern hatte jetzt Zugriff zu einem Ter'angreal, das es ihnen erlaubte, die Welt der Träume zu betreten, und da keine der Schwestern wirklich wußte, was sie da taten, begannen sie ihre Unternehmen häufig, indem sie im Lager Tel'aran'rhiods erschienen, als begäben sie sich auf eine gewöhnliche Reise.
Wie die Angreale und die Sa'angreale waren auch die Ter'angreale dem Burggesetz zufolge Eigentum der Weißen Burg, gleichgültig, wer sie im Moment zufällig besaß. Die Burg beharrte sehr selten darauf, zumindest wenn sie sich an einem ähnlichen Ort wie der sogenannten Großen Feste in eben diesem Stein von Tear befanden - sie würden schließlich zu den Aes Sedai kommen, und die Weiße Burg hatte stets gut warten können, wenn es nötig war -, aber jene, die tatsächlich in Händen von Aes Sedai waren, wurden vom Saal vergeben, von einzelnen Sitzenden. Tatsächlich wurden sie verliehen - sie wurden fast niemals verschenkt. Elayne hatte gelernt, Traum-Ter'angreale zu kopieren, und sie und Nynaeve hatten zwei an sich genommen, aber die anderen befanden sich jetzt im Besitz des Saals. Was bedeutete, daß Sheriam und ihr kleiner Kreis sie benutzen konnten, wann immer sie wollten, und vermutlich auch Lelaine und Romanda, obwohl diese beiden wahrscheinlich andere sandten, anstatt Tel'aran'rhiod selbst zu betreten. Bis vor kurzem hatte jahrhundertelang keine Aes Sedai Träume begangen, und sie hatten noch immer erhebliche Schwierigkeiten damit, die hauptsächlich dem Glauben entstammten, sie könnten es allein lernen. Dennoch war das letzte, was Egwene wollte, daß eine ihrer Anhängerinnen dieses Treffen heute nacht beobachtete.
Als hätte der Gedanke an Spione sie empfindsamer gemacht, wurde sie sich plötzlich der Tatsache bewußt, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Dieses Gefühl war in Tel'aran'rhiod stets gegenwärtig, und nicht einmal die Weisen Frauen wußten warum, aber obwohl stets verborgene Augen dazusein schienen, waren vielleicht auch tatsächliche Beobachter zugegen. Und dabei dachte sie nicht an Romanda und Lelaine.
Egwene ließ ihre Hand über die Säule gleiten, während sie langsam ganz darum herumging und den in tiefen Schatten liegenden Rotstein-Wald betrachtete. Das sie umgebende Licht wirkte nicht real. Jedermann in den Schatten würde dasselbe Licht um sich herum sehen, während die Schatten sie verbargen. Menschen erschienen, Männer und Frauen, flimmernde Bilder, die selten länger als wenige Herzschläge lang verweilten. Sie hatte kein Interesse an den Menschen, welche die Welt der Träume in ihrem Schlaf berührten. Jedermann könnte dies zufällig tun, aber glücklicherweise nur für Augenblicke und selten lange genug, um sich einer der Gefahren stellen zu müssen. Die Schwarze Ajah besaß auch Traum-Ter'angreale, die sie der Burg gestohlen hatte. Schlimmer noch -Moghedien kannte Tel'aran'rhiod genauso gut wie jede Traumgängerin. Vielleicht sogar noch besser. Sie konnte diesen Ort und jedermann darin sehr leicht kontrollieren.
Egwene wünschte einen Moment, sie hätte Moghediens Träume ausspioniert, als die Frau eine Gefangene war, nur einmal, gerade so weit, um in der Lage sein zu können, sie zu erkennen. Aber selbst wenn sie ihre Träume identifizieren könnte, wüßte sie nicht, wo sie jetzt war. Außerdem hätte noch die Möglichkeit bestanden, gegen ihren Willen hineingezogen zu werden. Sie verachtete Moghedien gewiß genug, und die Verlorene haßte sie höchstwahrscheinlich grenzenlos. Was drinnen geschah, war nicht real, nicht einmal so real wie in Tel'aran'rhiod, aber man erinnerte sich daran, als wäre es so. Eine Nacht in Moghediens Gewalt wäre ein Alptraum gewesen, den sie wahrscheinlich den Rest ihres Lebens jedes Mal neu erlebt hätte, wenn sie schlafen gegangen wäre. Und im Wachzustand vielleicht ebenso.