Eine weitere Umrandung. Was war das? Eine dunkle, königlich schöne Frau mit einer perlenbesetzten Haube und einem Gewand mit Spitzenhalskrause schritt aus den Schatten und verschwand wieder. Eine träumende Tairenerin, eine hohe Dame oder jemand, der eine zu sein träumte. Vielleicht war sie im Wachzustand eine einfache, rundliche Frau, eine Bäuerin oder Händlerin.
Sie hätte besser Logain anstatt Moghedien ausspionieren sollen. Sie würde zwar auch nicht wissen, wo er sich befand, aber sie bekäme vielleicht eine Ahnung von seinen Plänen. Natürlich wäre es nicht wesentlich erfreulicher gewesen, in seine Träume hineingezogen zu werden als in Moghediens. Er haßte alle Aes Sedai. Es war notwendig gewesen, seine Flucht einzufädeln. Sie hoffte nur, der Preis würde nicht zu hoch sein. Vergiß Logain. Moghedien war die Gefahr, Moghedien, die sie vielleicht sogar hier -besonders hier - verfolgen könnte, Moghedien, die...
Sie bemerkte plötzlich, wie schwerfällig sie sich bewegte und stieß einen verärgerten Laut aus, fast ein Stöhnen. Das wunderschöne Gewand war zu einer vollständigen Kettenpanzer-Rüstung geworden, wie sie Gareth Brynes schwere Kavallerie trug. Es fühlte sich so an, als ruhte ein Helm ohne Visier mit einer Spitze in der Form der Flamme von Tar Valon auf ihrem Kopf. Es war sehr ärgerlich. Sie mochte diese Art Kontrollverlust nicht.
Sie verwandelte die Rüstung entschlossen zu dem, was sie bei ihren früheren Treffen mit den Weisen Frauen getragen hatte. Es war einfach eine Willenssache. Jetzt trug sie einen dunklen Tuchrock und eine lockere weiße Algodebluse - genau wie diejenigen, die sie getragen hatte, während sie bei ihnen gelernt hatte - mit einem tief dunkelgrünen, fast schwarzen, mit Fransen versehenen Schal und einem gefalteten Kopftuch, das ihr schwarzes Haar zurückhielt. Natürlich ahmte sie nicht ihren Schmuck nach, die vielen Halsketten und Armbänder, denn dafür hätten sie sie ausgelacht. Eine Frau erweiterte ihre Schmucksammlung über die Jahre und nicht im Handumdrehen in einem Traum.
»Logain ist auf dem Weg zur Schwarzen Burg«, sagte sie laut. Sie hoffte gewiß, daß dem so sei. Zumindest wäre er dann wieder etwas besser unter Kontrolle - zumindest hoffte sie auch das -, und wenn er gefangengenommen und wieder gedämpft wurde, konnte Rand keiner Schwester vorwerfen, ihr zu folgen. »Und Moghedien kann nicht wissen, wo ich bin.« Sie versuchte, es wie eine Gewißheit klingen zu lassen.
»Warum solltet Ihr die Schattenbeseelten fürchten?« fragte eine Stimme hinter ihr, und Egwene schrak zusammen. Da dies Tel'aran'rhiod und sie eine Traumgängerin war, befand sie sich bereits mehr als ihre Körpergröße hoch über dem Boden, bevor sie wieder zu sich kam. O ja, dachte sie, während sie schwebte, ich bin weit über Anfängerfehler hinausgelangt. Wenn dies so weiterging, würde sie als nächstes noch zusammenzucken, wenn Chesa ihr einen guten Morgen wünschte.
Sie hoffte, daß sie nicht zu stark errötete, während sie sich langsam wieder herabsinken ließ. Vielleicht konnte sie einen Rest Würde bewahren.
Bairs betagtes Gesicht hatte möglicherweise durch das fast bis zu ihren Ohren reichende Grinsen mehr Falten als üblich. Anders als die beiden anderen Frauen, die bei ihr waren, konnte sie die Macht lenken, aber das hatte nichts mit dem Traumgehen zu tun. Sie war genauso begabt wie alle anderen und auf manchen Gebieten noch begabter. Amys lächelte ebenfalls, wenn auch nicht so breit, aber die blonde Melaine warf den Kopf zurück und brüllte vor Lachen.
»Ich habe niemals jemanden gesehen...«, brachte Melaine mühsam hervor. »Wie ein Kaninchen.« Sie vollführte einen kleinen Sprung und stieg damit einen vollen Schritt in die Luft.
»Ich habe Moghedien vor kurzem ziemlich verletzt.« Egwene war recht stolz auf ihre Haltung. Sie mochte Melaine - die Frau war jetzt weitaus weniger schwierig als zu der Zeit, bevor sie schwanger gewesen war, tatsächlich mit Zwillingen -, aber in diesem Moment hätte Egwene sie mit Vergnügen erwürgt. »Einige Freunde und ich haben ihren Stolz, wenn nicht mehr, verletzt. Ich glaube, sie würde die Möglichkeit begrüßen, es mir heimzuzahlen.« Sie wechselte erneut ihre Kleidung, zu einer Art Reitgewand in glänzendem Grün, das sie jetzt jeden Tag trug. Der Große Schlangenring umgab golden ihren Finger. Sie konnte ihnen nicht alles sagen, aber diese Frauen waren auch Freundinnen und verdienten, das Nötige zu wissen.
»Verletzter Stolz bleibt länger in Erinnerung als Verletzungen des Körpers.« Bairs Stimme klang dünn und hoch, aber stark - ein eisernes Schilfrohr.
»Erzählt uns davon«, sagte Melaine mit eifrigem Lächeln. »Wie habt Ihr sie beschämt?« Bairs Stimme klang genauso begeistert. In einem grausamen Land lernte man entweder, über Grausamkeit zu lachen, oder man verbrachte sein ganzes Leben mit Weinen. Im Dreifaltigen Land hatten die Aiel schon lange lachen gelernt. Außerdem wurde das Beschämen eines Feindes als Kunst angesehen.
Amys betrachtete einen Moment Egwenes neue Kleidung. »Ich denke, das kann warten. Ihr sagtet, wir müßten reden.« Sie deutete auf die Stelle, an der sich die Weisen Frauen gern unterhielten, auf der freien Fläche unter der gewaltigen Kuppel mitten im Raum.
Warum sie diesen Platz wählten, war ein weiteres Geheimnis, das Egwene nicht enträtseln konnte. Die drei Frauen ließen sich mit gekreuzten Beinen nieder und breiteten ihre Röcke ordentlich aus, nur wenige Schritte von etwas entfernt, das wie ein Schwert aus schimmerndem Kristall aussah und mit dem Heft nach oben aus der Stelle im Boden herausragte, in die es hineingetrieben worden war. Sie achteten jedoch nicht mehr darauf - es wurde in ihren Prophezeiungen nicht erwähnt - als auf die Menschen, die in dem großen Raum blitzartig auftauchten, denn sie kamen stets hierher.
Das sagenhafte Callandor würde, trotz seiner Erscheinungsform, tatsächlich wie ein Schwert zu handhaben sein, aber es war in Wahrheit ein männliches Sa'angreal, eines der mächtigsten, die im Zeitalter der Legenden jemals geschaffen worden waren. Egwene erschauderte leicht, als sie an männliche Sa'angreale dachte. Es war anders gewesen, als nur Rand dagewesen war. Und natürlich die Verlorenen. Aber jetzt waren da auch diese Asha'man. Mit Callandor konnte ein Mann genug der Einen Macht in sich aufnehmen, um eine Stadt während eines Herzschlags dem Erdboden gleichzumachen und auf Meilen alles zu verwüsten. Sie machte einen großen Bogen darum und nahm ihre Röcke mechanisch zur Seite. Rand hatte Callandor in Erfüllung der Prophezeiungen aus dem Herzen des Steins gezogen und dann aus seinen eigenen Gründen wieder zurückgebracht. Er hatte es zurückgebracht und es rundum mit aus Saidin gewobenen Fallen versehen, die ebenfalls ihr Spiegelbild hätten, eines, das vielleicht genauso entschieden ausgelöst würde wie das Original, wenn in der Nähe falsche Gewebe ausprobiert würden. Einige Dinge waren in Tel'aran'rhiod nur allzu real.
Egwene versuchte, nicht an das Schwert, das kein Schwert ist zu denken und stellte sich vor die drei Weisen Frauen. Diese befestigten die Stolen um ihre Taillen und schnürten ihre Blusen auf. So saßen Aiel in ihren Zelten unter einer heißen Sonne mit Freunden zusammen. Sie setzte sich nicht hin, und wenn sie das wie eine Bittstellerin oder Angeklagte erscheinen ließ, dann sollte es so sein. Im Herzen war sie es in gewisser Weise. »Ich habe Euch nicht gesagt, warum ich von Euch fortberufen wurde, und Ihr habt nicht danach gefragt.«