Sie saß einen Moment nur da, schaute in ihren Becher und dachte über Honig und Tee und feine Stränge Saidars nach, aber nicht das ließ sie schweigen. Die Weisen Frauen wollten Rand genauso gängeln wie Elaida oder Romanda oder Lelaine oder sehr wahrscheinlich jede andere Aes Sedai. Sie wollten den Car'a'carn natürlich nur auf die für die Aiel beste Art anleiten, aber jene Schwestern wollten den Wiedergeborenen Drachen auf etwas hinführen, was ihrer Meinung nach für die Welt das beste war. Sie schonte sich nicht. Rand zu helfen, ihn davor zu bewahren, einen nicht wiedergutzumachenden Streit mit Aes Sedai einzugehen, bedeutete auch, ihn anzuleiten. Nur daß ich recht habe, erinnerte sie sich. Was auch immer ich tue, ist genauso sehr zu seinem Nutzen wie zum Nutzen aller anderen. Niemand sonst denkt jemals darüber nach, was für ihn richtig ist. Aber sie sollte besser daran denken, daß diese Frauen mehr als lediglich ihre Freundinnen und Anhänger des Car'a'carn waren. Sie lernte allmählich, daß niemand jemals nur irgend etwas war.
»Ich glaube nicht, daß Ihr uns nur sagen wolltet, daß Ihr jetzt ein weiblicher Häuptling unter den Feuchtländern seid«, sagte Amys über ihren Teebecher hinweg. »Was beunruhigt Euch, Egwene al'Vere?«
»Mich beunruhigt was mich stets beunruhigt.« Sie lächelte, um die Stimmung aufzulockern. »Manchmal denke ich, daß Rand mir vorzeitig graue Haare bescheren wird.«
»Ohne die Männer hätte keine Frau graue Haare.« Das wäre von Melaine normalerweise als Scherz gemeint gewesen, und dann hätte Bair ebenfalls einen Scherz über Melaines tiefgründiges Wissen über Männer gemacht, das sie in nur wenigen Monaten Ehe erlangt hatte. Aber jetzt war es nicht so. Alle drei Frauen beobachteten Egwene einfach nur und warteten ab.
Sie wollten also ernst sein. Nun, Rand war eine ernste Angelegenheit. Sie wünschte nur, sie könnte sicher sein, daß sie alles genauso beurteilten wie sie. Egwene balancierte ihren Teebecher auf den Fingerspitzen und erzählte ihnen alles. Von Rand ohnehin und von ihren Ängsten, seit sie von dem Schweigen aus Caemlyn erfahren hatte. »Ich weiß nicht, was er getan hat - oder was Merana getan hat. Jeder sagt mir, wie erfahren sie sei, aber sie hat noch nicht mit Menschen wie ihm zu tun gehabt. Wenn es um Aes Sedai geht - würdet Ihr diesen Becher auf einer Wiese verstecken, würde es ihm dennoch gelingen, innerhalb von drei Schritten hineinzutreten. Ich weiß, daß ich es besser machen könnte als Merana, aber...«
»Ihr könntet zurückkehren«, schlug Bair erneut vor, doch Egwene schüttelte entschlossen den Kopf.
»Ich kann dort, wo ich bin, mehr tun - als Amyrlin. Aber es gibt auch für den Amyrlin-Sitz Regeln.« Sie verzog einen Moment den Mund. Sie gab es nicht gern zu, besonders nicht diesen Frauen gegenüber. »Ich kann ihn ohne die Erlaubnis des Saals nicht einmal besuchen. Ich bin jetzt eine Aes Sedai, und ich muß unseren Gesetzen gehorchen.« Es klang heftiger, als sie beabsichtigt hatte. Es war ein törichtes Gesetz, aber sie hatte noch keine Möglichkeit gefunden, es zu umgehen. Zudem blieben ihre Gesichter so ausdruckslos, daß sie ohne Zweifel innerlich ungläubig kicherten. Nicht einmal ein Clanhäuptling hatte das Recht zu sagen, wann oder wohin eine Weise Frau gehen sollte.
Die drei Frauen wechselten lange Blicke. Dann stellte Amys ihren Teebecher ab. »Merana Ambrey und andere Aes Sedai folgen dem Car'a'carn zur Stadt der Baummörder. Ihr braucht nicht zu befürchten, daß er sie falsch behandelt oder umgekehrt. Wir werden feststellen, daß es keine Schwierigkeiten zwischen ihm und irgend einer Aes Sedai gibt.«
»Das klingt kaum nach Rand«, sagte Egwene zweifelnd. Also hatte Sheriam wegen Merana recht gehabt. Aber warum blieb sie noch immer stumm?
Bair lachte vergnügt. »Die meisten Eltern haben mehr Probleme mit ihren Kindern als der Car'a'carn mit den Frauen, die mit Merana Ambrey kamen.«
»Solange er nicht das Kind ist«, sagte Egwene kichernd, erleichtert, daß jemand über etwas belustigt war. So wie diese Frauen Aes Sedai gegenüber empfanden, hätten sie sich die Haare gerauft, wenn sie geglaubt hätten, daß irgendeine Schwester Einfluß auf Rand gewänne. Andererseits mußte Merana einigen Einfluß gewinnen, sonst könnte sie genausogut aufgeben. »Aber Merana hätte berichten sollen. Ich verstehe nicht, warum sie es nicht getan hat. Seid Ihr sicher, daß es keine...?« Sie wußte nicht, wie sie ihren Satz beenden sollte. Rand hätte Merana in keiner Weise davon abhalten können, eine Taube loszuschicken.
»Vielleicht hat sie einen Boten zu Pferde gesandt.« Amys verzog leicht das Gesicht. Ihr widerstrebte das Reiten genauso sehr wie jeder anderen Aiel. Die eigenen Beine genügten. »Sie hat keinen der Vögel geschickt, die die Feuchtländer benutzen.«
»Das war töricht von ihr«, murmelte Egwene. Töricht traf es nicht einmal annähernd. Meranas Träume würden abgeschirmt sein, so daß kein Versuch möglich war, dort mit ihr zu sprechen, selbst wenn sie gefunden werden könnten. Licht, es war ärgerlich! Sie beugte sich angespannt vor. »Amys, versprecht mir, daß Ihr nicht versuchen werdet, ihn davon abzuhalten, mit ihr zu sprechen, oder sie so sehr zu verärgern, daß sie etwas Törichtes tut.« Sie waren sehr wohl in der Lage dazu. Sie hatten das Erzürnen von Aes Sedai zu einem Talent perfektioniert. »Sie soll ihn nur davon überzeugen, daß wir ihm nicht schaden wollen. Ich befürchte, daß Elaida irgendeine häßliche Überraschung bereit hat, aber wir nicht.« Sie würde dafür sorgen, falls jemand anderer Ansicht war. Irgendwie würde sie es tun. »Versprecht Ihr es mir?« Sie wechselten ausdruckslose Blicke. Der Gedanke, eine Schwester ungehindert in Rands Nähe zu lassen, konnte ihnen nicht gefallen. Eine von ihnen würde es zweifellos einrichten, anwesend zu sein, wann immer Merana es war, aber sie konnte damit leben, solange sie sie nicht zu stark behinderten.
»Ich verspreche es, Egwene al'Vere«, sagte Amys schließlich mit vollkommen tonloser Stimme.
Sie war wahrscheinlich gekränkt, weil Egwene ihr Versprechen für nötig gehalten hatte, aber Egwene fühlte sich, als wäre ein Gewicht von ihr genommen worden. Zwei Gewichte. Rand und Merana würden einander nicht an die Kehle gehen, und Merana bekäme eine Gelegenheit, ihre Mission zu erfüllen. »Ich wußte, daß ich von Euch die unverblümte Wahrheit hören würde, Amys. Ich kann Euch nicht sagen, wie froh ich bin, das zu hören. Wenn etwas zwischen Rand und Merana falsch liefe... Danke.«
Sie blinzelte bestürzt. Amys trug einen Moment den Cadin'sor. Sie vollführte auch eine Art kleiner Geste - vielleicht die Zeichensprache der Töchter des Speers. Weder Bair noch Melaine, die ihren Tee tranken, ließen sich anmerken, ob sie es bemerkt hatten. Amys mußte sich woandershin gewünscht haben, fort von dem Wirrwarr, das Rand aus dem Leben aller gemacht hatte. Es wäre für eine Traumgängerin der Weisen Frauen peinlich und beschämend, in Tel'aran'rhiod auch nur einen Moment die Selbstbeherrschung zu verlieren. Und Aiel verletzte Scham weitaus mehr als Schmerz, aber es mußte bezeugte Scham sein. Wenn sie nicht bemerkt wurde, oder jene, die sie erkannten, sich weigerten, sie zu bestätigen, dann konnte sie genausogut niemals aufgetreten sein. Ein seltsames Volk, aber sie wollte Amys sicherlich nicht beschämen. Sie setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf und fuhr fort, als sei nichts geschehen.