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»Ihr werdet es uns erzählen, wenn Ihr dazu bereit seid«, sagte Amys selbstgefällig. Obwohl ihr das Haar, das ebenso weiß war wie Bairs, bis auf die Taille reichte, wirkte sie als wäre sie im gleichen Alter wie Melaine - ihr Haar hatte sich zu verfärben begonnen, als sie nur wenig älter als Egwene gewesen war -, aber sie war die Anführerin unter den dreien, nicht Bair. Egwene fragte sich zum ersten Mal, wie alt sie tatsächlich war. Aber diese Frage stellte man einer Weisen Frau genauso wenig wie einer Aes Sedai.

»Als ich Euch verließ, war ich eine der Aufgenommenen. Ihr wißt von der Spaltung der Burg.« Bair schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. Sie wußte, aber sie verstand nicht. Keine von ihnen verstand. Für Aiel war dies genauso unvorstellbar, als würde sich eine Clan oder Kriegergemeinschaft zu ihrem eigenen Schaden spalten. Vielleicht bedeutete es in ihren Augen auch eine Bestätigung, daß Aes Sedai nicht das waren, was sie sein sollten. Egwene fuhr fort, überrascht, daß ihre Stimme gesammelt und fest klang. »Die Schwestern, die Elaida bekämpfen, haben mich zu ihrer Amyrlin erhoben. Wenn Elaida gestürzt ist, werde ich den Amyrlin-Sitz in der Weißen Burg einnehmen.« Sie legte sich die gestreifte Stola um und wartete ab. Sie hatte sie einst belogen, unter dem Ji'e'toh ein ernstes Vergehen, und war sich nicht sicher, wie sie auf die von ihr verheimlichte Wahrheit reagieren würden. Wenn sie es ihr zumindest nur glaubten. Sie sahen sie lediglich an.

»Es gibt etwas, was Kinder tun«, sagte Melaine nach einiger Zeit zögernd. Die Schwangerschaft war ihr noch nicht anzusehen, aber sie zeigte bereits dieses innere Strahlen, das sie noch schöner als sonst erscheinen ließ, sowie eine unerschütterliche Ruhe. »Kinder wollen alle Speere handhaben, und sie wollen alle Clanhäuptling sein, aber schließlich erkennen sie, daß der Clanhäuptling die Speere nur selten selbst führt. Also erfinden sie eine Figur und erheben sie auf ein Podest.« Auf einer Seite wölbte sich der Boden plötzlich, bestand nicht mehr aus Fliesen, sondern war ein Grat aus von der Sonne ausgedörrtem braunen Fels. Darauf stand eine vage an einen Menschen erinnernde Gestalt aus gebogenen Zweigen und Stoffetzen. »Dies ist der Clanhäuptling, der ihnen von dem Hügel aus, von wo er die Schlacht beobachten kann, die Speere zu führen befiehlt. Aber die Kinder laufen, wohin sie wollen, denn ihr Clanhäuptling ist nur eine Gestalt aus Stöcken und Lumpen.« Wind peitschte die Stoffstreifen und enthüllte so die Falschheit der Gestalt, und dann waren Hügelkamm und Gestalt fort.

Egwene atmete tief ein. Natürlich. Sie hatte ihre Lüge, dem Ji'e'toh gemäß, selbstgewählt wiedergutgemacht, und das bedeutete, daß es so war, als wäre die Lüge niemals ausgesprochen worden. Sie hätte es besser wissen sollen. Sie hatten ihre Situation so genau erfaßt, als befänden sie sich schon wochenlang im Lager der Aes Sedai. Bair schaute zu Boden, wollte nicht Zeuge ihrer Scham sein. Amys saß mit in die Hand gestütztem Kinn da, und ihre durchdringenden blauen Augen versuchten, bis in ihr Herz zu blicken.

»Einige sehen mich so.« Sie atmete erneut tief ein und stieß dann die Wahrheit hervor. »Alle bis auf eine Handvoll sehen mich so. Jetzt. Wenn unser Kampf beendet ist, werden sie erkennen, daß ich tatsächlich ihr Häuptling bin, und sie werden tun, was ich sage.«

»Kommt zu uns zurück«, sagte Bair. »Ihr habt zuviel Ehre für diese Frauen. Sorilea läßt bereits ein Dutzend junge Männer für Euch suchen, die Ihr Euch im Schwitzzelt ansehen sollt. Sie verspürt den starken Wunsch, Euch einen Brautkranz winden zu sehen.«

»Ich hoffe, sie wird dort sein, wenn ich heirate, Bair.« Gawyn, wie sie hoffte; sie wußte von der Deutung ihrer Träume her, daß sie sich mit ihm verbinden würde, aber nur die Hoffnung und die Sicherheit der Liebe besagten, daß sie heiraten würden. »Ich hoffe, Ihr alle werdet dasein, aber ich habe meine Wahl getroffen.«

Bair hätte noch weiter debattiert und Melaine ebenso, aber Amys hob eine Hand, und sie schwiegen, wenn auch ungern. »Ihre Entscheidung beinhaltet viel Ji. Sie wird ihre Feinde ihrem Willen beugen, nicht vor ihnen davonlaufen. Ich wünsche Euch, daß Ihr Euren Kampf gut führt, Egwene al'Vere.« Amys war eine Tochter des Speers gewesen und dachte auch häufig noch so. »Setzt Euch. Setzt Euch.«

»Sie besitzt ihre eigene Ehre«, sagte Bair, während sie Amys stirnrunzelnd ansah. »Aber ich habe noch eine andere Frage.« Ihre Augen waren von einem fast wäßrigen Blau, aber als sie sich Egwene zuwandte, wirkten sie genauso durchdringend wie Amys'. »Werdet Ihr diese Aes Sedai dazu bringen, vor dem Car'a'carn niederzuknien?«

Egwene war bestürzt, aber sie zögerte nicht mit der Antwort. »Das kann ich nicht tun, Bair. Und ich würde es auch nicht tun, wenn ich es könnte. Unsere Treuezugehörigkeit gilt der Burg, den Aes Sedai insgesamt, noch vor den Ländern, in denen wir geboren wurden.« Das war die Wahrheit, oder sollte es sein, obwohl sie sich fragte, wie die Behauptung in ihren Gedanken mit ihrem und der anderen Aufruhr übereinstimmte. »Aes Sedai schwören nicht einmal der Amyrlin die Treue und sicherlich keinem Mann.

Das wäre, als würde eine von Euch vor einem Clanhäuptling niederknien.« Sie gebrauchte ein ähnliches Bild, wie Melaine es benutzt hatte, indem sie sich auf seine Wirklichkeit konzentrierte. Tel'aran'rhiod war unendlich formbar, wenn man wußte wie. Jenseits Callandors knieten drei Weise Frauen vor einem Clanhäuptling nieder. Der Mann erinnerte sehr an Rhuarc, und die Frauen waren die drei vor ihr Sitzenden. Sie hielt dieses Bild nur einen Augenblick fest, aber Bair betrachtete es und rümpfte die Nase. Die Vorstellung war lächerlich.

»Vergleicht diese Frauen nicht mit uns.« Melaines grüne Augen blitzten fast so heftig wie früher, und ihre Stimme klang rasiermesserscharf.

Egwene schwieg. Die Weisen Frauen schienen die Aes Sedai zu verachten, oder vielleicht sollte man besser sagen: Sie schätzten sie gering. Sie glaubten, sie könnten die Prophezeiungen, die sie mit den Aes Sedai verbanden, tatsächlich zurückweisen. Bevor Egwene vom Saal gerufen worden war, um zur Amyrlin erhoben zu werden, hatten sich Sheriam und ihr Kreis regelmäßig mit diesen drei Frauen getroffen, aber das hatte ebenso aus dem Grund aufgehört, daß die Weisen Frauen sich weigerten, ihre Verachtung zu verbergen, wie aus dem Grund, daß Egwene schließlich berufen worden war. In Tel'aran'rhiod konnte eine Auseinandersetzung mit jemandem, der den Ort besser kannte, im äußersten Falle tödlich enden. Selbst zu Egwene hielten sie jetzt Abstand, und gewisse Angelegenheiten würden sie nicht besprechen - wie zum Beispiel, was immer sie über Rands Pläne wußten. Vorher hatte sie zu ihnen gehört, als eine Schülerin des Traumgehens. Jetzt war sie eine Aes Sedai, schon bevor sie erfuhren, was sie ihnen gerade erzählt hatte.

»Egwene al'Vere wird tun, was sie tun muß«, sagte Amys. Melaine sah sie lange an und richtete Wichtigtuerisch ihre Stola, wobei mehrere lange Halsketten aus Elfenbein und Gold klimperten, aber sie schwieg. Amys schien noch mehr die Anführerin als zuvor. Die einzige Weise Frau, bei der Egwene jemals erlebt hatte, daß sie andere Weise Frauen auch so leicht dazu bringen konnte, ihr nachzugeben, war Sorilea.

Bair hatte Tee vor sich heraufbeschworen, wie es vielleicht in den Zelten angebracht gewesen wäre, eine goldene, mit Löwen verzierte Teekanne aus einem fernen Land, ein mit schnurartigen Verzierungen versehenes Silbertablett aus einem anderen Land und kleine grüne Becher aus erlesenem MeervolkPorzellan. Der Tee schmeckte natürlich real, und man hatte tatsächlich das Gefühl, ihn hinunterzuschlucken. Egwene erkannte den Tee, trotz eines vagen Geschmacks nach süßen Beeren oder Kräutern, nicht - er war für ihr Empfinden zu bitter. Sie stellte sich ein wenig Honig darin vor und nahm einen weiteren Schluck. Zu süß. Ein Hauch weniger Honig. Jetzt schmeckte er richtig. Das war etwas, was man mit der Einen Macht nicht bewerkstelligen konnte. Egwene bezweifelte, daß irgend jemand so feine Stränge Saidars weben konnte, daß man damit Honig aus dem Tee entfernen konnte.